Dies war die Geschichte, die Mathias Wendt mir erzählte,
„Darf man an die Stelle des Namen Thomas den Namen Mathias setzen?" fragte ich neugierig,
„Man darf!" lachte Mathias Wendt, „Ich habe Ihnen die Geschichte' meiner eigenen, sehr glücklichen Ehe preisgegeben. Sie sehen daraus, daß unsere Liebe niemals so schöne Früchte getragen hätte, würde die Liebe von Ursula in ihrer Blindheit sich nicht selbst über die Zeit, da meine Zuneigung erloschen schien, hinweg geholfen haben.
Gewohnt, getan.
Von I, W, v o n G o e t h e.
Ich habe geliebet, nun lieb' ich erst recht!
Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht, Erst war ich der Diener von allen, Nun fesselt mich diese scharmante Person, Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen.
Ich habe geglaubet, nun glaub' ich erst recht!
Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht Ich bleibe beim gläubigen Drben:
So düster es oft und so dunkel es war In drängenden Nöten, in naher Gefahr, Auf einmal ist's lichter geworden,
Ich habe gespeiset, nun speis' ich erst gut!
Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut
Ist alles an Tafel vergessen.
Die Jugend verschlingt^nur, dann sauset sie fort; Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, Ich kost' und ich schmecke beim Essen,
Ich habe getrunken, nun trink' ich erst gern!
Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn Uyd löset die sklavischen Zungen,
Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß: Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, So altern dagegen die jungen.
Ich habe getanzet und dem Tanze gelobt.
Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, So drehn wir ein sittiges Tänzchen, Und wer sich der Blumen recht viele verflicht. Und hält auch "bie ein' und die andere nicht, Jhni bleibet ein munteres Kränzchen,
Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht: Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht,. Den kitzeln fürwahr nur Vie Dornen, So heute wie gestern, es flimmert der Stern; Nur halte von hängenden Köpfen dich fern ''nd lebe dir immer von vornen.
Eisberg im Nebek.
Bon Alfred von Härtlein.
Ein auf hoher See befindlicher Ozeandampfer hatte auf seinem Kurs treibende Eisberge gesichtet, noch dazu auf einer wenig befahrenen Route, die um diese Zelt noch als absolut sicher galt, und sofort die entsprechende Meldung weltergefunkt. Da gleichzeitig leichter Nebel aufzukommen begann, bemühten sich Kllstenstationen, mit den gefährdeten Schiffen in Verbindung zu treten. Dies gelang auch in allen Fällen, mit einer einzigen Ausnahme:
Die „Bostonia", ein alter Trampdampfer, der nur ausnahmsweise auf Europafahrt eingesetzt worden war, hatte auf'bie Signale nicht geantwortet. Er führte keine Rädioanlage mit sich, und man mußte annehmen, daß die Funkentelegraphiestation gestört sei. Dabei befanden sich 75 Passagiere auf Zwischendeck, und ihr'Kurs führte gerade auf jenen zu, den man-für die fast unsichtbar dahintreibenden Eisberge bezeichnet hatte. Die Lage war somit außerordentlich kritisch. Tatsächlich waren von der Marinestation schon Militärflieger eingesetzt worden, aber der Besitzer der kleinen Transozeanlinie, der der alte Kasten gehörte, hatte sich doch auch an uns um einen Flieger gewandt.
Ich bin an der Reihe und melde mich ohne größere Begeisterung, aber Dienst ist Dienst. Dann ist meine Maschine klar, und ich nehme Kurs aus Europa. Ich überfliege Neuyork — unser Privatflughafen liegt westlich der City. Tief unten stauen sich die Wagen in den Avenuen zu endloser Kette. Dann bin ich über der Küste, konstatiere, daß die Freiheitsstatue eine weiße Mütze aufgesetzt hat. Der Ozean. — Ein paar kleinere Dampfer und Barkassen quirlen noch umher, dann nur mehr die endlose, graue Fläche, über die der Schatten meines Apparates dahinfegt
Die „Bostonia" befindet sich seit annähernd 20 Stunden in See, Glücklicherweise läuft die alte Kiste nicht allzu schnell, und wahrscheinlich kann ich in ein paar Stunden aufholen. Immerhin muß ich dann auch noch zuriickkommen. — Aber meine Tanks find für fast zehn Flugstunden gefüllt; das muh^ jedenfalls reichen.
Ueber zwei Stunden sind vergangen. Ich muß scharf auf den Kurs achten; ein lästiger Seitenwind treibt mich immer wieder ab. Ein paar mal habe ich auch Schiffe gesichtet. Die „Bostonia" war nicht darunter. m Obwohl nach Heller Mittag sein sollte, wird die Sicht immer schlechter. Nebel! Er macht die Lage bedenklich.
Wie soll ich auch im schweren Nebel, der hier zu drohen scheint, den Dampfer finden, den ich nicht einmal anfunken kann? Und allzu viel Zeil darf ich aus der Suche auch nicht verlieren ...
Plötzlich bekomme ich im Kopfhörer Morfesignale.
Es ist der eine der eingesetzten Militärflieger. Ich melde mich. Er hat den Dampfer bisher nicht finden können, da dieser vom Kurs abgewichen zu sein scheint. Der andere Flieger mußte zurück; leichte Störung in der Benzinzufuhr, weitere Suche daher gefährlich. — Mein Gesprächspartner selbst will noch eine halbe Stunde weiter suchen, dann wird auch er zurückmllssen. Sein Abkionsradius war um etwa zwei Stunden geringer als der meine.
Wir einigten uns auf das Terrain, das wir abfuchen wollten, dann verstummten die Signale.
Ich suche weiter. Eine Stunde ist vergangen. Der Nebel nimmt schon fast jede Sicht. Richtige Waschküche. Da meldet sich auch der Militärflieger wieder. Muß jetzt endgültig zurück. Höchste Zeit. Rät mir, dasselbe zu tun. —
Soll ich wirklich aufstecken? Schließlich habe ich fast zwei Flugstunden ihm voraus. Und dann: die 75 auf Zwischendeck!
Ich verabschiede mich, fliege weiter. Meine Kufen — eigentlich sollen es gleichzeitig Schwimmer sein, aber bei diesem Seegang sind sie's wahrscheinlich nur für zehn Minuten — streifen fast die Wogen. Ein paar Leuchtraketen Verzischen im dichten Nebelbrei.
Meine Brennstoffuhr zeigt noch knapp die Menge, die für den Rückflug reichen soll. Sicher ist auch das nicht mehr. Also aus. Kehrt. — Und die 75 ...
Der Nebel ist hier nicht mehr so dick, man sieht wenigstens wieder ein paar -hundert Meter. Die letzten Raketen zischen ins Leere. Eigentlich sinnlos.
Da zischt aus der nächsten Nebelbank ein Heller, farbiger Schein hervor. Sollte eine meiner Raketen sich zu spät entzündet haben? Nein, da ist doch der Schein wieder. Und-gleichzeitig kann ich auch unten einen großen dunklen Schatten ausnehmen.
Das muß die „Bostonia" sein!
Sie ist es wirklich! Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren. Wenn es nicht schon zu spät ist.
Mein Apparat kreist über dem schwarzen Trampdampfer. Menschen lehnen an der Reling, blicken wahrscheinlich erstaunt zu mir heraus. Ich morse mit dem Scheinwerfer hinunter: „Achtung — Eisberge — in — eurem — Kurs! — Achtung!"
Ich muß solange morsen, bis man mir von unten „Verstanden* signalisieren wird.
„Achtung! — Eis ..." Ich signalisiere automatisch. Aber meine Augen blicken längst nicht mehr auf das Schiff, um das Antwortfignal zu sehen. — Was schiebt sich uns da vorne, vom Nebel fast verhüllt, genau im Schiffskurs entgegen?
Weiße, gigantische Blöcke, wenige Meter aus dem Wasser ragend, von unten wohl fast unsichtbar, noch dazu in diesem Moment, wo alle Blicke auf dem Schiff zu dem merkwürdigen Vogel in der Luft über ihnen gerichtet find.
Der Dampfer aber fährt mit voller Kraft auf den weißen Tod 'zu! Durch Sekunden, die hier entscheidend über Tod und Leben sein können, zermartere ich mir meinen Kopf um einen rettenden Einfall. Dann stoße ich mit Vollgas auf die weiße, drohende Gefahr hinunter,-'die ich die Menschen da unten sehen machen muß ...
Kaum zweihundert Meter trennen das ahnungslose Schiff noch von seinem Verderben, während ich die Eisberge, die ich säst mit den Krisen streife, zu umkreisen beginne. Noch 100 Meter, 50 ... Ich muß den Apparat in die Höhe reißen. —
Da endlich geht ein Zittern durch den Schiffsrumpf, die Maschinen arbeiten mit ganzer Kraft zurück, und der Dampfer gleitet zur Seite, während sein Bug den Eiskoloß fast zu berühren scheint.
Die Leute auf der Reling und auf der Brücke winken begeistert. Es muß ein schöner Schreck gewesen sein. Ich habe jedenfalls keine Zeit, darauf zu achten; mein Blick sucht den Benzinmesser. Wird es reichen? Kaum. — Aber hier landen und mit dem alten Kasten nach Europa gondeln? Da würde zumindest mein Apparat draufgehen und bei diesem Seegang ziemlich wahrscheinlich auch ich selbst.
Also: Kurs Neuyork ...
Bier Stunden sollte der Benzinvorrat reichen; zumindest hat das beim Rückflug die Benzinuhr behauptet, die auf Flugstunden geeicht ist. Jetzt ist der Zeiger längst unter den ersten Strich der Stundeneinteilung gesunken; darunter zeigt er nicht mehr verläßlich.
Ziemlich peinlich, hier voraussichtlich zu ersaufen, denn zum Schwimmen ist es doch etwas zu kühl.
Wenn ich den Apparat schwer aus die Seite lege, setzt schon die Benzinzufuhr aus, und der Motor beginnt zu husten. Ich rechne mir aus, daß ich mich höchstens noch zwanzig bis dreißig Minuten in der Luft halten kann. Scheußliches Gefühl. Daran kann auch der Gedanke an die fünfundslebzig nichts ändern, die jetzt wahrscheinlich wirklich auch ohne Funkstation nach Europa kommen werden.
Dabei sollte ich eigentlich nicht mehr allzu weit von der Küste entfernt fein, und doch kann ich weit und breit kein Schiff ausnehmen. Dafür glaube ich ein paarmal Wrackteile auf dem Wasser treiben zu sehen. Da kommt mir auch die Erleuchtung: hier muß ein furchtbarer Orkan vorbeigerast [ein, der die See so reingefegt hat.
Ich habe jetzt an anderes zu denken:
Der Motor fängt verdächtig zu husten an, um sich dann noch einmal zu erholen. Ich weiß, daß jetzt die letzten Kraftreserven in die Zylinder gepumpt werden. Die letzten ...
Minuten später sehe ich aber die Freiheitsstatue. Auf dem Flugfeld brauche ich den Motor nicht abzuftellen. Die Maschine hat den letzten Tropfen Benzin verbraucht und setzt ganz van selbst vor den Hangars aus. Meine Vermutung wegen des Orkans bewahrheitete sich. Auch' der arme Teufel von Militärflieger, den ich auf der Suche getroffen habe, ist ihm zum Opfer gefallen. Wäre ich umgekehrt, hätte es mich wahr- fcheinlich auch erwifcht ...
D«r«ntwortlich: Dr. Han« Thyriot. — Druck und Brrlag: Drühlsche Universität»drucker«i R.Lange, Gießen.


