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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1938 Montag, den 30. Mai Nummer ^2

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Lady Hester Stanhope

EINE FRAU OHNE FURCHT

Von Mana Josepha Krück von poturzyn

Copyrlght by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

3. Fortsetzung.

Plötzlich, in jähem Windstoß, ging das hohe Bogenfenster auf, Luft strömte herein, die unruhige Luft des Kanals. Pitt hob den Kopf.

Ostwind! Die Nacht klärt sich auf... Hefter, Kind, schlaf wohl. Ich muß noch schnell «ine Depesche",

Leise öffnete sich die Tür. Hefter starrte auf die Klinke, die sich unter leinen Händen schloß. Dann fiel ihr Arm herab, das Gesicht vergrub sich in den Kissen.

Er gehörte England... Ja, sie wußte es. Nie sollte er einer Frau gehören! Eine Träne verrann über Hefters weißen Wangen.

Am nächsten Morgen, als sie zum Frühstück kam, war Pitt schon drtgeritten. Oberst Moore, Kommandant des Nachbarabschnittes, ein schöner Mensch, Sieger in manchen Schlachten der Koalitionskriege, be­stellte, doß er im Auftrag von Mr. Pitt Gesellschaft leisten dürfe. <Sein Udjutant stand neben ihm, es war Charles, der jüngste von.Hefters ürüdern, um die Pitt versprochen hatte, sich zu kümmern.

Hefter!" rief er, strahlend über sein ganzes hübsches Iungengesicht.

Die große Schwester errötete:

Ich bin so glücklich, Charles!"

Trübe begann das Jahr 1804 für England. Im Januar hatte der £öniq nach einem Spaziergang Hut und Stock hingelegt, fein Kopf war luf des Arztes Schulter gefallen er weinte. England hatte einen leisteskranken König, und von Boulogne her drohte tödliche Gefahr.

Schon kursierte eine.Münze unter den Eingeweihten Londons: Na­poleons Bildnis mit der Umschrift:Landung in England, geprägt zu London 1804."

Der Prinz of Wales erklärte die Krankheit feines Vaters für lang- Dterig und plante feine eigene Regentschaft mit Fox, dem Führer der Opposition. Addington benahm sich kläglich ungeschickt wie nur je sogar seine Ministerkollegen schwenkten über zu Pitt. Aber der fehlte «uf seinem Platz hinter der Treasury bench im Parlament.

Erst Mitte Januar bevölkerte sich das kleine Haus auf dem Park- flatz. Mr. Pitt war in London angekommen, samt Nichte.

Ich möchte dich bitten, mich zu begleiten", hatte er gesagt. Und als sie fragte, wer Walmer behüte, war die Antwort ungewohnt schroff:

Moore vertritt mich. Es kann sein, daß ich länger in London zu tun labe und ich möchte nicht, daß du allein bleibst mit all den Männern"

Hinter seinem Rücken verschluckte Hefter ein jäh aufsteigendes Lachen. Ceit wann wünschte er nicht mehr, daß sieallein war mit Mannern"?!

Das Naturgeschehen einer gesellschaftlichen Saison ist schwer aufzu- talten, auch nicht unter dem drohenden Aspekt einer feindlichen Landung. Man sagte in London, zwei Menschen sind in Mode: Bonaparte und Grummel.

Wenn Hefter bisher in London gewesen, war es als Tochter lenes nderbaren Lords Stanhope, der mit den Jakobinern sympathisierte und One Kinder verbauen ließ. Nun kehrt« sie wieder als eine junge Dame, >ie mit Pitt lebte dem kommenden Mann, wenn England nicht unterging.

Es regnete Einladungen, »Zuschriften und Komplimente, alte Bekannte erinnerten sich entzückt, mit Hefter bereits getanzt zu haben, neue konnten die Stunde nicht Erwarten', ihr zu Füßen zu fallen.

Pitt war viel außer Haus, und wenn er wiederkam, fragte er schuld­bewußt, ob sie sich nicht langweile aber dann klingelte es, er bekam abwesende Augen und beriet, eingeschlossen in seine Zimmer, bis in die skate Nacht. . .

Hefter begriff und suchte ihren Weg, so gut, wie sie es in Walmer Han. , -

Als sie zum erstenmal in den Salons erschien, hochgewachsen und. strahlend hell, die unwahrscheinlich durchsichtige Haut von der Frisch« "morgendlicher Blumen, um die hellroten Lippen vibrierende Glückfelig- k'it: Da huldigte ihr sogar Lord Hertford, der große Frauenkenner, als dir schönsten Dame des Abends, und Brummet, der jeden Ball auf Hd)(agene Minuten beehrte, behielt ihre Hand mit [einer unnachahm- lijen Grazie:

Ums Himmels willen, Lady Hefter, nehmen Sie diese Ohrgehänge weg ich möchte die Linie des Halses bewundern!"

Sie- hatte ein promptes:Dummkopf!" darauf, aber, schon eilte der Herzog von Cumberland quer durch den Saal auf sie zu:

Lady Hefter? Wo ist sie? Ah, meine Liebe, ich bin halb blind und Sie sollen mich führen!"

Der Herzog, königlicher Prinz, hatte niemals einer Dame gehuldigt. Schon wisperte es im Saal, ob Lady Stanhope bestimmt sei, Seine Hoheit zu erlösen...

Danach eroberte sich Bradford die Nichte Pitt^ und meinte, daß der Marmorbruch von Carrara nichts sei gegen solchen Teint.

Der Herzog von Cumberland ging indessen mit dem Lorgnon vor der Nase durch die Säle und rief laut ihren Namen.

Es war ein voller Erfolg.

Pitt, zu dessen Geheimnissen es gehörte, jederzeit und in allem auf dem laufenden zu [ein, überraschte sie folgenden Tags mit seiner Gra­tulation:

Ich glaubte bisher, bit seiest in unserem Lager zu Hause, aber mir scheint, auf dem glatten Boden von London reitest du Hohe Schule... Darf ich dich selbst für heute abend bitten? Ich habe die Freunde des Prinzen von Wales geladen. " *

Hefter straffte den Nacken:

Glaubst du, ich mache das alles mit, um mir sagen zu lassen, was für Schultern und Augen ich habe?" Ihre Worte flammten kerzen­gerade in sein Gesicht.Hör zu, bitte. Da war einer, der nicht genannt sein will. Er sagte, seine Freunde in der City möchten dich unabhängig machen vom König und jedermann wenn du nur wieder die Regie­rung übernimmst und dein Land rettest. Er sprach von 10 000 Pfund jährlich"

Und was hast du erwidert?"

Ich sagte ich wollte es ausrichten, aber ich fürchte, deine Ant­wort würde nicht nach seinen Wünschen lauten."

Pitts Sippen zuckten belustigt.

Bestell dem Anonymus, ich sei sehr geschmeichelt über das Vertrauen der City ... aber ich könne mich nicht auf derlei etnlaffen. Uebrigens" er lachte aufkommen die Burschen schon zu spät. Gestern roa'ren vier Kaufleute da und brachten gleich eine ganze Schachtel mit: 100 000 Pfund in Banknoten! Auch sie sprachen natürlich von Patriotismus und meinten ihren Handel. Schade, daß du nicht da warst du hättest Spaß gehabt, sie abziehen zu sehen mitsamt der Box!"-

Er nahm ihren Arm und führte sie in der untadeligen Haltung feiner Höflichkeit die Treppen hinab bis an die Tür:

Hab Dank du machst deine Sache gut sehr gut ..."

Und Hefter vergrub sich glücklich in die Polster seines Wagens.

Zwar: Napoleon landete noch immer nicht, weder im Februar noch im Marz. Es gab da Schwierigkeiten, die auch sein Wille noch nicht zu beherrschen schien. Während einer Fickt konnten nicht mehr als hun­dertfünfzig Fahrzeuge aus den vier Häfen Frankreichs gebracht werden, also brauchte man sieben Tage, um die stachen Ruderfahrzeuge in See zu bringen sieben windstille Tage! Die Flotte hinwieder brauchte Wind.

Die ganze Jnvasionsgeschichte ist von Pitt erfunden, um sich unent­behrlich zu machen", verbreitete Fox, der Führer der Whigs. Aber seine Meinung fand wenig Glauben. Was Napoleon heute nicht gelang, konnte morgen durch irgendwelchen Zauber geschehen. Hatte er nicht Diktator der Franzosen, Präsident der italienischen Republiken, Mediator der Schweiz, Kontrolleur von Holland bereits britisches Besitztum und britischen Handel gefährdet: in Aegypten, auf den ionischen Inseln, ja sogar bis nach. Indien? Und ein neuer Frühling stand vor der Tür.

Am 21. März erschien Henry Dundas, Pitts- alter Freund, mit sicht­lich betretener Miene in Walmer. Nach Diner und Wein räuspert« er sich... Addington lasse fragen, ob er, Pitt, sozusagen als Koadjutor des Premierministers in die Regierung....

Pitt unterbrach mit jener Meisterschaft, gegen die keiner ankam., Was vollke er denn?" erkundigte sich Hefter hernach.

Ich hatte nicht mal die Neugier zw fragen, was ich fein sollte!"

Pitt lachte. Ader sie gewahrte wohl, daß.ein Ton von Schmerz durch seine Stimme schwang.

Bist du noch immer an dein Wort gebunden?"

Ja. Doch mir scheint nicht mehr lang ..."

Es blühte über der Kreideküste von Walmer. Hefter führte Pitt Itn sinkenden Abend zu den Veilchen und Narzissen ihrer neuen Beete, von lickstgrün sprossenden Zweigen herab sangen die Vögel.

Worauf wartest du noch, Pitt?"

In dem verschlossenen Gesicht kannte sie jede Linie dennoch, da war ein Geheimnis, auch für sie ... Er wich ausi