Ausgabe 
29.4.1938
 
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Laßt Mechows Schapers

Anders geht es, lesen wir Grimm oder Dwinger oder Beumelburg. Kräfte des Willens und der Erkenntnis werden unablässig gefordert und gefördert. Eine Gartenpforte schlägt hinter uns zu. Wir stehen auf den staubigen Straßen der Welt.

Alle männlichen Strebungen in uns sind aufgerufen, Ordnung zu bringen in das Chaos des Lebens. Oedipus entreißt der Sphinx ihr Rätsel, daß sie sich in den Abgrund stürze und er vordringe zur ersehnten Stadt Theben.

Hüte dich! Die Welt ist kein Garten. Die Welt ist kein Paradies. Die Welt ist der Tummelplatz unheimlicher Gewalten, denen du allein nicht standhalten kannst. Die Welt ist ein Drache, der dich verschlingt, wenn er dich allein trifft und du nicht stehst in der kämpfenden Gemeinschaft deines Volkes. Die Welt ist die Arena der Völker.

Bei solcher Lektüre müssen wir leiden und arbeiten, soll sie uns ihre wahre Sendung offenbaren. Viele schrecken vor solcher Leistung feige zurück. Sie möchten sich in bestickten Filzpantoffeln lieber winkelglücklich zurückziehen ins Biedermeiersofa, statt in Soldatenstiefeln durch Sibiriens Winterwälder verzweiflungsbeschattet den eisigen Weg nach Westen zu suchen, möchten lieber teilhaben am schäferlichen Porzellanidyll, als in Afrikas glühendem Sand die sinkende deutsche Fahne retten. Der Leser steht hier zwischen Gericht und Rettung mitteninne.

Täuschen wir uns nicht! Das Biedermeier lauert als ewige Gefahr int Deutschem Wenn es auch heute kein literarisches Biedermeier gibt, so hat es sich auf getarnte Weise in die Sentimentalität flüchtiger Filme versteckt.

Die jungen Dichter von heute, wie etwa Wolfram Brockmeier, haben

Emmerich Matzke hatte geendet. Die Studenten schwiegen, die Stille tonte voller als das lauteste Wort. Die Feinhörigen fühlten, wie sie sich verdichtete, zu einer Frage formte. Konrad Schittenhelm sprach sie aus:

Und was ist sein Ziel?"

Emmerich Matzke antwortete nicht sogleich. Er sah sich im Kreise um, von einem zum andern, prüfend, ob er reif sei für die Antwort.

Das Ziel? Ein großes Preußen zuerst."

Ein großes Preußen?" fragte Konrad Schittenhelm.Rur das? Wieder nur Partikularismus, nicht mehr?"

Und dadurch die deutsche Einheit."

Run tönten Fragen und Rufe durcheinander:

Die deutsche Einheit?"

Durch Preußen?"

Halb Deutschland ist gegen den Staat!"

Die Süddeutschen tun nicht mit!"

Preußen wird halbabsolutistisch regiert!"

Cs ist der Feind jeder Idee!"

Die deutsche Einheit kann nur durch das Zusammenwirken aller Kräfte im Volk erreicht werden!"

Emmerich Matzke wartete ruhig, bis unter seinem Blick die Studenten verstummten. Dann sagte er:

Als ich hinausfuhr, waren alle diese Fragen und Einwände auch ,n mir. Ich verstehe euch, und es tut mir leid, daß ich euch Jungen jetzt «ehe tun muß. Es ist mir auch nicht leicht geworden, es hat auch mir veh getan. Man möchte ja so gern sich all das seelisch und geistig vor- '.ellen, wie ein Gedicht, das jeder hinausjubelt, als einen alles über­tauschenden Chorgesong, als ein Märchen. Cs ist kein Märchen, es ist lem Lied, es ist kein Gedicht. Wißt ihr, wo die deutsche Einheit vorbereitet »trd? In einem Arbeitszimmer in der Berliner Wilhelmstraße. Dort sitzt an Mann über Akten und Briefen, diktiert die halbe Nacht lang, wägt -Bort um Wort, schließt Vergleich um Vergleich, gibt hier ein Versprechen, k'eht es dort zurück, droht hier, begütigt dort, trägt Maske um Maske, tarf nie er selbst sein, ehe der Tag anbricht, und weiß nicht, ob er ihn rnmal sehen wird. Und in einem anderen Hause sitzen zwei andere -Ronner, messen und zirkeln auf großen Karten, studieren Tabellen end- ikser Zahlen, Fahrpläne, neue Gewehrmuster und Geschützkonstruktionen. An ^a.DOr1, ob &er Musketier Lehmann binnen vierundzwanzig oder ochtundvier.zig Stunden zu seinem Ersatzkörper einrückt, ob die Bahn vier 00er fünf Züge in der Stunde nach der Grenze Frankreichs befördern k«nn. ob diese Männer so stark sind, mit drei Stunden Schlaf auszu- ti1 turnen, davon hängt es ab, was wir das heilige Ziel nennen. Das ist llsilich nicht poetisch, das ist graue Nüchternheit.

Ich habe etwas eigenmächtig gehandelt", sagte Doktor Matzke,Bin Nm erstenmal bei Ihnen und richte schon Verwirrung an. Aber, glauben rte mir, es ist notwendig. Ballast muß man obwerfen, um aufsteigen zu unnen. Noch einmal sage ich euch, es freut mich nicht, daß ich euch weh wn muß. Nüchternheit ist für die Jugend vielleicht am schwersten zu tragen. Aber", nun rücken sie enger zusammen, dichter um den Gast

uns jetzt vom arbeitenden Lesen sprechen. Lesen wir .^Vorsommer" oder CarossasKindheit und Jugend" oder .Sterbende Kirche", so werden wir umsponnen von zarten und schimmernden Faden der Sprache. Das Stoffliche tritt ganz zurück. Niemals wurde man diese Bücher verfilmen können. Kein wahres Kunstwerk der Sprache laßt sich verfilmen. Man kann den Nibelungenstofs verfilmen, aber man kann nicht das Nibelungenlied verfilmen. Bei den erwähnten Büchern ist zemand da, der uns leise bei der Hand nimmt, in ein stilles Zimmer führt und uns in dem abendlich dunkelnden Raum mit einer freundlichen Musik erfüllt. Es ist die Kraft ihres ruhig strömenden Stils, uns einzuspinnen, «on uns wird nur willige Hingabe verlangt. Wir vergessen uns selber. Wir werden von uns erlöst. Eine scheinbar nur kleine, aber reiche Welt, in der die große verborgen ist wie das Auge Gottes im funkelnden Tau, ttit sich auf vor uns und für uns. Sie scheint auf uns gewartet zu haben. Wir nicken vielem Bekannten zu, dem wir auf geheime Weife verbunden sind, ohne es seither zu wissen, urfb wir sehen Licht, wo bislang Schatten fröstelte. Weil alles auf innerste Art lebensecht ist, hebt eine geheime Heilung in uns an. Wir schließen diese Bücher als Gewandelte und Be­glückte. Nur aufgeschlossene Bereitschaft und willige Hingabe waren unser Einsatz, fromit wir als Gesegnete von dannen gingen aus einem duftenden Garten.

Frühling.

Von Theodor Storm.

Die Kinder schreienVivat hoch!" In die blaue Luft hinein;

» Den Frühling setzen sie auf den Thron, Der soll ihr König sein.

Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, All, all, die da blühten am Mühlengraben. Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest In ihren kleinen Fäusten haben.

Das größere Deutschland.

Von Robert Hohlbaum.

A5^^°rcke des Großdeutschen Reiches steht beherrschend im Mittelpunkt des RomansZweikampf um Deutsch- a n? ^on, R°l>ert Hohlbaum. Die folgende Episode, die m dL? A°l>r 1866 spielt, wurde diesem Buche mit Erlaubnis des Albert-Langen/Georg-Müller-Verlages in München ent­nommen. _ '

her TOie?err^nLfbftr^erbknbUfn9 "Quabia"' bie in einem alten Wirtshaus b.rzu Hause war, hatte, um sein studentisches Gewissen zu beruhigen, die Kneipe mit Silentium und Begrüßung eröffnet ein paar offizielle Lieder singen lassen und dann rasch geschlossen. Und nun fdjartcn sich alle um Doktor Matzke in aufnahmebereiter Stille. Sie hörten dn-N^^bten des Erzählers Reise, die Fahrt durch die schlesische Ebene, fi Ä"1^i*®h°n,IenImn?'.baf.aIt? Ostpreußen, die norddeutsche Heide, sie fuhren mit ihm den Rhein hinab und dann durch Hessen und Thll- ngen, und in alldem, mochte es auch heute noch durch Schlagbaum und renzstom getrennt sein, fühlten sie den Willen zur Einheit des Nordens lb bonn xWUÄS. ble Stadt vor ihnen auf, die hier als nüchtern galt, als roff und kulturarm, bar des Schmuckes der Landschaft, wie der h«e»nrn 23[e^Unb<en!,eJt mU ben Schätzen des Einst, nur dem Zweck »rnf^refna^ tCo schleierlos ,ble"enb- Und war anders, ganz anders, voll M d>e Zukunft wirkender Kraft, voll in sich gefestigter Selbst- besinming, pochendes Herz des großen Körpers, starkes Geheimnis. Sie ' I*n t?.5e,,nebe.r, Kinder, die ein Märchen hören, und dann wieder siihlten sie sich alter, reifer reicher in Wissen um das Künftige, den andern Menschen hier noch hef Verschlossene. Aber nicht nur das Land erstand roLA.TVl* 5m^*..ne1r' btf ,baran gingen, es zu bilden. Emmerich Matzke hatte den alten König gesehen, von allen umjubelt, er hatte Roon öteXbM mit warmer Freude grüßten, über den andere noch zweifelrü» tne Achseln zuckten, er batte Moltke gesehen, den das Volk wie em Rätsel umlauschte, er hatte Bismarck gesehen, den die meisten haßten "ber viele schon achteten, den ganz wenige in feinem letzten Ziele erschüttert ahnten.

E^E -bedenkt einmal: Daß der Mann auf Akten und Briefe feint Maske trän/' db??M ^gleich um Vergleich schließt, daß er Maske um >-6 rfl Mann, der wie kein anderer dazu geschasfen ist frei,

groß, ohne Falsch, mit offenem Visier gegen die Welt zu stehen dasi die andern rechnen und zirkeln, die andern, die noch immer Soldaten sind b Cin Regiment führen, eine Slttade reitmoS

ff nhnJ' ÄX,ft b°b Nicht groß? Ist das vielleicht nicht größer! als sich ohne Rückhalt zu geben, fein ganzes Gefühl, feine aanie Kratt |u oerftromen? Meine lieben Jungen, es gibt auch eine heilig Nüchtern!

Konrad Schittenhelm erhob sich, stand eine Weile stumm, dann trat Wallung Effen^Hand ' Unb ""preßte in einer jähen Auf-

Daitt^ ftre reTLirf,r bem ®aft .entgegen, aller Augen leuchteten

Lank. Nur in einem Blick lag noch eine letzte Frage. Ein schlanker Snmm'sBort. geschnittenem Gesicht, mit zarteren Gesten unb

'ÄXroir; lWird sich Oesterreich unterordnen? Wird es so über» men]djli(f) groß denken, wird es erkennen, was die Stunde fordert. Es ist herrsich, das zu denken, es wäre vielleicht noch größer als die Tat!" . 7^""Ertch Matzte läche!te, es war ein wenig Schmerz darin, aber auch ein r^nig Gluck darüber, daß es noch so viel weltfernen Glauben gab.

Nein, mem lieber Junge, die Weltgeschichte ist fein Märchen."

Aber wir! Wir Die wir keine andere Sehnsucht kennen als die eine, 9an3 hmgeben wollen! Sie war schon immer in mir, diese Sehnsucht. Keiner hat mich verstanden hier. Wir oft bin ich hinaus- gewandert Isis Marchfeld, nach Aspern, und habe mir vorgestellt: Wemt tmr hamals die Franzosen vernichtet, wenn wir mit einem Schlag Deutsch­land befreit hatten, bann wären wir die erste Macht gewesen, dann hätten wir das getan, was jetzt die andern tun wollen, bann wäre heute alles frei und groß! Ganz allein war ich mit meinem Traum, keiner hat mich hier verstanden, meine Frxunde nicht, meine Eltern nicht, erst bei euch bab ich Mw erstenmal gefühlt, was geistig leben heißt! Was wird mit uns werden 5

Wir müssen Opfer bringen, wie die Männer droben. Und uns selbst verleugnen, wie sie es tun. Und einsam fein. Darüber müßt ihr euch klar werden. / J

Sie sprachen nicht mehr viel, bald brachen sie auf unb gingen heim durch die unheimlich stille, sremdgewordene Stadt.

Dom arbeitenden uni) hingebenden Lesen.

Don Philipp Krämer.

Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem im Furche- Verlag, Berlin, erschienenen BüchleinLob des Lesens und der Bucher" von Dr. Philipp Krämer, der früher lange Jahr« an der Oberrealschule in Gießen tätig war und heute als Oberstudiendirektor und Lektor der deutschen Sprache an Der Universität Helsingfors wirkt.