Ausgabe 
29.4.1938
 
Einzelbild herunterladen

Betties: den Rus der Straßen der Welt und die beglückte Versponnenhelk in der ländlichen Welt des Bauern, die Unruhe der Weite und die Geduld brotduftender Felder und alter Bäume, wie es oft in der deutschen Dich­tung zusammen war, als der Dichter des Nibelungenliedes seine Melden nach Ungarn reiten ließ und Walter von der Vogelweide nachtigallensuß seine Lieder auf deutschen Waldburgen sang, als Rückert seineGehar­nischte Sonette" schrieb, Arndt seine Weckrufe ertönen lieh und Mörike sich in sich selber zurückzog:

Laß, o Welt, o laß mich sein. Locket nicht mit Liebesgaben. Laßt dies Herz alleine haben . Seme Wonne, seine Pein.

Wunderliches Neben- und Ineinander, als Theoder Körner mit dem Schwert in der Hand dichtet und Hölderlin innig und zart, auf himm­lischer Leier sein Abendlied ertönen ließ.

Tagemarsch aus staubiger Sonnenstraße und abendliche Rast am Brunnen bei aufkommenden Sternen bilden das Ganze des Tages. Keiner darf nur eines wünschen. Er stürbe dran auf die Dauer.

Hingebendes und arbeitendes Leben gehören zusammen, zusammen wie Innigkeit und Leistung, wie Garten und Werkstatt. Keiner darf einseitig seine Lektüre wählen. Er müßte verkümmern aus die Dauer. Wobei wir Deutsche es uns gesagt fein lassen wollen: In der Lyrik glänzt unser verborgenes Wesen am herrlichsten auf, im Lyrischen lauert am drohendsten die Not weinerlicher Verelendung. Darum sieht uns die Welt am liebsten in der harmlosen Rolle der Dichter und Denker, der roman­tischen Träumer, die die blaue Blume der Innerlichkeit suchen, die die tiefsinnigsten Denksysteme und die schönste Musik hervorgebracht haben. Sie will uns nicht in der Siegfriedrolle des dramatischen Drachentöters sehen, der an der plastischen Gestaltung der sichtbaren Welt seine Teil­nahme anmeldet. So konnte vor mehr als hundert Jahren Madame de Stael, die Tochter Reckers, des französischen Finanzministers, die auch deutsches Blut in den Adern hatte, kurz vor Ausbruch der Revolution unter dem Beifall ihrer zwischenvölkischen Leserschaft in ihrem von Napoleon verbotenen BuchDe lAllemagne von uns sagen:Den Fran­zosen gehört die Erde, den Engländern das Meer, den Deutschen die Luft", ein Wort, das freilich einen anderen Sinn bekam, als sie ahnen konnte.

Um zu nüchterner Betrachtung äußerer, doch keineswegs zu ver­achtender Hilfen bei arbeitendem Lesen zu kommen, sei dies empfohlen: Der arbeitend Lesende bediene sich eines Bleistiftes. Er unterstreiche die Worte, Sätze, Abschnitte, die ihm von besonderer Wichtigkeit waren. Er findet sich mit ihrer Hilfe später schnell zurecht, vielleicht gar gerät er in verwundertes Staunen, was ihm einmal wichtig war und worüber er hinweggelesen. Allein aus der Bleistifttätigkeit des Lesenden ließe sich eine Seelenbeschreibung ablesen. Und weil sich der Lesende durch Unterstreichen auf verräterische Weise preisgibt, darum kann er seine Bücher nicht beliebig verleihen an andere. Erst recht nicht, wenn der Bleistift nicht nur Unterstreicht, sondern Bemerkungen des Beifalls ober Zornes einfügt oder auch nur mit Ruf- und Fragezeichen, mit kurz einfließenden Hinweisen auf andere Werke mitarbeitet.

Nur die leichten Unterhaltungsbücher kann man verleihen, und es sollte mehr und mehr eine Taktfrage derer sein, die es angeht, keinen Bücherliebhaber dadurch in Verlegenheit zu bringen, daß man ihn um Leihüberlafsung eines wichtigen Buches angeht,"wie man sich ja auch nicht einen schönen Hut oder Gürtel oder Möbel entleiht. Bücher, die einett zuinnerst angehen, soll man besitzen. Man braucht sie immer wieder. Sie müssen zur Hand sein im Augenblick ihrer Bestimmung.

Zeige mir deine Bücher, laß mich nur ein wenig darin blättern, und ich will dir sagen, wer du bist.

Abstieg zu zweit.

Eine Erzählung von Ern st Kreuder.

Beim Abstieg schritt Fräulein Mobini vor ihm ben felsigen Pfab hinunter. Sie waren noch in etwa sechshunbert Meter Höhe, die bewal­deten Hügelkuppen in der Tiefe rückten schon näher, bas Grün ber früh- jährlichen Landschaft wurde heller und leuchtender, und bas blitzende Wasser des tiefblauen Sees lag nicht mehr so tief unter ihnen. Die Sonne glänzte hier oben in den Felsenwinkeln, es war heiß und still in ber Öuft. lieber bem weiten, besonnten Land spannte sich ber bunst- blaffe Himmel in die Ferne, unermeßliche Gefilde ber Stille.

Sie hatten beide verbrannte Gesichter, aber sie waren nicht erhitzt. Stephan sah Fräulein Mobini beim Abstieg bie ganze Zeit unter sich, sie stemmte sich mit ben festen Schuhen in bie Felsenlöcher, und an den schwierigen Hangen zog sie sich mit ihren schmalen, kräftigen Armen seit­wärts weiter. Manchmal lehnte sie sich an einen vorspringenden Felsen, um auszuruhen, und sah zu Stephan herauf. Ihr junges, zartes, ge- fpanntes Gesicht forschte bann mit heiterer Neugier nach der Gemüts­verfassung ihres Begleiters.

Stephan war nicht eigentlich verdrossen: er hatte nur schon seit dem Morgen befürchtet, daß alles so kommen würde, und nun war sein Stolz verletzt. Er verleugnete seine innere Unruhe, aber fein Hexz schlug schwer, und sein Kopf war voll fiebriger Unrast. Cs hatte alsonur eines ein- Samen Ausflugs mit diesem netten, jungen Mädchen bedurft, um ihn in iie törichten Wirbel eines anfälligen Verliebtseins zu stürzen! Jetzt mußte er damit aufhören. Es war zu lächerlich, sich von der Gelegenheit zum Liebhaber machen zu lassen. Stephan, Student der Philosophie, war einundzwanzig Jahre alt und fühlte in sich die ganze unwirkliche Weis­heit dieser Jahre, bie ihn zum Spott gegen sich selbst verleidete. Er sah jetzt nur noch ben einen Ausweg, sich in dieser unwürdigen Verwirrung zurückzuziehen. Er würde sich hinter den nächsten Felsen ducken und bann den Abstieg nach einer anberen Seite allein unternehmen.

Gefällt es Ihnen nicht mehr mit mir?" rief Fräulein Mobini in tiefem Augenblick. Sie richtete gerabe etwas an ihrem Schuh. Jetzt mußte

er doch die paar Schritte hlnunterskeigen, und dann setzte er sich in eine Felsenrinne. Fräulein Mobini sah fünf Meter tiefer, sie begann ihren Schuh aufzuschnüren. Was sollte er ihr antworten?

Wie kommen Sie denn baräuf?" sagte er.Es gefällt mir keine Spur weniger. Sie finb sehr gut gestiegen", fügte er noch hinzu.

Sie hatte jetzt ihren Schuh ausgezogen und schüttelte ihn aus. Er betrachtete ihren schönen, schmalen Fuß in dem festen, braunen Ueber- ftrumpf. Ihr mattes schwarzes Haar, das sie in einem kleinen Knoten trug, glänzte in ber Sonne; eine Strähne hing von ihrer Stirn über bie gebräunte, leicht gebogene Wange. Er konnte den Schatten darunter als dunklen Strich auf ber glatten Haut sehen.

Da er jetzt doch nur belanglose Dinge geredet hätte, schwieg er lieber. Dann nahm er den Rucksack vom Rücken, machte ihn auf und stöberte darin herum. Er suchte nichts, aber er konnte sich damit eine Zeitlang mit ablenken; bas Paket Tabak war aufgegangen unb der Tabak hatte sich im Rucksack verstreut. Er sammelte ben Tabak roieber auf unb schüttete ihn in bas Paket. Plötzlich stand sie neben ihm.Was suchen Sie denn? fragte sie, und bann fetzte sie sich auch in bie Felsenrinne.

Der Tabak war aufgegangen", sagte er unb lachte verlegen. Sie sah ihn an und schien sich dieses Lachen anzufehen. Es war ihm nicht wohl babei. Als er aufblickte, sah sie mit einem Lächeln weg. Bekümmert unb streng schaute er jetzt in bie Helle Weite hinaus, ber See lag wie eine längliche Tafel aus blauem Glas in bem grünen Land. Tiefer Frieden ruhte in bem fchweigenben lichthellen Bereich.

Nun blickte sie auch in bas mittägliche Land hinaus. Auf feiner Uhr war es zwei vorüber. Gegen fünf mürben sie unten am See fein, bann würden sie sich trennen, um sich zum Abendessen umzukleiden. Er würde dann die junge Malerin wieder auf ber Terrasse mit ihrer Tante fressen. Aber bas würde nach diesem Abstieg unerträglich sein. Wieder überlegte er, ob er den Abstieg nicht nach einer andern Seite allein machen konnte. Wenn sie sich am Äbend wiedersahen, würde er feine schwächliche Ver­wirrung überwunden haben.

Er fetzte sich jetzt etwas höher und sah, daß etwa zweihundert Meter rechts ein dunkler Föhrenwald begann, ber sich bis zur Ebene hinunter- zog. Dort konnte er untertauchen.

Fräulein Mobini sah noch immer in bas Land hinaus. Sie schien ganz in träumerisches Nachdenken versunken. Wie er ihre schmale, mädchen­hafte Gestalt fo still unter sich sah, dachte er sich noch einen Augenblick etwas Verwegenes aus. Er dachte, er hätte in seinem Rucksack einen Zauberteppich, von dem sie nichts wußte. Unauffällig nähme er den Teppich aus bem Rucksack und legte ihn auf die Steine. Dann bäte er sie, sich doch auf den Teppich zu setzen, sie würde darauf bequemer sitzen. Sie würde aufstehen und auf den Teppich treten, und im gleichen Augen­blick würde er sich neben sie auf ben Teppich stellen unb bas geheime Zauberwort aussprechen. Sogleich würbe sich ber Teppich über bie Felsen erheben unb über bie Tiefe hinausschweben. Dann würbe sie sehr bleich werden unb durch bie Schnelligkeit, mit ber ber Teppich dahinslöge, würde sie schwanken und müßte sich schließlich an ihm sesthalten. Ihr Mund würde ganz nah vor ihm fein und er würde kühl über sie hinweg sehen und sie auf ein fernes Gebirge aufmerksam machen.

Er schüttelte diesen lächerlichen Traum ab und stand auf. Er hing ben Rucksack über und ließ sie wieder vorangehen. Während sie nun in ber stillen, heißen Miftagslust hinunterstiegen, ließ er den Abstand immer größer werden. Zuletzt waren es beinah fünfzig Meter. Er wunderte sich, daß sie nicht ein einziges Mal zurücksah. Plötzlich duckte er sich hinter einen großen Felsen, unb von dort beobachtete er sie noch einige Zeit. Sie stieg weiter hinunter unb er kletterte jetzt ein Stück fchräg hinauf unb gelangte halb zu bem Föhrenwalb. Zwischen ben Bäumen 'entbedte er einen Weg, ber abwärts führte. Aber nun fühlt er sich elend unb traurig unb schämte sich feiner Flucht. Er warf sich unter ben bunflen Föhren hin, es war schattig unb lau hier, unb ein schwüler Duft von Harz unb Nabeln und Walberde in ber stillen Luft.

Er mußte in ber dämmerigen Stille auf bem Walbboben eingefdjlafen fein, denn er hatte keine Schritte gehört, unb jetzt war jemand da. Drüben auf einem Baumstumpf faß jemand und sah ihn an. Es war Fräulein Mobini, sie sah ihn ernst unb nachbenklich an. Benommen setzte er sich auf. Er wußte nichts zu sagen.

Waren Sie mübe?" fragte sie ihn. Er nickte, ohne sie anzufehen.

Ich habe mir die ganze Zeit den Kops zerbrochen, wo ich Sie finden könnte", sagte sie.Zuerst dachte ich, es sei Ihnen etwas zugestoßen."

Ich hätte Sie nachher wieder eingeholt", stammelte er sind fühlte, baß er rot wurde.

Sie verließ den Baumstumpf, und er stand ebenfalls auf. Schweigend gingen sie nebeneinander den schattenbunklen Waldpfad hinunter. Sicher ist sie durch fallendes Geröll aufmerksam geworden, dachte er zerknirscht; unb bann nannte er sich einen Esel unb ein bürftiges Exemplar.

Vor einer kleinen Lichtung blieb sie plötzlich stehen und sah ihn mit einem langen, dunklen, ernsten Blick an, der ihn traurig machte unb ihn zugleich verwirrte unb ihm ben Boden für einen Augenblick unter ben Füßen fortnahm, als stände er wirklich auf dem Zauberteppich. Sie faßte ihn am Arm, als müßte sie ihm etwas erklären.

Jetzt müßte ich Sie allein lassen", sagte sie leise,warum haben Sie mir diesen Abstieg so schwer gemacht?"

Ja, warum? dachte er kleinmütig und sah sie an; unb bann sah er wieder, wie ernst und schön und voller Vertrauen sie war. Er senkte bas Gesicht.

Ich wußte nicht, daß ich so kindisch sein würbe", sagte er aufrichtig, aber es war sehr schön mit Ihnen."

Jetzt sah er sie wieder an. Ihre jungen, klaren dunklen Augen blickten ihn schnell und prüfend an, dann lächelte sie betroffen.

Ach", sagte sie,glauben Sie, daß es das jetzt nicht mehr fein kann?" Sie standen ernst unb nahe voreinander in dem dämmernden Wald, bie Stille der Höhe war um sie wie eine reine, glückliche Zeit, und dann war doch em glückhafter Teppich unter ihnen, als bas schöne Mädchen ihm ruhig über bas Haar strich.

Dernnkwortltch: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühlsche UniverfitäfSdruckerei A.Lange, Gießen.