Ausgabe 
2.1.1939
 
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Die Kaiserin wandte erstaunt den Kopf:Ich dachte, der hat Urlaub?" Hat Er ihm das besohlen?"

Nein, er hat sich sreiwillig zu dem Rill gemeldet"

Freiwillig gemeldet? Wann?"

Gestern, Jhro Majestät!" . , ,

Die Kaiserin begriff das nicht. Gestern? Wie reimte sich das mit dem Brief? Oder hatte er am Ende Gewissensbisse bekommen? Sah diesen jungen Dachsen zwar nicht ähnlich, in derlei Affären auf ihr Gewissen zu hören. Aber vielleicht war der Rabenau doch braver, als sie gedacht Sie sagte sanfter:Weih Er, warum der Rabenau plötzlich reiten will?"

Hadik hob die Schulter.

Na, red Er!"

Halten zu Gnaden, Jhro Majestät, gefragt habe ich ihn nicht. Aber ich habe ihm natürlich gesagt, daß ich einen Offizier für Groß- Jaunitz brauche, und da hat er wohl kaiserlichem Dienst zulieb auf den Rest seines Urlaubs verzichtet ..." Hadik fand es für angebracht, ein wenig zu dichten. Denn daß die Kaiserin etwas gegen den Rabenau hatte, merkte er schon.

Maria Theresia wußte nicht recht, was sie von dieser Antwort halten solle. In solchen Dingen war Soldaten nicht zu trauen. Sie sah den General zweifelnd an. Aber dessen Gesicht war wie Erz. Oder war der Rabenau am Ende ohnehin schon auf die Hartenberg aus, weil er plötzlich ritt, als er hörte, daß es nach Iaunitz ging? Das wäre er­freulich. Aber wie stimmt« das mit dem Brief überein? Oder hatte sich die Brand nur was eingebildet? Sie würde schon dahinterkommen! Sie hob den Kopf und sagte lächelnd:Na schön, Hadik! Der Rabenau bekommt heute nach ber Konferenz seine Instruktionen ... Aber ich werd Ihm was sagen, Hadik. Die Moral bei -meinen Leutnants ist nicht so, wie ich es wünsche. Ich werde in das Dienstreglement setzen lassen, daß in Zukunft Offiziere, die sich in eine Liebschaft einlassen, ihr Patent verlieren.--Was meint Er dazu?"

Hadik wußte: Das Gewitter war vorüber. Er wiegte schrnunzelrü» den Kops:Diese Intention Euerer Majestät ist vorzüglich. Aber ich danke meinem Herrgott, daß ich nicht mehr Leutnant bin!"

Maria Theresia lachte laut:Ich sag's ja, bei derlei Affären seid chr alle gleich." Der General war entlassen.

Während er rückwärtsschreitend zur Türe ging, schoß es ihm durch den Kopf, aus welche Weise die Kaiserin wohl Wind von der Kerzei- machertochter bekommen hatte. Sollt« es der Colloredo gewesen fein? Hadik kannte di« Geschichte, lieber denModeaffen" lachte ganz Wien.

Eine Weite ließ der Regenschori von Sankt Stephan Matthias Wimmer das Gekrätz über sich ergehen, das die Lift heute auf der Mala vollbrachte. Vergeblich schlug et korrigierend auf dem Clavicembalo immer wieder den richtigen Ton an. Er war heute in fröhlichster Laune. Das Kirchenkonzert am Vormittag war ä merveille gelungen. Sogar die Kaiserin selbst hatte, ehe sie ging, freundlich zum Chor hinaufgenickt. Obgleich sie, wie er später hörte, gerade heute in un­gnädigster Stimmung gewesen war. Darum war Matthias Wimmer so geduldig und hatte ein Einsehen. Was blieb ihm auch anderes übrig? Wenn man in einen Leutnant der Kaiserin bis über beide Ohren ver­liebt war und von ihm Briefe bekam, waren di« Gedanken freilich woanders als beim Molaspielen. Das heißt, wenn man auf der Mola nichts konnte. Die List war begabt. Wäre sie fleißiger gewesen und hätte sie vor allem mehr geübt, könnte sie jetzt ihr Liebesglück zu den Sternen jubilieren. Das kam von der Faulheit!

Und ihr Glück hätte die Elisabeth Brand wirklich am liebsten zu den Sternen gejubelt. Der so un'feligerweise in die Lebzeltenschachtel der Kaiserin geratene Liebesbrief machte ihr freilich noch Sorge. Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen und war dann am Morgen bei jedem Schlagen der Haustür« als der Milchmann oder der Bäckerbub kam erschrocken zusammengefahren. Und noch am Tage hatte sie immer wieder auf den Stephansplatz hinuntergespäht, ob nicht einer von der Stadtguardia oder von der Rumorpolizei sie holen komme, ins Spinnhaus oder zum Gassenkehren. Jetzt aber übertönte di« Seligkeit, daß sie um fünf, nach der Molastunde, den Geliebten sehen und sprechen sollte, alle Furcht. Denn daß er kommen werde, obwohl ihn der Brief nicht erreicht, glaubte sie fest. Deuttich genug hatte sie ihm am Sonntag von dem Fenster der Dachstube aus zu verstehen gegeben, daß sie heute vor dem Marienbild« warten wolle. Kein Wunder, daß ihr Spiel immer zerstreuter und erbärmlicher wurde, je wettet det Zeiget vorrückte auf der Stehuhr des Matthias Wimmer

Jnrer wieder.ließ der Regenschori vorwurfsvoll eine Taste erklingen. Doch dann gab er's auf. Er schloß das Cembalo, erhob sich, nahm der List Mola und Fiedelbogen aus der Hand und sagt«:Heut wird ja doch nix." Dann ergriff er ihre Hand und fetzt« sich mit der Elisabeth Brand auf das kleine, blauseidene Ruhebett zwischen Stehpult und Fenster: So, und jetzt red.halt, Liserl!"

Elisabeth Brand wurde rot, senkte den Kopf und schwieg. Di« kleine Uhr auf dem Pulte des Regenschori schlug in hellen, hastigen Schlägen ein Mertel vor fünf.

Matthias Wimmer wartete. In Liebessachen kannte er sich aus. Wenn es auch nichts mehr damit war, seit er fein Hauskreuz hatte. Die Alte paßte wie ein Hastclmacher auf, daß es feiner Musik an weltlichen Themen kehlte Nach einer Weile fragte er sonst:Is denn gar so schwer, das Reden?"

Sie nickte und begann leise zu schluchzen und wußte wohl selbst nicht, ob aus Schmerz oder Seligkeit. Er zog sie zärttich an sich. Hatte er auch schon des östern erlebt, so einen schluchzenden Mädchenkopf an seiner Schulter. Wenn auch nicht mit so onkelhafter Verpflichtung. Er strich über ihr Haar:Und was meinst, was jetzt werden soll?"

Sie hob den Kopf:Wirft mir halt helfen müssen. Wimmer."

Wieder streichelte er ihren braunen Schopf:Freilich, List. Drum rag ich dich ja. Aber wie soll ich helfen, wenn ich nicht einmal weiß, wer s is?--Wie heißt er denn überhaupt?"

Rabenau", antwortete Hie leise.

Matthias Wimmer lachte grimmig:Sonst nix, Lisi? An schlechten Gfchmack hast ja nit Das hab ich schon vorgestern g'merkt Wie stellst denn dir das vor?"

Mußt mir halt helfen!"

Helfen! Helfen! Er fuhr sich aufgeregt durch seinen lockigen Haar- kränz. Wie sollt« er da helfen?,Ein« nette Bescherung das! Der Rabenau und eine Lebzelterin! Was daraus werden mußt«, konnte man sich an den Fingern abzählen. Er hob ihr Kinn:Schau mich einmal an, List! Wie ftehts mit euch? Wie oft habts euch schon getroffen?"

Die großen, klaren Augen der List sahen ihn verwundert an:Ge- troffen, Wimmer? Nicht ein Sterbenswörtl haben wir noch miteinander g'jprochen. Ich hab ihn doch erst einmal gesehen. In der Burg, wie ich die Kerzln zur Frau Kaiserin fragen hab na ja, und am Sonntag halt.

Nicht einmal noch g'reöt habts miteinander?" Det klein«, dick« Regenschori lachte befreit. Gat so schlimm konnte es also nicht sein. Er neigte den Kopf und fragte:Und wie oft hat er dir gschtieben?"

Einmal, Wimmer."

Und hat die Demoiselle um ein Rendezvous gebeten, was?"

Die List nickte.

Matthias Wimmer war nicht erstaunt. Er wußte doch, wie man so was machte, als Mannsbild. Aber eben deshalb war es an der Zeit, nach dem Rechten zu sehen. Er nahm ihre Hand und sah Ihr in die Augen:Und du, dumme Gans, gehst hin?"

Elisabeth Brand wat empört:Du hast doch gesagt, daß du mir helfen willst."

Freilich. Drum wasch ich dir ja grab den Kopf. Der Rabenau und ein Wachsziehermäbel! Was meinst denn, was aus der G'fchicht wer­den soll, List?"

Er hat mich doch gern."

Das is kein Kunststück, wenn eine so bildsauber is ... 3a, wenn dein Vater reich wäre! Wenn er noch das Geld hätt, bas einmal bein Großvater g'habt hat. Da ließ sich vielleicht noch drüber reden. Aber fürs Gehabte gibt halt der Jud nix, Lisi. Und ein armes Düt^errnädel und ein Freiherr von Rabenau! ... Lifl, wie stellst dir das vor?"

Die große Siebe bringt alles fertig, Wimmer." v

Matthias Wimmer lächelte wehmütig. Daran hatte er auch einmal geglaubt. Lang war's her. Damals, als er als junger erzbischöflicher Kapellmeister in Salzburg einem hochgeborenen Fräulein Violastunden gegeben hatte. Da hatten sie auch von der großen Liebe gesprochen. Und bann war er doch zum Tempel hinausgeflogen, mitsamt seiner Viola unb ber großen Lieb! Er strich ihr über ben Scheitel:Wär schön, roenns so wär, List. Aber bas Geben ist anders. Der und eine Lebzelterin. List, das gibt's nur im Märchen und in Liebesg'schichten, wie's die Dichter erzählen ..."

An Märchen hab ich immer schon geglaubt."

Der Regenschori nickte. Was wäre auch bas Geben, wenn man nicht an Märchen glaubte! Er streichelte ihre Hand:Vielleicht hast recht, Gisl. Aber weißt denn überhaupt, obs auch wirklich die große Sieb is? Schau, sei g'scheit. Ich weiß, es ist hart. Aber bu kennst ihn ja gar nicht, hast noch kein Wort mit ihm g'sprochen. Und in ben Krieg muß er auch wieder. Wer weiß, was wird, bis er wiederkommt ...Ich mein, jetzt wär noch Zeit ..."

Elisabeth Brand schüttelte ihre Goden.

Wimmer sprach weiter:j)aft denn überhaupt schon nachgedacht, was werben soll? Schau beim Briefschreiben und beim HanderÜtrucken bleibt's nit, Gisl. A Dummheit is rasch g'schehn ... Du wirst doch deinem Vater kein« Schänd machen rvollen!"

Wie kannst denn so reden, Wimmer?"

Weiß schon, daß d' brav bist. Aber aus Holz bist bu ja grab auch nicht ..."

Er will mich boch heiraten, Wimmer."

Der Regenschori stand auf, trat ans Fenster. Eine vorlaute Turm­uhr in der Vorstadt schlug fünf. Eine Weile fah er auf das grüne Leuchten der Karlskirche. Dann kam er wieder zurück unb fragte grim» r g.Heiraten, Lifl? Hat er das g'schrieben?"

Fceilich!"

Und an ber Lug is er nicht erstickt?"

Wimmerl" Elisabeth Brand stampfte zornig mit dem Fuß.

Jessas, jessas, friß mich nur nit gleich! ... Das Heiraten hat schon mancher versprochen und hat's sogar ehrlich g'meint. Aber dann hat er halt boch eine anbere g'heirat ... Wie stellst dir denn das Über­haupt vor, das Heiraten?"

Mußt halt mit dem Vater sprechen, Wimmer!"

Wimmer lachte:Mit dem Vater? ... Ich mein, da rnützf ich eher mit ber Kaiserin reden."

Die Lisl stand auf und schüttelte lachend ihren braunen Schopf. Bon der Domuhr schlug es fünf. Was brauchte sie die Kaiserin dazu?

Während sie aber hinüber zum Dome ging, rührte sich trotz aller Zuversicht und Seligkeit in ihrem Herzen doch wieder leise die Sorge, wie das mit dem Brief« noch enden werde. Darum nahm sie sich vor, die Gottesmutter um ihre Fürsprache zu bitten, wenn ihr, ehe der Leut­nant kam, noch Zeit dazu blieb.

Als aber bann bie List vor bem kerzenumflackerten Bilde kniete, würbe es mit bem Beten nicht viel, weil sie sehnsuchtsvoll auf jebes Geräusch im Dämmern des Kirchenschiffes horchte unb jebesmal den Kopf hob, wenn Schritte sich näherten ober gor das Klingeln von Sporen zu Horen war. Doch dann waren es immer nur Bürger und Frauen oder hin und wieder ein Offizier ober Soldat, beren schattenhafte Ge­stalten für kurze Augenblick« neben sie hinknieten ober in dem licht« durchfunkelten Dunkel vorüberhuschten. Es schlug schon sechs, als sie sich endlich erhpb Sie war wohl enttäuscht, boch nicht eigentlich traurig. Jn 'brem liebeerfullten Herzen hatte ber Gebanke nicht Raum, daß ber Geliebte mit Absicht nicht komme. Auch daß er fernblieb weil er doch ben Bn«s nicht erhalten hatte, glaubte sie nicht. (Fortsetzung folgt.)