Jahrgang 1938
Montag, den 2. Mai
Nummer 34
GiehenerKmiilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
.Schade. Das war ein Kerl. Den könnten wir hier brauchen.
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,2luf Wiedersehn, Irene", sogt er.
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)loman von -Hans-Äaspar von Zobeltltz
n gern, |ie gehorchen Ihm auch, aber wie id einem Lehrer gehorcht. Er hat sich die Hosen trennen lassen, die karmoisinroten sen sind; aber damit war es nicht getan.
Es tut Bernd immer ein wenig weh, wenn er so nach Conrod gefragt wird. Er schämt sich, denn er weih: es ist Neid. Nicht auf den Ruhm, aber auf das Wort „Kerl". Er hat längst erkannt: er ist kein Kerl. Er hatte gehofft, einer geworden zu sein, als er aus dem flandrischen Sumpf stieg, aber das war eben nur ein Traum gewesen. Er paßt auch nicht recht hierher unter die Freischärler, die nichts von General- ltabsarbeit wissen^wollen und ihren Krieg lieber auf eigene Rechnung ' oanesZx kühlt: sie sehen in ihm im Grunde nicht
:r findet den Ton. Er baut auch immer i Stab und der wilden Truppe. Er fängt >er Front, pirscht sich in Zivil bis in die jr, läuft die blödsinnigsten und zwecklosesten :r glücklich zurllckkommt, mit den andern ist es ein viehischer Kampf, voll Hinter- ringsum, man weiß nie, wer einem ent- Straße entlangreitet, gleich in welcher
uzen sich schon lange — gebeten: „Nimm
t, Käpten, du hast Frau und Kind zu Haus." .Aber ich will mit."
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In dieser Zeit kommt William Bruce nach Berlin. Irene erwartet ihn, denn er hat ihr von Dreadford aus geschrieben, wann er bei ihr sein würde. Er trägt einen dunklen Rock wie damals, als er in Waidhausen war zur Beisetzung Alexander Czehs. Seine Gestalt hat sich nicht verändert, aber sein Gesicht ist zerfaltet und sein Haar ist sehr grau.
Irene sieht die Falten nicht, sie sieht nur ihn. Es ist keine Feindschaft in ihr, obgleich sie daran denken muß, daß ihr Sohn gegen England fiel.
Sie reicht ihm beide Hände und läßt sich an seine Brust ziehen. Sie fühlt seine Finger über ihr Haar gleiten und fühlt sich unendlich geborgen. Ihr ist, als ob sie zum erstenmal voll begriffe, was sie an diesen Mann bindet: die klare Sicherheit, die von ihm ausgeht und die sie spürt, sobald er in ihre Nähe kommt.
Gerade jetzt empfindet sie diese Sicherheit doppelt, denn in Deutsch- and scheinen alle sie verloren zu haben; in Deutschland scheint keiner Jcr geblieben zu sein, der er war. William Bruce ist es geblieben.
Vielleicht gewannen sie deshalb den Krieg.
„Dank, William, Dank für alles, was du getan", sagt sie.
Dann sitzen sie beieinander, und er berichtet, wie Günter starb und «ie er ihn gebettet.
„Soll ich ihn dir bringen?" fragt er.
Sie schüttelt den Kopf. „Nein, William, laß ihn ruhen, dort wo der Lu.it» weht und abends die Pferde an seinem Birkenzaun stehen und varE" Sie sieht das alles ganz klar vor sich, und Waldhausen und ^ie
„Ich habe deiner Frau versprochen, auf dich aufzupassen. Also, kein« Widerrede, Käpten."
Auch dieser Krieg geht zu Ende.
So kommen sie nach Berlin zurück. Bernd geht in die Hohenzollern- straße. Notz sucht sich ein Zimmer im Alten Westen und findet es in der Genthiner Straße. Das ist gar nicht weit von der Czehschen Wohnung, nur über den Landwehrkanal hinüber, noch nicht zehn Minuten Wegs. „Wollen Sie nicht nach Hessen zurück, zu Ihren Eltern?" fragt ihn Lexe. Er hat sein frisches Dumme-Jungens-Lachen. „Nee, Baronin, ich- bleib lieber hier."
Bernd ist flügellahm. Er kann sich nicht daran gewöhnen, daß er Zivil tragen muh. Er kann sich aber auch nicht entschließen, zur aktiven -Truppe zurückzukehren, die im Umbau Gegriffen ist: er will nicht Soldat der Republik werden, er kann nicht den neuen Eid leisten, der gefordert wird. So setzt er sich schweren Herzens hin und schreibt sein Abschiedsgesuch.
Dann irrt er in der Wohnung umher; er versucht zu lesen, kramt seine Kriegskarten heraus, ordnet die Bilder, die er von der Front mitbrachte, nimmt seine Kriegsbriefe und Tagebücher vor und versucht, sie zusammenzustellen. Es bleiben aber Versuche.
Er kann auch nicht mit feiner Frau sprechen, nicht einmal mit Jürgen. Nur mit Hilde kann er spielen, stundenlang, oder ihr zusehen. Einmal findet er den Brief, den ihm Lexe damals im Sommer 1917 schrieb: »Sie iiLbt-aua-am-. M,,ttor mm lana und schmal und feinaliedria. Die ■hIHIIIIIIIII|IIII|IIII|IIIIIIIII|IIII|IIII|IIII|IIII|IIIIIIIII|IIIIIIIII|IIIIIIIII|IIII|IIII||I
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•ummon Waunm jei. Den rennen Ile aue, ote slly oort zuiammengesun- «en haben, die setzten Landsknechte des Weltkrieges. Sie sind erstaunt, ^enn er antwortet: „Nein, der Sturmbataillonssllhrer ist mein Bruder", pnn sie denken, der Sturm-Wallnitz muß doch wieder zu uns stoßen, Er tolle Kerl, der sich als Oberleutnant am „Toten Mann" den Pour le "'«rite geholt und sich dann eine eigene Truppe ausgebildet hatte: Flammenwerfer und Minenfchleuderer, Handgranatenspezialisten und Pistolen- syützen, die man mit Ellkrastwagen an die Front roarf, wenn es galt, Utzendwo einen Graben aufzurollen oder eine besonders windige Ecke vegzunehmen.
«Ja, wo steckt denn Ihr Bruder?"
„Zu Hause. Auf dem Lande. In Dapper."
„Und was macht er da?"
„Er baut Kohl."
vuu) yiv*/ vvwxx-j. wmumi|iuvvv* |mhv */vv*/ im jvuiz». IV V"' dustrie reißt sich um euch. Haft du keinen Bekannten unter den Leuten?" „Ich kann nicht betteln gehen, Notz. Ich kann nicht anklopfen und fragen: .Haben Sie vielleicht eine Stellung für mich?' Ich kann das nicht!" Es ist wie ein Schrei.
Notz bleibt ganz ruhig. „Betteln ist Quatsch", sagt er, „Du hast fünf Jahre im Feld gestanden, da kannst du fordern. Die Leute haben die Pflicht, dich unterzubringen. Ein Kopf, wie du bist. Wach aus, Mensch, Bernd, wach auf!"
Bernd schreibt auf eine Chiffreanzeige hin einen Bewerbungsbrief. „Ehemaliger Offizier..." heißt es in ihr. Er schreibt sehr kurz, sehr knapp, er streicht sich und sein Können nicht heraus.
Wenige Tage später ist schon die Antwort da: er soll sich vorstellen. Der Briefkopf trägt die Firmenbezeichnung „Schillingswerke". Es ist ein


