profii Neurer!

Von Georg Schwarz.

Wie die Rakete steigt, Fällt und verzischt, So auch ein Jahr: es blüht, Welkt und erlischt.

Pandorenbüchsenschreck

Geht von ihm aus;

Was bringst du, neues Jahr, Uns in das Haus?

Jauchzt, böllert, schießt und knallt!

Ein Purpurstrahl Verkläre, was uns bleibt, Nacht, Stadt und Wald und Tal!

L) piflol des Marisfelders.

Eine Neujahrsgeschichte von Otto An ihrs.

Wenn der Rheinländer ein Fest feiert, mag es ein weltliches oder ein geistliches sein, dann muß geschossen werden. Ohne Geknalle keine rechte Festfreude. Auch beim Fest des Kirchenpatrons dürfen Böller­schüsse nicht fehlen. Und gar in der Neujahrsnacht würde jedes männ­liche Wesen, vom zehnjährigen Buben angefangen bis zum gereiften Mann, sich etwas zu vergeben glauben, wenn es nicht zu dem ge­liebten Lärm beitrüge. Da jedoch die Hattenheimer in der Wahl ihrer Schießwerkzeuge allzu unbedenklich zu fein pflegten, so daß "einige so­gar mit Schrotflinten zugange waren, so hatte der Bürgermeister eines Jahres im Sinne der öffentlichen Sicherheit angeordnet, daß in der diesmaligen Neujahrsnacht jegliche Schießerei bei Geldstrafe und Ein­ziehung der Schußwaffe, zu unterlassen sei.

Diese Verordnung traf keinen schwerer als den Winzer und Wein­wirt Vilbel im HausZum Krug". Denn er besaß ein Schießeisen, das es ihm geradezu zur Ehrensache machte, das neue Jahr damit ein- zuknallen. Das war eine uralte Reiterpistole, silberbefchlagen und mit schönen Verzierungen versehen, die sich seit undenklichen Zeiten im Besitz der Familie befand. Zugleich aber haftete an dem ehrwürdigen Stuck eine dunkle Ueb-erlieferung, die es noch kostbarer machte, als es ohnedies war. Der tolle Kriegsheld Ernst von Mansfeld, der später in feinen Stieseln stehend starb, sollte es nämlich an Zahlung? Statt im Krug" zurückgelasfen haben, als er, von Tilly geschlagen, dort näch­tigte und am andern Tag seine Zeche nicht zahlen konnte, weil ihm seine Kriegskasse in der Unordnung des eiligen Rückzugs abhanden ge­kommen war.Diese kostbare Waffe", sollte er zu dem damaligen Wirt gesagt haben,lasse ich zu treuen Händen bei dir zurück. Du gibst sie nur heraus, wenn ich selbst sie zurückverlange oder ein von mir Ge­schickter, der dieses Zwillingsstück vorzeigt." Dabei zog er ein zweites ganz gleiches Pistol aus dem Gürtel, wies es dem Wirt und steckte es wieder an seinen Ort. Es war wirklich ein wertvolles altes Stück, dies Mansfelder Pistol im ,Krug" zu Hattenheim. Es wurde noch von vorn geladen, indem man ihm einfach den Hals voll Pulver goß, die Kugel darauf stopfte und die Mündung mit einem Papierpfropfen ver­schloß. Man konnte aber auch die Kugel roeglaffen und den Papier­pfropfen gleich auf das Pulver setzen. So machte es der Vilbel bei festlichen Gelegenheiten, und der Knall, den das alte Ding dann von sich gab, war in ganz Hattenheim bekannt und berühmt und ließ alle anderen Schießgeräusche weit hinter sich.

Man begreift, daß der Besitzer solchen Wertstücks es nicht übers Herz bringen konnte, in der Neujahrsnacht untätig zu fein. Und er brütete mit feinem Freund Mappes in mehreren abendlichen Wein- sitzungen einen Plan aus, wie sie der bürgermeisterlichen Verordnung zum Trotz zu ihrem Recht kämen. Die Ausführung wurde schwieriger, aber auch reizvoller dadurch, daß derKrug" unmittelbar neben dem Rathaus lag, wo der Ortsdiener in der fraglichen Nacht Wache hielt. Der Ortsdiener war ein langer hagerer Mann, den die Hattenheimer nur den .Linken" nannten, indem sie nach alter Redner- und Dichter­sitte den Teil fürs Ganze setzten. Es war allerdings ein beträchtlicher Teil des Ortsdieners, der so zur Namengebung herhalten mußte, näm­lich seine überaus große lange Nase, die außerdem auch noch mit einem leuchtenden Weinrot geziert war, desgleichen es nicht einmal in dem Wemdorf Hattenheim zum zweiten Male gab. Ansonsten war der Zinken" ein braver Mann, der nur seine Pflicht tat, als er gegen Zehn Uhr des Abends seinen Posten im Fenster des Rathauses bezog, um welche Zeit die Schießerei zu beginnen pflegte. Er hatte noch nicht allzulange da gestanden, als es ganz in feiner Nähe einen furchtbaren Knall tat. Er kannte den Knall und stürzte diensteifrig alsbald in den -Krug". Dort aber fand er den Wirt friedlich am Tisch der Gaststube sitzend, die .m übrigen vollkommen leer war, da ja natürlich alle Hatten- Heimer unterwegs waren, um das Verbot des Bürgermeisters im Schuß der Dunkelheit nach Möglichkeit zu umgehen.

Wo ist dein Pistol?" herrschte er den Vilbel an.

mchr^ei" Pistol?" sagte der erstaunt.Ei, das hab ich doch gar ntt Wieso? Was heißt?"

Ei, hast du das noch ntt gehört? Du kennst doch die Gefchicht, wo

daran hängt. Und was soll Ich dir sage: Da kommt vor zwei Stund vielleicht ein Kerl herein, wie aus dem Dreißigjährigen Krieg, sag ich dir, im lange Reitermantel und den Hut an der Seit'aufgeschlage, zeigt mir ein Pistol, das ganz genau so ausgesehe hat wie meins, und legt den Taler hier auf den Tisch." Dabei wies er eine alte Silbermünze vor, die gut und gern ihre zwei- bis dreihundert Jahre alt sein mochte.

Was wollt ich mache?" fuhr der Vilbel fort.Ich hab sie ihm gebe."

Der Zinken wollte gerade feinem Unglauben in derben Worten Ausdruck verleihen, als draußen wieder der bekannte Knall ertönte. Und da er mit dem Kopf durchs Fenster schoß, sah er wahrhaftig, wie da einer im langen Mantel und aufgeschlagenem Hut in die Rathaus- tür schlüpfte, die er, der Zinken, offen gelassen hatte.

Ich werd euch", schrie er noch immer ungläubig und darum zorn­entbrannt und rannte hinaus.

Nimm dich vor dem Mansfelder in acht!" rief ihm der Vilbel war­nend nach.

Da war auch der Mappes in Mantel und Hut schon herein. Dabei muß man wissen, daß der Bürgermeister auch ein guter Freund des Vilbel war und, als man die neue Brandmauer zwischen Rathaus und ,Krug" aufführte, sich ein kleines Fenster ausgespart hatte, das auf den Hof desKrugs" ging und vermittels dessen er jederzeit einen kleinen Schwatz mit dem Nachbar halten, auch wohl unbeschadet feiner Würde in den Amtsstunden zwischendurch einmal einen Schoppen genehmigen konnte. Durch dies Fensterchen war der Mappes gekommen. In fliegen­der Eile wurde nun das Pistol wieder geladen, und ehe noch der Zinken seine fruchtlosen Nachforfchungen im Rathaus beendet hatte, knallte es schon wieder im Torweg desKrugs".

Der Zinken, der gerade wieder aus der Rathaustür trat, blieb wie angewurzelt stehen. Das Ding wurde ihm unheimlich. Sollte doch etwas dran fein, an dem Gerede des Vilbel? Daß der Mansfelder etwa wirklich mit seinen zwei Pistolen herumgeisterte? Mit Gespenstern kann auch ein Ortsdiener von Mut und Pflichtgefühl schlecht fertig werden.

Während er so zögerte, die menschenleere Straße hinauf und hin­unter schaute und überlegte, was zu tun fei, hatte der Mappes das Pistol aufs neue geladen und begab sich wieder auf seinen Schleichweg. Weil ihm indes der Mantel beim Klettern durch das enge Fensterchen hinderlich war, warf er ihn mitsamt dem Hut in den Hof. Der Zinken stand noch immer im Kampf zwischen Schauder und Dienstgefühl, als aus dem Rathausfenster über ihm der nur zu bekannte Knall ertönte und ein Papierpfropfen so dicht an seiner langen Nase vorbeiflog, daß er erschrocken mit der Hand hinfuhr, um zu fühlen, ob sie noch da war. Nun aber roars mit feiner Fassung vorbei. Er stürmte die Gasse hinab zur Wohnung des Bürgermeisters, um die oberste Behörde felbit gegen den Spuk zu Hilfe zu rufen. Hinter ihm schoß der Mappes aus dem Rathaus und in denKrug" hinein, wo die beiden Spitzbuben ob ihres gelungenen Streichs sich halb tot lachen wollten und sich hinter einen gewichtigen Schoppen Wiselbrunn setzten.

Dem Bürgermeister schwante gleich etwas bei der Erzählung des Zinken. Er kannte feine Hattenheimer und feinen Freund Vilbel ins­besondere und wußte, daß der immer zu solchem Schabernack aufgelegt war. Er ging mit dem Zinken zum Rathaus, ließ ihn aber an der Tür Posten fassen. Denn seine gelegentliche Nutzung des abseitigen Fenster- chens war sein kleines Geheimnis, weshalb er gewöhnlich dafür sorgte, daß es mit irgendeinem Gerät verstellt war. Aus diesem Grund hatte auch der Zinken nicht an eine solche Gelegenheit für ein Gespenst ge­macht. De. Bürgermeister ging also allein an sein Fensterchen und merkte gleich, daß sich einer damit beschäftigt hatte. Und als er nun gar mit feiner Laterne hinausleuchtete, sah er Hut und Mantel drunten im Hof liegen.

Ahal" sagte er und hatte nun auch seinen Plan.

Eine Viertelstunde später trat eine seltsame Gestalt in die Tür der Gaststube. Unter dem aufgeschlagenen Hut, der tief herabgezogen war, geisterte ein kalkweißes Gesicht ins Zimmer, mit tiefen schwarzen, .senk- und waagerechten Schatten: wie ein Totenkopf wirkte es. Die Hönde in den Mantel gewickelt stand der unheimliche Kerl an der Tür und sagte mit tiefer Stimme:Wo ist mein Pistol?"

Der Mappes erkannte gleich seinen Mantel, ahnte den Zusammen­hang und meckerte leise vor sich hin. Der Vilbel aber, dem sein eigener Scherz solchergestalt in den Hals zurückschlug, erschrak mächtig, sprang auf und wich ein paar Schritte zurück.

Wo mein Pistol ist, frag ich", wiederholte das Gespenst und trat lautlos näher.Hier ist das Zwillingsstück." Damit kam eine Hand langsam unter dem Mantel hervor und legte schwer und gewichtig ein Holzscheit auf den Tisch. Nun löste sich auch in dem Vilbel «e Spannung. Nun wußte er, wen er vor sich hatte, und er lachte mit dem Mappes um die Wette. Der Bürgermeister streifte sich die Bastschuhe von den Füßen, denen er seinen lautlosen Gang verdankt hatte, behielt aber sein Amtsgesicht und sagte:Das Pistol kann ich ja nicht einziehe, weil es der Mansfelder sich schon geholt hat. Aber die Straf müßt ihr bezahle. Gutwillig ober nit?"

Da legte der Vilbel den alten Taler auf den Tisch, mit dem der Mansfelder seine Zeche von damals beglichen hatte. Es war ein gutes deutsches Fünfmarkstück, das die beiden Verschworenen künstlich alt ge­macht hatten. Und da Um selben Augenblick die Glocken einfielen, weil es zwölf Uhr war, so vereinigten sich alle drei um einen besonders guten Trunk, den der Vilbel eigens aus dem Keller holte. Der Zinken draußen wurde auch nicht vergessen, und so erholte auch er sich bald von seinem Schrecken mitsamt seiner Nase, die doch bis dahin vor Angst noch ein bißchen röter geblieben war als gewöhnlich.

"Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und "Verlag: Vrühlsche Univerf itätsdruckerei R.Lange, Gießen.