Besonders, eh'e es den Rundfunk gab, war die Advents-, Weih- nachts- und Neujahrszeit auf dem Lande wirklich tiefe Einfamkeit und Häuslichkeit; Häuslichkeit, zu der jeder Spaziergang doch immer nur der Weg war, sie wieder neu zu erwandern mit ihrer Behaglichkeit und Wärme, ihrem nach dem frifchen Gange doppelt labenden Kaffee und Tee, Wieviel Wintersonnenwenden und damit Jahreswenden habe ich außer auf meinem Landsitz am Bodensee auf dem Dorfe in Oberbayern, im Odenwald und sonstwo oerbrachtl Die ich in der Stadt und gar der Großstadt feierte, sind zu zählen daneben.

Ich wußte, wenn ich aus dem Dorfe lebte, immer, wie es dem benachbarten Bauern ging, was der Bürgermeister im Amt und in der Familie erlebte, kannte den Ortsgendarmen und, nicht ohne stille Hinge- zogenheit zu ihm, den Närrischen mit seinen Wunderlichkeiten, seinen Reden und Späßen, Den hatten ja einige Dörfer; ich erinnere mich be­sonders an einen, der zu nicht viel mehr als zu Bodengängen zu brauchen war, der aber dafür alle Familientage der Gemeinde genau auswendig wußte, sich stets rechtzeitig gratulierend einstellte, aber auch die jungen Frauen mahnte, wenn er nach einer Hochzeit zu lange aus die Kindstaufe warten mußte ober sie zu früh ausgerichtet fand, ehe das nach seinem untrüglichen Kalender im Kops hätte der Fall sein sollenl Den Arzt sprach ich und den Lehrer, den Straßenwart, der immer am besten Zeit zu einem kurzen Stehenbleiben hatte, Schneider, Förster und Waldhüter, wie den aus der Stadt verschlagenen Maler, der sich über den Rafsael-Ehrgeiz zu Anfang feiner Laufbahn längst einen langen Wurzelmannbart hatte wachsen lassen und nur nach für Jäger Rehe und Gemsen malte, die einander alle sehr ähnlich sahen.

Aus diesen meinen Erfahrungen aus dem Darf, aus dem Verkehr mit den Honorationen und den Bauern, dem ländlichen Beamten, Post- und Eisenbahnleuten und den Handwerkern habe ich die Ueberzeugung geschöpft, daß man in den großen Städten die Jahreswende nicyc fo zu begehen und zu feiern versteht wie draußen, wo man noch mit der Natur, ihrem absinkenden und steigenden Leben nahe zusammenhängt, von ihr auch geistig beeinflußt wird. Man wird »e in der Stadt ja gar nicht gewahr, wie das Land, und auch das Volk auf dem Lande, sich einfpinnen zur Winterruhe und zum Kraftsammeln in der Zeit der kurzen Tage und langen Nächte, Man weiß es in den Städten mit ihrer Weitläufigkeit, ihrem nie unterbrochenen lauten Verkehr, ihrer Mechanisierung des Lebens nicht mehr, wieviel urkräfttg-altheidnische Natur in unserem Volke noch lebendig ist draußen auf dem Lande. Da hallt noch in jeder Neujahrsnacht, namentlich im Gebirge, wo Sage und Märe, Aberglauben und Spuk am unsterblichsten sind, in das Singen und Glockengeläut von der Kirche herein, das Knallen und Schießen und der mit Blechdeckeln gemachte Lärm, der die bösen Geister vertreiben soll.

Was mich aber vor allem auf dem Lande, mehr als je in der großen Stadt, das tiefe Sichbesinnen zur Jahreswende gelehrt hat, das ist die Verbindung, in der man gerade als Kulturmensch, als Geistes­arbeiter da draußen noch ehe man an irgendeine Absicht ober Grunb- sätzlichkeit denkt mit dem einfachen Mann, dem Urvater unser aller, dem Bauern, steht: die nahe, herzliche und fruchtbare Gemeinsamkeit!

Was bas Jahr ist mit ben Jahreszeiten, mit Saat, Ernte und ber Abhängigkeit von Sonne unb Wärme, von Licht und Wasser des Him­mels wie von der mühsamen und fleißigen, sich anpaffenben Arbeit des Menschen, das erfährt man doch nur draußen beim Bauern. Der weiß auch von Tier unb Pflanze wie vorn Menfchenleben und von Schicksalen manches, was man in ben Stabten spät ober nie erfährt. Der hat ein untrügliches Auge für Tüchtigkeit, Wert unb Wefen. Er ist gewiß noch nie durch Modefchlagworte unb Dinge, bie keine Jahr­hundert-Bewährung in sich tragen, getäuscht worden; denn er ist immer mißtrauisch und vorsichtig. Und er hat die Gebundenheit an bie Erbe, die Kraft gibt unb ein leichtes Ertragen alles Notwenbigen, selbst des Schweren unb Schwersten.

Wie ist es auf dem Lande fchön in der Neujahrsnacht, wenn rings um bie zum Dorf gescharte Gruppe ber Dächer bie Weite von Siedern, Feldern, Wiesen, fernem Wald unter dem Sternenhimmel ober im silbrigem winterlichen Atemhauch der Erde daliegt, noch hinauszugehen, den lebenden, tragenden, fruchtbaren Boden unter dem Fuß, die ewige Kuppel über sich, und zu fühlen, wie das Leben in den Häusern und Hütten den Morgen entgegenschlummert und dem anbrechenden Jahr« zu neuer Tat, Leistung und Arbeit, die doch Jahrtausende nun schon alt istl *

Zwischen -en Jahren.

Erzählung von Ernst Kreuder.

Zu Silvester verließ Engelbrecht das klein«, verschneite Holzhaus im Wald, wo er sich im Herbst mit seinon Büchern und feiner Arbeit ein- gesponnen hatte und fuhr in die Stadt hinunter. Das Telegramm, das er bekommen hatte, lautete:Erwarte Dich gegen Abend in N. bei Ursula zur Silvesterfeier. Angelika."

Wie Angelika es fertig gebracht hatte, zu seinem Zug an der Sperre zu sein, verriet sie Engelbrecht nicht. Angelika hatte etwas von einem Pony, sie hatte starke, junge, etwas ungelenke Glieder, aber da sie groß war, wirkte sie eher schmal als voll. Sie lächelte ihm zu unb gab ihm einen schnellen, angedeuteten Kuß. Dann hakte sie sich bei ihm unter unb zog ihn zum Bahnhof hinaus. Es dämmerte ichon. Engelbrecht war still und Angelika redete. Sie erzählte reizend un­wichtige, einfache Dinge, und er hörte geduldig zu, ihr Geplauder war wie ein warmer, leiser, angenehm rieselnder Sommerregen. Unb Engelbrecht ging durch die von vielen, eiligen Menschen überfüllten Straften der Großstadt wie ein Mann, ber lange im Walde gewohnt hat unb nun verwunbert in bieWelt" zurückkehrt. Er erkundigte sich nach Ursula.Ach, weißt du", sagte Angelika,es geht ihr nicht so gut. Deshalb wollen wir jetzt einmal ordentlich eintaufen Weiht du, was wir machen werden?" Sie war stehen geblieben und sah Engel­brecht frohlockend an.Wir machen einen Heringssalat, Tom.

Engelbrecht nickte. Er freute sich. Wir machen einen Heringssalat. Das war einmal etwas ganz anderes als Zitate unb Exzerpte und langwierige Text«. Aus dem großen Marktplatz waren die Schätze des Landes verlockend ausgebreitet. Diese bunte, erdsrische, unübersehbare Fülle war ein stiller unb mächtiger Lobgesang aus das weite Land draußen, auf seine Fruchtbarkeit unb aus ben zuversichtlichen Fleiß feiner Bewohner. Engelbrecht ging von Staub zu Stand unb lernte roieber eintaufen. Wir machen einen Heringssalat. Er kaufte dicke Sellerieköpfe, längliche Mauskartoffeln, sandige rote Rüben, kleine rote Winteräpfel, Salzgurken und geputzte Matjesheringe, durchwachsenen Speck unb ein braunes Holzofenbrot. Ursulas Markttasche, die Angelika trug, füllte sich mehr und mehr. Zuletzt besorgten sie noch Wein unb Gebäck, Mistelzweige, rostrote Astern, Mimosen, Palmkätzchen unb dann gute Festzigaretten.

Sie gingen ben schneeglitzernden Weg zur alten Burg hinaus, in ber Ursula wohnte. Engelbrecht zog ben rostigen Glockengriff. Dann mußten sie noch über eine buntle, steile Treppe. Oben stand Ursula im gelben Hausgewand.

Das ist Tom, ber Einsiedler", sagte Angelika.

Ursula sie saßen in ben noch immer bei der Hand

aus der Nische. Es lag etwas

ihren Mann verloren..Thomas", sagte niedrigen gelben Sesseln unb hielten sich kennst du dieses Schälchen noch?"

Engelbrecht nahm das blaue Schälchen Asche unb ein Zigarettenrest darin.

Das ist noch von deinem ersten Besuch, vor drei Jahren", sagte Ursula. Engelbrecht nickte. Verwunschen, dachte er, wie verwunschen ist alles hier oben. Als wären auch noch die Jahre hiergeblieben. Er sah Ursula lange und stumm an.

Draußen war es dunkel geworden. Ursula zündete eine rote Kerze an. Die Stadt unter der Burg war jetzt wie eine große Lichterküste. Aus der verzauberten Stille rief ihn plötzlich Angelika heraus. Er fallt« ihr in der Küche helfen.

In ber Küche fah es wunberlich aus. In einer tiefen, gewölbten Fensternische, bie wie eine Schießscharte aussah, leuchtete gespenstisch durch den dicken Wasserdampf eine Kerze. Es war hier wie in einer Zaubererhöhle, wie in einer Alchimistenküche im Turmverlies. In dem halbdunklen, spitzbogigen Gewölbe, in dem es kalt und feucht war, stand Angelika in dem nebligen Kochdampf neben den winzigen blauen Gas- Herdflammen und schälte die gekochten Kartoffeln. Engelbrecht half ihr. Er schnitt die heißen Sellerieköpf« in die große braune Tonschüffel, dann die roten Rüben, bie Aepfel unb die Heringe, unb Angelika schnitt bie Kartoffeln, die Gurken unb die Eier darüber. Wir machen einen Heringssalat. m ,

Sie trugen bie gefüllte Schüssel, bas Brot und die Weinflaschen m die Burgstube hinein. Da waren schon alle Kerzen am Baum ange- zUndet unb leuchteten aus dem dichten lannengrün wie aus einem Wald, unb Ursula saß still boneben. Angelika betfte ben Tisch unb Engelbrecht entkorkte die Flaschen und schenkte ein.

Der Heringssalat schmeckte allen wunderbar. Engelbrecht erzählt« unterdessen von seinen Tagen im verschneiten Waldhaus. Und dann krachten drunten in der Stadt die Schüsse schon lauter unb am Nacht­himmel fliegen immer mehr feurige Raketen hoch. Die verzaubert« Atmosphäre wurde in den letzten Minuten des alten Jahres noch dichter. Sie standen jetzt vor dem leuchtenden Tannenbaum unb hielten bie gestillten Gläser in den Händen. Engelbrecht war etwas blaß die Gesichter ber Frauen waren gerötet, ihre Augen glänzten, um ihren Mund war ein leltsamer Zug, als müßten sie meinen und Men. als Sann der erste Glockenschlag der letzten Mitternacht vom nahen Dom klang, hob Engelbrecht das Glas, er sah die beiden Frauen an und *a8teßiebe Ursula, liebe Angelika, nun ist das letzte Stück Weg zu- rüdgelegt, die letzte Stufe erstiegen, nun öffnet sich wieder em neues Tor. Willkommen fei das Neue Jahr!"

Während sie die Gläser an bie Sippen führten unb sich zutranken, begann es im Dom brunten feierlich unb langsam zu lauten. Sie traten an die Fenster unb blickten über bie erleuchtete, raketenspruhenbe nächtliche Stabt, in der es jetzt in allen Kirchen läutete.

Mit einem Male schien es in der Burgstube noch stiller geworden zu sein. Engelbrecht wandte sich um. Ursula war nicht mehr im Zimmer. Angelika stand schon neben ihm.

,Liebster", sagte sie, und Engelbrecht schien es als wäre im Zimmer ein spurloser, süßer Wind, .Liebster, ich wünsche dir ein irohes, nCUSi«$(al}en sich an, als stünden sie beide an Ufern, die noch weit auseinander lagen, fo daß es schwer war, sich zu erkennen in dem ungewissen Licht. Aber bann war bie Ferne zwischen ihnen verweht unb sie standen nah voreinander, und erst jetzt hatten sie sich wirklich "^An^der^Tanne war oben eine Kerze niedergebrannt, bas kleine, blaue Flämmchen zuckte noch einige Male auf, bis es still erlosch. Ein dünner Faden Rauch schwebte hoch. Als sich ihre Wangen berührten, lächelte Angelika mit geschlossenen Libern, als hätte sie etwas Wunderbares, ganz und gar Unwirkliches geträumt.

Grüß Gott, Ursula", sagte Engelbrecht, und Ursula mußte beide Arme aufhalten, um die vielen Blumen zu tragen. Dann traten sie in die Burgstube. Die schönste Stube der Welt, hatte Engelbrecht sie einst genannt. Durch die breiten Fenster mit den tiefen Nischen sah man weit über die verdämmernde, lichterglimmende Stadt. In der Ecke zwischen den Fenstern stand eine hohe Tanne. In ihren grünen Zweigen steckten nur weiße Kerzen. UeberaU in den Wandnischen standen zwischen den hellgrünen Blattpflanzen kleine, geschnitzte, bunt bemalte Engel mit großen Flügeln aus Ursulas Hand. Angelika war in die Küche gegangen. Ursula war still unb schön. Blond und still unb mütterlich. Sie hatte einen Knaben von elf Jahren. Früh hatte sie