Ausgabe 
1.12.1939
 
Einzelbild herunterladen

GleheiierZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1939 Hreitag, den J. Dezember , Nummer 93

Die Hochzeitsreise

Roman von Charles de Coster

Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart

6. Fortsetzung.

8.

Margarete fütterte Spatzen, die sich in den benachbarten Kastanien zwitschernd und zankend Herumtrieben. Besonders gern hatte sie zwei Weibchen, die manchmal das Futter aus ihrer Hand nahmen. Wenn die Weibchen mit einer großen Brotkrume im Schnabel davonflogen, stürzten sich einige Männchen von der Gartenmauer, wo sie in Reih und Glied saßen, wie aus der Pistole geschossen aus sie und schnappten im Vorbei- sliegen die Krume dem Weibchen fort, worauf dies wiederkam, um noch mehr Futter zu erbetteln.

Warum legst du nicht etwas Brot aufs Fensterbrett", fragte Paul, bann könnten die Männchen vom gleichen Tisch wie die Weibchen picken?"

Warum soll ich diese dicken, bösen Schnapphähne füttern? Mir sind meine kleinen, niedlichen Weibchen, die mir aus der Hand fressen, viel ieber."

Ein anderes Mal entschlüpfte Margarete ein bezeichnender Ausspruch: 15 handelte sich um einen zahmen Sperling, der sich ganz an das Haus­mädchen angeschlossen hatte und ihr überallhin, sogar auf die Straße, olgte. Das kleine, etwas traurige Tierchen barg sich stets im Kopftuch einer Freundin oder saß zwitschernd auf ihrem Kopfe. Margarete wollte mch gern solch ein Vögelchen haben, aber der, auf den ihre Wahl fiel, oar zu gesund und lebhaft und weniger zutraulich. Daher war sie auf das Rädchen etwas eifersüchtig und sagte eines Tages zu ihrem Mann: Jeannettes Spatz ist mir lieber als meiner, er ist weniger gesund, aber lief zutraulicher."

9.

Eines Tages gingen sie zu Fuß den Ruysbroeker Kanal entlang heim; es dämmerte, die schöne, stille, feierliche Dämmerung eines Iuliabends. Die vollkommene Klarheit des Himmels rief den Gedanken an die Unend­lichkeit wach. In dieser schwermütigen Stunde, wenn die Arbeit endet und die Ruhe beginnt, bemächtigt sich der Seele ein erhebendes Gefühl. Paul lind Margarete begegneten singend heimkehrenden Arbeitern. In die Stadt ;Kommen, hörten sie auch hier Mädchen, Frauen und Kinder vor den austüren singen. Alle diese Lieder klangen in Moll: wie instinktmäßig fingen alle etwas tief. Leierkästen und einige lärmende Rüpel, die gemeine Gassenhauer gröhlten, störten das der Natur dargebrachte Abendständchen, mit dem die armen Leute auf den Flügeln des Gesanges ihren Gefühlen freien Lauf ließen.

Siska und Roosje waren in dieser schwermütigen Stunde beisammen: Aska schmorte Kartoffeln in den Fettresten, die von der Sonntagsmahlzeit übriggeblieben waren. Roosse, eingehüllt in einen alten Schal, der ihre mckten und kräftigen Arme sehen ließ, sah wütend auf das dicke Mädchen, Men Gesicht vom Feuer gerötet war.

Sie hatten gerade eine Unterhaltung beendet, die nach der außer- Nwöhnlichen Erregung Siskas, ihren Bewegungen, die mit ihrer Tätig- Hit in keinem Zusammenhang standen, und nach dem wütenden Ausdruck i» Roosjes Augen lang und heftig gewesen sein muhte.

,Lch verbiete es dir!" sagte Roosje.Wenn du so aufsässig bist, mir ichi zu gehorchen, so werfe ich dich hinaus, und du wirst sehen, wie du ich aus meinem Testament herausfliegen wirst."

Diese Neuigkeit, daß sie, das arme Mädchen, im Testament einer reichen rau bedacht sei, versetzte Siska zunächst in freudige Bestürzung: aber 1 hätte gar zu gern ihrer Herrin den Gehorsam verweigert. In ihrer redlichen Seele entspann sich ein Kampf zwischen dem Wunsche, Roosje lfgen des Testamentes nicht zu mißfallen, und der Gewohnheit, Mar- >rete, die sie liebte, gegen Roosfe zu verteidigen.

Baesin", meinte sie schüchtern,sie wird sehr traurig sein, wenn sie erfährt ... Gewiß, es ist nicht recht von ihr, daß sie Sie nicht besuchen Mimt ... Aber schließlich, sie ist doch ganz jung verheiratet ... Ich hab s Men ja erzählt: Als ich jung verheiratet war, ging ich nur zu meiner Weit und konnte es nie erwarten, meinen Mann wiederzusehen. Aber rchdem muß ich zugeben, daß Frau Margarete ..."

Frau!?" unterbrach Roosse Siskas Erklärung.

Entschuldigen Sie, Fräulein Grietje: trotzdem muß ich zugeben, 9 sie recht hartherzig zu Ihnen ist "

Nicht wahr?"

3a, recht hartherzig, Baesin."

Sie dachte an das Testament.An ihrer Stelle hätte ich das nicht getan; es ist ein Zeichen des schlechten Charakters einer Tochter, die ihre Mutter nicht liebt."

Statt Siska recht zu geben, wurde Roosse vor Wut ganz blaß.

Wiel" schrie sie,du, die ich im Schweiße meines Angesichtes er» nähre Siska wußte, woraus diese Nahrung bestand: in der Woche S.YS-Irarto^eln mit dz, am Sonntag mit einigen Gramm gekochten Fleisches,die du jeden Monat zehn Franken an deine Eltern schickst, öeha Franken, die ich dir gebe ..." Die verdiene ich schwer genug, dachte Siskawie, du wagst es, Grietje schlechtzumachen!? Ich kann sagen, was ich über sie denke, aber nicht d u, du Tellerspülerin."

.Leder tick, was er kann, Baesin, und sicherlich wurden meine Hände *W we-ick) durch das Fett, das an den'Tellern Hebt. Ich liebe Frau Margarete mehr als Sie, verstehen Sie? Sie war gut und lachte mit mir Sie aber schimpfen immer nur auf mich. Wenn Sie noch weiter so grob 3U mir sind, so lasse ich Sie sitzen. Sie und Ihre Teller. Sie haben fein Herz. Wer arbeitet hier für drei, wer wäscht, näht und bügelt, holt alles etn und pflegt Sie wie eine Mutter? Bin ich das nicht? Und Sie werfen mir die armseligen zehn Franken vor, die ich verdiene; woanders kann ich sunfzehn, zwanzig, ja fünfundzwanzig haben, wenn ich wollte. Dafür finde ich überall eine Stelle." Sie streifte ihre Aermel hoch:Wenn man solche Arme sieht, weiß man auch, was sie leisten können. Wenn ich noch bei Ihnen bleibe, obwohl Sie mich wie einen Hund behandeln bann hie ich es nur, weil Sie gut zu Frau Margarete waren. Das beweist daß Sie hier etwas haben." Siska zeigte auf ihr Herz.Sonst, das erkläre ich Ihnen ganz offen: Regt voor de vuist, Recht geht vor Gewalt, sonst ließe ich Sie ohne weiteres sitzen."

Und damit drehte sie Roosje den Rücken zu und legte in ihrer Auf­regung eine Schaufel Kohlen auf die Kartoffeln. Als sie sich bann wieder ytoosje zuwandte bemerkte sie in ihrer Verwirrung nicht die langsam auf den Tisch fallenden dicken Tranen der alten Frau.

Siska!" sagt« sie,geh fort, wenn du willst, laß die arme, alte Mutter ohne Kind allein. Laß mich sterben, laß mich verrecken! Wozu ist man noch nutze, wenn man alt ist? Liebe nur Fraan Margarete, recht so! Aber mich ... Weil meine Tochter mich verläßt, weil alles mich verläßt mußt du mich eben auch verlassen!"

Siska weinte.

Baesin, Herrin, seien Sie nicht traurig. Ich liebe Sie auch, glauben Sie mir. Alles, was ich gesagt habe, war nur im Zorn gesagt."

Sie fiel Roosje um den Hals, und Roosjes Tränen wurden Freuden­tränen, weil sie nicht mehr allein auf der Welt war.

Sie beschlossen nun, in aller Stille auszuziehen und die Gardinen an den Fenstern zu lassen, bis sie anderwärts eine neue Wohnung gefunden haben würden; sie schworen, nie den Fuß über die Schwelle dieses .Lum­pendoktors" zu setzen, der für sich allein die ganze Liebe, alle Gedanken Grieljes in Anspruch nahm, Grietjes, jetzt die so leicht vergeßliche Fraau Margarete.

Als Roosje diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde sie ganz blaß und wollte nicht zu Abend essen, obwohl Siska eiligst mit ihrem eigenen GeldOlie-koekes" gekauft Hatte, um di« durch die plötzliche Beigabe von Kohlen verdorbenen Kartoffeln zu ersetzen.

10.

Nichts deutete bei Margarete darauf hin, daß sie bald Mutter werden könnte, obwohl Juno sie dazu geschaffen zu haben schien, ohne Schmer- zen zu gebären; Paul jedoch war gewiß, bald Vater zu sein, und von nun an stand in seinen Träumen neben der Liebe zu Margarete die Liebe für das zu erwartende Kind.

In dem Gefühle, fein Kind würde die Fehler und Vorzüge der Mutter erben, verfolgte er, wie sich Margaretens Geist im Verhältnis jur Natur entwickelte; er wollte ihr absichtlich nicht die Liebe zur Natur predigen und war jedesmal froh, wenn er bei ihr Verständnis dafür entdeckte. Wenn derKleine" groß genug fein würde um zu be­greifen, würde Margarete in ihm schon den Sinn für das Wahre, Gute und Schöne wecken; Paul war dessen gewiß. Sie besaß jene' stark« Lebensweisheit, die darin bestand, stets an das unaufhörlich unfern Blicken bald erschlossene, bald verschlossene Unbekannte zu denken und doch das Leben so zu nehmen, roie es ist; nicht sich ein anderes ,zu erträumen, sondern von ihm das zu fordern, was er uns geben kann: Arbeit, Mühe und inmitten tiefer und beständiger Freude Seelenruhe und mutige Hoffnung, den Stern und Führer wackerer Herzen.

11.

Eines Tages befanden sich Paul und Margarete an den Ufern der prächtigen Teiche von Rouge-Cloitre. Sie sahen eine weiße Schnecke im