Ausgabe 
30.12.1938
 
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GichenerZainiIjenbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1938

Zreitag, den 50. Dezember

Nummer \0\

Ser kerzelmacher von Sankt Stephan

ikin heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka

Eopgright by I. G. Eotta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart

11. Fortsetzung.

Maria Theresia wehrte lachend ab:Laß Sie nur! Laß Siel Grad die mit dem silbernen Herzen will ich haben" Sie stülpte selbst den Deckel über die Schachtel, schlang das rotseidene Band herum und reichte sie der Hofdame.

Meister Brand kam mit den beiden Packungen von der Leiter herunter, legte sie aus den Disch, neigte sich tief und fragte:Und wann befehlen Jhro Majestät, daß ich die Lebzelten schicken soll?"

Inkommodier Er sich nicht, lieber Brandl Die nehmen wir schon selber mit." Sie hob den Kopf und sah über die Schulter des Kerzel- machers hinweg lächelnd auf die Tapetentür, die sich ihr zu bewegen schien:Oder hält mir der dort gern die Schachteln gebracht?" Ein blonder Bubenschopf leuchtete in der Türspalte.Ja dich meine ich Nur herein mit dir!"

Mit verlegenem Gesicht schob sich der jüngste Lehrbub in den Laden und drehte seine Mütze in den großen roten Bubenhänden.

Nur näher, näher!" Die Kaiserin nahm ihn am Ohr:Wer wird denn so neugierig sein? Oder möchtest du mir die Schachteln bringen?"

Der Lehrbub nickte ersreut. Elisabeth Brand atmete auf. Wenn der Bub in die Burg ginge, würde sich schon eine Möglichkeit finden, vorher den Brief aus der Schachtel zu nehmen.

Aber die Kaiserin schüttelte den Kopf:Ist brav von dir. Aber das braucht es nicht. Du bekommst auch so was." Sie griff in ihren Hand- beutel und gab ihm ein Goldstück.

Der Mund des Buben schien von einem Ohr zum anderen zu reichen.

Wieviel seid ihr drüben in der Werkstatt oder vielmehr dort hinter der Tür?"

Fünf, Frau Kaiserin!" krähte die fröhliche Stimme des Lehrlings, drei G'sellen und zwei Buben."

Dann gib das den andern!" Sie drückte ihm noch vier Dukaten in die Hand.Und jetzt geh!" Der Lehrbub verschwand. Hinter der Türe hörte man einen unterdrückten Jauchzer und erregtes Geflüster.

Die Monarchin wandte sich wieder an Brand:So, und nun geb Er uns die Schachteln! Wenn Sie so gut ist, liebe Gräfin"

Das Herz der Elisabeth Brand schlug wie ein Trommelwirbel. Sie versuchte noch eine Rettung und stotterte:Jhro Majestät werdm doch die Schachteln nit selber in die Burg fahren. Ich brings schon hin in zehn Minuten bin ich dort."

Das ist lieb von Ihr. Aber wir nehmen die Lebzelten schon selber Mit. Werden am End sonst noch naß bei dem Wetter Doch besuchen darf Sie mich auch so einmal. Sie ist doch bildsouber. Da wird Sie bald heiraten. Dann komm Sie und erzähl Sie mir, wer Ihr Schatz ist. Bielleicht kann ich Ihr helfen Oder hat Sie schon einen, weil Sie wieder so rot wird? Dann darf Sie sich was wünschen. Aber wenn Sie jetzt noch ein übriges tun will, dann bring Sie uns die Schachteln zum Wagen!"

So mußte Elisabeth Brand mit pochendem Herzm und zitternden Knien den kleinen Turm der bunten Schachteln, in deren oberster unter dem Lebkuchen mit dem geküßten Zuckerherzen der Brief an dm Leut­nant von Rabenau lag, auch noch selber zur Karosse der Kaiserin tragen.

Sobald das Rollen des Wagens und das Vivatrufen ferne in den Gaffen verklungen waren, stieg Aloisius Brand in seine Stube hinauf, um den Jubel seines Herzens in zartem Flätenspiele zu verströmen. Die List aber faß schluchzend hinter der Pudel, als Katharina Vielgratterin, die noch mit den Nachbarinnen schnatternd auf der Straße stehm ge­blieben war, wiederkam und schon m der Ladentüre rief:So ein Glück! Die Kaiserin im Haus! Jetzt Hama ein Terno, List!" Sie blieb aus den Stufen stehen und starrte ihre Nichte an:Ja, was hast denn? Dein Vater is Hoffournisseur, du kriegst a Hochzeitsg'schmk von der Kaiserin, und ein totsicheres Terno Hama auch Was heulst denn dann, dumme Gans?"

Elisabeth Brand sprang aus und lief aus dem Laden. Katharina Vielgratterin sah ihr kopfschüttelnd nach. Also alles, was recht ist. Hmlt das "Mädel an so einem Tag!

Lange hatte die Alte nicht Zeit, sich dm Kopf über diesen rätselhaften Schmerzensausbruch der List zu zerbrechen, weil die Leute einander die Tür in die Hand gaben und sich die ganze Nachbarschaft in dm Laden drängte. Mit offenm Mäulern und strahlenden Augen standen und

gafften die Menschen. Als hätten sie dm kleinen Kerzelmacherladen noch niemals gesehen. Unaufhörlich klingelte das Spielwerk der Türe.

Sogar der Bursche des Leutnants von Rabenau hatte heute Mühe, auch nur bis zur Pudel vorzudringen. Als er endlich feinen Einkaufs­korb auf den Disch stellm konnte, bediente die Vielgratterin gerade ein« Bürgersfrau. Dabei ging ihr Mundwerk:Freilich, freilich. Frau Ma- gistratsrechnungskanzlist: die Kaiserin im Laden, allerhand! Und gar Hoffournisseur! Ein Glück hat der Brand! Das muß man schon sagm Aber das Schönste wissens ja noch gar nicht, Frau Nachbarin" Sie bemerkte den Dragoner und nickte ihm zu:Das wird Ihn auch interes­sieren, Herr Soldat. Ich hab Ihnen doch vorgestern g'saat, daß wir am Sonntag nach Nußdorf fahren, der Brand, die List und ich Und wissens, warum wir g'fahrm sind? Aber ja nix sagm, Frau Rech­nungskanzlist, ja nix sagen! Also wissens, warum? Weil nämlich di« Dcmoiselle Brand den Franzl vom reichen Kirndorfer heirat! Gelt, da schauens Gestern war Verlobung und zu Ostern is Hochzeit!"

Sie drehte sich um, um mit dem Besenstiel die Schachteln für den Burschen aus einem der buntbeklebten Fächer zu angeln.

Als sie die erste auf den Ladentisch stellm wollte, war der Soldat verschwunden. Eben wehte sein weißer Dragonerpelz zur Türe hinaus.

Diesmal verschlug es ihr doch die Rede. Mit offenem Munde sah sie ihm nach. Hat der jetzt nicht warten können? So ein aufgeblasenes Mannsbild! Grad als obs nur für ihn allein auf der Welt wär!

Es brauchte eine Weile, bis sie sich wieder gefaßt hatte, ihr Mund­werk in Gang kam und sie zur nächsten Kundschaft sagte: , Womit kann ich dienen, Madame Schweighofer? Die Lebzeltm da könnt ich ganz besonders empfehlen, ganz besonders. Grad vor einer Stund hat die Frau Kaiserin g'sagt, daß delikat sind delikat Hots g'sagt!"

Der Reitergeneral Andreas von Hadik saß in seinem Zimmer, groß wie eine Reitschule, das er den Winter über im dritten Stockwerk eines kleinen Palais hinter der Freyung bewohnte. Gemütlich sah es in dem fast leeren Saal, dessen drei Fenster auf ein schmales, kaum dreimann­breites Gäßchen gingen, nicht aus. Nichts stand in der Stube als ein eisernes Feldbett mit zwei groben Pferdedecken, ein rohgezimmerter, wackliger Eichenschrank, ein kleines Waschbecken aus einem der vier Stühle und in der Mitte ein großer runder, spiegelnder Tisch voll Bücher, Akten und Karten. Es roch nach Leder und Stall. Zwischen dem Feldbett und dem mächtigen, aber eiskalten Kachelofen hing über einem Holzbock ein Sattel mit der Generalsschabracke, darüber das goldbeschlagene Zaumzeug an einem eisernen Haken.

Der kleine General war gestiefelt und gespornt, hatte die pelzge­fütterte grüne Attila an und den Kalpak auf dem Kopf, als wollte er eben zu Pferde stelgm. Auch an strengsten Wintertagen heizte er nicht, und wenn die Spatzen als Eisklumpm von dm Dächern fielen. Heizen war feiner Meinung nach etwas für Bürger und Weiber, aber nicht für Soldaten.

Böse Zungen behaupteten, er habe dieses Zimmer über dem engen Gäßchen nur deshalb gewählt, um Kerzen zu fparen. Denn auf diese Weise könne er, wenn er des Abends in feinen geliebten römischen Klassikern lese, am Fenster sitzend von der' Lichterfülle profitieren, die der gegenüberliegenden Wohnung eines gastfreundlichen Advokaten ent­ströme. Das war übertrieben. Zumindest heute stimmte es nicht. Aus dem großen, runden Tisch, auf den der Bursche des Generals schon den Teller für das Abendessen gestellt hatte, brannte ein dreiarmiger Leuchter. Davor lag eine Karte der böhmischen, mährischen, schlesifchm und brandenburgischen Länder, an den Grenzen mit roten und blauen Fähnchen besteckt. Di« Fähnchen waren die Truppen des Dauns und des Königs, die Reiterregimenter des Hadik und Nadasdy, des Zietm und Seydlitz in ihrm Winterquartieren und auf Vedette und Vorposten.

Hadik faß rittlings auf dem verkehrt stehenden Sjuhl, hatte die Arm« auf der Lehne verschränkt, stützte das Kinn darauf und ließ seinen Geierblick über die Karte gehen. Die Prmßen marschierten wohl schon. Jedeb Tag war kostbar. Noch in dieser Woche mußten seine Schwadronen in Marsch gesetzt werden. Aber wie sollte er das? Seine Ordonnanz­offiziere und Adjutanten saßen, bis auf den Rabenau, in den Winter­quartieren in Schlesien und Böhmen. Und der Hofkriegsrat hatte es nicht einmal fertig gebracht, ihm einen berittenen Kurier zu stellm, der di« Regimenter alarmierte. Seit gestern lief er sich die Beine ab bei allen militärischen Kommandostellen und Behörden. Aber es schien keine Offiziere in Wim zu geben. Allzuviel« waren es wohl wirklich nicht. Die Winterurlaube waren zu Ende. Aber dann stolperte man doch wieder an jeder zweiten Straßenecke über einen Leutnant mit seinem Mädel. Einen einzigen solchen Leutnant mürben die Wiener Mädel wohl schließ­lich noch mtdehren können. Würde sich an seiner Stelle wohl noch ein ziviles Manpsstück finden, das dafür sorgte, daß kein Topf ohne Deckel blieb.

Das hatte der General den Messieurs auch gesagt. Wie er alles zu