Ausgabe 
29.4.1938
 
Einzelbild herunterladen

worben. Den aus Kiel haben sie ins Krankenhaus schaffen müssen. Zuerst habe ich gelacht, als ich die Geschichte hörte ..."

Na, und dann, Notz?"

Sie haben einen verflucht feinen Instinkt, unsere Kerle aus dem Graben. Sie Wittern wie das Wild vorhin. Das ließ sich auch eine Weile täuschen, weil wir so hoch zu Roh tarnen; aber nicht lange. Das Volt wird bald genug spitz bekommen, daß da nicht alles stimmt. Man muß ihm bloß wittern helfen. Und dann da sein, damit die Karre nicht in den Dreck fährt. Ich denke, aus dem Film läßt sich noch was machen."

Für wen, Notz? Es ist doch keine Spitze da."

Erft mal für Deutschland. Wer oben sitzt, ist meiner Meinung nach vorläufig ganz piepe."

Sie sind auch schon angesteckt, scheint mir."

Bernd legt die Schenkel an den Pferdeleib und trabt an. Da kann ich nicht mit, denkt er.

Eine halbe Stunde später erreichen sie die Chaussee Wieder, auf der die Kolonnen marschieren. Die Truppe singt, singt wahrhaftig:Gloria, Gloria, Gloria, Viktoria, ja mit Herz und Hand, ja mit Herz und Hand fürs Vaterland." Als ob nichts geschehen wäre, nichts an der Front und nichts in der Heimat.

Notz singt sofort mit, laut und schmetternd, und als das Lied zu Ende ist, meint er:Na, was sagte ich, Herr Hauptmann? Feine Witte­rung. Der Laden kommt noch in Ordnung. Und die Hauptsache: nun weiß ich doch, was ich morgen singen muh. .Annemarie" ist ja Quatsch. Es gibt viel bessere Lieder. Morgen sing' ich: ,O Deutschland hoch in Ehren'. Wird auch mal wieder wahr."

Das ist ja Galgenhumor, Notz."

Besser als gar keiner, Herr Hauptmann." *

Sie bleiben noch lange Zeit zusammen, die beiden.

Als kurz vor Weihnachten in der Gegend von Marburg die Auf­lösung der Division in aller Ordnung abgewickelt ist, treten sie zu­sammen zum Stab einer Freiwilligenabteilung. Die Oberste Heeres­leitung, die jetzt in Kassel sitzt, hat zur Bildung solcher Verbände auf­gerufen, denn in Berlin geht alles drunter und drüber; die neue Re­gierung muß sich mit Gesindel 'rumschlagen, das noch röter ist als sie selbst. Nun schreit sie nach Hilfe, da müssen Freiwillige der Feldtruppen einspringen.

Gut", sagt Notz.Geht der Orlog eben noch ein bißchen weiter. Mir soll's recht sein. Ich mach' mit"

Walinitz übernimmt wieder die Generalstabsstellung in der Abteilung. Er ist sich selbst nicht klar, warum er nicht Schluß mit dem Soldatsein macht, nicht einfach zu Weib und Kindern fährt, zu Lexe, Jürgen und Hilde. Wie es die meisten tun. Jetzt wäre es doch an der Zeit, den Degen in die Scheide zu stecken, der doch nicht mehr für Kaiser und Reich fechten kann. Aber da ist das WortPflicht", und das hält ihn. Das sitzt verdammt fest im Blut, fester wohl noch als der Treueschwur. Es gilt Ordnung zu schaffen, und Ordnung ist ihm stets der Inbegriff aller Tugenden gewesen, innere und äußere Ordnung. Gerade wenn er an Lexe und die Kinder denkt, an die Frauen und Kinder überhaupt, dann fühlt er sein Pflichtbewußtsein ganz stark. Die Frauen und Kinder brauchen Ordnung, und darüber hinaus alle, die Gesamtheit, das Vater­land eben.

Vielleicht reißt ihn der Notz auch mit zu dem Entschluß. Und doch wieder nicht. Bei ihm ist es nicht das:Gut, geht der Orlog eben noch ein bißchen weiter", bei ihm ist es mehr.

Notz ist Junggeselle, er selbst ist Ehemann und Vater; da denkt man anders.

In Berlin gibt es verflucht heiße Tage am Schloß und am Marstall. Es ist keine Zeit und keine Möglichkeit, nach der Hohenzollernstraße am Tiergarten zu kommen. Nur telephonieren kann Bernd mit Lexe.Wann seh' ich dich?" fragt sie, und:Mußtest du denn wirklich noch dabei- bleiben?" Er weiß keine Antwort, ist nur froh, die Gewißheit zu haben, daß es ihr und den Kindern gut geht, und Irene.

21m nächsten Tage liegen sie nebeneinander auf dem Bauch zwischen dem Spreeufer und dem Alten Museum, er- und Notz, und das Sttich- seuer pfeift über den Lustgarten.Bersluchtes Pflaster", schimpft Notz, nicht mal einen anständigen Schützengraben kann man sich hier buddeln. Und die Schufte da drüben hat man höchstselbst im Schießen ausgebildet. Es ist immer die alte Leier: beim Ausbilden weiß man nie, gegen wen $u guter Letzt die Flinten losgehen."

Ins Schloß schlagen Granaten eiy. Wallnitz zeigt hinüber.Wissen Sie, Notz, hinter den Fenstern im dritten Stock, aus denen die Gar­dinen jetzt 'rauswehen, weil alle Scheiben zum Deibel gegangen sind, da hab' ich mich verlobt. Grad vor fünf Jahren. Auf dem letzten Hofball."

Hofball!" wiederholt Notz lachend,eine feine Erinnerung."

Sann geht esSprung auf marsch, marsch" vor, erst bis an das Denkmal Friedrich Wilhelms des Dritten und dann weiter über den »lanten Asphalt. Der Verbandplatz ist im Dom eingerichtet. Es sieht scheußlich aus. wenn einer auf dem Pflaster liegenbleibt, viel scheußlicher als draußen, da war doch wenigstens Erde unter dem Körper, Boden; hier sind es Steine. Ueberhaupt, es ist eine Qual: Deutsche gegen Deutsche. Aber Notz hat wohl recht, wenn er sagt:Nicht weich werden! Die Schufte da sind ja keine Brüder, das sind doch Vaterlandsverräter."

Nach ein paar Stunden haben sie das Schloß genommen und den roten Lappen heruntergeholt, der da wehte, wo früher die Königsstandarte aufgezogen worden war.

Als Wallnitz vor dem Portal steht, das von den beiden Rofsebän- digern flankiert wird, vomGehemmten Fortschritt" undBeförderten Rückschritt", bückt er sich und hebt einen Marmorbrocken auf den eine Granate aus einer der Säulen herausgeschlagen hat. Er sieht das Stück Stein lange an, dann steckt er es in die Tasche. Zur Erinnerung für meinen Jungen, denkt er.

Langsam kehrt Ruhe in Berlin ein, eine blutige Ruhe. Und Dank gibt es Nicht.Noskehunde", schreit man hinter ihnen her.

Es ist ein trübes Wiedersehen in der Hohenzollernstraße. Die gleichen Räume sind es noch wie 1914, die, gleichen Möbel stehen noch am gleichen Fleck, und wieder geht Lexe zum kleinen Tisch und gießt Tee aus dem Samowar in die Meißner Tassen. Aber Irene Czeh sitzt wie versteint in dem hochlehnigen Sessel, der auch damals ihr Platz mar, und in Lexe ist nichts von dem Jubel, mit dem sie Bernd in die Arme schloß, wenn er von der Front auf Urlaub kam. Es ist ein Zittern in den Frauen, und nur die Kinder wissen noch zu lachen. Zu ihnen flieht Bernd. Fast vier Jahre ist Jürgen, er marschiert auf strammen Beinen, und man kann schon richtig mit ihm sprechen; wenn Hilde dazwischen­plappern will, sagt er:Quatsch doch nicht so dumm." Bernd mahnt: Du mußt höflich fein zu deiner kleinen Schwester." Er meint es ernst, denn Hilde ist doch ein feines, schmales Menschlein, dessen Erscheinung schon von ganz allein Höflichkeit fordert. Aber Jürgen will davon nichts wissen.Ach, son Mädel", meint er. Es fällt Bernd immer schwer, sich von den Kindern zu trennen; bedrückten Herzens geht er dann wieder in die Porderzimmer zurück. Daß die Frauen dort gar nicht fühlen, wie doppelt notwendig sie, die von draußen kommen, das jetzt haben: Liebe und Fürsorge und Zärtlichkeit und ein Heim.

Es ist nur gut, daß Notz da ist und so gern aus dem Quartier in der .alten Alexanderkaserne mitgeht in die Hohenzollernstraße. Er trägt stets eine Welle von Heiterkeit ins Haus und kann selbst von den ernstesten Lagen lachend erzählen:Wie die Kerle aus dem Schloß tarnen, die Hände im Genick gefaltet und käfiggrün vor Angst im Gesicht, und wie sie plötzlich wußten, daß sie vor einem Offizier die Knochen zusammen­zureißen haben, das war zu komisch. Da war einer, der hatte sogar die Frechheit zu mir zu sagen:Herr Oberleutnant, wir kennen uns doch von draußen. Nicht wahr. Sie sorgen doch dafür, daß mir nichts ge­schieht?" Als ob das alles ein Witz gewesen wäre. Bernd nimmt ihm den Ton nicht übel, er weiß, wie der andere es meint, aber er begreift nicht, daß Lexe lachen tann.

Dann klappt Dieter Notz eines Abends den Flügeldecke! auf und be­ginnt zu spielen. Ohne Noten. Ebenso, wie er singt. Erst Soldatenlieder, dann Armeemärsche und schließlich ein paar Operettenschlager aus den letzten Jahren, die sogar bis an die Front gedrungen sind:Mädel aus dem schwarzen Wald" undAlles kommt einmal wieder ..." Er haut die Sachen herunter, ohne viel nach den Tasten zu suchen, dabei ist jeder Ton richtig und der Rhythmus mitreißend.

,Hch wußte gar nicht, daß Sie das auch können", sagt Bernd.

Da ist doch weiter nichts dabei", antwortet Notz. Er wendet sich zu Lexe.Haben Sienen besonderen Wunsch, Baronin? Wie märs mit so einem recht schmalzigen Walzer von früher?"

Irene steht auf und geht ins Nebenzimmer, sie zieht die Tür hinter sich zu. Nach einer Weile folgt ihr Bernd; er findet sie, auf ihrer Chaise­longue liegend, sie hat ihr Taschentuch in den Händen, in ihren Augen stehen Trinen.

Soll ich ihm sagen, daß er aufhört?"

Nein, laß ihn ruhig spielen. Es macht Lexe Freude. Ich gönns ihr. Was hat sie denn gehabt in all der Zeit?"

Es ist kalt im Raum; man kann ja nur ein Zimmer heizen oder zwei, die Kohlen sind knapp. Er nimmt eine Decke und breitet sie über Irene, sehr zart und vorsichtig. Dann setzt er sich neben sie.

Wir haben noch gar nicht richtig miteinander sprechen können ..."

Er willMutter" sagen, aber er bringt das Wort nicht über die Sippen, es scheint ihm merkwürdig, daß er diese FrauMutter" nennen soll, diese feine schlanke Frau mit den blonden Haaren; er könnte eher wiederGräfin" zu ihr sagen wie einst.

,Zhr habt es so schwer gehabt ..." fährt er fort

Ach mir, Bernd ... nein, mir nicht."

Er tastet: Günter... Waldhausen ...

Günter"; wiederholt sie leise,mir ist manchmal, als ob Ich ihn nie richtig besessen hätte. Als ob er nur eine Traumgestalt gewesen märe, bie nun sortgewischt ist. Ich gab ihn wohl zu früh damals ins Kadetten­korps. Die Ferien waren immer fo kurz. Ich habe gedacht: Wenn er groß ist, bann will ich für ihn sorgen, will ich ihm eine gute Kame­radin werden. Dann wird er mich nötiger haben wie als Kind. Und nun ist er nie groß geworden. Ich weiß nicht, ob du bas verstehen kannst."

Doch, ich glaube, ich kann es. Weiht du, wie ich aus der Flandern- schlacht kam, aus dem Trommelfeuer, aus dem Dreck und der Angst, da ging es mir ähnlich. Es mar mie ein Traum, der hinter mir lag Wenn ich von fern den rollenden Donner der Geschütze horte, bie immer noch auf die gleichen Stellen schossen, konnte ich mir gar nicht oorstellen, daß ich zwei Tage vorher mitten in dem Kampf gelegen hatte. Du haft ganz recht: mie fortgewifcht."

War es sehr schwer, Bernd, den Tod so dicht neben sich zu missen?" Man dachte gar nicht an den Tod, obgleich man ihn rings um sich sah. Was man sah, roar ja ein fremder Tod. An den eigenen glaubte man nicht. Wie auf der Straße, wenn ein Leichenmagen vorbeifährt. Der Wunsch zu leben, roar zu stark, weißt du."

,5», der Wunsch zu leben ist stark, unheimlich stark"

Sie schweigen. Sie Horen, daß Dieter Notz noch immer Klavier spielt, aber nicht mehr die schlagenden Rhythmen der Soldatenlieder und Märsche, er läßt die Finger nur über bie Tasten gleiten, und zwischen den Tönen sind feine Stimme und Lexes Lachen.

Da sagt Bemb:An den ruhigen Fronten konnten die Nächte im Graben sehr schön fein. Man stand tief im Erdreich und sah über sich nur ein Stück Himmel und bie Sterne. Die paar Schüße die fielen, störten die Stille gar nicht, sie gehörten dazu. Ja, durch sie roar die Stille eigentlich erst da. Wie jetzt durch Notz' Spiel auch erst die Stille gekommen ist. So etwa. Man dachte bann nicht mehr an den Feind, man dachte an das, was gewesen ist. Früher, viel früher. Solche ©rabenftunben waren nie ein Traum, sie waren Wirklichkeit."

Als wenn ich in Waldhaufen allein über die Felder ritt ..." (Fortsetzung folgt.)