als zutraulich, er tonnte nicht um den Bater spielen und schmeicheln, wie es die zarte blondhaarige Schwester tot. Um diese liefen alle Gedanken des Vaters, sie war seine Augenweide und liebstes Spielzeug. Den ganzen Tag schwatzte und lachte sie, und wenn sie anderen, auch den geduldigen Großeltern, oft lästig fiel mit ihren phantastisch ausgeputzten Geschichten, in deren Mittelpunkt sie selbst stand, der Vater hörte geduldig alles an und merkte nicht, welche selbstgefällige Eitelkeit da heranwuchs. Es ärgerte ihn mehr als einmal, wenn seine Frau in ihrem untrüglichen Gefühl für Echtheit das Kind hart ermahnte und von Unwahrhaftigkeiten sprach, wo er nur Uebermut hörte.

Theresa grämte sich um die Tochter. Sie fand in ihr das wilde kindische Wesen ihrer Schwestern von der Salawand wieder, vermischt mit mensch­licher Geltungssucht. Und der junge Bauer, so sehr er sein Kind liebte, empfand dunkel, daß die Strenge der Mutter aus gramvoller Liebe kam, und er hütete sich, ein Wort des Vorwurss zu sagen.

Bis eines Tages das Grausige geschah. Beim Heimweg vom Kirch­gänge spielten die Kinder um die Eltern, sie haschten sich auf der Drau- brücke und riefen einander Neckworte zu. Die kleine Tochter trieb ihr ruhmrediges Wesen und Gespreize ärger als je, sie zieh den Bruder der Lüge und reizte ihn mit Spottreden, ungut zu hören. Da tat die Mutter einen Schritt auf sie zu, nahm sie beim Handgelenk und stieß die Eifernde mit einem Ruck iw das quirlende Wasser der Drau. Freilich nur, um gleich nachzuspringen und nach der Treibenden zu greifen.

Man zog beide ans Land, das Kind tot, die Frau noch mühsam atmend. Lange lag sie krank, und als sie gesund wurde und wieder umhergehen konnte, geschah es mit bleichem, erstarrtem Gesicht, das kein Lächeln mehr kannte. Niemand sprach einen Vorwurf gegen sie aus, aber die ungesagten Worte hingen drohend in der Luft, sie verdunkelten das Licht der Einige feit, das bis dahin hell und freundlich in dem Haufe schien. Vor allem der beraubte Vater ging in einer solchen Wolke von Trauer umher, daß in seiner Nähe nur Schweigen und Beklommenheit fein konnte, jedes harmlos heitere Wort erfror.

Die Frau lebte Wochen unter diesem Druck, sie suchte durch Liebe und Demut die Verfinsterung des Mannes zu durchdringen. Da traf sie einmal fein Blick, als sie die Hand hob, ihn zu streicheln. Ein Blick der Trost­losigkeit und Abwehr. Sie ließ den Arm sinken, ging aus der Tür, strich im Halbdämmer der Küche ihrem Jungen über das Haar und verließ wie eine Gejagte den Hof. Ein Knecht, der von der Alm heimkehrte, sah sie am Waldrand anhalten und zurückblicken. Ihr Gesicht leuchtete hell und wächsern wie das Antlitz einer Ueberirdischen. ,

Der Bauer forschte Theresa zunächst nicht nach. Er lebte dahin zwischen Arbeit und Grübeln, verzehrte sich in Sehnsucht nach seinem Kinde und grollte der Frau. Tief in ihm aber lebte versteckt ein schweres Sehnen nach ihrer Schönheit und Sanftmut, und er bereute den Blick des Vor­wurfs, der sie vertrieb. Aber so oft er nach ihr Ausschau hielt, an klaren Tagen, in der Stille der sommerlichen Wiesen oder im Schweigen mond­heller Nächte, sie kam nicht wieder. Auch die seltsamen Erntegäste, die zu ihrer Zeit geholfen hatten, fehlten jetzt. Dennoch blieben Wohlstand und gute Ernten dem Hose treu.

Das Getier, das Theresa geliebt und gepflegt hatte, war um den Bauern und erinnerte an die Frau; das Geflatter der Tauben und Hüh­ner im Hof, die zahmen Lämmer und die Kühe, die beim Klang ihrer Stimme brummend den Kopf gedreht hatten; die Katze, der Vogel im. Käfig.

Abends schossen die Schwalben über den Hof, wie an jenen guten Feierabenden, als sie noch ruhend neben ihm faß. Das Käuzchen rief vom Walde her, und die Eule strich lautlosen Fluges um das Gebälk. Dann schien es dem Bauern, als ständen Theresas helle Augen nahe vor ihm, sie lockten mit ihrem sehnfüchtig-saugenden Blick, aber wenn er aufstöh­nend ihren Namen rief, war die Vision verschwunden.

Darüber gingen die Jahre. Sein glattes Gesicht furchte sich, die dunk­len Haare durchzogen Silberfäden. Neben ihm wuchs der Sohn auf, schlank, feingliederig. Sein stilles Wesen war seit dem Fortgang der Mutter noch scheuer geworden, er sprach wenig und liebte den Vater mit einer selbstverständlichen wortkargen Liebe.

Die Schule lag hinter dem Jungen, auch das Seminar und die ersten Unioersitätsjahre, denn er wollte Priester werden. Am Tage seiner Ein­führung, als sie eben aus der Kirche zurück waren und der junge Priester feiner Mutter gedachte, die unter ihnen fehlte, kam eine schöne jugendliche Frau durchs Tor, schritt leichten Fußes über Hof und Diele, geradewegs auf den eben Geweihten zu, begrüßte ihn mit einem Suffe und brachte zwei goldene Aepfel als Primizgeschenk. Es ging ein Leuchten von ihr, als sie lächelte. Da sahen alle, daß vor ihnen die Bäuerin stand, die so lange fortgewesen war. , ,, .... ,

Der Sohn nahm ihre Hand und staunte sie an, sehr hoheitsvoll und herrlich schien ihm die Mutter. Die Heimgekehrte hielt seine Rechte fest in der ihren und sah fo zu ihrem Manne auf. s

freute kann ich sagen, warum ich damals unser Kind in den Tod schicken mußte. Wir Leute vom Berge haben das zweite Gesicht. An jenem Tage, als die Kleine eiferte und schalt, sah ich, daß sie ein schlechtes Leben führen würde, für sie und für uns schlimmer als ihr Tod. Da mußte ich ihr zu dem gnädigen Ende helfen. Doch im gleichen Augenblick stieß mich der Jammer um bas Leben, bas ich geboren hatte, unb ich bot mein Dasein um das ihre. Der Tausch aber wurde nicht angenommen."

Der Bauer schwieg. Ihm war die Wahrheit lange aufgebammert, menn er rückblickend die Ereignisse wieder unb roieber burchprüft hatte. Unb er streckte die Hand aus, die immer Geliebte an sich zu ziehen. Aber sie war wie ein Nebel vergangen. Er spürte noch ihren Hauch neben sich, sah ihr blühendes helles Gesicht, und doch war sie schon nicht mehr ^"^Jhr^Abschiedsruf klang weit von den Bergen her, die Salawand glühte !m Licht der scheidenden Sonne, und etwas von dem Glanz, der dort oben webte, lag auch über dem Rund der goldenen Früchte vor dem ernsten jungen Priester. Er schloß die Hände fest um dies letzte Geschenk der Mutter.

verbrachte Theresa eine Nacht im Bauernhause; sie verließ den Hof, wenn ber letzte Wagen durch das Tor geklappert, die letzte Kuh gemolken, der letzte Teller vom Abendtisch gespült war. Schnell trat sie aus dem Tor, unb wenn jemänb ihr nachsehen wollte, wandte sie den Kopf und lächelte zurück. Bei diesem Lächeln ging von ihrem Gesicht ein so starker Glanz aus, daß der Nachsehende geblendet die Augen schließen mußte, und wenn er sie wieder öffnen konnte, war der Weg leer. Nur gegen den Berg- walb hin, zwischen den Stämmen, glänzten noch verloren ihr Kleid und das helle Kopftuch.

Einmal aber, an einem sehr heißen Tage, als Gewitter niebergingen unb die Mittagsruhe sich deshalb weiter ausdehnte als sonst, in dieser drückenden Stunde trieb die Müdigkeit die ftemde Magd zum Ruhen ins Haus.

Die Knechte und Mägde lagen im Heu in der Scheune; in diesem Dunst mochte sie nicht schlafen. Sie klinkte Türen auf,-sah in halbdunkle dumpfe Gelasse und sank in einem Raum, dessen schmales Fenster weit offen stand und den Blick auf den regengetriebenen See freigab, mit zufriedenem Seufzer auf ein Bett.

Ihr Haar löste sich unb fiel weit über Kiffen und Bettpfosten hin zur Erbe. Sie war, ohne es zu wissen, in die Stube des ältesten Sohnes geraten.

Die Bäuerin, durchs Haus streifend, wie bei jedem Gewitter, daraus bedacht, daß alle Fenster vor Regen unb Blitz geschlossen seien, stand in des Sohnes Kammer wie betäubt vor dem schlafenden Weib. Zorn und Beschämung wallten in ihr, denn hier schien nur eine Deutung möglich. Aber verstänbig bedachte sie gleich darauf, daß sie selbst vor Minuten die Magd wie betäubt ins Haus schleichen sah, und daß ber Sohn die ganze Zeit mit dem Vater unter dem Küchenvorbau stand und das Einsahren beredete.

Jetzt sah er in die Türe, blieb auf ber Schwelle stehen, und vor dem echten Ausdruck feines Erstaunens verlor die Frau den letzten Rest ihres Verdachtes. Mit sanfter Hand nahm sie das niederhängende Haar der schönen Schläferin vom Boden auf und legte es über das Kiffen.

Sie ahnte nicht, daß sie damit, einen Zauber beging. Das yjaar eines faligen Fräulein muh beim Ruhen stets bis auf den Boden hängen, damit sie den Kontakt mit der Erde und ihre Kraft als elfifches Natur- wefen behält. Die Schlummernde spürte wie einen elektrischen Schlag die Berührung ihres Haares, die Kraft, die von ihr wich.

Verstört fuhr sie auf, sah mit den überhellen Augen auf Mutier und Sohn, fand ihr Haar rieben sich auf das Kiffen gebreitet, nicht mehr herabhängen und begriff.

Mit einem Wehlaut verbarg sie das Gesicht, klagte so schneidend und verzweifelt, daß ber Mann sich davonschlich, in tiefster Seele verstört. Die Mutter aber blieb; sie wartete, bis bas Weinen sanfter wurde, saß neben der Traurigen unb hörte ihr Schicksal, daß sie eine Salige sei, bestimmt, frei zwischen Bergen und Himmel zu schweifen... Durch das Aufheben des Haares fei sie gebannt unb müsse in dem Haufe bleiben, wo ihr solches geschah.

Die Bäuerin lächelte so zart, daß ihr breitknochiges Gesicht fast lieb­lich wurde, sie stellte mit sorglicher Stimme Fragen und gelobte Schwei­gen gegen ihren Sohn. Nach ein paar Tagen wußten alle im Haus, daß ber Jungbauer die fremde Magd zur Frau nehmen würde. Und die Hoch­zeit geschah bald mit Tanz unb viel Fröhlichkeit.

Am Morgen dieses Festes ließ sich die Braut von Schwiegereltern und Bräutigam in die Hand versprechen, daß man ihr nie etwas verweise ober tabele, auch wenn sie einmal Seltsames beginge. Sonst mutze sie vom Hose weichen. Sie erhielt bas Versprechen. Mit Kopfschütteln, benn dies war das Verwunderliche an dem fremden Mädchen: sie tat nichts Falsches ober Unrechtes. Alles was sie angriff, geschah frisch unb geschickt unb doppelt so flink wie bei anderen. .

Eine Glückszeit begann. Der Wohlstand des Hofes mehrte sich m diesen Jahren. Es war, als seien neue gute Geister mit ber gretnben ins Haus gekommen. Man sah unter ben Schnittern au den Atoiwie en, sah beim Viehhüten, beim Einfahren unb Füttern oft fremde Gestalten. Sie halfen, als gehörten sie zum Gesinde. Einige waren lieblich, mit Gesang und Scherzreben begabt, manche wunderlich, wirr unb fremo, mit breiten Füßen und watschelndem Gang. Alle schienen mit der Theresa bekannt unb ihr auf eine zärtliche Weise verbunden. Aber nie sah man bie junge Bäuerin mit ihnen reben, es ging nur fo ein Nicken unb Augen- grüßen hin und her. Auch war nichts Scheues oder Wildes mehr an Der jungen Frau. Freilich fang sie oft allein für sich, Lieber, fo traurig-stiß, baß bie Mädchen sich unter ihr Fenster schlichen und böse die Burschen abwehrten, die kichernd mit handgreiflichen Scherzen folgten.

Di» Frau schalt nicht, wenn sie die Lauscherinnen entdeckte. Siehatte elpe G ibe, die Herzen zu gewinnen, mit einem Wort, einem l_ad)cin. (Schor"'.irr oerroeigerung ober Schmollen gab es vor ihr nicht. Sie war selbst viel iu frohherzig, zu fleißig und lebensvoll, als baß irgenb jemanö in ihrer Nähe in mürrisches Wesen verfallen konnte.

Fröhlich war die junge Frau und liebte doch d,e Einsamkeit. Sie gmg gern allein vor das Tor, besonders bei Mondschein. «jf)r Mann folgte zu w-u-ri. denn ihn bedrückte oft bie Angst, sie könne einmal so weggehen uu-> nicht zurückkommen. Er dachte ihres abendlichen Fortgleitens, als j e noch Magd war. Wie sie sich dann umzuwenden und zu lächeln pflegte mit dem wie von innen verklärten Gesicht. Auch jetzt trmg ihr Antlitz f diesen Schein, ihre Augen waren so durchdringend licht, wie Die eines Nachttieres. Er fragte sich, was auf dem Grunde dieser Augen lag. War die uferlose Sehnsucht, die ihn da ansah, Liebe ober nur bie Unraft schwwfender Kreatur? Woher kam sein Weib, ehe sie zu ihm fand. Dies Nichtwissen brannte ihn, aber er hatte sie zu lieb, um sie auch nur nut ^'"Wenn°1hre" Friedlosigkeit auch ihn überkommen wollte, fo n>anbte er sich zu seinen Kindern, spielte mit ihnen, ober ftanb abends an ben -Bette ber Schlafenden, hingeqeben an ben Frieden ihrer reinen Zuge.

Gerade bei diesen Kindern aber griff ihn das Schicksal an. Der Knaoe war still und verschlossen, er lernte lantrfam, aber behielt, was er ge Wen hatte, in seinem gewissenhaften kleinen Kopf. Sem Wesen war eher scheu