Spruch.

Von Wilhelm Jensen.

Ein Frühling, kühl, dock znm Ertragen, Ein Sommer, reich an sonnigen Tagen, Ein Herbst, nicht fruchtlos, still und klar Was wolltest du mehr von deinem Jahr?

Heimweg.

Von Hans Kloepser.

Beim Almschwaiger in der Hochleiten ist ein junger Bauer angekom­men und liegt nun nach trotzigem Ringen um Geltung warm und getrost an der Seite der jungen Mutter. Wieder einmal hatte die Natur, wie sie ja zu Recht Mutter heißt, mit der Gewährung letzter Hilfe ihre Wunderkraft am ewigen Rätsel des Lebens erwiesen. Die bange Sorge im Einschichthofe ist wieder gelassenem Gleichmut gewichen, und ich, der Arzt, kann den Heimweg antreten.

Der führt über weite Vorberge gestuft zu Tal. Wie in gewohnter Einsamkeit ist alles wieder zurückgeblieben: der rauhe urtümliche Alm- bauecnhof in seiner wie anklagenden Armseligkeit unterm breitgeduckten Schindeldach, der Bergahorn am flechtengrauen Zaun, der sprudelnde Röhrenbrunnen Hinterm ungefügen Holztrog. Steil gehts durch den alten Hochwald einen sandigen Hohlweg hinab. Radspuren auf halber Höhe zeugen von jahrhundertalter Mühsal. Weit tut sich unterm Waldgürtel das Larck zu Füßen auf. Der Frühling steigt an ihm zu Berg im ersten Lärchengrün mit Krokus und Seidelbast überm winterfahlen Rasen. Schon werden die Siedlungen zahlreicher, traulicher, reicher an Kulturen, und zwischen die alten Bauernhuben wagen sich die ersten Holzkeuschen der Taglöhner und Freikünstler mit buntem Flickkram am Zaun, ein Weber da, ein Wagner dort. Aber langsam löscht der Abend die be­wegte Vielfalt der Farben. Noch rändert im Westxn verglühendes Gold die taubengraue Föhnwand. Nach Osten zu verwellt das Land weit hin­aus in flachen Hügeln. Dort liegt irgeniroo überm letzten Saum Ungarn, seit Jahrhunderten, seit tausend Jahren schon der Heerweg wilder Step­penvölker in den steirischen Frieden, der Hunnen, Avaren, Osmanen. Davon spricht selten mehr eine Sage: nur im FlucheKruzitürken" sind Not und Zprn noch lebendig, wenn Kuruzzen und Türken übers Flach­land hereinbrachen und andes deutschen Reiches Grenzzaun" vom deutschen Bauerntum harte Gegenwehr erfuhren.

Kühler weht der Wind von der Alm her, Krähen ziehen zu Walde, vom Bergbach drunten murrts wie von gebannten Wassergeistern. Aus dem hölzernen Mühlstübl glänzt ein rotes Licht herauf. Dunkel ist's geworden, wie ich vom letzten Stege auf die breite Straße trete. Die führt nun lange zu beiden Seiten durch hohen Wald. Zwei bäuerliche Langholzfuhren habe ich eingeholt. Gemächlich rollen fi« nun auf festem Grund, nach gefahrvollem Schwanken über steil« Kehren der Bergwege. .Schlanke Stämme, wohl zehn Klafter lang, führen sie zu Dal, auf weit­gespanntem Wagen, für Schacht und Stallenzimmerung im Bergbau.

Und was das Auge im Licht der freien Höhe erschaut, holt es nun sinnend heim ans Herdfeuer des Behagens an Heimat und Volk. Das lebt wohl auch unbewußt in meinen Weggenossen, wie sie so behaglich zur Seite ihrer schwer knarrenden Holzfuhre dahingehen. Denn morgen ist Feiertag. So gehts denn sicher durch den langen Wald. Kein Wolf bricht mehr hervor, wie vor hundert Jahren. Davon wissen noch die zwei Leute. Und den letzten Bären hat der Urahn vom einen erschossen: In der Klausen, hinten im Demmelwinkel, hat zu der Zeit a groß­mächtiger Bär ahaust. Hat mein Urahnl der a meni a Wildschütz war zweimal auf eahm geschossen. Umsunst. Da hat der Urahnl Pulver hat er no ghabt, aber ka Kugel mehr in Leibtaschl a klans Stück von an Kettngliedl gfunden. Wanns Leben schon verspielt ist, hat er fie denkt hats einigladen in Lauf und hat losdruckt. Und richti Hais der Bär müasfen gelten lassen. Steht heut noch ausgestopfter in Joanneum zu Graz" < Dabei löst er gleichmütig die Schleif« vom Vorderrad, denn die . letzte Wegstrecke läuft ebenaus nach den Kohlen­bergbauen. Die sind ihr Ziel.

Und schon tut sich neben der nun freien Straße tief unten der schwarze Kessel des Tagbaues auf, ein gewaltiges Inferno, von hohen Bogenlampen grell überhellt. Am Rande schafft Tag und Nacht ein gewaltiger Bagger, um die Tagdecke vom Kohlenflöz abzuräumen. Der dreht sich gelassen wie ein riesiger Elefant, gräbt sich mit dicken, unge­fügen Zähnen zu unterst ins weiche Erdreich, füllt damit das weite Maul, Hebt di« Zentnerlasten hoch und stürzt sie in langsamem Drehen in den Abraum. Ein Zistern läuft durchs Gestänge, wenn ihm ein 'Steinblock zwischen die Zähne gerät, mit einem Ruck reißt er sich er­leichtert los. Gottes Mühlen mahlen langsam, fällts mir ein. Nun hat er ein blühendes Apfelbäumchen zwischen die Zähne bekommen: ein Hub, mit Pistolenknall reihen die Wurzeln, und das junge Blütenwunder, grell überstrahlt vom Scheinwerfer, sinkt sterbend zum übrigen Schutt. Das wird der alten Bäuerin, die ihr längst abgelöstes Häuslein noch immer nicht räumen wollte, wohl schwere Träume bringen.

Noch eine halbe Stunde habe ich bis zum Heimatort. Die ist nach all den reichen Bildern meiner kleinen Welt die rechte Zeit zur Zwiesprache mit der eigenen Seele. Mein Leben liegt vor mir gebreitet, wie ick einsam durchs Dunkel wandre, und all die Jahre, die Jahrzehnte stiller Mannes- jatbeif. Und wie ich so einsam im Dunkel wandere, weitet sich mein kleines Arbeitsfeld in unendliche Fernen, lieber schwarze Wälder und lastendes Gewölk fühle ich mein Leben verströmen und zurückwellen, geläutert, geklärt, von all dem Reichtum, den mein deutsches Volk seit Jahrhunderten aus seiner Bestimmung, seinem Schicksal erftritten und gewonnen. Ein iheatrum mundi tut sich auf, aber heilig, in Ehrfurcht gtschaut und empfunden. In Bildern lebt's auf, von wehrhaften Städten des Mittel­alters, von Burgen und Domen, von weiten goldenen Saatfeldern aus waldigen Höhen, bis ans ewig rauschende Meer: Deutschland, soweit mein Sinnen trägt. Und umklungsn von Orgelströmen und himmlischen Snm- phonien der großen Meister. Male säumen meinen Weg wie erratische

Blöcke aus Urzeiten. Unter ihnen die Welt der Großen, Zeitlosen, Luthe«, Dürer, Goethe. In sie verflochten spür ich das seine Geäder meines Einzellebens, meiner Erkenntnisse, genährt aus dem keimkräftigen Wurzel» baden, den das Blut von Ahne und Urahn in ihn gesenkt. Dem allen will ich weiter dienen' bis ans Ende. >

Bis ans Endel Und das fällt schwer. Denn ein Scheiden wird's, ein unentrinnbares von all dem Reichtum, den ich eingesammelt, Körnlein um Körnlein, eingebaut ins Gerüst meines Wesens. Das aber ist an Orte gebunden, an Bilder, an Begegnungen, an Erinnerungen und Gespräche, an Licht und Schatten, Frost und Wärme, an leuchtende Gipfelhöhen und dunkelnde Täler, durch die kommende Leben Hinwegschreiten über ge­schiedene, aber freier, leichter, als ich es getan. So fühle ich meine Bahn und weiß um ihre Grenzen, ohne Bangen. Und zu guter Stunde glaube ich dann getrost d^r Pforte des Bereitseins entgegenzuschreiten.

Und dennoch! Denn so Überwältigend schön scheint mir mein* armes Leben, so mild Überglänzt von Licht und Wärme und so reich an Früchten und immer noch drängenden Keimen, daß' mir vor dem ewigen Dunkel graut, das mein Licht für immer löscht, früher vielleicht als ich s ahne. Denn geben, schenken, helfen möchtest du noch aus einem Durst der Seele, der von Schätzen weiß, daran die meisten wohl vor­übergehn. Bis die Vettkante zur letzten Planke des sinkenden Schiffs geworden, mit der du treibst ins weite Meer der Ewigkeit.

Doch da beginnen schon die ersten Häuserreihen. Das gewohnte Geräusch des Alltags ist noch wach und umfängt ftieinen Weg mit Arbeit, Pflicht und Sorge. Aber gelassen, getrost sinde ich mich wieder daheim, im Kreise meiner Lieben. Ich weih: Da wächst mir ein Teil meines Lebens wieder ins Licht wie dem Bauern hoch droben, dem sich heute das ganze Geschick feines Stammes in einem jungen Leben erneute.

Und ohne kleinliche Furcht erwarte ich hinfort die große General­pause nach der stillverklingenden Harmonie meines Lebens den Heimweg.

Oie Macht großer Erinnerung.

Erlebnis auf den Spicherer Höhen.

Don Jofef Friedrich Perkonig.

Cs sind nun zehn Jahre her, da kam ich, im deutschen Westen wandernd, auch nach Saarbrücken, und in diesen Tagen, da ich die Ge­walt alter Erinnerungen sammle, die mich mit dem Deutschen Reiche verbinden, das nun auch mein Vaterland geworden ist, lese ich in mei­nem Reisetagebuch einen Abschnitt, der auf ein geschichtliches Ereignis ver­weisen möchte, dem sich zu nähern mein Wunsch war, lange bevor es nun ein Kapitel gesamtdeutscher Geschichte wurde.

In meinem Reisetagebuch des Jahres 1928 lese ich also:

Wenn ee auch seine tieferen und tiefsten Gründe hat, man muß sich dennoch wundern, welche nicht umzubringende Gewalt eine große Er­innerung besitzt. In Saarbrücken kann man diese alltägliche Weisheit auf eine besonders eindrucksvolle Probe stellen. Jeder junge Mensch, von den älteren gar nicht zu reden, weiß einem, sobald nur sein Geschlecht um jene Zeit wirklich nicht daheim mar, eine Reihe von Einzelheiten zu er­zählen, die, nirgends ausgezeichnet, eine Art von unveräußerlichem und treu weitervererbtem Familiengut, der großen Geschichte des Jahres 1870 einen geschmeidigeren, ja freundlichen, um nicht zu Jagen fächelnden Zug verleihen. Man möchte es nicht glauben, und dennoch ist es wahr, daß unter der bewegten, eher den Dingen von morgen als von gestern zu- geneigten Gegenwart dieser Stadt noch immer vernehmlich die Ver­gangenheit, wenn auch als ein mehr und minder entschwindender Ab­gesang zittert, daß ein letzter Widerhall der ersten Augustschlacht von 1870 nicht etwa nur ein Hirngespinst absterbender Veteranen ist, die ihre alte Zeit in den geliebten Medaillen und Kreuzen bewahren, son­dern daß man von ganz jungen Leuten die Frage hören kann: ..Und auf die Spicherer Höhen wollen Sie nicht ...?"

Jeder, der sich die Ehrfurcht vor großer Vergangenheit bewahrt hat, wird über die weite, holprige Ebene bis an den Roten Berg hin zu gelangen trachten. Auf diesem unendlich riesigen Feld ohne Baum, auf dem für den bedrohten Menschen eine seichte Mulde, eine winzige Boden­falte schon ein Geschenk Gottes bedeutet, über dem sich der Himmel wie ein riesiger Glassturz wölbt, kann man ungefähr ahnen, wie es den Soldaten am tropischen 2Iuguftanfang 1870 zu Mute gewesen sein muß, als sie gegen den Roten Berg stürmten, und dann begreift man auch, was es heißt, hier unter einer unbarmherzigen Sonne die Augen einer ganzen Wett auf sich gerichtet zu wissen.

Es muß ein furchtbares Rasen in Sonnenbrand und Puiverdampf gewesen sein, eine tödliche Jagd diese stellen, todspeienden Hänge hinan. Man schämt sich wahrhaftig, wenn man im summenden Wagen die Kehren emporgleitet, wo jeder Zentimeter Höhe einen Deutschen und eilten Franzosen kostete; denn fast hundert Meter ragt der Berg über di« Ebene empor, und rund zehntausend warf der blutig« Tag von Spichern auf jeder Seite in das Grab. Die vielen morschen und erneuer­ten Kreuze auf der Höhe das bebaute Feld hat sich allenthalben nach ihnen gerichtet, so daß die Gräber von Pflug verschonte.Inseln wurden sind unverlierbare Zeugnisse geworden.

Was tun nun in der Näh« der Toten, in einer ländlichen Einsamkeit, di« dem friedlichen Bauern gehört und die lange ein Ziel der Wall­fahrt nachdenklicher Menschen von hüben und drüben bleiben wird, die paar erbeuteten Kanonen, die ihre Rohre drohend nach der Richtung drehen, wo Deutschland liegt? Es ist eine überflüssige, eine museale Gebärd«, es ist eine Torheit von jedenfalls kleiner Ursache und wahr­scheinlich großer Wirkung, so daß Frankreich wohl daran täte, jenen überspannten Kopf, der den törichten Gedanken zu dieser törichten Geste an der Grenze ausbrütete, «in wenig auskühlen zu lassen. Und diesem einen möge dann der andere jugefeUt werden, der die Adler aus den Denkmälern der deutschen Regimenter entfernen ließ. Bei solchen schein­bar lächerlich geringen Uebergriffen kleiner, allzu eifriger Geister, von denen die fernen Großen oft gar nicht wissen, di« dann aber di« Summe