Tochter allerdings nun reif fei für das Glück und auf den Markt ge­bracht zu werden. Er war nicht gesinnt, das Kieinod sich von unbekannter -and abjagen zu lassen, sondern wollte mit offenen Augen dabei sein und vor allem eine gehörige Schaustellung veranstalten. Um gleich ms «eug zu gehen, beschloß er, mit der Tochter die Bäder von Baden zu besuchen, die wegen der schönen Psingstzeit gerade voll Gäste waren. Sie mußte ihre schönsten Kleider einpacken, die sie in Zurich wegen der Sittenmandate nicht einmal sehen lassen durfte, und so zogen ste zu­sammen ohne Säumen im Hinterhof zu Baden ein, der gleich den andern Gasthäusern schon von Fremden angefüllt war. Damit hatte die väter­liche Aussicht Gimmels aber auch ihr schnelles Ende erreicht; denn er suchte und fand augenblicklich genügende Gesellschaft trinklustiger alter Soldaten und überließ die Tochter Wendelgard gänzlich sich selber.

Zufälliger, aber auch glücklicherweise befand sich im gleichen Badhofe Figura Leu im Begleit einer älteren Dame, die wegen Gliederschmerzen die Bäder brauchte. Sie war jetzt in den Jahren auch schon ein wenig vorgerückt und tat noch mehr als früher, was sie wollte. Als sie die schöne und durch ihre Schulden berühmt gewordene Wendelgard sah und wie diese in ihrer Verlassenheit nichts mit sich anzufangen wußte, zog sie dieselbe in ihre Gesellschaft und vertrieb sich selbst die Zeit damit, das seltsam«, eigenartige Geschöpf, in welchem die Schönheit ohne alle andere Zutat persönlich geworden schien, zu studieren und kennenzu­lernen. Sie gewann bald das Vertrauen des Mädchens, das die Wohltat solchen Umganges noch nie erfahren hatte, und so wußte sie auch schon am ersten Tage von dem Verhältnisse zu Salomon Landolt und der siebentägigen Bedenkzeit. Am zweiten Tage hielt sie es auch schon für das schwerste Mißgeschick, welches dem unvorsichtigen Freier zustvßen könnte, wenn er das Mädchen gewänne. Sie wußte selbst nicht recht, warum? Sie hatte nur das Gefühl, als ob Wendelgard keine eigentliche Seele hätte. Dann dachte sie aber wieder, so sei sie ja ein reines weißes Tuch, auf welches Salomon schon etwas Leidliches malen werde, und alles könn« sich noch ordentlich gestalten. Bekümmert über ihre eigene Unsicherheit beschloß sie plötzlich, eine Art Gottesgericht und Feuerprobe entscheiden zu lassen, wozu die unverhofft angekündigte Erscheinung ihres Bruders Martin ihr den Gedanken gab. Er stand schon seit fünf Jahren als Hauptmann in dem Züricherregimente zu Paris und war ein in allen Künsten erfahrener Gefell, besonders auch ein vorzüglicher Komö­diant in den Haustheatern der Pariser Gesellschaft geworden. Der Kapi­tän Gimmel und seine Tochter hatten ihn noch nie gesehen, und übrigens verstand er sich auch für andere unkenntlich zu machen, denen er wohl bekannt war. Auf diesen Umstand gründete Figura ihren Plan, und sie wußte dem Bruder, als er jetzt, unversehens in di« Heimat auf Besuch gekommen, auf dem Wege von Zürich nach Baden war, heimlich ent­gegenzureifen und ihn eilig für ihr Projekt zu unterrichten und zu ge­winnen; denn er nahm fast eben so viel teil an dem Wohlergehen, seines wackeren Freundes, wie seine Schwester. Sie aber hatte große, Eile, weil von den sieben Tagen schon vier verflossen waren und sie wohl merkte, daß Wendelgard kein Nein von sich geben werde.

So verzögerte denn Martin Leu seine Ankunft bis zur angebrochenen Dunkelheit, während Figura schnell vorauseilte und tat, als ob nichts geschehen wäre. Ueber Nacht traf er seine Vorbereitungen und trat am anderen Tage als ein unbekannter Fremder auf mit großen und ge­heimnisvollen Allüren. Wie durch Zufall machte er sich, sobald er orien­tiert war, an den Kapitän und ließ denselben, indem er eine Flasche mit ihm trank, sofort im Würfelspiel ein paar Taler gewinnen, wobei er es aber bewenden ließ. Dann lustwandelte er auf den öffentlichen Spazierwegen und am Ufer des Flusses, während Figura auf listige Weife das Gerücht verbreitet hatte, der Fremde sei ein französischer,Herr, der eine halbe Million Livres Renten besitze und durchaus eine prote­stantische Schweizerin heiraten wolle, da er selbst dieser Konfession an­gehöre. Er sei schon in Genf gewesen, habe aber nichts gefunden, und wolle nun nach Zürich gehen, vorher aber sich ein wenig in Baden umsehen, wo, wie er erfahren, zu dieser Zeit ein ausgesuchter Darnen- flor sich sehen lasse.

Der Kapitän kam schleunig und gegen seine Gewohnheit schon vor Tisch nach Hause, das heißt in den Gasthof, gelaufen und holte di« Tochter, die sich herausputzen mußte, zur Promenade. Er führte sie sogar am Arme und tat mit seiner Karfunkelnase so geziert und breitspurig, daß die Hunderte von Spaziergängern von seiner Possierlichkeit nicht minder erheitert, als von der Schönheit Wendelgards erbaut waren.

Als er aber dem reichen Hugenotten begegnet«, gab es einen noch größeren Auftritt und einen langen Wechsel von Komplimenten und Vorstellungen. Martin Leu brauchte kein Erstaunen Über Wendelgards Erscheinung zu heucheln, da er es in der Tat empfand; doch sah er $u gleicher Zeit auch, wie notwendig es sei, den Freund Salomon dieser Gefahr zu entreißen. Er bot ihr den Arm und führte sie an des Vaters Stelle zur Tafel, wo Figura wie verschüchtert hinblickte und alle die zier- vollen Szenen zu bewundern schien, die sich nun ereigneten.

Nur wenige Minuten sprach Wendelgard nach dem Essen mit ihr, weil eine Lustpartie nach Schinznach stattsinden sollte, wo eine nicht weniger vornehme Welt versammelt war. Kurz, Martin machte am ersten Tage seine Sache so gut, daß Wendelgard am späten Abend zu Figura Leu geflogen kam und ihr atemlos mitteilte, es werde sich etwas er­eignen, der Hugenott habe sie soeben gefragt, ob sie nicht lieber in Frankreich leben möchte, als in der Schweiz. Und dann habe er ge­sprächsweise gefragt, wie alt sie fei, und eine Stunde früher geäußert, wenn er je heirate, so werde er keinen ^Denar Mitgift von der Frau nehmen. Und der Vater habe ihr bereits befohlen, dem Bewerber so­gleich ihr Jawort zu geben, wenn er sie frage.

Aber, liebes Kind", bemerkte Figura,das alles will noch nicht viel sagen. Nimm dich doch in acht!"

Wendelgard aber fuhr fort:Und als wir Über eine Stunde allein zusammengingen, hat er mir die Hand geküßt und geseufzt."

Und dann hat er dich gefragt?"

Nein, aber er hat geseufzt und mir die Hand geküßt."

Ein französischer Handkuß! Weißt du, was das ist? Gar nichts."

Geschichte jedoch nicht zu Ende. Denn Martin Leu und der Uebermut, die seltsame Schönheit erst jetzt

Wochen dort; dann und unverträglicher hielt sich verborgen. Damit war die

reiche Hugenott natürlich in Baden verschwunden war, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Der Kapitän und Wendelgard weilten noch zwei kehrten sie nach Zürich zurück, der Kapitän durstiger als je, und die Tochter, still und niedergeschlagen,

der wilde Alte jählings vom Schlage getroffen dahinftarb, verliebte er sich in die Verlassene so heftig, daß er alle Einsprachen, Ermahnungen und Vernunftgründe ungestüm wegräumte und nicht ruhte, bis sie seine Frau war.

Vorher hatte er den Salomon noch ein letztes Mal gefragt:Willst du sie oder nicht?" Der hatte aber ohne Besinnen geantwortet:Ich halte es mit dem Bibelspruch: Eure Rede fei Ja, Ja und Nein, Nein! Ich komme nicht mehr auf die Sache zurück!"

Kostet mich freilich tausend Gulden, was kein Mensch weih, Gott sei Dank!" setzte er in Gedanken hinzu; denn er wußte, daß feine Groß­mutter in ihrer Gerechtigkeit alle ihre Vorschüsse genau notierte, damit ste einst, seinen Geschwistern gegenüber, von seinem Erbteile abgezogen würden.

(Fortsetzung folgt.)

Aber er ist ja ein ernsthafter Protestant."

Wie heißt er denn?" .... ., . ...

Ich weiß es noch nicht, das heißt, ich glaub', ich weiß es noch nicht, ich habe nicht einmal acht gegeben."

Das ändert freilich di« Sache", sagte Figura nachdenklich;aber rote oll es nun mit Salomon Landolt werden?"

,^a, das frag' ich auch", erwiderte Wendelgard seufzend und rieb ich die weiße Stirn mit den weißen Fingerspitzen;aber bedenke doch, eine halbe Million Einkünfte! da hört alle Sorge und aller Kummer auf! Und Salomon braucht eine Frau, die ihm hilft sein Leben zu» ammenraffen und etwas werden! Wie kann ich das, die selber nichts versteht?" ...

Das meint er nicht so, du Gänschen! Er meint, wenn er dich nur hat, so wird er deinetwegen ansangen zu schäften, zu wirken und zu befehlen, und du kannst nur zusehen und brauchst dich gar nicht zu rühren; und er wird es tun, sag' ich dir!"

Nein, nein! Mein Leichftinn wird ihn nur hindern! Ich werde wieder Schulden machen und noch viel mehr, das suhle ich, wenn ich nicht reich, außerordentlich reich werde!"

Das ändert freilich die Sache",--versetzt« Figura,roenn du nicht vorziehst, dich von ihm ändern und bessern zu lassen! Und er ist der Mann dazu, glaub' es mir!" . ..

Da sie aber sah, daß Wendelgard nur in eine ängstliche Verlegenheit geriet, ohne ein Gefühl für Salomon zu äußern, fuhr sie fort:

Jedenfalls sieh zu, daß du nicht zwischen zwei Stühle zu sitzen kommst. Wenn der Franzose dich nun morgen fragt, so mußt du ihm aus freier Hand antworten können. Uebermorgen ist der siebente Tag; dann mußt du gewärtig sein, daß Landolt herkommt, deine Entscheidung zu holen; dann gibt's Auftritte, Enthüllungen, und du läuftt Gefahr, daß beide dir den Rücken kehren!"

,,f) Gott! Ja, das ist wahr! Aber was soll ich tun? Er ist ja nicht hier, und ich kann jetzt nicht hin!"

Schreib ihm, und gleich heute noch! Denn morgen muh ein Ex» preffer damit nach Zürich, sonst kommt er übermorgen, wie ich ihn kenne, unfehlbar."

Das will ich tun, gib mir Papier und Feder!"

Sie setzte sich hin, und als sie nicht wußte, wie beginnen, diktierte ihr Figura Leu: ..... , "

Nach reiflicher Prüfung finde ich, daß es nur Gesichte der Dankbar­keit find, die mich für Sie beseelen, und daß es Lüge wäre, roenn ich sie anders benennen wollte. Da üb erd em der Wille meines Vaters mir eine andere Lebensbahn anweift, so bitte ich Sie, meinen festen Entschluß, ihm zu gehorchen, als ein Zeichen des Vertrauens und der achtungsvollen Aufrichtigkeit ehren zu wollen, die Ihnen stets bewahren wird Ihre er­gebene und so weiter."

Punktum!" schloß Figura,haft du unterschrieben?"

Ja, aber es dünkt mich, man sollte doch etwas mehr sagen; es ist mir nicht ganz recht so."

Eden so ist's recht! Das ist der verzwickte Absagestil in solcher Lage, die keine Erörterungen verträgt; das schneidet alles weitere ab, und die Trinklustigen merken am Klange, daß sie an ein leeres Fatz geklopft haben!"

Diese etwas von Eifersucht gewürzte Anspielung verstand Wendelgard nicht, da sie gutmütigen Herzens war. Sie bat noch, Figura möchte die schleunige Absendung des Briefes beforgen, damit ja kein Zusammen­treffen stattfinde. Figura versprach es, und um ganz sicher zu gehen, übergab sie die Mission mit Tagesanbruch ihrem Bruder, der unver­züglich damit nach Zürich ritt und den Salomon Landolt überraschte, der eben sich bereit machte, am nächsten Tage nach Baden zu gehen.

Er erblaßte leicht, als er das Brieflein las, und wurde wieder rot, als er bemerkte, daß Martin Leu wußte, was darin stand. Der gab ihm aber ohne Säumen die mündlichen Erläuterungen durch Erzählung des ganzen Vorganges. Er lieh ihn darauf eine Stunde allein, kam dann wieder und sagte ihm:

Salomon! Die Schwester Figura läßt dich grüßen und dir sagen, wenn du die schöne Gimmelin doch haben wolltest, so möchtest du es ihr, der Schwester, nur kund tun, jene laufe dir nicht fort."

,Hch will sie nicht und sehe meine Torheit ein", sagte Landolt;aber sie ist doch schön und liebenswert, und ihr seid Schelme!"

Martin blieb nun in seiner wahren Gestalt in Zürich, weshalb der

stach die Neugierde , , , ,

etwas näher zu besehen. Er machte sich mit aller Vorsicht herzu, um nicht als der geheimnisvolle Franzose erkannt zu werden, und besucht« den Fechtsaal des Kapitäns. Nun drehte sich das Rad der Fortuna, als er die Arme in ihrer bescheidenen Trauer und Schönheit sah, und da