Ausgabe 
29.4.1938
 
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SietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1938 Freitag, den 29. April Nummer 33

Herz lm LWS

Aoman von -Sjone^ofpot von Zobeltih

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

19. Fortsetzung.

Scharfer Dienst mußte angesetzt werden, denn es war nicht alles erst­klassig, was aus dem Osten kam, wo an ruhigen Frontabschnitten eine Art Schützengrabenverbrüderung mit den Russen getrieben worden war; der Ordonnanzoffizier war anscheinend angesteckt worden von dem Ton.Ich glaube, der Wallnitz will eine Großkampfdivision aus uns machen", hatte er gesagt. Wallnitz hatte es gehört.Jawohl, das ist meine Absicht", hatte er entgegnet,denn das ist der Sinn dieser Neu­aufstellungen." Er hatte gemeint, diese Worte würden genügen, um den Herrn zurückzuweisen, aber sie genügten nicht.Ich dachte, Herr Haupt­mann, es gäbe schon genug von der Sorte, die egal Lorbeeren pflücken will. Mein Bedarf an Großkampf ist auf jeden Fall gedeckt."Ich . werde Ihnen Gelegenheit geben lassen, Ihre Begriffe von Pflicht wieder etwas aufzufrischen", hatte Wallnitz erwidert. Sie hatten alle ausgehorcht im Stab, denn solchen harten Ton kannten sie nicht an ihm.

Der Wechsel im Posten des Ordonnanzoffiziers wurde noch am glei­chen Tage vollzogen. Gott fei Dank waren solche Fälle von Gesinnungs­lumperei selten. Und der Notz war ein anderer Kerl: von Haus aus Ka­vallerist, aber schon 1915 zur Infanterie gegangen, dreimal verwundet und nun nach einem Lungensteckschuß, den er im Frühjahr siebzehn in 2er Doppelschlacht bei Reims erhalten hatte, nur sehr beschränkt kriegs- oerwendungsfühig; er hätte in der Heimat bleiben können, wenn er gewollt hätte, aber er hatte eben nicht gewollt. So war die Stellung im stab für ihn das richtige; hier konnte man ihn wenigstens etwas schonen, m Graben wäre er bestimmt nach wenigen Tagen erneut zusammen- gebrochen.

Es war gut gegangen mit der Division, sie hatte ihre Pflicht getan: u der großen Schlacht in Frankreich war sie zweimal eingesetzt worden, >or Soissons hatte sie sich in schweren Abwehrkämpfen bewährt, und in der Siegfried-Stellung hatte sie das bittere Ende erlebt. Und auch jetzt war sie nicht aus den Fugen gegangen, trotz allem. Tadellos marschierten die Kolonnen, obgleich die Verpflegung oft hundeschlecht war und die stiefel bei den Gewaltmärschen völlig zerflederten. Wenn jemand in den verfluchten ersten Novembertagen im Großen Hauptquartier von der Un- Ivoerlässigkeit der Truppe gesprochen hatte, hatte er bewußt oder un­bewußt die Unwahrheit gesagt. Einen klaren Gegenbeweis als diesen diückmarsch konnte es nicht geben; er war, das erkannte Wallnitz klar, 'n seiner musterhaften Ordnung und in der Summe der zurückgelegten Alometerzahlen in schwierigster Jahreszeit und auf schlechtesten Straßen iie letzte große Leistung der deutschen Armee. Vielleicht fand sich später einmal ein Historiker, der auch dies würdigte. Daß die Leute bei der schweren Artillerie dann und wann murrten, war kein Wunder, sie batten gemäß den Waffenstillstandsverhandlungen im Maastal ihre Ge­schütze zurücklassen müssen, belgische Zivilisten hatten sie übernommen; tun zogen die Kanoniere mit den leeren Protzen ihre Wege, und es schien ihnen sinnlos, daß sie ohne Waffen noch in Reih und Glied bleiben sollten.Wir marschieren ja ohne Ehre, Wallnitz", hatte ihr i Kommandeur gesagt,nehmen sie dem Infanteristen sein Gewehr, er

chuft Ihnen einfach weg."

Das bittere Ende.

Wallnitz kann das alles noch nicht fassen. Er hat seinen Degen in die scheide stecken und abtreten wollen, als die Nachricht kam, daß der Kaiser ihn seines Fahneneides entbunden hätte. Hatte ihn denn der Eid l'bunden, der Eid allein? Hatte es überhaupt dieses Eides zur Treue bedurft?

Adel war. von sich aus ein Schwur: ein Schwur, eingeboren dem «lut. Er hatte in der Nacht, die der Nachricht folgte, immer wieder an b'N Zusammenstoß mit jenem Herrn von Schillings denken müssen, .lind wenn Ihr Kaiser einmal ..."

Nun war es wohl soweit, und man sollte umdenken lernen, sich mit blm Bewußtsein abfinden, daß es ein Volk ohne Kaiser gab. Im Ge­raten an die Krone war man 1914 gegen den Feind marschiert, im il Gedanken an das Volk marschierte man zurück.Wer soll die Massen °mn in die Heimat führen, Wallnitz, wenn wir gehen?" hatte jein n'mmandeur gejagt.Wenn wir Offiziere jetzt nicht unsere Pflicht weiter ; ü», ist doch auch hier das Chaos da. Es ist schon schlimm genug, daß

Hause ein Chaos ist. Retten wir also diese Männer hier, denn wir *

von der Front, alle zusammen, Offizier und Mann, müssen die Sache wieder in Ordnung bringen, und wir werden es tun."

Aber in welche Ordnung? hatte sich Wallnitz gefragt.

Gewiß: der General hatte recht, das sah Wallnitz.ein. Nur sah er kein Ziel.

Ein Deutschland ohne Kaiser, ein Preußen ohne König es schien ihm sinnlos.

Wem diente man denn nun?

Sie reiten über die Hohe Eifel und Dieter von Notz singt: .....Anne­

marie ..."

Zwei Tage hat auch er den Kopf hängen lassen, aber anders als Wallnitz. Nicht verbissen und stumm. Er hat vor sich hingeschimpft: Verfluchter Mist!"Verdammte Schweinerei!"Nun ist der ganze Dreck umsonst gewesen!"Saukerle!"

Am dritten Tage hat er sich plötzlich im Sattel ausgerichtet und ge­sagt:Na, dann müssen wir uns ja wohl an einen anderen Film ge­wöhnen."

Und jetzt singt er.

Bernd beneidet ihn manchmal. Nicht darum, daß er jünger ist der Altersunterschied ist gar nicht so groß: sechs Jahre, aber darum, daß er diese Leichtigkeit hat, daß er sich feine Wut einfach vom Herzen her- untersiuchen und sich über jeden Aerger mit einem Witz fortheljen kann.

Er liebt diesen Dieter Notz, der alles das hat, was ihm fehlt an Sonne, an Humor, an Ursprünglichkeit, an Frische.

,Hören Sie auf mit der Grölerei, Notz, ich kann's nicht mehr aus­halten."

Warum denn, Herr Hauptmann, das ist doch ein wunderschönes Lied: ../Annemarie ...!" Das ist gar nicht respektlos gesagt, nicht auf­lehnend, es ist zuviel echtes Lachen darin, um respektlos zu fein, es ist eben echt: Notz.

Aber Sie fingen es jetzt schon eine Stunde."

Mir fällt eben kein anderes ein."

Er pariert plötzlich durch, und auch Bernds Pferd hält.Da steht Rotwild", flüstert Notz und zeigt auf den Rand einer Lichtung. Drei Ge­weihte sind es und sechs Tiere, friedlich im Rudel vereint, die Brunstzeit ist ja vorüber.Ob die uns 'ranlassen? Wenn man zu Pferd ist, halten sie meistens." Er reitet wieder an.

Das Rüdel wirft auf und windet, aber es schöpft keinen Verdacht, es wittert nur die Pferde.

In den beiden wird die Liede zum Wild wach, sie find ja beide vom Lande, der Notz aus dem Hessischen, wo seine Eltern ein Gut haben, das er einmal erben soll. Sie freuen sich des Anblicks, sie schätzen die Hirsche ab: ein ganz starker ist dabei, dessen Geweih sich zur Krone weitet, es hat sicher seine achtzehn Enden, die anderen Stücke sind schwächer.

Als sie auf etwa vierzig Schritte heran sind, schreckt das eine Tier, und das ganze Rudel springt ab.

Das war schön", sagt Notz,bas hab' ich lange nicht gesehen. Jetzt weiß ich erst so richtig, daß ich wieder in Deutschland bin. In Frankreich haben sie ja längst alles Rotwild vor den Kopf geschossen. Aber bet uns. Das ist es eben: Deutschland. Das bleibt."

Aber sie können es einem verflucht verekeln. Republik, Notz, ver­stehen Sie das?"

Man muß sich's eben nicht verekeln lassen. Natürlich, Kaiserreich war schöner, aber es war doch nun einmal, es war. Hat schon viel ge­wechselt zwischen Rhein und Weichsel. Wir Hessen können ein Lied davon fingen: erst der Landgraf, dann eine Weile der feine Jerome, bann mieber ber biete Landgraj unb schließlich bie Hohenzollern. Unb jetzt ohne: sine sine, sagt ber Lateiner. Nur ber Boden hak nicht ge­wechselt, der Wald, die Felder, die Berge. Und das Wild zum Beispiel auch nicht. Das bleibt, wenn's bie blöben Menschen nicht abknallen"

,Hch glaube, Notz, es wirb noch Verschiedenes abgeknallt werben tn nächster Zeit."

Wird, Herr Hauptmann, wirb! Worauf wir uns verlassen können. Haben Herr Hauptmann gehört: eines unjerer Regimenter ist gestern in seinem Quartier von einer Deputation des Arbeiter- unb Soldaten­rates aus Koblenz feierlich im freien Deutjchland willkommen geheißen worden. Die feinen Herren waren der heimkehrenden Truppe ejetra entgegengereift, und es ist auch einer in Matrosenuniform darunter ge­wesen. Sie wollten unsere braven Kerls belehren, wie sie sich nunmehr zu Hause zu benehmen hätten. Ist aber nicht viel geworden mit dem Belehren: Achselstückerunter unb so. Windelweich sind sie geschlagen