den Vogeltanz. Sie weihe Federflaum--
Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlfch« LlniversitätSdruckerei R. Lange, Gießen.
In Tofuque am dünnen Nebenfluß des Rio Grande del Norte, der die Wüste von Neumexiko durchfließt, in dem mit seinen Lehmhäusern in der Mergel- und Tonlandschaft versteckten Jndianerdorf, ist heute Tanz. Wir fahren hin. Wie wir in den das Dorf umgebenden Gürtel der Ställe aus offenem Astwerk kommen, hören wir schon den dumpsen Klang der Trommel und sehen Frauen und Kinder und Greise aus den flachen Dächern der Häuser stehen. Wir betreten dtn Dorfplatz.
Da wandelt mit hüpfenden Schritten und steht bald, auf der Stelle hüpfend, der Chor von fünfzehn bis zwanzig Männern. Sie sind gekleidet in phantastischem, regellosem, individuellem Bunt. In den schwarzKi Haaren stecken weiße Flaumfederchen. Sie singen eine eintönige, sich immtr wiederholende grobe, dringliche Weise. Die Trommeln klingen dumpf. Vor ihnen her aber, wenn sie in zwei oder drei Reihen schreiten, oder neben ihnen, wenn sie, um die Trommel zum Knäuel geballt, stehen, mimen zwei junge Männer in Adlermasken hüpfend den Vogeltanz. Sie sind nackt bis auf den bunten Schurz, sie tragen, eine weihe Federflaum» Haube, ein gelber Haken versinnbildlicht daran den Vogelschnabel. Oberkörper und Waden sind schwarz, Gesicht, Arme und Füße gelb. Aus den Armen liegen Adlerschwingen, das Flugsteuer des Adlers ist den Tänzern hinten an den Schurz geheftet. Sie schreiten nur gebückt in rhythmischen Trittchen der lebendigen Füße zum Trommeltakt, manchmal lassen sie sich auf das eiüe und dann auf das andere Knie nieder und berühren mit den Schwingenenden die Erde. Der Chor singt eintönig und gläubig laut, die vier Trommeln hallen dumpf.
Eine Viertelstunde dauert das Spiel im großen Hinundwieder derselben Formen, dann ordnet sich der Zug in zwei Reihen, und, die Vögel vorauf.
trommelnd, singend, hüpfend, tanzend zieht das Ganze unten in die Ecke des Dorfplatzes und verschwindet.
Der gekehrte und gepflegte Platz liegt leer da, das Eisengestange des modernen Windmotorbrunnens aus Chikago knarrt. Drei Manner, die bunte Jndianerbinde um Stirn und schwarzes Haar, in farbige Decken gehüllt, machen die Pfatzpolizei.
Alles wartet. Indianer haben Zeit. Ich steige eine rohgefügte Leiter hinauf auf ein flaches Dach. Da draußen liegt die Wüste. Wasser! ruft alles Leben in diesem dürren Land, und Wasser ist der Gegenstand der meisten Gebete, Riten, Zeremonien und Zauber dieser Indianer in den Flußoasen des Rio Grand«. Der Adler ist heilig als „Donnervogel , und der Donner ist der Lünder des Gewitters der Regenzeit. Seht da den alten Topf' Auf grauem Schalengrund im tiefen Mittelpunkt die ersehnte vergötterte Wolke, Adler fliegen zu ihr auf, Zickzacklinien der Blitze fahren hinauf zum Schalenrand in den Mund von kleinen Fröschen. Sie schlafen die Trockenzeit über im hartgebackenen Lehm, das neue Naß des Jahres wird sie erwecken. Oh gib' uns Regen großer Geist! Ich sitze auf dem Dach und warte. Und denke an die Aussaatprozession unseres katholischen Dorfes in Deutschland. Ja, sie war ihrem Sinn nach nicht anders als di« kultische Szene des Adlertanzes, und wir beschritten die Fluren unseres rheinischen Dorfes mit derselben gläubigen Jnbrust, mit der diese Indianer tanzen. Man muß doch die Flurmächte zwingen können!
Unten tritt der Chor wieder an, diesmal mit nur einer Trommel. Und die Tänzer treten aus, fünf Männer, vier in Büsfelmasken, und vier Frauen. Einst zogen auch diese ackerbauenden Indianer jährlich einmal zur großen Büffeljagd hinaus nach Osten in die Prärien, und der Büffel, tanz wie der Jndianertanz bedeutet genau dasselbe roie: Unser tägliches Brot gib uns heute. Der Chor schreitet langsam gerade aus, aber die Tänzer gehen in einer Wellenlinie nach der Ostseite des Platzes. Die vier jungen Männer, deren Gesichter unsichtbar gemacht sind unter den wolligen, braunen Büffelmasken, tragen in der Hand einen Bogen und Pfeil. Wenig anders wird der Jäger zur Büffelzeit ausgesehen haben, der unter der Büffelmaske das Wild anschlich. In der anderen Hand schütteln sie eine leise klingende Rassel aus einer trockenen, mit Kieseln gefüllten Kürbisschale. Ihr nackter Körper ist blau bemalt, an einem Lederschurz hängen hundert kleine engtütige, hochklingende Glöckchen. Um die Husten tragen sie eine rote Schärpe und einen Gürtel mit Glocken, es sind runde, lautsingende Glocken. An den Füßen haben sie Schuhe, die Schäfte um die Knöchel sind gemacht aus der weißen und braunen Bauchwolle des Büffels. An den Gelenken fliegen im Tanz Adlerfedern. Federn, Büffel' schwänze und Grünkraut, chier und da befestigt, entführen mit vielfacher und uns dunkler Bedeutung die Ausrüstung aus dem Realistischen ins Dekorative und Symbolische. Die Männer hüpfen und springen, bei lebhafter Bewegung klingen, singen und rasseln die Glocken zum dumpsen Tönen der Pauke des Chors.
Die vier Frauen, kleine Gestalten, zwei reiferen Alters, zwei Mädchen, haben einen kurzen, wippenden, leicht stampfenden Tritt. Sie wechseln und tauschen nach der Tanzregel den Ort. Ich möchte glauben, sie stellen gegenüber dem wilden Schweifen der Manner di- ruhige Erde, das abwartende Land dar. Sie heben und senken in der Rechten einen Maiskolben in einem Krautbüschel, in der Linken ein geflochtenes Körbchen mit den am seinem Grund befestigten blauen Federn eines Truthahns. Auf dem Rücken tragen sie eine grüne Sonne im roten Rund, die Sonnenstrahlen stesit ein Kreis von Adlerfedern dar. Dumpf tönt die Pauke, alles im Chor wippt im Takt mit.
Der Führer der Tänzer ist die schönste Figur. Er ist ganz in weiße, gegerbte Büffelhgpt gekleidet, sein langes schwarzes Haar über dem geschwärzten Gesicht weht offen; er trügt einen langen Köcher mit Pfeilen und in der Linken den Bogen, in der Rechten ein großes Buschel mit Wacholder. Es mag den Wacholderbusch der Steppen darstellen, hinter dem sich der Jäger verbirgt. Auch sein Schurz ist mit Glocken besetzt.
Der erste Teil des Tanzes §t ruhig. Der Führer geht in Schlängellinie zwischen den zu zwei und zwei ausgestellten Frauen hin und her, und dasselbe tun, erregt und in Sprüngen, die Büsfelmasken. Einmal halten sie den Bogen vor der Stirne und die Rassel im Rücken, dann, nach einem Taktschlag, die Rassel vor der Stirn und den Bogen im Rücken.
Paukenschlag! Sekundenpause ... Andere Tonart des Chors. Und der Tanz wird wilder. Der Führer hüpft in rhythmischen, fein ausgemessenen Sprüngen, und die Masken tanzen wild. Der Tanz dauert eine halbe Stunde. Der Eifer und der heilige Ernst der Tanzenden inmitten der Schaulustigen ist ungemindert.
Ein Hund läuft unbeteiligt zwischen Chor und Tanzenden hindurch, ein Jndianersäugling, das Fäustchen im Mund, starrt unverstehend das bunte, tosende Gewimmel an, oben träumen die Greise Träume von jener Zeit, da sie noch wirkliche Büsfeljäger waren, was die Jungen da unten nicht unti nie mehr sein können, denn die Büffel hat der weiße Mann ausgerottet. Dumpf paukt die Trommel, laut und feierlich-grob singt der Chor.
Drei Büsfel- und zwei Adlertänze gibt es am Vormittag, dasselbe, nach einer Pause, am Nachmittag. Eindringlich durch Wiederholung und Dauer sind alle Veranstaltungen der Primitiven, sie kennen nicht die Unterhaltung der Weißen, die Abwechslung verlangt. Die Sonne neigt sich herab, und der letzte Büsfeltanz kommt zum Ende. Eine alte Squaw, „die Mutter der Tiere", wirft Brote in den Chor Den hat das immer wiederholte Pauken und Singen immer derselben Weisen in eine leichte Raserei gebracht; auch die Festordner haben sich ihm zugescllt und. hüpfen und wippen die letzten Gesänge mit. Und als die Sonne unten ist, zieht alles vom Platz, ob auch ermüdet, doch bis zum Ende in Andacht.
Unser tägliches Brot gib uns heute! Nach ein paar Tagen zogen Wolken über der Wüste auf. Plötzlich ein weißer Blitz, ein ^einziger Donnerknall, ein kurzer Hagel ging nieder, und die rote Wüste bedeckte sich weiß. Da lag, noch starr, eine andere Form des Wassers.
6er Dummheiten von allzu Eifrigen zu verantworten haben, beginnen Mißverständnisse und Haß zwischen Völkern. Es ist zum; Traurigwerden, daß die unzähligen Kreuze im Gifserlwalde zwei Geschlechter hindurch für jene eine vergebliche Mahnung waren, die letzt unter dem Vorwande, Beutestücken einen besonders sinnreichen Platz anzuweifen, eine durchsichtige, dauernde Demonstration versuchen. . . , .
Roter Berg, Spicherer Höhen, Giffertwald sind sonft eine so wunderbar friedliche Grenze, völlig jenen überlassen, die erinnert sein wollen. Es wird hier wahrscheinlich jedem Besucher ähnlich ergehen: Hinter dem dichten Gebüsch an einem Denkmal tritt ein alter Mann von arm- licher Sauberkeit hervor. Den dünnbeharrten Greisenkops entblößt, fragt er Sind Sie hier fremd?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, beginnt er, in die weite Gegend zu unseren Füßen weisend, ein memoriertes Kapitel der Kriegsgeschichte vorzutragen, in allen Einzelheiten getreu, im Gesamten sachlich, ohne Leidenschaft, ohne eigene Meinung, gls wäre er berufen, den Besuchern dieser Höhen Anfang, Verlauf und Ende jener ersten Schlacht des Jahres 1870 zu erklären. Otegiments- nummern Namen von Generalen und Orten, Abschnitte des Kampfes find einem Gedächtnis Überlassen, das nun schon längst nachtwandlerisch sicher die Geschichte jenes Augusttages wieder gibt. Spater höre ich, daß der kleine, zerbrechliche Greis seit vierzig Jahren Deutschen und Fran- zosen, manchmal auch gleichzeitig, die beiden Sprachen Satz für Satz vorsichtig vermengend, Sieg und Niederlage erklärt, indem er sich unbestechlich an den Gefechtsbericht hält. So wie er die beiden Sprachen gleich gut spricht, läßt er seine auf diesen einen Tag beschränkte, aber erstaunlich reiche Wissenschaft mit Frank und Mark gleich gern bezahlen.
Er denkt nicht daran, einem auch nur eine einzige Einzelheit zu schenken: Hier zog sich damals die schöne, alte Pappelallee empor, und hier war der Steinbruch, der das Grab der unzähligen Pferde wurde. Dort hatten die Franzosen soundsoviele schwere Geschütze eingebaut, und dort verblutete dieses und jenes deutsche Regiment in immer erneutem Ansturm auf die Schützenaräben in der Lehne. Manche der riesigen Massengräber auf dem Rottn Berge 'sind in den letzten Monaten geö.ff- pet worden, je zwölf Skelette kamen gemeinsam in einen Sarg. Fast alle Schädel hatten das Kugelloch in der Stirn oder im Scheitel; dann waren es todsicher die Gebeine deutscher Soldaten, die bei dem Sturm auf den steilen Hang ja fast nur den Kopf als Ziel barboten. Sie werden tiun in den Ehrensriedhos drunten im Tal gebettet sein. Bis herauf steht man die wohlgeordneten, ausgerichteten Reihen der toten Bataillone. Niemals in ihrem Soldatenleben mögen ihre Linien so schnurgerad gewesen sein. ,
Sind zehn Frank ein für den Alten ungewöhnlicher Lohn oder entzündete er sich an seinem eigenen Bericht, er will nun auch noch die Standorte und- Handlungen der niederen Kommandanten erklären — er scheint Tausende immer bereitet Namen an Drähten zu haben — er Wächte mich in das kleine Privatmuseum führen, das in dem Restaurant ■ „Cöte de Spicheren“ angehäust ist. Als ich den Hüter der Vergangenheit i ftun sanft zu verabschieden trachte, nimmt er mir noch das Versprechen lab, an dem Ehrenmal nicht achtlos vorüberzufahren. Dort fei die Schulzen Kathrin zu Grabe gelegt, die den vor Hitze Und Durst schmachtenden Soldaten furchtlos Wasser in die vorderste Kampflinie brachte.
Es steht auf freiem Felde, hart -an der Straße, die in das Lothringische Land führt, dahin, wo an der Grenze die Förderanlagen von Grubenschächten mit feinen Strichen in den hellen Horizont gezeichnet find, wo die Rauchfahnen aus Schloten und Hüttenwerken in den Himmel wehen, eine einsame Birke über einem gepflegten Soldatengrab. ' Cs ist weitum das - einzige, Ueberbleibsel einer ein halbes Jahrhundert alten Trauer. Dort treffe ich einen hohlwangigen Arbeiter rastend, rußig von der Schicht, kommend. „Sie waren droben?" fragt er mich im Laufe des Gesprächs, und sein Kopf zeigt gegen die Spicherer Höhen. „Sind brave Burschen gewesen, unsere Soldaten", ergänzt er sich selbst.
Kein gesunder Mensch, aber auch kein gesundes Volk kann seine große Vergangenheit ungeschehen haben wollen, es gibt einen Stolz und eine Würde, di« zeitlos sind.
Adler- und Büffettanz der Pueblo-Indianer.
Von Josef Ponten.


