Ausgabe 
31.10.1938
 
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GieheimZainilieubMer

____ Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1958 ___________ Montag, den 3|. Oktober Nummer 85

ine von

Äitotti

Roman von Rolf Brandt

Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin

12. Fortsetzung.

Christine lag in -em schmalen Schlafzimmer in ihrem Mädchenbett, daß sie in die Atelierwohnung mitgebracht hatte. Sie ließ die Nachttisch­lampe brennen. Sie liebte es, bei dem matten Licht einzuschlafen. Zu Hause hatte sie es niemals gedurft, es hatte jedesmal Aerger gegeben, wenn am Morgen die kleine Lampe brannte.

Sie lag auf dem Rücken und legte die Hände flach auf die Bettdecke. An der Decke über ihrem Kopf war auch ein Wtderglanz des kleinen gelben Lichtscheins.

Ihre Gedanken tanzten. Sie hatte schließlich doch noch ein paar Glas Sekt getrunken, und dann hatte ihr Lady Grace ein scheußliches Zeug zu trinken gegeben, das die Hausfrau selbst besonders liebte.

Ach, Beveridge hatte ja vielleicht rechts Milotti kopierte immer wieder sein gutes Hafenbild, das er gemalt hatte, als er noch beim Seebataillon war. Milotti malte fast nichts Neues mehr, aber er war da, er war im­mer da in dieser furchtbaren Zeit mit seinen hellen Augen, mit seiner Anständigkeit und seiner Sauberkeit. Es tanzte ja alles neben einem, so, als tanze man an Bord eines Schiffes, und am Ende der geneigten Fläche war unruhige See.

Ach, man hatte mitgemacht! Als sie Beveridge kenvenlernte, hatte sie die Gelegenheit ergriffen, in die Gesellschaft zu kommen, in die Schicht dieser Fremden, denen es gut ging und die Geld hatten.

Es ging vielen gut, aber man sah das Elend wachsen. Wie verdorrte Sträucher standen die Bettler an allen Straßenecken. Christine gab viel. Sie gab die neuen Fünfzigmarkscheine und fragte nicht viel danach. Aber man kaufte sich ja damit nicht los. Es gab kein Loskaufen!

Beveridge hatte natürlich auch darin recht: Ueberall in der Welt wird es leichter fein... Mein Gott, ich liebe doch aber Milotti!

Sie sah noch einmal das Gesicht dieser letzten zwei Jahre, die lastende Stille im Hause des Balers, den Kamps um die Malerei, sie sah plötzlich die guten und freundlichen Augen von Professor Rottenbach. Ihr fiel ein, sie hatte es ganz vergessen in diesem merkwürdigen Tanz der Tage: An dem Abend, da sie versprock)en hatte, Milottis Frau zu werden, da war ein merkwürdiges Wort gefallen. Was hakte Professor Rottenbach gesagt? Die Jungen haben, scheint s, mehr Mut als die Alten! So ähn­lich war es gewesen. Aber es lag ein anderer Sinn darin. Sie hatte über den Sinn gar nicht nachgedacht, denn man hatte ja so viel mit sich zu tun und mit dieser irrsinnigen Zeit. _

Jetzt fiel ihr das Wort ein und auch der Sinn. Wenn er etwas für mich übrig hatte, dann war es feine Sache, es deutlicher zu zeigen. Ich war ja verlassen und einsam genug! Wer war denn da für mich? Milotti. Nein, es stimmte nicht ganz: diese nette, runde Frau Hinterzart, die hatte ihr auch Rottenbach empfohlen, die konnte mitten in allem Jammer hinein lachen...

Aber dann war der kleinen guten Schwarzwälderin auch das Lachen vergangen. Sie wußte nicht ein noch aus und hielt die Geldscheine ratlos in der Hand, die Scheine, die mit immer höheren Zahlen bedruckt waren und immer weniger galten.

Mein Gott, wenn der Hexentanz weiterging! Beveridge meinte es, von feiner Seite aus gesehen, ehrlich.

Christine sprach halblaut vor sich hin:Christine Couteß of Beveridge. Ich will nicht, Beveridge! Es ist zu spät! Ich habe Angst, Beveridge! Sie haben es ganz richtig gemerkt, Milotti ist gar nicht hart- Aber ich werde es schaffen. My dear reifen Sie! Es tut ein bißchen weh, wenn Sie reifen. Wenn es auch vielleicht falsch war, daß ich das Glück so haben wollte, wie Milotti aussieht!"

Sie sah hinaus zu dem kleinen gelben Kreis, der wie ein blasses Mond­licht an der Zimmerdecke stand. Sie sagte noch einmal leise vor sich hin: Christine Counteß of Beveridge!"

Milotti stand an der Tür. Er öffnete vorsichtig einen Spalt:Du sprichst im Traum, Liebste. Ist dir nicht gut?

Nein, Hans, mir fehlt nichts."

Sie öffnete die Arme:Komm, Hans, fetz dich zu mir. Mir fehlt gar nichts. Man träumt nur zuweilen sehr sonderbare Träume, mein Lieber!"

Das kleine Schlafzimmer lag nach dem Süden. Die Morgensonne tastete durch die weißen Borhänge. Ein gelber Streifen griff weit in das Zimmer.

Christine faßte nach der Nachttischlampe und schaltete sie aus. Dann erst öffnete sie die Augen ganz. In dem Sonnenstrahl tanzten blaue und graue und silbrige Punkte. Es gab ein Bild von Christoph von Rucktasch, dg fiel so ein Sonnenstrahl in ein Bauernzimmer, von diesem Strahl war das Zimmer seltsam erleuchtet, so, als ob es von der Sonne lebte. Das Bild hing in einem Londoner Privatmuseum.

Ach, es war so schön, in das spielende Licht zu blicken! In der Kammer bei dem Onkel da an der Elbe kam das Licht durch grüne Fensterläden, in die war ein Herz geschnitten, und davor schwankte ein Rebenzweig von Wildem Wein.

Die Sehnsucht nach den grünen Wiesen und den Apfelbäumen und den weiten weißen Wolken stieg brennend hoch in Christine. Ach, diese Welt, in der man lebte, war grausig. Ein Schmerz saß ihr in der Kehle, Immer starker. Er wurde plötzlich körperlich, sie fühlte ein Würgen im Hals, das Herz schlug ein wenig schneller, es war wie ein Brechreiz. Ihr ganzer Körper zitterte unter dem würgenden Druck.

.. . Sie konnte nicht liegenbleiben, sie nahm den Morgenrock um und setzte sich iw Atelier in den Sessel am Fenster. Ein ganz zartes Morgenlicht lag über dem Platz. Die fernen Häuser waren wie mit einem dünnen Silber­streifen umzogen.

Die Uebelteit wurde stärker ...

3Ran sollte alles lassen, ein kleines Haus irgendwo draußen ... Sie rieft Milotti!" 1

(Sie fühlte, wie ein dunkler Vorhang immer näher wehte und sich nun vor die Augen legte ...

Der alte Geheimrat kam, sie mußte beschreiben, wie der Anfall ge­kommen sei.

Milotti wurde aus dem Zimmer geschickt, der alte Mann lächelte: Meine liebe Frau Christine, Sie erwarten ein Kind, ich gratuliere Ihnen!"

Nun sah das Leben anders aus! Man mußte Pläne machen für eine Zukunft, die nicht mehr so sein durfte wie die Gegenwart, abhängig von jeher Laune des Tages.

Christine überlegte, ob man nicht für das Geld, das sie von dem Discount erwartete, ein kleines Haus erwerben sollte mit einem Garten. Das Kind sollte es anders haben als sie: Sonne und Lachen, glückliche Eltern und eine frohe Zeit.

Aber die Lebensangst, die in dieser Nacht plötzlich emporgestiegen war, wurde starker. Es würde die Zeit kommen, da sie nicht mehr malen konnte. Was wurde bas für eine merkwürdige Zeit fein? Dann lag alles auf Milotti. 1

Sie hatte eigentlich gedacht, Milotti von der Eröffnung des Sanitätsrats nichts zu sagen. Er würde sich freuen, aber er würde auch sofort seine Sorgfalt um sie verdoppeln. Er würde viel zuviel Zeit für sie hingeben.

Ganz allein fein mochte ich eigentlich, dachte sie. Nur zuweilen Hans sehen und ihm die Hand geben. Nicht einmal küssen dürfte er mich Daß die Männer alle so gern küssen!

Ist) glaube, die Männer verstehen überhaupt alle nichts von der Liebe!

Milotti benahm sich so ähnlich, wie es Christine erwartet hatte. Er nahm sie in feine Arme und bedeckte ihr ganzes Gesicht mit vielen Dutzend kleiner und schneller Küsse, bann fuhr er auf:Ach, Christine, 'ch habe bich erschreckt! Christine, weißt bu, es ist zu toll, es geht nicht anbers, ich muß irgenb etwas tun!"

Dann tanzte er um bie Staffelei unb fang bazu ein Lied, das fo uhnlich klang wie der Kriegsgesang der Siouxindianer ober Huronen. Er ging plötzlich auf ben Hacken burch das ganze Atelier, schwang sich um sich selbst herum, als sei er ein berühmter Tänzer. Dann stand er wieder vor Christine.

Ohne jeden Uebergang, noch ein wenig schwer atmend, sagte er: -Wir müssen ein kleines Haus im Grünen kaufen, ein kleines süßes Haus für bas kleine, süße Mäbchen."

Ein Mädchen?" sagte Christine.Aber, Milotti, warum ein Mädchen?"

"Aber, Christine, bu bist doch ein Schaf! Ein Mäbchen, bas dir ähn­lich steht! Mit großen grauen Augen und einem frechen, großen Mund."

Schaf verbitte ich mir!"

..Du hast mir gar nichts zu »erbitten! Sage mir lieber, was der Arzt erklärt hat."

Er hat dasselbe gedacht, was du gesagt hast, .kleines Schaf, man merkte es ihm an. Dann hat er gesagt, daß ich sehr viel spazierengehen soll und nicht zuviel essen."

Warum?" fragte Milotti.

..Das fei bie Erkenntnis ber modernen Medizin. Du kannst ihn ja selbst fragen, warum, bu ahnungsloser Bursche du!"

Milotti zog plötzlich das Jackett aus und den Malerkittel wieder an, ging zur Staffelei und begann eifrig zu malen.