Lied -weier Alien.
Von Hermann Claudius.
Alle unsere Kinder wandern von uns aus, alle nacheinander.
Einsam wird das Haus.
Du und ich, wir beide bleiben dann allein.
Es wird wie am Anfang endlich wieder sein.
Und wir sitzen wieder wie ein junges Paar.
Und ich streichle leise dein ergrautes Haar.
Wiegenlieder singen durch die laute Zeit.
Und der Große Pförtner steht am Tor bereit.
Alles schrumpft zusammen in ein einziges Licht.
Und wir schauen Gottes ewiges Angesicht.
Oll Kaptain Hinnerk.
Eine Geschichte von Friedrich Freksa.
Lucie sollte die größte und beste Strandburg haben! Das war mein fester Vorsatz, und ein neunjähriger Junge ist hartnäckig, wenn er eine kleine Jugendfreundin hat.
Lucie beteiligte sich nicht am Schippen: sie war für Schönheit Sie holte Strandblumen und pflanzte sie in die Mitte auf den Hügel. Sie freute sich, daß die Burg, an der ich tagelang geschuftet hatte, den Leuten aufficl, die besonders mein kunstvolles Bewässerungssystem bestaunten. Aber freilich, der Neid blieb nicht aus. Morgens fand ich oft die Walle niedergetreten, die Kanäle verstopft. Und Lucie war herzlos genug, zu sagen: „Ach, laß doch die dumme Buddelei, wir wollen lieber auf Forschungsreise ausziehen!"
Uni> dann trabten wir den Strand hinunter und sahen uns die Menschen an, und Lucie, die kleine Hexe von acht Jahren, machte boshafte Bemerkungen über die Kleider der Damen und über die fetten Herren mit Glatze.
!Ganz hinten am Strand, nach dem Hafen zu, an der Mole, stand ein Haus aus dunkelroten Ziegeln mit einem Schieferdach und weißen Fehsterladen. Es war ein schmuckes Haus, aber ein Fischerjunge warnte uns: „Da drin wohnt der alte Hinnerk! Der hat mit den Kannibalen gefrühstückt! Der ist gieprig auf Kleinkinderfleisch!"
Lucie stand da, ganz gespannt, und schaute wie verzaubert auf das Häuschen. Und dann fragte sie den alten Großvater der Fischersleute bei denen wir wohnten.
„O", sagte Großvadding, „oll Kaptain Hinnerk? Man 'n büschen wunnerlich, aber 'n feiner alter Schiffer! Zwölfmal ist er um Kap Horn geseilt und achtmal um die Gute Hoffnung. Wenn der vertellen wollte — Aber hei veriellt nix!"
„Und er war bei den Menschenfressern?" fragte Lucie.
„0", meinte Großvadding, „bei den Fidschis war er auch, aber sreeten haben sie ihn nicht."
„Und er selber? Hat er sich's anaewöhnt?"
Großvadding lachte: „So in die Äeppelbacken von 'ne hübsche Seern weiht du, da hat er schon hineingebissen, aber nix abgebissen!"
„So", sagte Lucie und wurde ganz rot, „ich versteh schon."
„Bist du so haut? Dann kann aus dir noch was werden!"
Und nun war meine kleine Freundin nicht mehr zu halten. Sie lief, sowie sie freie Zeit hatte, den Strand hinunter und stand dann dreißig Schritte entfernt von dem schmucken Häuschen und schaute hin Ich wollte sie fortziehen, aber sie war wie gebannt. Und dann am Nachmittag, da kam der alte Hinnerk selber heraus, mit einer holländi- schen Tonpfeife in der Hand, und ging in der Sonne vor dem Häuschen auf und ab. — Da ging Lucie ganz langsam näher.
„Guten Tag ook, Kind", sagte der alte Hinnerk, „suchst du wen?"
Lucie stellte sich auf die Zehenspitzen, schaute ihn aus ihren blauen Augen ernsthaft an und sagte: „Ist es wahr, Herr Kaptain, Sie sind siebzehn Mal um das Kap Horn gesegelt?"
„Na", sagte Hinnerk, „siebzehn ist 'n büschen reichlich, es werden wohl zehnmal gewesen fein."
Ich kam nun auch langsam näher und hörte, wie Lucie atemlos fragte: „Und war das nicht furchtbar schrecklich?"
„Ach", sagte Hinnerk, „man wird das alles gewöhnt! Wir sind da I" lunfzig Tage auf und ab und kamen immer durch den alten Fjord nicht durch, und oben auf den Bergen war Eis, und drunten die Luft war diesig, und die alten Eingeborenen, die wetzten schon ihre Messer weil sie dachten, wenn wir scheiterten, dann würden sie mal was Besseres zu fressen bekommen als ihre alten Muscheln!"
„Sind das Menschenfresser?"
„Nö , sagte Hinnerk, „aber sie sind ’n büschen doll auf das Salz, fleisch und auf Speck und Wurst und Konserven. Alles, was der Mensch nicht hat, das möcht er am liebsten haben."
Und dann ging er zu der großen dicken Holztür und zog sie am Messingknops auf und Lucie starrte in die Diele, und ich stand hinter ihn Ja, das sah aus wie eine Zauberbude. Da drinnen, da lagen Neger- spieße am Boden, und in der Ecke lugte hinter einer Kommode eine mächtige Frauenfigur mit erhobenem Finger hervor. Starr sah sie uns an. Und von der Decke schwebten Schiffe herab, Schiffe mit Segeln, Schiffe, wie sie in uralten Zeiten über die Meere fuhren.
„3a, Kinnings", sagte der alte Hinnerk, „wenn ihr mal eintreten wollt, dann könnt ihr mein Museum besichtigen. Kost' nix!"
Und dann traten wir auf Zehenspitzen ein, schauten uns um und oü Hinnerk setzte sich in einen mächtigen Ohrenstuhl, der mit geblümtem Stoff bespannt war, und griff in eine Ecke und holte ein Kästchen hervor. Das Kästchen war jo groß, wie feine beiden Hände, und da drinnen war ein wunderbarer blauer Schmetterling, groß wie das ganze Kästchen.
„Tja", fagte oll Hinnerk, „den hab ich im alten Brasilien gefangen-, und mir mitgenommen als Andenken. Da bin ich von Rio de Janeiro raufgegangen, auf den Zuckerhut. Da hab ich den gekriegt."
„3ft der schön!" staunte Lucie.
„Tja, der is schön! Aber nu paß mal auf, so groß sind die Schmetterlinge da, und Bögelchen so ganz klein. Habe ich auch einen!" Und er holte ein kleines Kästchen hervor und zeigte uns einen funkelnden, blitzenden Kolibri. „Diese Kolibris, die nähren sich wie die Heinen Schmetterlingevon dem Bllltenhonig, so sind die! Und da müßt ihr mal so in dem Urwald fein! Da ist alles dunkelgrün! Und wenn du denkst, über dem Boden schwebt ein Zweig ober eine Liane, die sich an dem Baum emporringelt, dann aus einmal ist es ’ne alte Schlange, und die ist dann falsch, wenn du sie in ihrem Mittagsschlaf gestört hast! — Da schaut sie euch an, da habe ich eine Boa Constrictor geschossen! Meßt nach, achtzehn Meter ist sie lang."
Und wir gingen an die Kommode. Da war, gewickelt zu einem dicken Ballen, eine mächtige Schlangenhaut.
„Was ist das mit der Frau?" fragte ich und zeigte auf die Figur, die den Zeigefinger an die Lippen legte.
„Tja", fagte Hinnerk, „das ist wieder eine andere Geschichte. Das ist die stille Mathilde Boß! Das war die Tochter von dem Reeder Boß, und die war man sehr schweigsam. Und als sie bann glücklich heiraten sollte, da fiel sie vor dem Altar um und war tot. Der Vater, der alte Reeder Voß, war ganz schwermütig, und das neueste Schiff, was er hat machen lassen, das hat er nach feiner Tochter genannt: „Die stille Mathilde". Ihr Bild hat er als Gallionsfigur vorn aufgemacht.
Tja, und dann ist die „Stille Mathilde" vor zwanzig Jahren hier an der Küste gescheitert. Damals war ich noch Pilot vom Rettungsboot, bin hinaus mit den andern, und wir haben die Mannschaft gerettet. Und als bann bie „Stille Mathilde" antrieb, da habe ich sie zum Andenken mitgenommen."
„Das muh doch aber sehr gefährlich gewesen sein?"
„Nö", sagte oll Hinnerk, „nö, das is für unsereins genau fo gefährlich wie Omnibusfahren in der Stadt!"
llud rote er das gesagt hatte, da schaute ihn Lucie ganz ehrfürchtig an.
„Was ist denn bas?" rief ich und zeigte auf ein großes weißes Horn mit goldenem Rand.
„Ho", sagte oll Hinnerk, „da hast du was Schönes gefunden! Das ist bas Trinkhorn von meinem alten Freund aus Nigeria, dem Häuptling Husambo. Das war ein toller starker Kerl, der war beinah stärker als ich. Wir haben mal eine Probe gemacht. Paß mal auf, Junge, nimm die rechte Hand hoch und den linken Fuß vor. Und nun lege ich meine rechte Hand gegen deine, und wer nun den andern vom Platz schiebt, der hat gewonnen."
Und natürlich schob er mich vom Platz. Lucie aber sagte: „Aber, Kap- tarn, wenn bu auch sitzt?!"
Da lachte ber alte Hinnerk: ,Zch muß schon sitzen, denn ich hab das Reißen in den alten Knochen. Aber schaut euch bas Horn an, bas ist die vorbere Spitze vom rechten Stoßzahn eines Elefanten! Und ich sage euch, wenn man da einen guten Grog reingießt, und trinkt den aus, dann ist man duhnl"
Das war für eine Nachmittagsstunde für uns Kinder mehr als genug. Wir gingen voll und schwer von dem Ereignis nach Hause und sagten unfern Eltern fein Wort davon. Und dann gingen wir täglich ^nLaltcn $it1nerf- und er erzählte uns Geschichten, die schönsten Geschichten, die wir je gehört hatten.
Aber alle Ferien haben ein Ende. Wir nahmen Abschied vom alten Kaptain und fuhren wieder heim, um auf die Schule zu gehen. Aber im Gang des O-Zug-Wagens gestand mir Lucie: „Du, der alte Hinnerk, bas ,st eine gute Partie! Wenn ich älter werde, bann heirate ich ihn! Was meinst bu dazu?"
„Heiraten willst bu ihn?"
„Ja!" sagte Lucie, „denk doch mal an, was ber alles hat! Der ist eine feine Partie!"
' Nie bin ich so unglücklich gewesen wie an diesem Abend, denn ich selbst wollte doch Lucie heiraten, und nun hatte sie es auf den alten H'nnerk abgesehen. Und ich träumte von ihm als von einem ganz alten, falschen, scheußlichen Zauberer. —
Aber als wir bas nächste Jahr wieder hinauskamen an bie See und nach dem alten Hinnerk fragten, da sagten uns bie Leute, wir sollten mal Kirchstraße 11 fragen, da hätte er jetzt fein Quartier. *
Da gingen wir zur Kirchstraße Nr. 11, und mein Herz war fo schwer, weil ich Sudes Vorsatz kannte. Aber als wir Kirchstraße Nr. 11 anlangten, ba war es der Friedhof, und da lag der alte Hinnerk und ruhte schon seit sechs Monaten von seinen Fahrten und Abenteuern aus.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlschr Universitätsdruckerei 2t. Gange, Gießen.


