Zunächst sah sie nichts als Elefanten-, bann ober hob eine Elefanten kuh ihren Rüffel hoch und es öffnete sich in all dem Grau ein schmaler Spalt, durch den die kleine Pallah sehen konnte, wie die Hunde fortliefen. Sie blieb stehen, lief sogar wieder ein Stückchen zuruck (wobei sie sich aber beileibe nicht aus der Herde entfernte) und konnte ine Hunde nun noch deutlicher sehen, wie sie zu einem Baum liefen und sich dort meder- leaten Es war gut zu merken, daß sie sie noch keineswegs vergessen oder qar aufgegeben hatten. Nein, sie lauerten sichtlich darauf, daß sie ihr Schußgehcge verlaßen und ihnen doch noch zur Beute fallen werde. Aber die kleine Pallah dachte nicht daran, ihnen diesen Gefallen zu tun. Sie aerade noch vor kurzem gemachte Erfahrung, daß es Sicherheit nur in der Gesellschaft andrer Tiere gab, die Furcht vor der Einsamkeit rieben sie schnell wieder in die Mitte der Herde zurück, d,e sich letzt langsam in Bewegung setzte und mit der sie nun gleichen Schritt hielt.
(Fortsetzung folgt.)
Spätsommer.
Von Hans Leifhelm.
Der Lattich breitet sich übcrm Schutte, Wo einst sie gruben nach Sand und Kies Granatrot leuchtet die Hagebutte, Es haust die Spitzmaus im Dornverlies. Sie Grillen zirpen endlose Sage, Aus feuchter Tiefe hallt Unkenklage.
Zaunkönig schlüpft durch das Strauchgefieder, Elbisch entschwindend, ein flüchtiger Gnom. Spätsommerfonne sinkt bald hernieder In gelben Abends metallnen Strom.
Schon rührt der Igel sich in der Hecke, Schon streckt im Bruch sich die Nebeldecke.
Am harzigen Stamme wimmelt und klettert Ameisenvolk wie in Zauberei, Stockende Stille — fanfarend schmettert Vom fernen Sorf der Hahnenschrei.
Es kommt ein Karren, mit Klee beladen, Er schwankt inmitten von duftigen Schwaden.
Der Menschenheimkehr harrt das entfernte Gehöft, die Tore weit aufgespannt.
Von allen Siedern weht Ruh der Ernte Und unablässig steht überm Land Wie Ton von Hummeln, wie Ton von Bienen Das dunkle Summen der Dreschmaschinen.
Oie Salige vom Gollinberg.
Rach einer Kärntner Sage.
Von Hedwig For st reute r.
Am Wörthersee in Kärnten erhebt sich der Gollinberg, nördlich von den Moßburger Moosen begrenzt, mit dem Südhange sanft zum Wasser abfallend. Der Nordabhang zeigt eine Felsenhöhle, eine Wand, vom Schnee- und Regengetropf durchspült und zerklüftet. Riesigen Stühlen gleich dehnen sich zerspaltene Steine, und das Volk erzählt, daß in mondhellen Nächten die saligen Fräulein dort an der Salmvand ruhen.
Sie reden und lachen miteinander; das tönt wie Seufzen des Windes im Fels, wie Wassermurmeln und Bäumerauschen, melodisch und gedämpft. Wie sie selbst nur sanfte Rede hin und her gehen lassen, so lieben sie auch bei anderen keinen Lärm und ziehen sich zurück, wenn jemand singend oder peitschenknallend des Weges kommt.
'Menschenscheu und leicht zu verstören sind die Saligen, aber wiederum auch hilfsbereit und voll Sehnsucht nach Liebe. Zu den Zeiten des Vollmondes wächst diese Sehnsucht mit dem steigenden Licht. In solchen Nächten spähen die Jungfrauen von ihren Felsensitzen ins Tal; die Wege und Bergpfade liegen wie helle Bänder vor ihnen im Gestein, und sie harren, ob die Gestalt eines Jungbauern oder eines Knechtes aus diesen Wegen daherkommt. Dann locken sie den Einsamen mit mildem Wort ober, falls er flieht, stürmen sie zu ihm nieber, ihre Schüchternheit vergessend vor dem Glück, einen Menschen zu sehen.
Gleich großen unbeholfenen Kindern wissen sie nicht, daß ihre wilden Umarmungen Sterblichen Gefahr bringen, und wenn der Mann, der in ihre Gewalt kommt, nicht starken Geistes ist und sie mit Drohwort und dem heiligen 'Zeichen des Kreuzes beschwört, kann es sein, daß er erdrückt niederfällt.
Aber nicht alle saligen Frauen sind so wilden kindischen Gemütes. Einige sind helleren Geistes, sie wagen sich in die Häuser der Menschen hinab, helfen unerkannt bei der Arbeit und ruhen sich bei ihnen aus.
So geschah es auf einem Bauernhof zu Füßen des Gollinberges. Täglich half dort eine fremde Magd beim Heuen in den Wiesen. Sie war jung und hochgewachsen; ihr bräunliches Haar lag in dichten Zöpfen um dir Stirn, und die Augen blitzten vor unschuldiger Lebensfreude. Wer sie genauer ansah, der überlegte, welche Farbe diese Augen hatten. Sie schimmerten braun, graublau oder grünlich, wechselnd wie die Wasser des Sees, wenn Wolken über sie dahinfuhren, Wind sie auftrieb, Sonne Lichter in ihnen weckte.
Zwischen der Magd und dem ältesten Bauernsohn ging ein Wetter leuchten hin und her; sie wußten es beide noch nicht, daß sie sich mit den Augen suchten, doch in der Mittagsruhezeit geschah es immer wieder, daß die Magd dem Jungmann zuerst den Bierkrug reichte, und daß e neben ihr lagerte und mit seiner tiefen werbenden Stimme zu ihr spra^ Seine Augen sahen, daß die Frembe schön war, daß ihre Hout nicht der Sonne bräunte wie bei anderen Mäbchen, sondern weiß und blewen klar blieb wie der Schnee an den Gipfeln der Karawankenkette. Niemai
Wegs gezogen waren, und daß sie selbst über ein Kurzes bei ihnen sein wurde.
Unter einer Baumgruppe, etwa hundert Meter abseits, liegt ein fRubel wilder Hunde. Zwölf find es, lauter stämmige wilde Gesellen mit »einen wie geschaffen zum Rennen und mit mörderischen Korperkrasten. W Löwe und Leopard sind sie der ewige Schrecken aller Herden. Ihre Opfer sind Antilopen oder Gazellen, die allein daherkommen oder die sie mi fiift so von ihrer Herde fortmanövrieren, daß sie ihnen mit Leichtigkeit den Weg abschneiden können; flüchten die Aermsten dann m ihrer Panik noch nach der entgegengesetzten Richtung, bann stürmen die Hunde ihnen nach und schwärmen im Halbkreis auseinander, um ihr Opfer einzukreisen Und so behend sind sie, daß ihnen nur in den seltensten Fallen einmal ein Wild auskommt. Sie reißen das Tier, stürzen sich mit Heißhunger daraus und lassen den Aasräubern wenig übrig; wenn sich bann nach bem Blutgenuh ber Dürft einstellt, trollen sie sich zum Trinken an den Fluh, schlappen mit ungestümer Gier das Wasser, nicht ohne ges^^nnt nach Krokodilen auszuschauen, bem einzigen Feind, der ihnen an Schnelligkeit — wenigstens auf kurze Strecken — überlegen ist, und dessen greulicher Rachen ohne vorherige Anzeichen urplötzlich aus der Flut auftauchen und sie in den Tod ziehen kann.
Im Augenblick liegen zehn Stück vom Rudel auf ber Erde, den Kopf auf den Pfoten; die übrigen beiden stehen Wache und nehmen mit schnuppernden Nüstetn Witterung. Ob wohl von irgendwoher Beute winkt? Jetzt schlägt einer ber beiden kurz und lebhaft an. Im Augenblick ist bas ganze Rudel auf den Beinen und hinter ihm her. Schon nach zehn Meter gibt ein andrer Laut und fetzt sich an die Spitze. Jetzt wissen sie, wohin es geht, und fort sausen sie. _
Wie von einer inneren Stimme gewarnt blickt in diesem Augenblick die kleine Pallah pom Boden auf. Die böse Meute sehen und davon- rennen ist eins. In ihrer Sorge, b-en Hunden nach der andern Dichtung hin zu entkommen, verläßt sie die Fährte. Sie muß gegen den Wind laufen und läßt starke Witterung hinter sich, und ihre hohen Sprunge verraten sie ihren Verfolgern immer wieder aufs neue. Doch sie denkt nicht daran, noch an irgend etwas andres als das eine: so schnell sie die Beine tragen vor dem heranstürmenden Rudel geradeaus zu fliehen.
Angst und Schrecken erfüllen sie; sie weih, dah es auf Leben und Tob geht dah die Hunde sie einholen werden und daß ihr keine Zuflucht, kein Versteck, keine Rettung winkt, es fei denn ihre eigene Schnelligkeit. Und die will fast versagen! Schon schwärmen sie hinter ihr aus, zu beiden Seiten rast einer ber Hunde dahin, als wollten sie ihr den Weg verlegen, sollte sie je versuchen, nach bem Fluh ober den Bergen hin auszubrechen. Bald werben sie sie ganz umzingelt haben! Ader nicht daran denken letzt । — nur immer vorwärts, vorwärts! Die Angst hockt ihr im Nacken und i peitscht sie zu erneuter Schnelligkeit an; diese Angst durchdringt sie so . völlig, dah sie gar nicht auf den Gedanken kommt, zu wenden ober eine ° anbre' Richtung einzuschlagen als die immer geradeaus. Sie wird müde, aber sie beachtet es kaum. Die Furcht setzt ihr dermaßen zu, dah ihr das Herz wie wild klopft. Atemlos keucht sie, rennt, rennt. Weiter, weiter — blindlings drauf los! Sie denkt nichts, sie hofft nichts — die Angst vor der Gefahr, die da hinter ihr her ist, droht sie fast zu lähmen!
Da — als sie keuchend über den Kamm einer kleinen Anhöhe dahin- ftiegt, erblicken ihre angstgeweiteten Augen plötzlich unter sich die verschwommenen grauen Umrisse einer Elefantenherde.
Die Tiere stehen in einer geschlossenen Gruppe gerade in ihrer Laufrichtung. Sie selbst ist viel zu angstverwirrt, um sie mit einer Seit- wärtsfchwenkung zu umgehen; ist auch dermahen furchtgeblendet, dah sie nicht in diesen Elefanten ihre Rettung erkennt. Von drei Seiten haben die Hunde mit zurückgeworfenen Lefzen und gefletschten Zähnen sie jetzt umzingelt; auch sie haben die Elefanten gesehen, und die „Flügelhunde" schwenken weiter auswärts, um an ihnen vorbeizukommen. Die kleine Pallah aber bleibt immer geradeaus. Den Bruchteil einer Sekunde lang sieht sie eine graue Masse sich vor ihr auftürmen, sieht eine Oeffnung, die wie ein Tor nach innen führt — und gleich darauf schlüpft sie in dieses Tor, nämlich, zwischen die Beine eines Elefanten, hinein bis unter des Elefanten Bauch.
Die Hunde, die ihr fast auf den Fersen sind, -stutzen, als sie ihr Wild so plötzlich mitten in ber Elefantenherde verschwinden sehen. Hüben und drüben stehen japsend die Flankenjäger, und plötzlich fängt einer von ihnen an, seiner ganzen Wut und Enttäuschung in einem erbärmlichen Geheul Lust zu machen. Dann laufen sie alle wie auf Kommando zurück, fcharen sich wieder zum Rudel und werfen sich in der Nähe unter einen Baum. Von dort aus beobachten sie mit glühenden Augen die Elefantenherde, die sie um die schon so gut wie sichere Beute gebracht hat.
Die Elefanten.
Die graue Mauer. — 21 u f breiter Fährte. — Sorglose Tiere. — Im dichten Urwald. — Nächtlicher Friede. Wieder zum Fluß. — E i n Stück Holz. — Der alte Feind.
Die Gazel-lenherde.
Als die kleine Pallah sich ringsum von diesen mächtigen grauen Massen umgeben sah, verspürte sie wieder dieses selbe Gefühl der Geborgenheit wie damals, als sie mitten in die Zebraherde geraten war. Diesmal aber war die Gefahr, der sie entronnen, doch noch größer gewesen, und auch die Tiere, bei denen sie Schutz gefunden hatte, waren viel, viel größer. Uebri- gens mußte sie feststellen, daß sie ihren langgestreckten stürmischen Lauf inmitten dieser Herde nicht fortsetzen konnte. Nur ganz langsam und in vielen Windungen kam sie zwischen den Riesenleibern vorwärts: bald muhte sie unter dem Bauch eines alten Bullen durchschlüpfen, dann wieder einem Elefantenkalb ousweichen.
Die wilde Hatz lag noch wie ein drückender Alb auf ihr und sie mühte sich, immer noch weiter vorzudringen; dabei überkam sie allmählich jene trauliche Stimmung der Zuversicht, wie sie das Eingeschlossensein im Kreis einer großen Herde verleiht, und da wagte sie es denn, einmal einen Blick nach rückwärts zu tun.


