Und die junge Dame, die ihrer Freundin den netten Mann mißgönnt, behauptet, auch hier hätte der Zufall eine Rolle gespielt, während sie doch selbst eingestanden hat, aus Furcht und Mißtrauen würde sie nicht geholfen haben. Und dem Manne hat gerade das bei der Frau gefallen, daß sie keine Furcht hatte, hilfsbereit war und sich als tüchtiger, lebenskräftiger Mensch zeigte. —
Der alte Sportsmann, der gewerbsmäßig immer gewettet hat nach ganz bestimmten Regeln, mit viel Grübelei und Zeitopfern, kommt nicht darüber hinweg, daß sein Vetter aus Dingsda das Wetten beim Pferderennen wie eine große Lotterie behandelt und nun, weil er an dem Tage Glück hat, das tut, was der kluge Vetter immer nur zur.Selbstversicherung mit ein paar Mark wagt: auf einen Außenseiter zu setzen! Denn vielleicht kann es ja sein, daß der Außenseiter gewinnt, und damit ist eine Rückversicherung gut. —
D^r blöde Zufall des Mannes an der Eisenbahntür entpuppt sich als Unvorsichtigkeit! Wer sich an die Tür eines fahrenden Zuges lehnt, soll sich vorher vergewissern, ob die Tür wirklich geschlossen ist oder nicht! Das, was zumeist unter der Rubrik „Zufall bei Mißgeschicken" gebucht wird, ist gewöhnlich die persönliche Unzulänglichkeit eines Menschen, Unentschlossenheit, Gedankenlosigkeit, Angst!
Ein alter Sjerr kreuzt die Straße, ein Wagen biegt um die Ecke. Würde er entschlossen vorwärts laufen oder entschlossen zurückspringen, dann hätte ihn der Kotflügel nicht gestreift. Aber im Augenblick der Schrecksekunde brachte er es nicht auf, entscheidend zu handeln. Er sprang einen Schritt vor und dann wieder einen Schritt zurück, und der Fahrer, der nun nicht wußte, wo er hinwollte, konnte dem Wagen nicht die Ausweichrichtung geben, die den Armen vor dem Sturz bewahrt hätte.
Wir tragen wirklich unseres Schicksals Sterne « der eigenen Brust. Wieviel schlimme Zufälle sind zu vermeiden, und wieviel glückliche Zufälle entspringen dem Charakter und dem Lebensweg eines Menschen. Einem Erfolgreichen Theaterdichter wurde einmal unverblümt gesagt: „Wieviel Zufälle und wieviel Glück haben doch bei Ihnen mitgespielt!" — Er gab Mr Antwort: „Das Geheimnis des Erfolges ist, neun Mißerfolge hinnehmen zu können ohne bange zu werden! Dann wird es beim zehntenmal «in Erfolg!" —
Das Wort Zufall hat feine in unserer Zeit eigentümliche Bedeutung erst in der Zeit der deutschen Romantik erlangt. Damals herrschte der Glaube an mystische Schicksalswendungen, an Eingriffe höherer Mächte zugunsten des einzelnen. Man glaubte an Menschen, die mit einer Glückshaube geboren wären. Die Menschen hatten Freude am Unvermuteten, am Unausdenkbaren, ja, am Wunder! Und so wurde das Wort Zufall für die kleinen Wunderlichkeiten des Lebens erfunden.
Ursprünglich hatte das Wort in unserer Sprache den Sinn: einem ist tztwas zugefallen, etwas zugestoßen! Goethe schreibt noch: „Ohne den mindesten Zufall hat unsere Tagereise sich geendet." — Er hätte ebensogut schreiben können „Erlebnis". Schiller schreibt: „Heute vor vierzehn Tagen überfiel mich ein fürchterlicher krampfhafter Zufall!" — Und im gleichen Sinne schrieb noch Storm: „Sie hat wieder ihren Zufall."
Heute wirkt im Worte Zufall ein kleinlicher Zweifel der Menschen an die großen Lebensgesetze sich aus. Der kleine Schalk Zufall erweckt eine Art Schadenfreude und soll aufzeigen kleine Ungerechtigkeiten und Ungesetzmäßigkeiten. Weit entfernt sind die Menschen von dem hochgespannten religiösen Gefühl, daß alles vorausbestimmt ist, wie in dem evangelischen Glaubensbekenntnis der Reformierten zu Genf, die keinen Zufall kannten. Conrad Ferdinand Meyer hat dies Gefühl in die folgenden Verse gebracht:
In die Schule bin ich gangen Bei dem Meister Hans Calvin, Lehre hab' ich dort empfangen: Vorbeftimmt ist alles ewighin! Jeder volle Wurf im Würfelspiele, Jeder Diebestritt auf Liebchens Diele, Jeder Kuh — Schicksalsschluß!
Dann bin ich zu Roß gestiegen Mit dem Hauptmann Des Adrets, Der das Kindlein in der Wiegen Würgt und sich ergötzt an Qual und Weh! Jeder First, der raucht und dampft und lodert, Jeder Tote, der im Graben modert, Jeder Schuß — Schicksalsschluß!
Das hänel frer Sprache.
Von Bruno H. Bürgel.
„Warum sind di« Fische stumm? Weil sie sonst reden würden dumm!" «o sagt cm alter Kinderreim. Nun, man kann nicht behaupten, daß alles, was wir Menschen reden, klug wäre, aber eines ist wohl sicher: niemals hätte unser Geschlecht diese Höhe erreicht, wenn es nicht fähig gewesen wäre, die artikulierte Sprache auszubilden. Wer aber dentt daran, daß das Zustandekommen der Sprache noch immer ein viel umstrittenes Problem ist, mit dem sich fett Jahrhunderten die Sprach- Philosophen, die Physiologen und Psychologen beschäftigen. Wir dürfen , nie vergessen, daß der Mensch, wie die Forschungen der Anthropologen ergeben, einst aus langen, niederen Vorfahren-Reihen emporsteigend ein sehr primitives Wesen war, das mindestens eine Million Jahre brauchte um zu dem zu werden, was es heute ist. Selbstverständlich hatte der . Urmensch diese artikulierte Sprache nicht, wohl aber die Anlagen dazu, sowohl was die äußeren Sprechwerkzeuge anbelangt wie die Gehirn- partien, die vor allem für das Sprechen, das Wortgedächtnis usw. in < Frage kommen; auch sie haben sich, durch den Gebrauch immer mehr gestärkt und vervollkommnet, in wundervoller Weise entwickelt.
Der Mensch der Frühe konnte genau so wenig sprechen wie ein kleines
Kind, das ja auch nur Gaule von sich gibt, die Empfindungen und Eindrücke, Lustgefühle und Unlustgefühle andeuten; aber auch hier ist der Mensch dem Tier gegenüber schon bevorzugt, er hat eine reichere Skala der Empfindungsausdrücke. Denken wir nur an das Weinen und Lachen, an die Fähigkeit, Naturlaute zu kopieren, wie etwa das Grollen des Donners, das Heulen und Pfeifen des Windes ufw.l Gewiß, auch das Tier hat vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten für Lust- und Unlustgefühle, ja, es vermag durch ganz bestimmte Töne den Mitgeschöpfen seiner eigenen Art Mitteilungen zu machen; wir wissen alle, daß die Vögel bestimmte Warnrufe haben, mit denen sie sich gegenseitig alarmieren, wenn eine Gefahr droht, etwa eine Katze, ein Raubvogel sich nähert, und ohne Zweifel ist das sehr unterschiedliche Gebell der Hunde, um nur von ihnen zu sprechen, ein Äerständigungsmittel.
Aber wie weit ist das von einer artikulierten Sprache entfernt! Man sollte meinen, daß die dem Menschen am nächsten stehenden Geschöpfe, die menschenähnlichen Affen, noch am ehesten so etwas wie eine „Sprache" haben müßten, vielmehr eine besonders reiche Skala von Tönen, um unterschiedliche und hier schon kompliziertere Empfindungen auszudrücken. Das ist auch von manchen Forschern behauptet, von anderen bestritten worden, ja, man hat Versuche gemacht, diese „Afsensvrache", diese Anfänge einer komplizierteren Lautgebung zu studieren, sie vor gefangenen Affen nachzuahmen, um zu sehen, ob und wie sie darauf reagieren. Es wird folgende amüsante Geschichte erzählt: Jemand hat in Afrika die Laute der Menschenaffen in der freien Natur studiert und vermochte sie sehr naturgetreu wiederzugeben. In Europa angekommen, war er gespannt, wie die Affen der Zoologischen Gärten diese Rufe ihrer Brüder in der Heimat aufnehmen würden. Ein sonst sehr umgängliches Schirn- panfenfräulein schien in der Tat interessiert und irgendwie angeregt zu lauschen, plötzlich aber holte es aus und versetzte dem erstaunten Forscher eine recht kräftige Ohrfeige. Ein humorvoller Mann schloß daraus, daß dieser Zuruf aus dem Urwald vielleicht das Zartgefühl der Schirnpanstn verletzt habe, aber man darf wohl eher annehmen, daß die Steffin irritiert war, eben diese Laute aus dem Munde eines Menschen zu vernehmen, statt aus dem eines Artgenossen, der sie zu sich rief. *
Wie aber, das interessiert bei diesem Problem am meisten, mögen die Uranfänge der Sprache gewesen sein? Eine schwer zu lösende Frage, über die mancherlei Ansichten herrschen. Im Anfang sind ganz offenbar nur primitive Laute für Empfindungen vorhanden gewesen; Hitz«, Kälte, Hunger, Schmerz, Durst, Behagen, Furcht, Wut und ähnliches, gab sich in einfachen Tönen kund, und mit Recht sagt man, daß der Mensch sich vor allem dadurch von allen Mitgeschöpfen unterschied, daß seine Gehirnanlage, sein Empfindungs- und Seelenleben ihn befähigte und zwang, nicht nur eben primitive Empfindungen kundzutun, sondern auch Vorstellungen, also Eindrücke, Gedanken in Laute zu fassen, daß er das Bedürfnis empfand, sich feiner Umgebung, feinen Gefährten mitzuteilen. Man meint, daß im Anfang auch die Zeichensprache eine wichtige Rolle # spielte, die die artikulierte unterstützte, verdeutlichte. Diese Zeichensprache spielt noch heute bei manchen Naturvölkern eine große Rolle, ja, selbst wir (achten Sie einmal darauf, daß Leute selbst am Telefon das, was sie sagen, durch Gesten unterstreichen!) verwenden sie oft unbewußt. Die leider völlig ausgerotteten Ureinwohner Tasmaniens sollen nur ganz wenige Worte gehabt haben (im Gegensatz zum Europäer, der im Durchschnitt etwa 50 000 Worte gebraucht), und ohne Zeichen konnten sie sich nicht verständigen. Man sagt, daß in der Nacht, im Dunkel, eine Unterhaltung zwischen ihnen unmöglich war.
Ohne Zweifel haben die Forscher recht, die da sagen, daß das Zusammenleben der Menschen der Frühzeit in Horden ungemein dazu beige tragen habe, eine Sprache zu entwickeln, um ein gemeinsames Werk (Jagd, Hüttenbau usw.) durchzuführen. Sehr schwer aber ist zu erklären, wie die Lautsprache entstand. Man denkt da vor allem an die Wiedergabe von Naturlauten, an Lautmalereien sozusagen. Steckt nicht in unserem deutschen Wort „Krach", mit dem wir ein Zusammenbrechen, etwa das Niederbrechen eines Baumes, das Herabkollern und Aufschlagen von Gesteinsmassen im Gebirge beschreiben wollen, so eine Lautmalerei? Das Kind gibt das Geräusch des Donners oder eines Schusses ohne jede Anleitung mit „Summ" wieder; wir wissen genau, was sie meinen, wenn Kinder den Naturlaut „Kukuk", das Quacken der Enten, das Kikeriki des Hahnes wiedergeben, und sehr viele solcher Laute sind uns allen wohlbekannt. Ohne Zweifel hat die Ursprache viel davon enthalten, und tm Zusammenhang mit Zeichen und Gesten konnte so leicht eine Verständigung erfolgen. Aber wie weit ist es von dort bis zu komplizierten Mitteilungen über das, was Herz, Geist, Seele, bewegt, wie viele Worte, Sätze müssen wir aussprechen, um etwa unserem Freunde zu schildern, welchen Eindruck eine nächtliche Meerfahrt unter dem Sternendom auf uns machte, oder gar, um ganz vom Gegenständlichen losgelöste Empfindungen, etwa religiöser Natur, darzulegen. Eine gewaltige Gehirnarbeit, ein sehr kompliziertes, noch keineswegs entschleiertes Zusammenwirken von Empfindungszentren, Wahrnehmungszentren, Gedächtnisbezirken, dem Sprachzentrum usw. ist notwendig. Nur das Gehirn und das Seelenleben des Menschen vermögen das zu leisten, ja, eben das ist im Grund« charakteristisch für dieses rätselhafte Wesen, das sich „Mensch" nennt.
Hier wird uns auch klar, daß ungeheure Zeiträume vergehen mußten, ehe der aus der Tiefe emporfteigenbe Mensch die ihm mitgegebenen Anlagen durch fortgesetzt gesteigerten Gebrauch so stärken, so „trainieren" konnte, bis sie das zu leisten vermochten, was sie heute leisten. Wer, der heute ein Zeitungsblatt, ein Buch lieft, in dem taufend Zeichen die oer- wickeltsten Mitteilungen, Gedanken, Gefühle dem Leser zugänglich machen, denkt daran, daß der Mensch einst mit ein paar ganz primitiven Zeichen sich' behelfen mußte, aus denen das wurde, was wir „Schrift" nennen! Nicht anders ist es mit der Sprache. Mir scheint, es ist zuweilen nötig, sich derlei wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, um wieder Ehrfurcht zu bekommen vor dem, was wir Menschentum nennen, und was auf verschlungenen Wegen durch Licht und Finsternis seinen Schicksalsweg wandelt.


