Ausgabe 
31.1.1938
 
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SietzenerZamilienblötter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1958 Montag, den 31. Januar Nummer 9

OerLanövoAvon Greifensee

Novelle von Gottfried Keller

4. Fortsetzung.

Landolt aber war so betört, daß ihm das Schuldenverzeichnis des schönen Wesens, als er das Büchlein sorgfältig in seiner Brusttasche ver­wahrte, ein so süßer köstlicher und anmutiger Besitz schien, wie kaum das Bermögensinventarium einer reichen Braut; er liebte alles, was auf dem Register stand, die Roben, die Spitzen, die Hüte, die Federn, die Fächer und die Handschuhe, und selbst die Näschereien erweckten nur seine Gelüste, das reizende große Kind mit dergleichen selbst einmal füttern zu dürfen.

Ms er sich verabschiedete und bald wieder von sich hören zu lassen versprach, schaute sie ihn mit zweifelnden Blicken an, da ihr nicht deut­lich war, wie es werden sollte. Doch war sie heiter geworden und leuch­tete ihm selbst mit traulich dankbarem Wesen bis unter die Haustürs, wo sie mit einem freundlich gelispeltenGute Nacht!" vollständig die Oberhand gewann über den Stadtrichter. Sie stieg langsam und ge­dankenvoll, letzteres vielleicht zum erstenmal, die Treppen wieder hinaus und schlief jedenfalls zum erstenmal seit geraumer Zeit süß und ruhig ein, so daß sie den polternden Kapitän nicht nach Hause kommen hörte.

Desto weniger schlief Landolt in dieser Nacht und überlegte den Handel, bis die Hähne krähten in den vielen Hühnerhöfen der Stadt.

Da Salomog Landolt noch bei seinen Eltern lebte und von ihnen ab­hing, konnte er höchstens einen Tei^der Summe aufbringen, deren es zur Erlösung Wendelgards bedurfte, weil seine Einmischung verborgen bleiben mußte, wenn er sich die spätere Verbindung mit dem Leichtsinns­phänomen nicht von vornherein noch mehr erschweren wollte. Dagegen besaß er eine reiche Großmutter, deren Liebling er war und die ihm in allerhand Geldnöten beizustehen pflegte und ein Vergnügen daran fand, es ganz im geheimen zu tun. Sie hatte dabei die Eigenschaft, daß sie heftig gegen jede Verheiratung des Enkels protestierte, so oft etwa von einer solchen die Rede war, indem er, den sie am besten kenne, dadurch nur unglücklich werden und verkümmern würde; denn auch die Weiber, behauptete sie, kenne sie genugsam und wisse wohl, was an ihnen (ei. Sie begleitete daher jedesmal ihre Handreichungen und geheimen Vorschüsse mit der vertraulichen Ermahnung, nur ja nicht ans Heiraten zu denken; und wenn er in einer Verlegenheit sich an sie wendete, brauchte er nur eine derartige Anspielung zu machen, um des schnellsten Erfolges sicher zu sein.

Auch jetzt nahm er seine Zuflucht zu der wunderlichen Großmutter und vertraute ihr mit einem versteckten Seufzer, daß er nun doch endlich darauf werde denken müssen, durch eine gute Partie, welche sich zeige, aus der Not und überhaupt in eine unabhängige Stellung zu kommen. Erschreckt nahm sie die Brille ab, durch die sie eben in ihrem Zinsbuche gelesen hatte, und betrachtete den unheilvollen Enkel wie einen Ver­lorenen, der sein eigenes Haus in Brand zu stecken im Begriff steht. Weißt du, daß ich dich enterbe, wenn du heiratest?" rief sie, selbst entsetzt Über diesen Gedanken;das fehlte mir, daß so ein scharrendes Huhn einst über meine Kisten und Kasten kommt! Und du? Wie willst du denn ein Weib ertragen lernen? Wie willst du es aushalten, wenn zum Beispiel eine den ganzen Tag lügt? oder eine, die Über alle Welt lästert, so daß dein ehrlicher Tisch eine Stätte der Schmähsucht wird, oder eine, die immer etwas ißt, wo sie steht und geht, und dazu klatscht während des Kauens? wie wirst du dastehen, wenn du eine hast, die in den Kaufläden mauset, oder die Schulden macht, wie die Gimmelin?"

Der Enkel unterdrückte das Lachen über die letzte Spezies, mit der es die Großmutter so nahe getroffen, und er sagte möglichst ernsthaft: Wenn es so schlimm steht mit den armen Weiblein, so kann man sie ja umsoweniger sich selbst überlassen und man muß sie heiraten, um zu retten, was zu retten ist!"

Aufs äußerste gebracht, rief die Feindin ihres eigenen Geschlechtes? Hör' auf, du Greuel! Was ist's, was brauchst du?"

Ich habe tausend Gulden im Spiel verloren, daran fehlen mir sechs­hundert!"

Die alte Dame setzte ihre Brille wieder auf, riß ihre Gloriahaube vom Kopf, um in ihren kurzen, grauen Haaren zu kratzen, und humpelte en den eingelegten Schreibtisch. Mit Vergnügen sah Landolt hinter der ^urückrollenden Klappe die Wunder erscheinen, die dort aufbewahrt wur- oen und schon seine Kindheit erfreut hatten; eine kleine, silberne Welt­kugel; einen Ritter aus einem aus Elfenbein geschnittenen Pferde, der trug eine wirkliche silberne und vergoldete Rüstung, die man abnehmen konnte; der- Schild war mit einem Edelsteine geschmückt und die Federn des Helmes emailliert: dann aber, ebenfalls aus Elfenbein kunstreich und

fein gearbeitet, ein vier Zoll hohes Skelettchen mit einer silbernen Senfe, welches das Tödlein genannt wurde und an dem kein Knöchlein fehlte.

Diesen zierlichen Tod nahm die Alte auf die zitternde Hand und sagte, während das seine Elfenbein kaum hörbar ein wenig klingelte und klap­perte:Sieh her, so sehen Mann und Frau aus, wenn der Spaß vorbei ist! Wer wird denn lieben und heiraten wollen!"

Salomon nahm das Tödlein auch in die Hand und betrachtete es aufmerksam; ein leichter Schauer durchfuhr ihn, als er sich die schöne Gestalt der Wendelgard von einem solchen Gerüste herunterbröckelnd oorstellte; wie er aber an die schnelle Flucht der Zeit und ihre Un- wiederbringlichkeit dachte, klopfte ihm das Herz so stark, daß das Ge- rippchen merklich zitterte, und er warf einen verlangenden Blick auf die Hand der Großmutter, welche jetzt dem stets in einem Fache liegenden Barschatze eine Rolle schöner Doppellouisd'ors enthob und sagte:

Da sind die tausend Gulden! Nun bleib mir aber vom Halse mit allen Heiratsgedanken!"

Zunächst machte er sich nun an den Kapitän Gimmel, den er in der Schenke aufsuchte und beiseite nahm. Er trug ihm vor, wie er von einer dritten Person, die nicht genannt sein wolle, beauftragt und in den Stand gesetzt sei,. die unangenehme Angelegenheit der Tochter in Ord­nung zu bringen; allein es werde verlangt, daß der Kapitän die Sache in seinem eigenen Namen geschehen lasse, zur möglichsten Schonung der Tochter, und es dürfe auch diese nichts anderes glauben, als daß der Vater die Schulden bezahlt habe. In diesem Sinne werde Landolt die Summe, als vom Kapitän herrührend, an amtlicher Stelle einliefern und dafür sorgen, daß dort die Gläubiger in aller Stille befriedigt wür­den. So werde dem Vater und dem Qräulein jede weitere Verdrießlich­keit erspart sein. >

Der Herr Kapitän. betrachtete den jungen Mann mit verwunderten Augen, sprach erst von unbefugten Einmischungen und Wahrung seines Hausrechtes und rückte an feinem Degen; als ihm aber Landolt vorstellte, daß man sich sehr für das Fräulein und ihr zukünftiges Wohl inter­essiere, welches von einer baldigen Regulierung der bewußten Sache abhangen könne, und der Kapitän eine gute Versorgung des Kindes zu wittern begann, steckte er das Schwert seiner Ehre wieder ein und er­klärte sich mit dem vorgsschlagenen modus procedendi einverstanden.

Salomon führte nun das Geschäft mit Vorsicht und Geschicklichkeit zu Ende, so daß die Gläubiger bezahlt wurden. Jedermann glaubte, der Kapitän Gimmel habe sich eines Besseren besonnen, und Wendelgard selbst glaubte nichts anderes. Ihr gegenüber gab sich der Vater ein feier­liches Ansehen, welches von neuem sie in der Meinung bestärkte, daß er ein vermögender Mann fein müsse.

Sitz war daher keineswegs über die Maßen erstaunt und fassungs­los, als Salomon, der Geschäftsträger, eines Abends wieder erschien und ihr die quittierten Rechnungen über alle großen und kleinen Schulden in die Hände legte. Dies gönnte er ihr jedoch von Herzen und freute sich ihrer gewonnenen guten Haltung, da ihm während der Abwicklung über die Zahl und Art der Schulden doch das eine oder andere Bedenken aufgestiegen war, freilich nur mit der Wirkung, daß ihn aufs neue ein zärtliches Mitleiden mit ihrer unberatenen Armut erfüllte und die stärk­sten Wünsche erregte, ihr Schicksal für immer in feste Hand nehmen zu dürfen. Wendelgard hatte sich in Voraussicht seines Besuches die letzten Tage noch sorgfältiger als sonst gekleidet und geschmückt, und auch sie war ihrer besseren Fassung doch hauptsächlich froh, weil sie vor- dem Retter in der Not nicht mehr so erniedrigt erschien, und zwar aus eigenen Mitteln, wie"sie glaubte.

Sie dankte ihm aber dennoch mit kindlichen und herzlichen Worten für seine hilfreiche Bemühung; sie gab ihm dabei vertraulich die Hand und war jetzt so schön, daß er ohne weiteres Zögern ihr seine Neigung gestand und daß nur diese ihn vermocht habe, sich so aufdringlich in ihre Angelegenheiten zu mischen. Ja, er ging in seiner rückhaltlosen Offenheit so weit, ihr auseinanderzusetzen, wie sie ihm durch Erwiderung und Ge­währung ihrer Hand eine ungleich größere Hilfe erweisen und ihn ver­anlassen würde, ein etwas unstetes und planloses Leben endlich zu- fammenzuraffen und für Liebe und Schönheit das zu tun, was er für sich selbst nicht habe tun mögen.

Diese ehrliche Unklugheit oder unkluge Ehrlichkeit erweckte aber die Klugheit des schönen Mädchens. Sie ließ während seiner Reden dem erregten Salomon ihre Hand und sah ihn mit freundlichen Augen an, die von dem Glücke, aus der Erniedrigung so plötzlich erhöht zu sein, lieblich erglänzten. Allein mitten in aller Lieblichkeit des Augenblicks be- ann sich die sonst so Leichtsinnige wegen der unsteten Lebensführung, )eren ihr Liebhaber sich anklagte, und sie erbat sich eine Bedenkzeit von leben Tagen. Sie entließ ihn aber durchaus huldvoll und atmete so chnell und kurz wie ein junges Kaninchen, als sie sich wieder allein befand.

Indessen hatte der Kapitän sich di« geheimnisvollen Andeutungen Landolts eingehender überlegt und di« Entdeckung gemacht, daß feine