Fahrt in -en Winter.
Von Herbert Böhme.
Nun singen die Räder ihr jauchzendes Lied hinein in die lauschende Ferne, du aber, mein fröhliches Herz, singe mit. Was lang unter Lasten des Lebens litt, glüht auf im Leuchten der Sterne.
Es blüht die Erde kristallen, der Mond hängt über dem hellen Gefunkel, und was im Land meiner Träume sonst wohnt, von des Tages umdüsterten Blicken verschont, wächst nun aus bedrückendem Dunkel.
Weit öffnet der Winter die Arme, bereit mich gastlich und froh zu empfangen. Da lockt eine bunte und festliche Zeit, die Wiesen und Hänge in leuchtendem Kleid: Alle Sorgen sind von mir gegangen.
Frauenbart
Von Otto An t he s.
Wilhelm, den die Geschichte den Schweiger nennt, aus dem gräflichen Haufe Nassau, besaß außer seinen deutschen Besitzungen, mit denen er zum Reich gehörte, und denen in der Niederlanden, die ll)n zum Vasallen des spanischen Königs machten, auch noch das unabhängige Fürstentum Orange in Südfrankreich, von dem er den Titel Prinz von Oranien führte. Tief in die niederländischen Wirren verstrickt und angesichts der gefährlichen Feinde, die er um deswillen in aller Welt hatte, hegte er den Wunsch, in seinem französischen Ländchen einen Mann seines unbedingten Vertrauens zu wissen, der über die Gesinnung seiner Untertanen zu wachen und etwaige Anschläge seiner auswärtigen Gegner obzuwehren hätte. Nach reiflicher Ueberlegung fiel seine Wahl auf den tDlen Bodolt von Hachenburg, aus seiner nassauischen Heimat stammend, der denn auch bald darauf mit samt seiner Frau Harwig an feinem Bestimmungsort anlangte. Den Edlen selbst, einen in vielen Wettern gehärteten Kriegsmann, empfing das harmlose und friedfertige Völkchen von Orange mit scheuer Achtung. Die Frau aber erweckte, wo man sie auch zu Gesicht bekam, eine stille weil versteckte Heiterkeit. Frau Harwig war eine stattliche und eigentlich noch immer schöne Frau, aber sie trug auf der Oberlippe einen ziemlich starken Haarwuchs, ja, man konnte wohl sagen: einen richtigen kleinen Schnurrbart. Und die Leute in Orange, die draußen in der Welt gänzlich unbewandert, sich sowieso von den Deutschen die merkwürdigsten Vorstellungen machten waren nun der Meinung, daß alle deutschen Frauen auf diese Art beschaffen seien, was ihnen überaus drollig deuchte.
Um so größer war ihr Erstaunen, als die Eltern Hachenburg ein halbes Jahr später ihre Tochter nachkommen ließen und sich erwies, daß dieses Mädchen, Algund geheißen, obwohl mit ihren zwanzig Jahren vollkommen erwachsen, keinerlei Spuren der vermeintlichen deutschen Frauentracht zeigte. Aber die Leute waren nicht geneigt, ihr /Weltbild so schnell zu ändern, sondern sie trauten einfach dem Frieden mch.. Und die kleinstädtischen jungen Edelleute, mit denen Sitte und Gesellschaft das Mädchen zusammenführte, schauten, wenn sie mit ihr jpsachen, immer nur wie gebannt auf ihren Mund, ob auf ferner rosig blühenden Höhe nicht doch ein Gräslein sprießen wolle.
Im übrigen war Algund keineswegs ein uberzarte Pflanze. Die Eltern hatten sie vielmehr in Ermangelung eines Sohnes noch eifriger, als dies sonst in adeligen Häusern der Brauch war, in allen ^"erlichen Künsten erzogen. Sie ritt wie ein Stallknecht, kannte alle Kmffe der niederen wie der hohen Jagd, wußte zur Not einen Kurah zu tragen und hatte zur Nacht allezeit ein schubferttges zweilausiges Pistol auf dem Tisch an ihrem Bett liegen. Und daß sie damit umzugehen verstand, bewies sie des öfteren, wenn sie aus ihrem Fenster auf das Raubzeug feuerte, das ihren Tauben nachzustellen kam. Dergestalt festen und starken Leibes war ihre Seelenverfassung nicht minder derb "ad gesund, und sie wäre darum auch einem kräftigen Liebesspiel nicht abgeneigt gewesen, wenn der Rechte gekommen wäre. Daher verdroß sie blöde Befangenheit der adeligen Jugend von Orange, deren Ursache sie nicht kannte. Und die Mutter, die wohl wußte, was man von ihr sprach, hütete sich, ihr Mädchen aufzuklären, um keinen trüben Tropfen m ihr ^Das Minderte sich^alles, als der Chevalier de Queysfac auftauchte, der aus Paris kam und all der dort blühenden Künste des H°smachens und der Verführung Meister war. Mit dem Erfolg, daß Algund sich eilends und heftig in ihn verliebte. Und starkherzig wie sie war. nahm sie, einmal so weit, auch keinen Anstand, ihm ein nachtlch>es St^dichem im Burggarten zu bewilligen, zu welchem Ende sie ihm den SchluM zu dem Pförtchen einhändigte, durch das man von drauß Garten gelangen konnte. Die Verabredung »mg dahin, daß Algund, wenn die Eltern zu Bett gegangen waren durch das veslnen ihres Fensters das Zeichen geben solle, daß dem Treffen kein ) im Wege stünde. An dem vorgedachten Abend nunzogen sichs d" E"er früher als gewohnt zurück. Und Algund in 4rer, Dehro it $[s r;e öffnete das Fenster schon eine Weile vor der verabredeten Zett. Als sie sich dann wenig später auf die Fensterbrustung lehnte h Z schauen, fiel ihr auf, daß der eine der beiden SaMtemquadern, Die Brüstung bildeten, lose war. Es war zwar em alte f .
hausten, aber daß die Steine sich darin losten, hatt s ch weiter bemerkt. Sie beugte sich hinaus und gewahrte, d 6 offenbar den unter dem Fenster angestellt war, deren eiserne H. @erl in ^,er Stein losgestohen hatten. Und schon sah sie auch v .(e Schat- Sturmhaube im Begriff, die Leiter hmaufzuklimm Kurz ent-
ten hinter ihm deuteten darauf, daß noch andere ihm f g
schlossen packte sie mit ihren kräftigen Händen den lockeren Stein mid> schleuderte ihn auf die sich aufwärts nähernde Sturmhaube. Ein Krach, ein Stöhnen, Poltern und Fluchen zeigte ihr an, daß sie nicht übel getroffen hatte. Schon sprang sie ins Zimmer zurück, ergriff ihr Pistol und feuerte zweimal in den Knäuel, der sich in der Tiefe wand.
Die Schüsse weckten alsbald die ganze Burg. Die Wachen, die in den Garten drangen, fanden dort einen toten, ein paar verwundete und auch noch einige heile Knechte, und fingen dann auch den Chevalier, der später kam. Der Edle von Hachenburg verhörte zuerst die üblen Burschen, die ihm schließlich gestanden, von dem Chevalier gedungen zu sein, damit sie sich seiner, des Gouverneurs, bemächtigten. Woraus sich ergab, daß der Chevalier ein Werkzeug der Feinde Oraniens war. Der Anschlag war nur dadurch mißglückt, daß die gedungenen Burschen in ihrem Eifer, ihr Sündengeld zu verdienen, nicht abgewartet hatten, bis Algund 'zu ihrem Stelldichein das Zimmer verlassen hatte, wie es des Chevaliers Absicht gewesen war.
Der wurde dann auch vorgesührt. Und da er sah, daß alles verloren war, enthüllte er hohnvoll und frech den Eltern auch den Anteil ihrer Tochter an dem ganzen Geschehen. Er sagte offen, da er die Liebschaft mit ihr nur angefangen habe, um feine finsteren Pläne zu verwirklichen. Er fügte lachend hinzu, man habe ihn zwar vor dem deutschen Frauenbart gewarnt, aber er habe geantwortet: wenn ihr die Haare auf der Oberlippe wachsen, habe ich mich längst an ihrem Munde satt geküßt und frage nichts mehr nach ihr. — Da aber sagte Frau Harwig» die der ganzen Verhandlung beigewohnt hatte: daß die deutschen Frauen in der Liebe einmal eine Dummheit machen, das haben sie mit den Frauen aller Länder gemein. Dagegen ist es ein Irrtum zu glauben, daß sie alle Haare unfer die Nase bekämen. Wohl aber haben sie alle Haare auf den Zähnen, das heißt in unserer Sprache so viel wie daß sie tapferen und unerschrockenen Gemüts sind. Was Eure Buben erfahren haben.
Zufall.
Von Friedrich Freksa.
Jugendfreunde sitzen beisammen, Erinnerungen werden wach, schichten erzählt von Freunden, die das Schicksal irgend wohin verschlagen hat. Da fragt der eine: „Sag mal, was ist aus Fred geworden? Du warst doch mit ihm besonders befreundet, Konrad!"
Konrad, ein starker Mann mit rotem Gesicht, runzelt die Stirn: „Ach, der! Laß mich mit dem zufrieden! Der ist durch einen reinen Zufall zu einem Riesenvermögen gekommen! Ich habe ihn dann an einem lukrativen Geschäft beteiligen wollen, und da hat er abgelehnt."
„Und womit hat er sein Vermögen gemacht, Konrad?"
„Lächerlich, das zu sagen! Früher wurden die Dorne in die Messingplättchen der Reißnägel eingesetzt, und er ist auf die Idee gekommen, verzinkte Eisenplättchen unter eine Stanze zu schieben und den Dorn radikal von der Mitte aus ausstanzen zu lassen. Natürlich kosten diess lächerlichen Reißnägel den zehnten Teil der anderen. Durch irgendeinen Zufall ist er darauf gekommen, und nun spielt er den großen Mann!" —
Zwei Frauen sprechen miteinander: „Du möchtest wissen, Lisa, wie Mieze, das kleine Trampel, zu einem so netten, hübschen, wohlhabenden Mann gekommen ist? — Du weiht, sie war immer unverfroren. Eines Abends war sie auf dem Nachhauseweg von einer Gesellschaft. In der dunklen Ulmengllee ging vor ihr her ein Herr, der die Bordsteine der kreuzenden Grenzallee übersah, fehltrat, stolperte und hinschlug. Ich wäre so schnell wie möglich davongelaufen, denn diese Tricks auf dunklen Straßen sind viel zu bekannt! Wenn unsereins so einem hilft, läuft man bestimmt in eine Falle. Aber unser gutes Trampelchen kennt solche Bedenken nicht. Sie hat den Hingefallenen aufgerichtet, zu einem Baum geführt, ihn angelehnt, ein Auto geholt und ihn nach Hause gebracht. Und da sie ja als Hilfsschwester ausgebildet ist, konnte sie ihm sogar den verstauchten Fuß richtig behandeln. Daraus ist dann eine dicke Freundschaft geworden. Sie hat den nettesten Mann aus unserer ganzen Bekanntschaft bekommen. Alles durch Zufall!" —
„Wie der Zufall doch spielt!" ruft Herr Timpe aus, der ein eifriger Besucher der Rennplätze ist. Ich wette mit Sinn und Verstand, ich verfolge die Chancen, ich lasse mir Tips geben, und mit Muhe und Not verdiene ich etwas. Und gestern kommt mein Vetter aus Dingsda und schüttelt nur den Kopf, wie ich meine Einsätze mach«. Schließlich sagt er: „Fünfzig Mark werde ich auch mal riskieren!" — Ich flüstere ihm zu: 'Setze Rotspon — Platz, dann kriegst du zu deinen Fünfzig bestimmt Dreißig dazu." — Er sagt: „Laß mich nur machen!" setzt auf diesen blutigen Außenseiter Haimibal — und was sage ich euch? Rotspon verliert seinen Reiter an der Hürde mit Wassergraben, Haubenlerche bricht aus, und Hannibal, auf dem ein ganz unbekannter aber fabelhafter Jockey sitzt — den Namen Alberti muht du dir merken — fchafft's, und mein Vetter aus Dingsda streicht vergnügt 214mal 50 Mark ein — so war die Quote — und sagt ganz behaglich: „Na ja, einmal und nicht wiederi Und ich uze ihn: „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln!" — War doch ein toller Zufall, nicht wahr?" —
Oder es wird erzählt: „Durch einen blöden Zufall ist er ums Leben gekommen! Er lehnte an der Eisenbahntür. Die war nicht ganz gesichert, sprang auf, und er stürzte hinaus." —
Geschieht im Dasein etwas Unerwartetes, geht etwas wider den Strich wird etwas nicht begriffen, entspricht etwas nicht den Spiel- reaeln die die Menschen selbst aufgestellt haben, dann schieben sie es dem kleinen Schalk „Zufall" in die Schuhe. Wenn Konrad seinem Freunde Fred das Vermögen mißgönnt, das er durch eine Erfindung gemacht hat fo spricht er aus einem Neide vorn Zufall, denn er will nicht gelten lassen daß Fred eine einfache und sogar gute Lösung für die Herstellung von Reißnägeln gefunden hat. Der kleine Schalk wird von ihm engagiert, um Fred ein wenig lächerlich zu machen. Damit redet er sich vor sich selbst heran«, daß er nicht so ftuchtbare und gute Einfalle hat, wie Fred. —


