Ausgabe 
30.9.1938
 
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Oie Liebende schreibt.

Von 3. 3S. von Goethe.

Ein Blick von deinen Augen in die meinen. Ein Kuß von deinem Mund auf meinen Munde, Wer davon hat, wie ich, gewisfe Kunde, Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?

Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, Führ ich stets die Gedanken in die Runde, Und immer treffen sie auf jene Stunde, Die einzige; da fang ich an zu weinen.

Die Träne trocknet wieder unversehens: Er liebt ja, denk' ich, her in diese Stille, Und solltest du nicht in die Ferne reichen?

Vernimm das Lispeln dieses Liebeswehensl Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille, Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen!

Oer Korbmacher.

Von Andreas Zeltler.

Eines Mittags im hohen Sommer, als er feine Körbe in die Stadt brachte, die er im Laufe der Woche geflochten hatte, und vor dem Gast­hof ,Lur grünen Flasche", wo ein Brunnen auf der Gaffe rann, die hochgetürmte, weihfchimmernüe Last abstellte, um zu trinken, fah Georg im halbdunklen Hausgang ein junges Mädchen fitzen, das Gemüse putzte und dabei leise vor sich hinfang. Er kannte es nicht und musterte es neugierig. Es hatte kräftige, volle Glieder und ein über und über forn- merfproffiges Gesicht mit einer hohen, sonnenverbrannten Stirn. Die Augen, die unter starken Brauen mutwillig funkelten, und das glatt zu- rückgeftrichene, über dem Nacken zu einem dicken Knoten verschlungene Haar hatten fast die gleiche kaffeebraune Farbe. Es trug ein rotge­mustertes gelbes Kleid und darüber eine blauleinene Küchenschürze, unter deren Saum die nackten,' in Holzpantoffeln steckenden Füße hervor­kamen. Während Georg am Brunnen feine Mütze voll Wasser laufen ließ, wandte ihm das Mädchen das Gesicht zu und beantwortete feinen Gruß. Der Händler, bei dem er sich fpäter erkundigte, sagte, es sei eine Nichte des Wirts, Hedwig mit Namen, die im Gasthofe kochen und nähen lerne und was sonst noch zu einer großen Wirtschaft gehöre.

Auf dem Heimweg trat Georg wieder an den Brunnen heran, um verstohlen in den Hausgang zu fpähen, aber Hedwig faß nicht mehr dort. Er wollte sie unbedingt noch einmal sehen, und er wäre gern hineingegangen. Aber er schwankte, ob er sich ein Bier leisten durfte. Sein Vater war ein Holzfäller in dem Waldlanü im Norden; auch fein Großvater und dessen Vorfahren waren Holzfäller gewesen, und auch feine drei jüngeren Brüder standen bei Sägemüllern im Dienst. Er allein tat andere Arbeit. Von klein auf schwächlich, konnte er es seinen Altersgenossen an Kraft und Ausdauer nicht gleichtun; es benahm ihm den Atem, wenn er die Axt schwang, und schon nach wenigen Schlägen muhte er erschöpft innehalten. So verdiente er fein Brot wie die Holz­fällerfrauen und die alten Männer mit Korbflechten. Seine Brüder und Schwestern waren längst ihre eigenen Wege gegangen; nur er lebte noch in dem baufälligen, einsamen Waldhaus bei feinen Eltern. Vom Morgen bis zum Abend kauerte er rittlings auf einer niedrigen Bank und flocht aus breiten Spänen die flachen, muldenartigen Körbe, für die nur ein paar Pfennige bezahlt wurden. Ein Weilchen befühlte er unschlüssig die wenigen Silbermünzen, die ihm der Händler gegeben hatte. Dann aber stieg ein trotziges Begehren in ihm auf und er ging in den Gasthof hinein.

Es waren erst wenige Gäste da, in der Hauptsache schwerfällige, ergraute Männer, die reglos in ihre Gläser starrten oder mit heiseren Stimmen lärmend miteinander sprachen. Georg setzte sich an einen Tisch in der Nähe des Küchenfensters, durch das Getränk und Speisen her- ausgereicht wurden. Zu feiner Enttäuschung konnte er aber Hedwig nirgends entdecken. Sein Bier brachte ihm das überlang aufgeschossene schieläugige Mädchen, das seit Jahren bediente. Das herbe Bier schmeckte ihm, es rann kalt in ihn hinab und jagte zugleich heiße Fluten durch feinen Leib; behaglich legte er sich zurück, so gut es die steife Bank e, und beschloß auf Hedwig zu warten, und wenn cs darüber

j werden sollte. Er zündete sich seine Holzpfeise an und blickte gedankenverloren dem Rauchgekräusel nach in die Zweige, wo das gol­dene Sonnensprühen allmählich immer höher hinauswich.

Er war durstig und bestellte ein zweites Bier, danach ein drittes, es mundete ihm immer besser; er zog feine Jacke aus, legte die Arme breit auf den Tisch und fühlte sich stark und war guten Muts wie seit langem nicht. Endlich, es war nur noch ein grünes Schimmern unter den Lindenbäumen und der Himmel leuchtete mit den ruhigen, matten Farben, die auf den Sonnenuntergang folgen, durch die Blattlucken, hörte er in der Küche die Stimme sprechen, die am Mittag irn Haus- gang gesungen hatte, und gleich danach tarn Hedwig mit einem voll- gestellten Brett in den Garten. Der Wirt setzte sich mit seiner Familie und dem Gesinde nicht weit von Georg zum Abendbrot nieder, und Hedwig, von der Hageren begleitet, deckte auf. Nun sah er sie so nahe vor sich, ruic er es sich erhofft hatte. Sie war so groß wie er selbst, von gedrungener Gestalt, breit in den Schultern und Husten, aber be­weglich und gewandt. Während sie, wandte er kein Auge von ihr,

und als sie es merkte und einige Male halb unwillig, halb belustigt nach chm schaute, hielt er ihrem Blick stand; es flog ihm aber heiß und kalt über den Rücken dabei, und er rauchte hastiger und tränt schneller, als er wollte.

Inzwischen hatten sich neue Gäste eingefunden; der Garten erscholl, von Gespräch und Gelächter, und in der Kegelbahn rumpelte und rollte es ohne Unterlaß. Dort sahen oder standen die jungen Männer aus der Nachbarschaft beisammen und gebärdeten sich, als feien angehende Schlosser, Tischler, Schmiede und Metzger die Gebieter der Stadt. Sie sprachen dem Bier kräftig zu, und da die Hagere nun nicht mehr allein mit den Bestellungen fertig wurde, trug ihnen Hedwig die vollen Gläser hinüber. Es schien ihr Vergnügen zu machen, denn sie verweilte immer länger bei ihnen und schwätzte und lachte so ausgelassen, daß es Georg bis an seinen entfernten Platz hörte. Er sah auch, daß zuweilen einer der Burschen den Arm um sie legte und sie an sich zog, was sie mit schwacher Abwehr geschehen ließ. Wäre er nicht vom Bier erhitzt ge­wesen, hätte er wahrscheinlich das Treiben seiner Altersgenosien nach seiner Art mit Bitterkeit im Herzen betrachtet und bald das Weite ge­sucht. Heute indessen war eine zornige Lust in ihm, das trübe, gedrückte Waldwesen abzustreifen und so jung, unbekümmert und selbstgewih zu fein wie jene. Er ergriff fein Bierglas, durchquerte den Garten und trat mitten unter sie. Hedwig sammelte gerade die teeren Gläser eim

Er grüßte, aber ehe er noch ein weiteres Wort sagen konnte, stob plötzlich laut und schnarrend Tanzmusik vom Hause herüber; der Wirt hatte den Lautsprecher aufs Fensterbrett gestellt. Sogleich umfaßte ein junger Schreiner, über dessen unförmig dickem Körper sich ein ohne Auf- «Ören lachender und schwitzender kleiner Kopf fortwährend drehte und chüttelte, die verdutzte Hedwig und begann, mit ihr die Kegelbahn entlang zu tanzen. Er war aber noch nicht bis unter die erste Lampe gelangt, als Georg hinzusprang, das Mädchen aus feinen Armen riß und ihm einen derben Schlag ins Gesicht versetzte. Aus den Nasenlöchern blutend, brüllte der Getroffene wütend auf und drang Georg nach, der Hedwig mit sich fortziehen wollte. Sie streifte indessen seine Hand mit spöttischem Auflachen ab und lief mit ihren Gläsern leichtfüßig davon. Inzwischen hatten sich die anderen drohend erhoben. Georg sah, daß er es mit dem Schreiner aufnehmen muhte, und wich vorsichtig bis art die Wand zurück. Da trat jedoch ein anderer zwischen sie, der Schreiner winkte verächtlich ab, und bevor Georg noch begriffen hatte, daß sie meinten, mit dem betrunkenen, dürren Korbmacher aus dem Walde zrt kämpfen, sei wider die Ehre, wurde er an Beinen und Armen gepackt, emporgehoben, durch den Garten und den Hausgang bis auf die Gaffe getragen und dort einige Male unter dröhnendem Gelächter mit dem Kopf voran in das tiefe, steinerne Brunnenbecken getaucht.

Der Morgen graute bereits und hinter den Bergen schossen zarte weiße Strahlen in die Höhe, als er endlich das Tal erreichte, in dem er zu Hause war. Er sah, bachaufwärts schreitend, aus braunen Schleiern das Haus aufsteigen, und ein wilder Schmerz durchschnitt ihm die Brust, als er unter dem Vordach die niedrige Bank gewahrte, auf der er feine Körbe herzurichten pflegte. Noch hatte er sie nicht erreicht, da empfingen auch feine Ohren den Willkommengruß; er hörte den kobold- haft durch den Wald springenden Klang von wuchtig geschwungenen Aexten und gleich darauf den dumpf hallenden Sturz eines Baumes hoch oben am Hang, wo die Holzfäller schon bei der Arbeit waren

Auch der Teufel hat Pech.

(Eine volksfage aus den Bergen.

Nacherzählt von Josef Friedrich Perkonig.

Auch der Teufel hat hie und da feine mageren Zeiten, es will sich niemand melden, der seine arme Seele verschachern möcht, es ist so, als wären die Leute alle zufrieden, und es hätte keiner ein Gelüst nach einem Sack voll Gold und nach luftigen Tagen. Das ist dann eine trübe Zeit für den Teufel, und feine Großmutter hat bittere Not mit ihm, und die Unterteufel haben nichts zu lachen, bald ist chm das höllische Feuer zu heiß, bald zu schwach, bald schimpft er, daß sie mit dem Holz nicht zu sparen wissen, und bald ist ihm der Hausen Glut unter dem Kessel zu klein. Der Mensch soll sich auskennen dabei! fluchen die Unter­teufel; ja in der Hölle rufen sie den Menschen an, wenn ein Fluch recht arg fein soll.

Du mußt ein wenig nachhelfen", rät die Großmutter,sonst wirst du den Engeln zum Gespött."

Und das leuchtet dem Teufel ein, man muß den Leuten das Leben sauer machen, da wird dann die Seele locker im Leib und man kann leicht feinen Handel treiben mit ihr. So sucht er sich diesmal eine bäue­rische Gegend aus und nimmt zuerst einen Wirt aufs Korn.

Der hat an der Straße sein Gasthaus, die Fuhrleute kehren bei ihm ein, am Sonntag kommen die Bauern. So ein Wirt in der Einschicht hat kein fettes Leben, aber es ist ruhig und macht einen braven, stillen Mann satt, wenn nicht ein Unglück über das Haus kommt. Der Teufel. weiß ihm wohl etwas anzuhaben, er spuckt ihm in das Weinfaß und in das Mostfaß, und Wein und Most sind am nächsten Tag purer Essig. Cs ist ein Schlag für einen Wirt, der von der Hand in den Mund lebt, er weiß es auch nicht zu deuten, wie solches über Nacht geschehen fonnti, aber ein langes Rätseln und Wundern hilft ihm nicht. Er kauft sich neuen Wein, neuen Most, er kauft sie auf Borg, ein paar Tage später sind sie wieder fauer. Und noch ein drittes Mal geschieht das Unglück.

Jetzt ist der Wirt reif für den Handel, denkt sich der Teufel, gewandet sich wie ein Weinhändler und kehrt ein in dem Gasthaus. Die Not ist ihm sicher, denkt er. Aber er weiß nicht, daß dem Wirt der Ausschank, das Haus, die Straße, die Gegend und zuletzt das Leben verleidet find, und der Weinhändler ist für ihn jetzt das nämliche wie das rote Tuch