GiehenerZamilienbläW
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger WH
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Jahrgang 1959 ' Montag, den 2. Januar Nun»
Der Ayelmacher von Sankt Stephan
ikin heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka
<ropytlgf)t by J. G. Eotta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
12. Fortsetzung.
Der Kampf gegen den Liebesschmerz des Leutnants von Rabenau war hart gewesen. Das mutzte sich Andreas von Hadik eingestehen. Er mit seinen bald sechzig Jahren vertrug doch was. Weitz Gott! Aber er hatte Mühe gehabt, sich von seinem Leutnant nicht unter den Tisch trinken zu lassen. Mit brummendem Schädel setzte er sich an den Früh- stücksiisch. Obwohl er sich doch vorhin vom „Kaunitz" drei Stalleimer eiskalten Wassers'über seinen Leichnam hatte schütten lassen.
Eben als er nach der Kasfeekanne griff, trat der Bursche Wenzel ein und meldete, daß draußen ein Hoffurier mit einem Befehl warte.
„Herein mit dem Vögelt"
Der Furier meldete, daß Ihre Majestät die Exzellenz um halb zwölf zum Vortrag erwarte.
Der General nickte. Der Furier war entlassen. Dann machte sich hadik an sein Frühstück. Was wohl wieder los war? Um halb zwölf, zur Kaiserin? War doch ohnehin heute nachmittag Konferenz um drei!
Als Andreas von Hadik drei Stunden später die Antikamera betrat, warteten erst wenige Menschen. Es war noch Zeit. Auch berichtete der hoffekretär an seinem Fenstertisch, daß es heute noch lange dauern werde. Ihre Majestät habe sich sogleich, nachdem sie vom Hochamt für hie Erzherzogin zurückgekommen sei, an ihren Schreibtisch gesetzt und wünsche einstweilen nicht gestört zu werden.
Hadik war das gleich. Bei den Soldaten lernte man das Warten. Er sah sich nach Bekannten um. Es waren einstweilen nur wenige Leute da: zwei Obristen, die ins Feld abgingen, irgendein italienischer Mon- sianore mit einem großen, goldenen Kreuz auf der violetten Soutane, der preußische Generalleutnant Herzog von Braunschweig-Bevern, den die Oesterreicher kurz vor Leuthen gefangen, mit einem kaiserlichen Major, den man ihm während seiner Gefangenschaft als Ehrendienst beigegeben, ein juwelenfunkelnder ungarischer Magnat und ein französischer General des verbündeten Allerchristlichsten Königs.
Dem Franzosen hatten die Reiter des Hadik bei einer Affäre die Stase zerfäbelt, weil sie ihn im Morgengrauen beklagenswerterweise für einen Preußen gehalten. Auf Wunsch der Kaiserin hatte er seine Vlessuren den Winter über unter der Obhut eines berühmten Wiener Chirurgen kuriert. Diese Höflichkeit hatte wohl fein muffen. Das sah hadik ein. Aber den Hieb gönnte er dem General. Er mochte diese Pariser Alliierten nicht. Darum rief er ja feinen Burschen Wenzel manchmal „Kaunitz".
Mit polternder Herzlichkeit begrüßte er die beiden Obristen und verneigte sich dann höflich vor dem Monsignore und dem ungarischen Magnaten. Dem Franzosen nickte er nur flüchtig zu. Die Nase war ja ohnehin wieder angewachsen, und das genügte ja wohl. Sann verbeugte sich Hadik respektvoll vor dem Preußen. Sie schüttelten einander kameradschaftlich die Hand. Der Herzog berichtete ihm, daß er hoffe, bald gegen einen bei Leuthen gefangenen österreichischen General rationiert zu werden. Hadik bat ihn für diesen Fall, Seydlitz und Zieten von ihm zu grüßen. Man werde einander ja wohl bald wieder auf den schlesischen oder böhmischen Feldherrn begegnen. Leider nicht bei einer Flasche Wein. Was er sich nach geschlossenem Frieden auch noch einmal erhoffe.
Sie Zeiger der goldenen, schildplattverzierten Uhr auf der Konsole rückten vor. Generale und Minister tarnen, hohe Beamte, Samen des Adels, Professoren der Universität in schwarzen Talaren und weißen Perücken. Unaufhörlich öffnete und schloß sich die Flügeltüre, an der die Garden standen. In angeregtem Gespräch plauderten der Herzog von Bevern und der kaiserliche General.
Da ging die kleine Tapetentür gegenüber dem Fenster. Strammstehen, Spor en klingen und tiefes Verneigen. Kaiser Franz trat lächelnd ein, winkte mit der Hand den Grüßenden zu. Er wußte, daß die Kaiserin heute, trotz des Geburtstags, übelster Laune war und die Audienz noch auf sich warten lassen werde. Er wollte den Wartenden die Zeit vertreiben. Das tat er gern, in seiner wienerischen Art.
Er nickte seinen Offizieren und Ministern zu und schüttelte dem Preußen herzlich die Hand: „Guten Morgen, lieber Herzog! Ich gratuliere Ihnen. Gestern hat die Kaiserin den von Seiner Majestät Ihrem König schon unterzeichneten Ranzionierungsverttag unterschrieben., Sar- um sind Eure Hoheit zur Audienz gebeten. Sie werden reisen können, [obatb es Ihnen beliebt. Ich freue mich für Sie. Aber vorher bitte ich Sie, heute abend noch einmal in kleinem Eercle unser Gast zu fein.
In diesem verdammten Kriege werden wir dazu nicht sobald wieder die Gelegenheit haben."
Erst jetzt schien der Kaiser den französischen General zu sehen, der tänzelnd zwei Schritte zurücktrat, mit großer Gebärde seinen Sreispitz fast bis zum Boden schwang und sich tief vor der Majestät verneigte. Kaiser Franz ließ den Handkuß über sich ergehen, den er bei seinen Offizieren nicht duldete, und sagte aufgeräumt: „Ah, Monsieur le general Montazetl Ihre Nase ist also wieder ganz, wie ich sehe." Er nahm den Franzosen an den Schultern, drehte ihn zum Fenster herum und lachte: „Gut zusammengeflickt hat sie der Chirurgus. Das muh man ihm lassen. Eigentlich sollten Sie sich beim Hadik da bebauten, daß seine Husaren Ihnen die Nase zerschlagen haben."
General Montazet sah wie ein lebendiges Fragezeichen aus.
Aus den Augen des Kaisers blitzte der Spott: „Ihre Nase ist nämlich jetzt viel schöner. Früher war sie krumm. Jetzt ist sie grab." Lautes Gelächter füllte den Raum. Ser General biß sich wütend auf die Lippen. Scherze verstanden wohl die Herren Franzosen nicht. Ser Kaiser nickte ihm zu und trat wieder zum Herzog von Bevern.
Ser Spaß war nicht diplomatisch gewesen. Ser Franzose war schließlich der Alliierte. Aber Kaiser Franz hatte noch immer nicht fein Lothringen verschmerzt. So oft er einen Franzosen sah, über tarn ihn die Wut. Auch- waren feiner Meinung nach die Franzosen nicht gar so wichtig mehr. Seit Roßbach hatte man in Wien so seine eigenen Gedanken über sie. Man empfand sie nur mehr als Last am Bein. Man machte mit ihnen nun ähnliche Erfahrungen wie in den ersten Schlesischen Kriegen der Potsdamer König.
Kaiser Franz nahm den Herzog bei der Hand, zog ihn neben sich aus das kleine, rotfamtene Sofa, das zwischen der Tapetentür und dem weißen, schimmernden Kamin stand: „Wenn's nach mir ginge, lieber Herzog, wären wir mit euch gegen die dort alliiert." Er machte eine Kopfbewegung gegen den Franzosen, der mit gesenktem Kopf gekränkt am Fenster stand und sich aufgeregt mit dem Monsignore unterhielt. Aber diesmal hatte der Kaiser leise gesprochen. Man durste den Affront schließlich nicht zu weit treiben.
Endlich öffnete sich die Flügeltüre zum Arbeitszimmer der Kaiserin. Ser Kämmerer vom Dienst verneigte sich ehrfurchtsvoll vor dem Kaiser und dann mit betonter Höflichkeit vor dem Herzog von Bevern. Der Preuße trat ein. Mit freundlichem Gruß verließ Kaiser Franz die Antikamera. "
Später kamen die Minister und die andern dran. Hadik mußte, noch warten. Daß was im Gange war, spürte er schon lang. Dicke Lust witterte er wie ein Leutnant, der von feinem wutschnaubenden Obristen zum Rapport besohlen ist.
Es war fast ein Uhr, als der Kämmerer sich auch vor Hadik verneigte.
Sie dicke Lust stimmte schon. Sas merkte er gleich. Mit ernstem Gesicht saß die Kaiserin vor ihrem Arbeitstisch. Als er eintrat, schob sie einen kleinen, rosafarbenen Brief unter ein Aktenstück. Aber das sah er nicht mehr. Diesen mit fettigen Punkten gesprenkelten Bries hatte sie gestern abend, als sie selbst den Geburtstagstisch für ihre jüngste Tochter herrichtete, unter dem Lebkuchen mit dem silbernen Zuckerherzen gefunden. Darum also hatte das Mädel die Schachteln ä tout prix selbst in die Burg bringen wollen! Um vorher noch das Brieflein verschwinden zu lassen. Nette Moral das! Mußte es faustdick hinter den Ohren haben, das Frauenzimmer! Erst hatte sie die Brand für heute mittag in die Burg befehlen wollen. Aber dann hatte sie sts sich überlegt. Doch ihm, dem Brand, würbe sie es schon sagen, "bei Gelegenheit. Bis zum andern Tage war dann ihr Zorn gegen das Mädel verraucht. Was konnte dos bildsaubere Frauenzimmer schließlich dafür, wenn ihr ein Leutnant, und noch dazu von diesem Regiment, den Kops verdrehte? Und passiert war, wie man dem Briese entnehmen konnte, auch noch nichts. Und daß auch nichts passieren würde, daraus konnte sich der Rabenau verlassen! Aber daß er auch zu denen gehörte, die Bürgermädel ins Unglück brachten, hätte sie ihm gar nicht zugetraut. Zu welchem Zwecke sonst machte er sich an die Brand heran? Ser Rabenau konnte noch froh fein, daß sie sich nur zur Kassierung feines Urlaubs und Forcierung feiner Heirat mit der Hartenberg entschloß. Aber dem Hadik wollte sie die Meinung über die Moral seiner Offiziere schon
Als der General mit gegrätschten Beinen an der Türe stehenblieb und seinen Sreispitz seita'' hielt, winkte sie ihn herrisch heran und fragte böse: „Hat er jetzt endlich einen Offizier, der seine Panduren alarmiert?"
„Jawohl, Jhro Majestät!"
Maria Theresia sah auf, fragte scharf: „Welchen?! — Ein teder ist da nicht zu brauchen. Ist eine Sache von importance." Sas hätte ihr gerade noch gefehlt, daß ein anderer als der Rabenau ritt. „Also wer ift’s?"
„Ser Leutnant von Rabenau wird reiten, Jhro Majestät.'
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