Jahrgang 1938
Sreltag, -en 30. September
Nummer 76
Roman von Rolf Brandt
Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin
3. Fortsetzung.
er das Hörrohr fest an. „So", sagte
b/m' Birettor L^ihS?Lroer@n ^ad) H°use gehen, ich selbst werbe 7^' • $?Jcf)etö fagen. Können Sie mcht irgendwohin aufs Land?
Menn M 'abe Ihren Herrn Großvater gekannt und sehr verehrt der Elbe?" dusche, hatte er doch einen Bruder irgendwo an
Christine stand schon: „Sie kannten Großvater?"
im/h* 3 ®ut ?? ^hr lange her, mein Fräulein, Sie waren ein Mädchen von acht Jahren vielleicht. Da saßen Sie aus zwei Kissen an einem großen Tisch, und Sie verlangten für eine Tischkarte mit einem daraus zehn Mark Den Löwen hatte allerdings der alte Ruck- nun StfrMiA ",ar die Karikatur eines alten Generals, und der heißt S*fn*l t ^’2)er ßoroe' er dat im Osten eine schon fast verlorene 31e??" ber9em°nnCn ’ ’" ®ert*n Sie allein nach Hause kommen -^^ntürlichl" sagte Christine. „Außerdem muß ich Ihnen gleich sagen, Sanitatsrat: Wenn man sich jetzt hier schon herumaeschunden hat ^'e^!?ahre, will man auch die Abgangsprüfung machen. Es ist ja hn* in ein paar Tagen plötzlich wieder umklappen, das hat
M Wh® faulem von Rucktasch! Nein, Sie sind unterernährt, ff'"/°"ten sofort auf das Gut fahren. Ist es noch in dem Besitz von Ihrem Herrn Großonkel?
''^"-sogie Christine, „aber er ist mit Baker wieder vollkommen ver- fwA- , x maf dort im Juli, als der Krieg ausbrach, und da haben sich Onkel und Vater so in die Haare bekommen ..."
arat;c Arzt lächelte: „Das ist doch kein Grund, Werden Sie denn «L x 2 s" schlecht verpflegt? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Cs Arnien siefytP*$ Symptome, die man sonst nur bei den Aermsten der „Wir leben nach dem Gesetz, das will Vater so, und das ist aut so" jagte Christine. 1
M nichtig, wir alle versuchen, nach dem Gesetz zu leben. Aber
sur Ihr Alter ist das Gesetz eben besonders hart. Es muß etwas geschehen. Das Gut liegt doch bei Hamburg?"
^Ja", sagte Christine, „für mich liegt es im Mond."
Wieder lächelte der Sanitätsrat: „Sie haben so viel Aehnlichkeit mit auch?" ®ro^Dat€r' roie Sie es selbst noch gar nicht wissen. Malen Sie „Vater war dagegen", antwortete Christine.
„Ich werde ihn aufsuchen, so geht das nicht weiter! Sie sind doch die einzige Enkelin..."
„Man ist zuerst Tochter", erwiderte Christine. „Aber wenn Sie das mit dem Malen für meine Gesundheit als besonders wichtig erklären, will ich Ihnen um den Hals fallen."
,^Jch werde Ihren Herrn Vater aufsuchen."
Schon am nächsten Tage saß der Sanitätsrat in dem Arbeitszimmer r« x rr^'erun95rates- „Wenn Sie schon nicht an sich denken — eine ;<">°che, die man Ihnen ja ansieht —, so haben Sie die Pflicht, für das "den Ihrer Tochter zu sorgen, Ein rauher Wind — Lungenentzündung ;*e,ne drei Tage! Außerdem, auch wenn wir den Krieg gewinnen louten und wir müssen ihn gewinnen, kann sie einen Herzknacks bekom- ( en Tr if)r ganzes Leben. Wir haben die Pflicht, für die Jugend zu Wenn einmal Frieden ist, wird Deutschland auch noch sein. Also vyne Widerrede, Herr Oberregierungsrat! Ich war mit Ihrem Herrn Va- S'e wissen, befreundet — es ist vielleicht ein falscher Ausdruck, gehörte zu einem kleinen Kreise, der ihn alle acht Tage einmal in einer Weinstube sehen durste."
l es, Herr Geheimrat. Ich habe es bisher für meine Pflicht Zyanen, ,n dem Haushalt eines preußischen Beamten keine Schmuggel- * “re emzusühren, die man nur mit Uebertretung der Gesetze erlangen «nn und die dem allgemeinen Verkehr, also auch den Allerärmsten entzogen wird."
rt.?mmen wir ja nicht weiter", sagte der Sanitätsrat. „Ich teile wstverstündlich Ihre Meinung, aber ich bin außerdem Arzt. Ich kann 1
SietzenerKilnilieiikMer
________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
| b^eör3‘Safj" rfSre‘ernbU.in
«* £*' s y? ff väs ä
H-rrn Gutsbesitzer Paul von Ruck!aschschr7ckeSi7weL
nicht im Uebersluß leben, aber doch ganz anders als hier!" $
ßo,ün8 wäre mir sympathischer!"
65 bier Uberf)',l,pt an, sondern aus
«ll.?"4fSÄÄsn;?,s™l"n‘""M * «■*"*» - *.
h?tte festgestellt, daß der Inspektor, ein junger Menscki von tüns- ndzwanzig fahren, meine Tochter beim Abschied geküßt hat" ..ss''^.rv°r d°ch aber Kriegsausbruch, Haben Sie äenr/ den Juli ver- den Juli mit den Liedern und dem Eichenlaub? Ach ick stelle ia
•ft’Ä'ÄSl! •** - *w i“ "■* v-w
Obe?r7gLng7rat?"'"° "®° (eben Sie eigentlich, verehrter Herr
„In meinem Amt. Ich tue manchmal zwölf Stunden Dienst und außerdem betätige ich mich noch politisch. Man muß doch dazu bei raaen daß die Stimmung nicht sinkt." ' ö Miragen,
fn ?enrP?r3t fcnrr roie^r den Kopf: „Herr Oberregierungsrat, wenn Sie
®ri.f •
~ Auf dem Gut waren noch ein alter Knecht und die Großmaad Im Stall standen drei Kühe. Auch die Schimmelstute Himmeld7eck war längst an der Front. Irgendein Rittmeister ritt sie vielleicht oder eG M^ior
»Ä’S'VÄ w” u-ch
?ür die Frühjahrsbestellung bekam der Onkel zwei Sibiriaken xu- ! de^MilchwirtschaL" fIei6‘9 Unl> "erstanden sogar etwas von
i°. B ÄS' KW
jonne waren. Der Onkel war uralt geworden. Er war für* niemand ju sprechen, aber er gab, was er geben konnte, für die Lazarette in HiuT»nUrtn' v"f?en Magde waren alle in den Kriegsfabriken und di?Torniste^undB?°tbeÜtel°^" Nähmaschinen für
hnfi?\r''tin-C bekam ihren Liter Milch täglich, sie bekam Eier und sehr bald den jungen, grünen Salat aus den Glasbeeten, den Salat den man in der Großstadt auch nicht mehr kannte. Sobald die Sonne warmer wurde lag sie draußen im Liegestuhl. Sie sah müde und selln- N'g m die Klrschbaume, die plötzlich über Nacht mit weißen und rosa Bluten wie uberstickt waren. 0
Eigentlich war Christine glücklich dabei. Sie war ganz ungefüllt m, einer fremden Traurigkeit, sie war ganz leicht und wunschlos Ihre Augen sahen unnatürlich groß aus in dem blassen Gesicht
Ernes Tages fühlte sie sich ein wenig frischer. Sie nahm einen Block oon Zeichenpapier, der noch seit der Zeit des Großvaters in dem Dach- arnimer, das nach der Elbe ging, stand. Sie trug den Block in den ©arten und zeichnete einen Kirschenzweig. Dann arbeitete sie jeden e’n p""r Stunden; sie zeichnete das Haus und die Ställe sie zeichnete das Stuck des ©artens mit dem Blick in die weite Ferne sie ging langsam und schlaksig zur Elbe und zeichnete einen braunen Sroer, der dort wieder zu Änker lag. Ach, es lagen viele Ewer zu Anker, niemand brauchte sie. Der Hafen war ja leer. 3


