Aus der Jugendzeit.
Von Friedrich Rückert.
Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar;
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war!
Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang, Die den Herbst und Frühling bringt. Ob das Dors entlang, ob das Dors entlang Das jetzt noch klingt?
„Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer."
O du Kindermund, o du Kindermund, Unbewußter Weisheit sroh, Vogelsprachekund, vogelsprachekund, Wie Salomo!/
O du Heimatslur, o du Heimatflur, Laß zu deinem Heilgen Raum Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur Entfliehn im Traum!
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm. War die Welt mir voll so sehr;
Als ich wiederkam, als ich wiederkam, War alles leer.
Wohl die Schwalbe kehrt, wohl die Schwalbe kehrt. Und der leere Kasten schwoll;
Ist das Herz geleert, ist das Herz geleert, Wird's nie mehr voll.
Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt
Dir zurück, wonach du weinst;
Doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singt Im Dorf wie einst:
„Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam. War alles leer."
Blinde Liebe.
Von B. B r a n d e i s.
Unserem Tisch gegenüber saß ein Liebespaar. Der Mann mochte um fast zehn Jahre älter sein, als das Mädchen; sie trugen Derlobungsringe. Das Mädchen hatte große, dunkle Augen, deren Glanz keine Sekunde lang erlosch. Manchmal lehnte es seinen Kopf in einer sehr zärtlichen und raschen Bewegung gegen die Brust des Mannes, der dann darüber hinweg einer anderen Frau zulächelte. ,
Diese andere Frau saß auf dem Podium der Musikkapelle, und wenn sie nicht gerade Cello spielte, erwiderte sie den Blick des Mannes.
Das Glück des verlobten Paares, das auf den ersten Blick so vollkommen erschien, erwies sich auf den zweiten als ein Betrug, den der Mann in aller Offenheit beging, und der von allen anderen, außer dem Mädchen, bemerkt wurde.
Selbst bann, als der Mann, gleichzeitig während die Kapelle große Pause hatte, vom Tisch aufstand, für zehn Minuten verschwunden blieb und noch zufrieden« lächelnd als zuvor, zurückkehrte, war das Mädchen in gleicher Weife ahnungslos zärtlich.
Mathias Wendt zeigte für mein Empfinden, daß der Anblick dessen, was wir nun schon seit einer halben Stunde beobachten mußten, ein erfreuliches Verbleiben in diesem Lokal ausschließe, volles Verständnis. Aber als ich dann, nachdem wir uns in anderer Umgebung wieder gemütlich eingenistet hatten, immer noch davon sprach, wie sehr das arme Mädchen, das in seiner Liebe mit Blindheit geradezu geschlagen sein müsse, zu bedauern sei, erwiderte er vollkommen ruhig, daß ich mich mit meinem Urteil im Irrtum befinde.
„Das Mädchen kann man nur beglückwünschen", sagte er.
„Beglückwünschen — weil es betrogen wird?"
„Weil es blind verliebt ist und blinde Liebe gewisse Voraussetzungen für eine glückliche Zukunft in sich birgt", antwortete er lächelnd.
Ich wußte, daß Mathias Wendt überaus glücklich verheiratet war Er konnte also in Wahrheit nicht gut annehmen, daß eine Ehe zwischen dem Paar, das wir beobachtet hatten, wenn sie überhaupt zustande kommen würde, auch nur im entferntesten glücklich sein könnte.
„Vielleicht ist das, was Sie für ausgeschlossen halten, sogar wahrscheinlich", erwiderte Mathias Wendt geheimnisvoll. „Ich denke, es ist nicht sehr abwegig, die Liebe mit einem sehr zarten, teils sogar noch unergründeten und jedenfalls äußerst empfindsamen Organismus zu vergleichen. Wenn nun der Mensch blind verliebt ist, könnte dann dieser Zustand, über den wir im allgemeinen nur lächeln oder voll Mitleid sind, nicht ebenso gut nur eine Schutz- und Abwehrmaßnahme der Liebe darstellen so, wie ja auch der menschliche Organismus sich selbst, zum Beispiel durch das Fieber, gegen schweren Schaden zu helfen weiß?"
Wendts Ausführungen schienen sich zu überspitzen, ich war stoh, als er nnfina, zu ihrer Begründung eine Geschichte zu erzählen:
Ein Mann, siebenundzwanzig Jahre alt, war seit einem Jahr mit einem Mädchen verlobt, das Ursula hieß, nicht schön und nicht häßlich war, aber ein aufrichtiger und guter Kamerad. x
Thomas, so hieß der Mann, spürte längst, daß seine anfangs heiße Liebe zu Ursula von Tag zu Tag lauer wurde, und als er sich, ohne zu
;en war,
sogar hätte Aber Recht jedes einer
vor sich stehen.
„Da bist du ja, und ich wollte dich gerade anrufen", sagte er überrascht. „Ich muß dich etwas fragen."
„Fräulein Nivell ist doch nicht gekommen, obwohl schon über eine Stunde vergangen ist", stellte Ursula fest.
„Sie kommt doch überhaupt nicht!" antwortete Thomas.
Ursula ging, als fei dies das Selbstverständlichste von der Welt, voran. Während sie die große Treppe hinaufstiegen, sprachen sie kein Wort Auch dann noch nicht, als sie wieder im Zimmer standen.
Ursula strahlte vor Glück. Sie legte sich mit weichen Händen den zitronengelben Seidenschal immer wieder um den Hals und hatte Freu- dcntränen in den Augen.
Thomas stand verlegen am Fenster und wußte nicht, wie er in diesem Augenblick die Frage nach dem Manuskript anbringen konnte.
„Ich danke dir", sagte Ursula nach einer Weile. „Ich wußte ja, daß du diesen Tag, an dem wir uns vor einem Jahr verlobt haben, nicht vergessen wirst. Wenn du auch in letzter Zeit nicht mehr sehr nett warst zu mir; ich kann es verstehen, daß dich deine Arbeit nervös machen muß. Und der Scherz mit diesem Fräulein Nivell, den du dir ausgedacht hast, hat deine Ueberrafchung für mich wirklich noch viel größer werden lassen, obwohl ich, als ich dich aus der Haustür treten sah, natürlich sogleich gewußt habe, daß du mich jetzt rufen wirst."
„Mein Gott!" dachte Thomas, „sieht sie denn nicht, daß der Schal überhaupt nicht für sie paßt, für ihre helle Gesichts- und Haarfarbe; während doch Lilian mit ihrem schwarzen Haar entzückend damit ausfehen würde."
Ursula legte Thomas, der wieder verlegen zum Fenster hinausfchaute, ihre Arme sanft um den Hals.
„Bist du böse, weil ich ein wenig eifersüchtig war und vor der Haustür gewartet habe?" fragte sie leise. „Oder hattest du, als ich fort- . ging, angenommen, ich würde wirklich nicht wiederkommen?"
,Lch hatte es erwartet", antwortete Thomas und atmete schwer.
auszusprechen.
Aus seinem Verhalten, seinen Launen, die einen manchmal unfreundlichen gereizten Ton zwischen ihnen aufkommen ließen, Ursula längst erkennen müssen, wie wenig Thomas sie noch liebte, anstatt aufzubegehren, ihn zur Rede zu stellen, was ja ihr gutes gewesen wäre, wurde sie nur noch nachsichtiger und überhörte seiner Worte, das hart war, oder das ihr Verhältnis zueinander in freundschaftlichen Weise hätte klären können.
Eines Nachmittags aber kam Thomas seinem Ziel mit einemmal
sehr nahe.
Ursula hatte wieder für ihn geschrieben, er diktierte den letzten Satz, und fast ohne abzusetzen sagte er: „Es geht nicht mehr so weiter, Ursula. Du arbeitest meinetwegen im Büro nur halbtags, erleidest damit einen Lohnaussal'l, den ich dir, da ich ja kaum etwas besitze, und es voraussichtlich noch lange so sein wird, niemals ersetzen kann. Es ist also besser, du kommst von morgen ab nicht mehr zu mir."
„Und wer wird dir bann in Zukunft beine Sachen schreiben?" fragte Ursula überrascht. „ „
„Ich werde mich wohl selbst dahintersetzen müssen , anroortete er unsicher. „Das heißt, vielleicht auch nicht, wenn es mir gelingt, Fräulein Nivell für meinen Vorschlag zu' gewinnen. Fräulein Nivell ist Schauspielschülerin, hat nur vormittags Probe und könnte bann am Nachmittag, dadurch, bah sie sich mit meinen Manuskripten beschäftigt, in ihrem Fach sozusagen Sondersiudien obliegen."
„Dann werden wir uns wohl nicht mehr allzu oft sehen?' fragte Ursula mit tonloser Stimme.
„Das liegt bei dir, Ursula, ob du noch Zeit haben wirst? meinte er verlegen. „Im übrigen kommt Fräulein Nivell heute nachmittag noch zu mir, ihre Entscheidung für meinen Vorschlag zu bringen. Wenn du vielleicht noch eine halbe Stunde warten möchtest, könntest du sie kennenlernen." .
„Ich werde jetzt gehen und nie wieder kommen", sagte sie heftig.
Und ging. —
Thomas atmete auf. Er wußte, baß er sich mehr als schändlich benommen hatte, empfand Abscheu vor sich'selbst; aber wie hätte er dem Verlangen seines Herzens widerstehen können? Schon zählte er die Minuten, die noch vergehen mußten, bis Lilian Nivell eintreten würde. Er hatte die Wahrheit gesagt, Lilian war wirklich Schauspielschülerin, nur hatte er verschwiegen, wie viel schöner sie war als Ursula und noch wie viel geistreicher und witziger.
Thomas hatte gerade den zitronengelben, seidenen Schal aus dem Versteck hergeholt, den er für Lilian gekauft hatte, und der für feine Verhältnisse viel zu teuer war, als er überraschend von Lilian eine Absage erhielt. Thomas Wohnungsnachbar, der ein Telephon besaß, übermittelte ihm Lilians Nachricht, daß sie plötzlich verhindert sei zu
wissen, wie es kam, plötzlich in ein anderes Mädchen verliebt hatte, blief» ihm kein anderer Ausweg mehr, als sich von Ursula zu trennen.
Allerdings wurde es ihm nicht leicht, die Trennung durchzuführen.
Thomas war Bühnenschriftsteller, und Ursula klapperte für ihn auf der Schreibmaschine die Manuskripte ab. Sie zeigte auch sonst großes Interesse für feine Arbeiten, war ihm saft unentbehrlich geworden, und da Thomas zudem ihre unveränderte tiefe Zuneigung zu ihm nicht außer acht lassen konnte, fiel es ihm doppelt schwer, das entscheidende Wort
kommen. . v
Thomas tröstete sich so gut es ging, er wußte ja, daß Lilian, wenn nicht heute, so doch morgen kommen würde, und nach einiger Zeit entschloß er sich, noch ein wenig zu arbeiten. Er war nicht erfreut darüber, feststellen zu müssen, daß das Manuskript, an dem er vor einer Stunde noch diktiert hatte, unauffindbar blieb. Wahrscheinlich hatte es Ursula in ihrer Erregung an einen vollkommen ungewohnten Platz gelegt," ober aus Versehen sogar in ihre Mappe gesteckt und mit nach Hause genommen.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Urfula bei ihren Eltern an- zurufen. Und ba der Wohnungsnachbar inzwischen weggegangi- mußte Thomas zu dem nächsten Münzfernsprecher auf der Straße gehen.
Ein paar Schritte von der Haustür entfernt, sah er plötzlich Urfula


