Ausgabe 
1.12.1939
 
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Glaube kriechen, die sich den Rücken In der Sonne wärmte und ein Rech! auf das Leben zu haben glaubte. Das glückliche und vertrauensvolle Tierchen bewegte sich langsam vorwärts und schien Gott zu danken, daß der Sand so warm war, die Luft so angenehm und das Wetter so trocken. Plötzlich kam schnell und behende, zwei gezähnte Scheren hoch­streckend, bedeckt mit einem funkelnden, bronzeartigen Panzer, der an einigen Stellen golden schimmerte, ein Hirschkäfer aus den Grasern hervor, die sich unter seiner Last bogen. Es war ein schönes Insekt, aber es hatte den stumpfsinnigen und wilden Ausdruck aller Mörder, bie die Natur in ihrem Solde hat. Die Schnecke zieht ihre Fühler ein und will fliehen. Es ist zu spät. Der Hirschkäfer öffnet seine beiden Zangen und macht zwei tiefe Einschnitte in den Körper der Schnecke, die sich lang­sam windet; so langsam wie ihr Leben ist ihr Todeskampf. Nach einigen schwachen Zuckungen verendet sie. ~ . .... ...

Das ist schrecklich", sagte Margarete.Soll ich das böse Tier mcht zertreten?"

Beeile dich nicht", erwiderte Paul. ... .

Der starke Käfer zerriß mit seinen Zangen das weiche Fleisch der Schnecke und fraß, während er mit seinen Fühlern umhersuchte; nach und nach fraß er weniger schnell und gierig; man sah, wie er anschwoll und bald das glückselige Aussehen eines dickbäuchigen Finanzmannes ge­wann der sich den fetten Genüssen einer gesegneten Verdauung hingibt.

Da erschien, ganz heimlich, vorsichtig und kaum den staubigen Boden berührend, ein etwas kleinerer Käfer, der aber gewandter war und auch Hunger hatte. Er stürzte sich auf die Schneckenleiche, der Hirschkaser wollte sie verteidigen. Im Augenblick war ein Kampf im Gange, em heftiger und grausamer Kampf, als ob zwei Maschinen aufemander- stießen. Die Körper bewegten sich kaum; die beiden sich berührenden Köpfe schienen nur Augen zu haben, um den schwachen Teil, den Bauch, zu schützen. Die Zangen gerieten ineinander. Das gesättigte Insekt ver­lor eine der {einigen, preßte aber mit seinen Füßen den Angreifer heftig zusammen. Hätte es ihn losgelassen, so hätte es sich selbst zum Tode verurteilt. Aber der hungrige Küfer machte plötzlich eine so heftige und schnelle Bewegung, daß sein Gegner auf den Rücken fiel und die Fuße von sich streckte. Er teilte das Schicksal der Schnecke und wurde wie sie ausgeweidet. Der Sieger beschnüffelte, ehe er fein Mahl begann, (ein noch lebendes Opfer und den Rest des Mahles des Besiegten, aber er zögerte nicht lange. Er entschied sich für die Schnecke, deren Fleisch zarter schien und ließ seinen zur Hülste verzehrten Femd sich in den Qualen eines furchtbaren Todeskampfes winden.

Ach", sagte Margarete und zertrat die Schnecke und die beiden Käfer.Ist es gerecht, daß Gott dem Starken erlaubt, den Schwachen zu fressen? Was hat denn die Schnecke getan, um diesen Tod zu ver­dienen?"

Sieh her!" sagte Paul. .

Ein schönes kleines Lämmchen fraß, mit dem Strick an einen Pfahl gebunden, an den jungen Trieben des Weißdorns.

Wie schön ist es!" sagte Margarete und streichelte es.Armes kleines Tier, sieh doch, wie nett es frißt! Wie zufrieden es ist, so den Rücken in der Sonne und das Mäulchen auf der Weide zu haben Siehst du, es läßt sich gar nicht stören, wenn ich es streichle. Ach, Grasfresserm, ich möchte dich als Hund haben. Du bist gut und hübsch, ich liebe dich fehr, Lämmchen!" ,

Kannst du mir sagen", fragte Paul,was dieses Tier getan hat, um zu verdienen, von dir gegeffen zu werden?"

Von mir?" rief Margarete erschreckt und zog chre Hand aus dem wolligen Fell des Tieres.

Gewiß, durch dich! Hast du niemals Hammelkeule oder -kotelett 9T,2)u hast recht", sagte Margarete,aber es ist nicht mein Fehler, daß Gott die Steine nicht ebenso eßbar gemacht hat wie den Hammel."

In diesem Augenblick ging die Dame mit dem Windhund in einem graue», weihverzierten Leinenkleid an ihnen vorüber. Sie trug einen Hut aus Reisstroh mit großen Flügeln und mit Rosen und Mohnblumen geschmückt. Die beiden Frauen wechselten einen beinahe feindlichen Blick. Paul schien verlegen Die Frau mit dem Windhund entfernte sich mehr unb mehr. . . _ .

Margarete setzte mit Paul, der blaß geworden war, den Spaziergang fort Sie schwiegen, bis Margarete mit dumpfer Stimme sagte:Diese Frau ähnelt dem kleineren Käfer."

Entfernt", sagte Paul.

Sie ist nicht gut, was denkst du darüber?

Nichts, sie ist mir gleichgültig."

Weißt du, wie sie heißt?"

Ja."

Nun?"

''g5 ist die Gräfin von Zurmondl, und ihr Vorname ist Amelie.

12.

Gut", fügte Paul. _ . _

©ie gingen fröhlich fort Und sahen, als sie vor Rooszes Haus ankamen, die Vorhänge unb ©arbinen an ben Fenstern alle in schönster Drbnung. Die läuteten, und Siska kam, um. ihnen zu öffnen.

Baesin, Baefin", rief sie unb vergaß, bie Tür ganz zu offnen, so daß der Doktor unb Margarete sie vollenbs aufstoßen mußten.Baesin, ©netze kommt, Fräulein Grietje." .

Man hörte eine kalte, zornige Stimme antworten:Was nützt mir bas, D*eI3u 'spät? Warum?" rief Margarete unb stürmte die Stufen hinaus. Zu spät, Mama, zu spät?"

Unb sie fiel Roosje um ben Hbls.

Ist er auch da?" fragte Roosje, bie sich nur schwer ihres Kmbes Liebkosungen erwehren konnte. , , , . ,

Ich bin hier", rief Margarete.Ich habe bich so lange allein gelassen, aber ich bin nicht schulb baran. Küsse mich, Mama, küsfe mich!"

Roosje küßte Margarete nicht wieder, aber unwillkürlich druckte sie sie fest an sich.Laß dich durch jemand andern küssen, was brauchst du meine alten Liebkosungen? Wenn man sechs Wochen fortbleiben tann, ohne feine Mutter zu sehen, dann kann man sie auch zwei Monate, drei Monate für immer allein lassen, bis sie unter dem Rasen hegt, statt darüberhin zu gehen. Du bist ja schön aufgeputzt, ganz in Selbe. Du scheinst ganz im Selbe zu schwimmen. Ich weiß nicht, warum bu dich traust, mich in meinen Lumpen zu umarmen. Wo ist er?

Hier, Mutter!" antwortete der Doktor freundlich, aber etwas erregt und stieg die Stufen empor.

Als er auf dem Treppenabsatz angekommen war, auf dem Roosie starr unb hart stand, wollte er sie küssen, wie Margarete es getan hatte, aber Roosje stieß ihn zurück und sagteIch küsse Männer nicht!

Sind Sie nicht meine Mutter?" fragte er freundlich.

Ihre Mutter?" erwiderte Roosje ganz erstaunt.Ihre Mutten nein"

Unb sie warf auf Paul einen Blick so tiefen Haffes, daß er erschrak.

Inzwischen preßte Siska, lachend und weinend zugleich, Margaretens Hände:Ach, Fräulein, Fräulein! Da sind Sie ja! Da sind Sie ja!"

Paul litt unter Roosjes Ungerechtigkeit.Ich komme unbefangen, voller Vertrauen, liebevoll zu dieser Frau, will sie umarmen, will wie ein Sohn ihr altes Herz an meinem jungen wärmen, und sie behandelt mich wie einen Strolch."

Das Blut brannte ihm in den Ohren, brennender Schweiß netzte feinen Körper, und feine Fäuste ballten sich; er mußte an sich halten, um Roosje nicht zu schlagen. Aber bald trat schmerzliche Entrüstung an Stelle der kurzen, heftigen Aufwallung. Er verzieh ihr.

Margarete, deren Liebe zu Paul mindestens ebenso groß war wie zu ihrer Mutter, war über diesen hartherzigen Empfang empört; sie öffnete eine der Türen und schob ihre Mutter und Paul in ein Zimmer. Hier blickte sie, hochaufgerichtet, Roosje fest und entfchlofsen in Die Augen und fragte:Warum küssest du ihn nicht? Warum empfängst du uns auf dem Flur? Warum ließest du uns nicht hereinkommen?'

Weil erwiderte die alte Frau.

Dann ging sie ebenso aufrecht und fest auf Margarete zu:Mit welchem Recht kommst du hierher, um mich auszufragen? Wenn es mir nun einmal nicht paßt, deinen Doktor zu küssen, und wenn ich^ ihn nun nicht zu mir hereinkommen taffen will? Was findest du babei?

Ich finde babei, daß du ungerecht bist, daß er mein Mann ist, uns daß er dir nur Gutes getan hat." ,

Roosje entgegnete mit höhnischem Lächeln:Gutes? Was für «Gutes, bitte"

Aus ihr sprach Haß, Haß trotz allem, der Haß einer Frau, bie ain hellen Mittag zur Sonne gesagt hätte, wenn sie glaubte, einen ©runO' zu haben ihr böfe zu fein: Du bist ein alter Mond mit blassem Licht uno> höchstens gut genug, um im Paradies auf den Speicher gestellt zu

Wollt ihr euch nun küffen, ja ober nein?" forderte Margarete. Nein!"

'. Nein? Nein? Du hast wirklich nein gesagt? Gut, da du meinen Mann nicht sehen willst, wirst bu mich also auch nicht mehr sehen.

Sei nicht hart", sagte Paul.

Ich bin nicht hart; ich will keinen Fuß mehr in dieses Haus setzen Jetzt sehe ich in ihr nicht mehr eine Mutter; sie ist eine böse Frau, Die uns beide verabscheut. Nein, ich sterbe lieber, als daß ich hierher zuruw tCl)®ut, komm nicht mehr her", sagte Roosje, die, mit einigem Rech, hinter diesem Zornesausdruch irgendeinen arglistig berechneten Versuiy. eine Annäherung zwischen ihr und dem Doktor herbeizufuhren, zu W 9Komm nicht wieder, wenn du es so willst", fügte sie voller ®et" achtung hinzu.Ich kann ihn nicht ausftehen, ich verabscheue ihn, mochte ihn tot und in Stücken sehen, und da du ihn mehr liebst au»

Roosje hatte ihren Fluchtsilan noch nicht ausgefuhrt, unb Margarete dachte unaufhörlich an ihre Mutter. Jeden Morgen sagte sie sich:Was mag sie jetzt tun? Beim Frühstück wird sie Angst haben, daß Siska zuviel Holz zum Feueranzünden braucht und zuviel Kaffee und nicht genug Zichorie nimmt. Sie ist vielleicht recht traurig. Mittags wird sie selbst das Essen kochen, und Siska bekommt nicht mehr die guten Stücke, die ich ihr immer gab. Arme Siska! Ich muh ihr doch ein paar Leckerbissen bringen." Um ein Uhr dachte Margarete:Jetzt ist Essenszeit, warum soll ich der Mutter nicht unser Mittagessen bringen? Es ist viel besser; aber sie würde es nicht annehmen. Dann, wenn sie gegessen haben, trägt sie in das Haushaltbuch ein, macht Kaste und bessert ihre Strumpfe aus, unb dazu nimmt sie bie Wolle von den Sttümpfen, bie bes Anziehens nicht mehr wert find. Dann wird sie aus alter Gewohnheit meine Winter­kleider ausschütteln, in der Hoffnung, die Motten herauszubringen. Und dann wird sie vielleicht denken, ich liebe sie nicht mehr. Oh, arme, einsame Mutter, doch, doch! Aber du wirst nicht mehr lange allein sein; Paul, wir wollen zu ihr gehen und sie küssen!"

""^Nrin^ch liebe ihn nicht mehr als dich, ich liebe ihn nur anders, ba* 'f* Ü®irft bu jetzt gehen?" rief Roosje, außer sich bei diesen Worten- Wirsi du jetzt gehen, sonst verfluche ich dich!"

Und sie erhob drohend die Hand gegen ihre Tochter.

Ich habe nichts Böses getan, du hast kein Recht, mich zu verflue^w

Wirst du gehen, wirst du mit ihm fortgehen! Ich werde demettveg noch einen Schlaganfall kriegen! Geh fort!"

Aber Mutter, Mutter, was machst du nur!

Geh!" rief Roosje zitternd und blaß vor Wut.

,Zch gehe, Mutter, ich gehe, aber das ist ungerecht ,

Die beiden verließen bekümmert das Haus, den Blick unter d I

unverdienten Haß zur Erde gesenkt.ürfoina unö

Kaum hatte Margarete einige Schritte getan, als I'e Zurackg , g

weinend an die Tür klopfte:Mutter, öffne mir, offne, kusfe mich!

(Fortsetzung folgt.)