Ausgabe 
30.12.1938
 
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sogen pflegte, was ihm nicht patzte. Wenn er sich dabei auch manchmal das Maui verbrannte. Aber die militärischen Perücken hatten erwidert, daß man die Urlaube der jungen Offiziere, die dann wieder das ganz« Jahr ihre Schädel Hinhalten müßten, nicht kürzen könne. Waren doch sonst nicht so menschenfreundlich, die Federfuchser und Ziffernsp-ione, und um das Wohl der Feldsoldaten besorgt. Oder durften di« Wiener Kmn- mandostellen keinen Berittenen für den Hadik haben, weil die Kaiserin es sich in den Kops gesetzt hatte, daß der Rabenau die Heine Hartenberg heiraten müsse, die auch so ein Topf ohne Deckel war. Der Rabenau sollt« wohl ä tont prix nach Groh-Jaunitz reiten! In solchen Dingen traute Andreas von Hodik den Weibern nicht über den Weg, und wenn es selbst seine vergötterte Kaiserin war.

Heute Mittag hatte ihm auch noch der Generalissimus und Feld­marschall Leopold von Daun besohlen, daß spätestens übermorgen ein Kurier zur Armee abzugehen habe. Aber es war doch keiner da! Und wenn sich keiner fand, dann mußte er eben doch den Rabenau schicken. Wegen des Leutnants von Rabenau und feiner Wachszieherin konnte man doch schließlich nicht den Krieg abblasen für dieses Jahr!

Andreas von Had,k zog nachdenklich die brillantengeschmückte Tabaks­dose aus der Tasche seiner grünen, goldoerschnürten Attila. Die Kost­barkeit mit dem Bilde der Kaiserin stand in seltsamem Gegensatz zu feinem spartanischen Quartier. Mario Theresia hatte ihm die Dose für eine kühn« Affäre verehrt. Er betrachtete das Bild der Monarchin und schmunzelte. Gut eingefädelt hatte sie das mit dem Rabenau! Aber ob damit die Hartenberg wirklich zu ihrem Deckel kam? Hadik wiegte zweifelnd den Kopf. Dazu war der Rabenau wohl zu sehr verliebt in die kleine Person, die damals vor etlichen Wochen die Kerzln in die Burg gebracht hatte. Sonst hätte dieser brillante Offizier, der doch als einer der ersten den so begehrten, neugestifteten Orden der Kaiserin bekommen hatte, an jenem Abend auf der Burgwache nicht den Wacht- dienst geschwänzt und Festungshast oder gar Aergeres riskiert. Appetit­lich und hübsch war di« Hartenberg; das mußt« ihr der Neid lassen. Dabei allem Anschein nach auch noch aus Männer lüstern wi« die Katze nach Mäusen. Aber $u einer rechten Ehefrau taugte sie wohl nicht. Wenn es rechte Ehefrauen überhaupt gab. Andreas von Hadik be­zweifelte das.

Reiten mußte der Rabenau natürlich, wenn der Hofkriegsrat keinen Kurier zu stellen beliebte. Er tat ihm leid. Doch was war da zu tun? Hadik schob eine Prise in die Nase, zog fein Schnupftuch, das umfang­reich wie ein Fahnenblatt war, entfaltete es mit Behagen und niest«, daß die Flamme der einen Kerze beleidigt erlosch.

Darum hörte er auch das Klopfen an der Tür« nicht. Doch jetzt klopfte es wieder. War wohl der Bursche mit dem Abendessen. Der General brummte:Herein!" An der Türe stand einer sporenklirrend still. War doch sonst nicht jo manierlich, sein Bursche Wenzel, den er feines Vornamens wegen auch manchmalKaunitz" rief. Wenn ihn etwa der Staatskanzler Wenzel von Kaunitz wieder einmal geärgert hatte, weil er feiner Meinung nach mit diplomatischen Künsten versaute, was der Soldat mit seinem Blute in Ordnung gebracht. Bor allem das französische Bündnis verzieh er dem Staatskanzler nicht.

Aber was hatte der Kerl? Sollte ihm lieber das Nachtmahl hin- stellen, der Wenzel, statt militärische Hebungen zu machen. Oder wollte der .Kaunitz" was? Ausgang bis zum Morgen vielleicht. Spannte es wohl schon, daß wieder marschiert wird? Hadik sah auf. Doch das war ja gar nicht der .Kaunitz"! Der General neigte sich vor, um besser zu sehen. Das war doch der Rabenau! Jetzt zu nachtschlafender Zeit? Stand da wie sein eigenes Standbild und schnitt ein Gesicht, als hätte ihm einer was weggefressen.

Hadik lachte:Bonsoir, Rabenau! Welche Laus ist Ihm denn über die Leber gelaufen? Steh Er bequem! Das heißt noch besser: Setz Er sich!" Hadik angelte mit dem rechten Bein nach einem Stuhle.

Doch der Leutnant rührte sich nicht. Halte wohl eine Meldung.

Der General knurrte:Na also, was gibts? Schieß Er los!"

Rabenau antwortete stramm:Jhro Exzellenz, ich melde gehorsamst, daß ich nach Groß-Jaunitz reite und um Dero Exzellenz Befehle bitte!" Hadik pfiff leise durch die Zähne. Hatte also die Kaiserin schon selber eingegriffen. Er hob Nase und Oberlippe: ,Ke? Was sagt Er? Nach Grotz-Jaunitz? Hat Ihm das die Majestät befohlen?"

Nein, Jhro Exzellenz! Aber ich bitte, reiten zu dürfen ..."

Trotz Seinem Urlaub, Rabenau?"

,Ku Befehl, Exzellenz!"

Hadik sah überlegend vor sich hin. Auf derlei Symptome verstand er sich doch. War doch selbst einmal jung gewesen. Also war's ex mit dem Mädel. Er brauchte nicht erst zu fragen. Er fragte auch nicht. Er meinte nur lachend:Schön von Ihm! Sanns nicht leugnen, daß Er mir wie gerufen kommt. Dachte schon, daß die Kaiserin dem Potsdamer König huldigen mutz, weil kein Offizier aufzutreiben war als Kurier für die Armee ... Aber jetzt setz Er sich, Retter des Baterlandes!"

Rabenau blieb stehen:Ich bitte Jhro Exzellenz gehorsamst, mich beurlauben zu dürfen."

Der General hob den Finger und winkte ab, so wie er der Wache abzuwinken pflegte, wenn sie vor ihm ins Gewehr treten wollte:Nichts da! Er hat doch selber gesagt, daß Er um weitere Befehle bitte. Jetzt bleibt Er hier und trinkt ein Glas Wein mit mir! Und ein Nachtmahl bringt Ihm der Kaunitz' auch ..." Das täte dem Rabenau so passen, die ganze Nacht hindurch vor sich selber mit seinem Weltschmerz zu paradieren, weil das Mädel nicht Ordre pariert hatte. Trübsal blasen hielt Hadik für das Ueberflllssigste in der Welt.Da fetz Er sich her!"

Der Leutnant wehrte sich. Er müsse noch packen.

Feldmarschalleutnant von Hadik schwang fein linkes Bein herum, stand auf, nahm den Leutnant unterm Arm, drückte ihn auf einen Stuhl und sagte:Seine Siebenzwetschgen kann Er auch morgen packen. Vor übermorgen wird Er kaum reiten ..." Er holte eine Flasche, die zwischen dem Fenster stand und goß zwei Gläser voll:Da trink Er und halt Er bis auf weiteres das Maul! ... Ich muß Ihn doch noch instruieren. Oder glaubt Er, daß der Ritt zur Armee eine Landpartie ist? Häng Er

Sein Schwert dort an die Tür und dann komm Er her und schau Gr mit mir in die Karte!"

Instruieren hätte er seinen Leutnant zwar auch noch morgen können. Aber der Weltschmerz des Rabenau vertrug keinen Aufschub. War vvm Ucbel, wenn die jungen Offiziere mit hängenden Nasen in den Krieg ritten. Gegen solchen Liebesgram hals nach Meinung des Hadik fürs erste nur Dienst und Wein und später eine andere.

(Sortierung folgt)

Zwölf Monde sind vergangen.

Von F r i tz D i e t t r i ch.

Zwölf Monde sind vergangen.

Wohin? In Gottes Schoß, Wo wir auch hingelangen Dank seines Sohnes Los.

3m Wandel der Gezeiten, Im Kommen und im Gehn Lehrt er uns heiter schreiten Und hilft uns, mutig stehn.

Doch kann er auch entschwinden.

Wie es die Sonne tut. Kann im Gewölk erblinden Des Zornes und der Wut.

Und feine Pfeile sirren.

Es regt sich vieler Wahn.

Und einer fällt im Irren

Dem andern in die Bahn.

Daß dies nicht kommen müsse, O Herr, erflehen wir! . '

Lenk uns, wie du die Flüsse

Zum Meere lenkst, zu dirl

Besinnliche Jahreswende.

Von Wilhelm von Scholz.

Wenn die stille dunkle Winterzeit um Weihnachten und Jahreswende mit Flockentreiben ober unbewegtem Wolkenhimmel und Nebel ange­brochen ist, wenn sie ihre weite graue frierende Einsamkeit über das Land legt, in dem die Bäume kahl sind, die Straßen verlassen, die Vachrinnen wasserleer dann wandelt uns auf dem Lande jeden das Besinnen, das Zurück- und Vorandenken an. Wir mögen fast di« ge­wohnt« Arbeit liegen und selbst fleißige Hände ein wenig sinken lassen es sind ja auch deshalb genug Feiertage gemacht, damit die Zeit dazu da ist um uns an dem Einschnitt, den der Jahreswechsel be­deutet, wieder einmal über uns, unser Leben, unser Tun Rechenschaft zu geben und klarzuwerden.

Das braucht schon Ruhenlassen der Tättgkeit, damit sich die Gedanken sammeln können, die Erinnerungen herauftauchen und man zu über­legen vermag, wie man es weiter machen will.

Freilich: für die guten, lieben, sorgenden Hausfrauen ist's gerade jetzt nichts mit Nachdenken und Besinnen. Ihnen hebt im Gegenteil schon mit den Wochen vor dem Sonnenwende-Doppelfest Weihnachten und Neujahr das eigentlich nur eines ist die Zeit aufopferndster Arbeit für die anderen Familien- und Hausgenossen an; und wenn sie zum Ueberlegen kommen, ist's: wie sie hier eine Freude bereiten, dort helfen ober eine Not lindern können. Sie prüfen, was entbehrt und verschenkt werden kann vom Eigenen, und rechnen immer wieder na.ch, was sie draufgehen lassen und ausgeben dürsen. Es wird reinegemacht, gewaschen, gebügelt, ausgebessert, gebacken und gepackt, bestellt und ein« gekauft. Die Hausfrauen schreiben Briefe an die auswärtigen Ver­wandten, halten Musterungen ab, ob nicht dies und jenes im Kleider- bestand fehl«, das paffend jetzt ergänzt werden sollte, lesen die Anzeigen in den Zeitungen mit Andacht und studieren Kataloge.

An den Festtagen sind sie dann müde und abgespannt, was sie aber nicht merken lassen wollen. Eigentlich erst, wenn die Silvesternacht und der Neujahrsmorgen, in manchen Gegenden sogar auch noch der Dreikönigstag, vorüber sind, kommen sie ganz allmählich wieder zu sich und ins gewohnte alltägliche Leben zurück. Dann holen sie, denk' ich, das Besinnen und Ueberlegen nach, wofür sie sowieso nicht soviel Zeit brauchen wie wir Männer.

Vielleicht ist's das gerade und gar nicht der Nebel und der Winter und die Einsamkeit des Landes draußen, weshalb der Mann um Weihnachten und Neujahr zum Nachdenken kommt weil er mal eine Zeitlang auf sich angewiesen ist und die Frau nicht immer für ihn Zeit hat, oft genug nicht einmal zu einem gemeinsamen Spaziergang ober zu einem Bereden, der für den Mann besonders wichtigen Dinge. Wenn es nicht Weihnachten, die Geschenke und Silvester unmittelbar betrifft, bann entzieht sich die Frau jetzt gerne und mit großer Ge­wandtheit, ohne zu kränken, dem Mann.

Ich glaube aber, das ist von der Natur absichtlich so eingerichtet, damit der Mann recht darauf aufmerksam werden soll, was er sonst immer an der Frau hat wenn es ihm jetzt doch so fehlt! wie sie das ganze Jahr über an feiner Seite gestanden ist und ihm ge­holfen hat was ja doch oft vorkommt eins der besten Stücke seines Besinnens über das alte Jahr.