Ausgabe 
1.9.1939
 
Einzelbild herunterladen

bekanntem, Gegend des Verschwindens, Wachsende Stadt. Mystischer Empfang. Herrschaft des jleischlichen Eros/'

Der zweite Band heißtQuinettes Verbrechen", der dritteJunge Liebe", der vierteEros von Paris"*. Da jeder Band der deutschen Uebersetzung im Durchschnitt etwa 300 Seiten umfaßt, kann man sich eine Vorstellung davon machen, was Romains hier in Angriff genommen und zu einem beträchtlichen Teile bereits vollendet hat, welcher Gestalt und welchen Ausmaßes das Bild ist, das sich dem deutschen Leser hier vom französischen Leben der Gegenwart und einer nahen Vergangenheit entrollt: man wird es, wie uns scheint, nicht nur als Roman, als künst­lerische Leistung von erstaunlichem Range zu wüMgen haben, sondern auch als Quelle, als menschliches Dokument, als Spiegel einer uns be­nachbarten Wirklichkeit: nicht nur als Lesestoff, sondern auch, in einem sehr bestimmten, wenn man will: politischen Sinne als Lern- und Wissensstoff. Das Werk, soweit wir es bis jetzt haben kennenlernen kön­nen, hinterläßt, unbeschadet aller Roman-Eigenschaften und dichterischen Werte, den Eindruck des Ehrlichen, Echten, ungeschminkt Sachlichen: man wird, wenn man es liest, den Nachbarn zur Linken näher und deutlicher sehen und kennenlernen. Und es scheint uns heute mehr denn je ein all­gemein europäisches Anliegen zu sein, daß die Völker einander lernen.

Es konnten hier nur ein paar große Umrisse gegeben werden. Aus­führlicher, als es geschehen ist, auf Einzelheiten einzugehen, verbietet sich, jo verlockend es wäre, aus räumlichen Gründen.Die guten Willens sind" werden, so sagt Romain'in der Vorrede,vermutlich das Haupt­werk meines Lebens sein...": fast alles, was er vorher schrieb, darf als Fingerübung, Vorstufe und Entwicklungsstufe gelten. Was es mit dem gemeinsamen Titel auf sich hat, kann in diesem Stadium der Dinge höchstens vermutet werden. Die letzten Sätze der Vorrede im ersten Bande mögen mit den Worten des Dichters andeuten, wohin er zielt, worin er den entscheidenden und bleibenden Sinn im bunten, flimmernden Pa­norama der Gestalten und Schicksale findet, die er vor uns ausgebreitet hat: .. Im Wirrwarr der Willen muß es sicherlich einige geben, welche di« guten Willen sind. Man verlange nicht, daß ich sie mit unfehl­barem Finger im voraus bezeichne. Wie meine Leser werde ich sie nach und nach kennen lernen, indem ich ihre Taten und was aus ihren Taten hervorgeht, betrachte. Ich vermute, die .guten Willen' sind zahlreicher als man glaubt und als sie selber glauben... Mögen sie noch einmal, wann es auch sei, durch eine .frohe Botschaft' versammelt werden und ein sicheres Mittel finden, um einander zu erkennen, auf daß dies« Erde, deren Ruhm und Salz sie sind, nicht untergehe."

Kurische Nehrung.

Von Rudolf Naujok.

Mit der Befreiung des Memellandes ist nun auch der schönste Teil der KurischenNehrung, die ganze nördliche Hälfte mit den bekann­ten Bädern Nidden und Schwarzort wieder ohne Paß und ohne Devisenschwierigkeiten für jeden erreichbar. Jedesmal, wenn der Früh­ling naht, ziehen die beiden Motorschnellschiffe des Norddeutschen Lloyd, Hansestadt Danzig" undPreußen , wie zwei riesige weiße Schwäne nach Norden hinauf. Wer sich ihnen anoertraut, lebt einen Tag mit der blauen Weite der Ostsee, den fernen Dünenketten am Strande und den ewig hungrigen Möven am Heck, das ist wohl Unterhaltung genug. Dann sind die Villen der Zoppoter Kurpromenade plötzlich da, dann die weiten Molen des Pillauer Hafens und schließlich die Steilhänge des Samlandes mit der B'e r n st e i n k ü st e.

Wer mutig ist und Freude an neuen Entdeckungen hat, stößt noch weiter nach Norden hinauf. Dort, wo es einsam wird, säumt die Kurische Nehrung mit sanft geschwundenem Bogen den Rand des Meeres Som- mertage am memeldeutschen Strand! Die klare nordische Luft, die Farben­freudigkeit von Haff und Meer, die weißen, schweigenden Dünen in welt­ferner Einsamkeit, das alles gibt einen guten Rahmen für Ferienfreunde und Feriensehnsucht.

Auf der Landkarte mutet die Kurische Nehrung schmal und zerbrech­lich an, unendlich verlassen, umbraust von dem weichen Wellenlied des Kurischen Haffes und dem monotonen, härteren Gesang des Meeres. Eine gewaltige Wasserscheide, in Urzeiten aus Flußschlamm und Meeres­sand emporgetrieben, voller Unruhe noch heute, ein achter Schöpfungstag. Gierig steigen die Sanddünen aus der Ostsee, und der Westwind treibt sie über flaches, struppiges Vorland. Wo kein Wald ihnen trotzt, ver­schütten sie Saaten und Kirchhöfe, Gärten und Fischerhütten. Was jenseits des Haffes in der weiten Memelniederung das große Frühjahrshochwasser ist, ein ewiger Schrecken der Bewohner, das sind auf der Kurischen Neh­rung di« Wanderdünen. Agnes Miegel singt von ihnen in ihrer berühmten BalladeDie Frauen von Nidden":

Nun, weiße Düne, gib wohl acht, Tür und Tor ist dir aufgemacht, In unsere Stuben wirst du gehen, Herd und Hof und Schober verwehn, Gott vergaß uns, er ließ uns verderben. Sein verödetes Haus sollst du erben, Kreuz und Bibel und Spielzeug haben, Nun, Mütterchen, komm uns zu begraben!" ...

Das Mütterchen Düne spielt wohl gern den Totengräber, und manch­mal, wenn es ihr gefällt, deckt sie auch Friedhöfe, die sie vor zweihundert Jahren verschüttet hatte, wieder auf.

Die wetterharten Gesichter der kurischen Fischer wissen von der Not dieses Lebens. Auf kargem Boden lebt hier ein starkes Geschlecht in ewiger Gefahr zwischen Hoct^üne und Meer.

* Band III, 366 Seiten; Band jV, 298 Seiten; jeder Band kart 3,80 RM., Leinen 4,80 RM. Gesamtausstattung von Prof. E. R. Weiß. Rowohlt Berlag, Berlin W 50, 1936. (200/201.)

Die Kurische Nehrung war lange genug unbekannt. Ihre Herde Landschaft, ihre Sandeinsamkeit, ihr auffälliges Nebeneinander von nordischer Strenge und südlicher Farbenglut entsprach nicht dem Lan».s schaftsgefühl einer Zeit, in der die Damen sich nicht ohne Sonnenschirm I hinauswagten, in der man von jeder Landschaft vorwiegend romantische Lieblichkeit verlangte. Wilhelm von Humboldt, der Bielgereiste, bt< I hauptete zwar schon 1802, man müsse die Nehrung ebenso wie Italien und Spanien gesehen haben, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll. Viele Maler und Dichter haben sich später diese» Hinweis zu eigen gemacht, die Kunst der Palette und eine feine Lyrik haben auf der Nehrung eine Heimat gefunden. Jedes Jahrhundert hck sozusagen seine ihm gemäße Landschaft, und vielleicht ist gerade dies« ernst und unberührte Erdreich zwischen Haff und Meer die Landschaft die dem Menschen unserer Zeit, der durch tausend Erschütterungen gt« gangen ist, etwas von dem ausgleichenden Ewigkeitsgefühl geben kanic, dessen er bedarf.

Am Fuß der Toten Düne, die weithinüber dem blauen Haff steht, schmiegen sich Fischerhütten und Hotels in das Grün des Hochwaldes: Nidden, das schönste Dorf der Kurischen Nehrung. In leuchtende» Farben feiern hier Scharen von Malern Düne und Meer. Auf Ausstel. lungen in Berlin, München oder Düsseldorf stößt man oft auf Nehrung;, bilder: eine Niddener Fischerkate, Elche im Bruch, kurische Kähne mit uraltem Wimpelschmuck, die Hochdüne, der Charakterkopf eines alten furi« scheu Fischers. Man kann sich kein Dorf denken, das so voller künstlerischer Eingebung steckte, so in Farben und Verse getaucht wäre wie Nidder.

Schöner aber noch als alle Kunst ist es, den eigenen lichthungrige» Körper im warmen Sand der Nehrung zu baden, im Rauschen de; Meeres eigenen Träumen nachzuhängen, durch den alten Nehrungswald zu wandern oder in Vollmondnächten über das blaue Haff zu schauen.

Die Hotels, bunt aus Holz und mit weilen Veranden, lehnen sich slil- voll an Wald und Düne. Schenkend und doch dienend scheinen sie hier nicht Mittelpunkt sein zu wollen, sondern nur Mittler zum Erlebnis dieser Landschaft. Ridden und Schwarzort ergänzen sich landschaftlich in glücklichster Weise. Schwarzort war schon in älterer Zeit, da man no«h ] kein Auge l-atte für die herb«, abseitige Schönheit Niddens, berühmt! wegen seines uralten Nehrungswaldes und seiner romantischen Täler undl Höhen. Preil und Per welk sind dann das Einsamste, was man (i<i|| svohl vorstellen kann, nur ein paar behagliche Fischerhäuser bieten hier! ihr Dach, ihre schlichte Räumlichkeit dem, der ihren Frieden liebt. Ausl der Spitze der Kurischen Nehrung, gegenüber dem langhingestrecktenl Memel, dessen Lichter des nachts sich gespenstisch im Haff spiegeln,! liegen Sandkrug und Süderspitze, erfüllt von einem fröhlichen Bade- leben, verschönt von dem Panorama der Stadt, den weiten Hasenanlage« ; und der von zwei Molen begleiteten Mündung des Haffes ins Meer.

Auch die Küste nördlich von Memel hat Bäder von besonderem Reiz. Im Schutz der Nordermole liegt Mellneraggen, das Bad dec! Memeler Vorstädte, stets reich bevölkert mit einem ungezwungenen, malerischen Volksleben. Aus dem Grün der Plantage gucken die weiß- l gestrichenen Holzgerllste der. Seebaken hervor. Vom Dach des See- i Pavillons überschauen wir dann das gewaltige Halbrund der Hafen­einfahrt, man kann, über die Spitze der Nehrung hinweg, den leuchten­den Sonnenuntergang über dem Meer bewundern. Einsam zwischen Wald und zerrissenen Dünen träumt das Fischerdorf Karkelbeck, uni) bann folgt zwischen Heide und Meer ein parkartiger Wald, in dem bi' Villen der Memeler Kaufleute stehen: es ist Försterei. Der baltisch: Höhenzug stößt hier in jähem Abfall ans Meer, der Vorsprung heißt fett alsers herHolländische Mütze". Eine weite, im Spätsommer rote Heide mit Birken und Wacholder löst den tiefen Tannenwald hier ab.

Nimmersatt ist nun wieder das nördlichste Dorf Großdeutschland: und das letzte in der Reihe der memeldeutschen Bäder.Nimmersatt wo's Deutsche Reich ein Ende hat!" hieß es vor dem Kriege aus bem freundlichen Postkarten, die von hier aus in alle Welt gesandt wurden Wenn man hier an einem sonnigen Tage auf den vom Sturm zerrissenem Dünen steht, hört man den schwermütigen Gesang der litauischen Fischern fern auf dem Meer und schaut sinnenden Auges in das alte Baltenlanid hinein...

Eine ewige spendende Sonne leuchtet über die Bäder der Kurischem Nehrung, ein seltsam blauer Himmel wölbt sich über diele Wieseneinsam­keit. Wenn der Spätsommer sein buntes Laub über die Wälder am Ostseestrand breitet, wenn der Altweibersommer um die Gräser in den Dünen spinnt und man wie in lauter Gold dahinschreitet, wird die Land­schaft von einer weltabgewandten Schönheit erfüllt. Das Meer bleibt hier lange bis in den Herbst warm.

Sommerseligkeit.

Von E r n st Rink.

Jenseits aller grauen lauten Straßen liegt das Dorf. Als den Saum beglänzter Bäume heiße Sommerlüfte sanft gewiegt, war es mir, als lächle leise es in einem himmelblauen sonnenglllhen Mittagstraum.

Malven nicken über einen Zaun. Ganz in süßen Duft verströmet sich das Braun des Goldlacks. Bienengesumm, wie tiefer Saiten dunkles Singen, füllt mit Zärtlichkeit die Luft und Brunnen, die ich längst in mir verschüttet wähnte, springen bei all der Sommerseligkeit ringsum.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühljche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.