GietzeimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1958 Sreitag, den 29. Juli Nummer 58
Historie von der schönen Lau.
Von Eduard Mörike.
(Schluß.)
Frau Betha wußte ferner viel lehrreicher Fabeln und Denkreime, auch spitzweise Fragen und Rätsel: die gab sie nacheinander im Vorsitz aus zu raten, weil sonderlich die Wassersrau von Hause aus dergleichen liebte und immer gar zufrieden schien, wenn sie es ein und das andere Mal traf (das doch nicht allzu leicht geriet). Eines derselben gefiel ihr vor allen, und was damit gemeint ist, nannte sie ohne Besinnen:
„Ich bin eine dürre Königin,
Trag' auf dem Haupt eine zierliche Kron', Und die mir dienen mit treuem Sinn, Die haben großen Lohn.
Meine Frauen müssen mich schön frisieren, Erzählen mir Märlein ohne Zahl, Sie lassen kein einzig Haar an mir, Doch siehst du mich nimmer kahl.
Spazieren fahr' ich front und frei, Das geht so rasch, das geht so fein; Nur komm' ich Flicht vom Platz dabei — Sagt Leute, was mag das fein?"
Darüber sagte sie, in etwas fröhlicher denn zuvor: „Wenn ich der- einstens wiederum in meiner Heimat bin und kommt einmal ein schwäbisch Landeskind, zumal, aus eurer Stadt, auf einer Kriegsfahrt oder sonst durch der Walachen Land an unsere Gestade, so ruf’ er mich bei Namen, dort wo der Strom am breitesten hineingeht in das Meer — versteht, zehn Meilen einwärts in dieselbe See erstreckt sich meines Mannes Reich, soweit das süße Wasser sie mit feiner Farbe färbt —, dann will ich kommen und dem Fremdling zu Rat und Hilfe jein. Damit er aber sicher fei, ob ich es bin und keine andere, die ihm schaden möchte, so stelle er dies Rätsel. Niemand aus unserem Geschlechte außer mir wird ihm darauf antworten, denn dortzuland sind solche Rocken und Rädlein, als ihr in Schwaben führet, nicht gesehn, noch kennen sie dort eure Sprache; darum mag dies die Losung sein."
Auf einen andern Abend ward erzählt vorn Doktor Veylland und Herrn Konrad von Wirternberg, dem alten Gaugrafen, in dessen Tagen es noch keine Stadt mit Namen Stuttgart gab. Im Wiesental, da wo dieselbe sich nachmals erhob, stund nur ein stattliches Schloß mit Wassergraben und Zugbrücke, von Bruno, dem Domherrn von Speyer, Konra- dens Oheim, erbaut, und nicht gar weit davon ein hohes steinernes Haus. In diesem wohnte dazumal mit einem alten Diener ganz allein ein sonderlicher Mann, der war in natürlicher Kunst und in Arzneikunst sehr gelehrt und war mit seinem Herrn, dem Grafen, weit in der Welt herumgereift, in heißen Ländern, von wo er manche Seltsamkeit an Tieren, vielerlei Gewächsen und Meerwundern heraus nach Schwaben brachte. In seinem Oehrn sah man der fremden Sachen eine Menge an den ^Wänden herum hangen: die Haut vom Krokodil sowie Schlangen und fliegende Fische. Fast alle Wochen kam der Graf einmal zu ihm; mit anderen Leuten pflegte er wenig Gemeinschaft. Man wollte behaupten, er mache Gold; gewiß ist, daß er sich unsichtbar machen konnte, denn er verwahrte unter seinem Kram einen Krackenfischzahn. Einst nämlich, als er auf dem Roten Meer das Bleilot niederließ, die Tiefe zu erforschen, da zockt' es unterm Wasser, daß das Tau fast riß. Es hatte sich ein Krackenfisch tm Lot verbissen und zween seiner Zahne darinne gelassen. Sie smd wie eine Schustersahle spitz und glänzend schwarz. Der eine stak sehr fest, der andre ließ sich leicht ausziehen. Da nun ein solcher Zahn, etwa in Silber oder Gold gefaßt und bei sich getragen, besagte bohe Kunst besitzt und zu den größten Gütern, so man für Geld nicht haben kann, gehört, der Doktor aber dafür hielt, es zieme eine solche Gabe niemand besser als einen weisen und wohldenkenden Gebieter, damit er überall, in feinen eigenen und Feindes Landen, sein Ohr und Auge habe, so gab er einen dieser Zähne seinem Grafen, wie er ja ohnedem wohl schuldig war, mit Anzeigung von dessen Heimlichkeit, davon der Herr nichts wußte. Bon diesem Tage an erzeigte sich der Graf dem Doktor gnädiger als allen seinen 6bedeuten oder Räten und hielt ihn recht als seinen lieben Freund, ließ ihm auch gern und sonder Neid das Lot zu eigen, darin der andere Zahn war, doch unter dem Gelöbnis, sich dessen ohne Not nicht zu be= dienen, auch ihn vor jeinem Ableben entweder ihm, dem Grafen, erblich zu verlassen oder auf alle Weise der Welt zu entrücken, wo nicht ihn gänzlich zu vertilgen. Der edle Graf starb aber um zwei Jahre eher als der Beylland und hinterließ das Kleinod seinen Söhnen nicht; man glaubt, aus Gottesfurcht und weifen Vorbedacht hab' er's mit in das ®rab genommen oder sonst verborgen.
Wie nun der Doktor auch am Sterben lag, so rief er feinen treuen Diener Kurt zu ihm ans Bett und sagte: „Lieber Kurtl Es gehet diese Nacht mit mir zum Ende, so will ich dir noch deine guten Dienste danken sind etliche Dinge befehlen. Dort bei den Büchern, in dem Fach zu unterft in der Ecke, ist ein Beutel mit hundert Imperialen, denn nimm sogleich Zu dir: du wirst auf Lebenszeit genug daran haben. Zum zweiten, das alte geschriebene Buch in dem Kästlein daselbst verbrenne jetzt vor meinen Augen hier in dem Kamin. Zum dritten jindest du ein Bleilot dort, das nimm, oerbirg’s bei deinen Sachen, und wenn du aus dem Haufe gehst in deine Heimat, gen Blaubeuren, laß es dein erstes jein, daß du es in den Blautopf wirfst." — Hiermit war er darauf bedacht, daß es, ohne Gottes besondere Fügung, in ewigen Zeiten nicht in irgendeines Menschen Hände komme. Denn damals hatte sich die Lau noch nie im Blau- topf blicken lassen und hielt man selben überdies für unergründlich.
Nachdem der gute Diener jenes alles teils auf der Stelle ausgerichtet, teils versprochen, nahm er mit Tränen Abschied von dem Doktor, welcher vor Tage noch das Zeitliche gesegnete.
Als nachher die Gerichtspersonen tarnen und allen kleinen Quart aussuchten und versiegelten, da hatte Kurt das Bleilot zwar beifeit’ gebracht, den Beutel aber nicht versteckt, benn^pt war keiner von den Schlauesten, und mußte ihn da lassen, bekam auch nach der Hand nicht einen Deut davon zu sehen, kaum daß die schnöden Erben ihm den Jahreslohn auszahlien.
Solch Unglück ähnele ihm schon, als er, auch ohnedem betrübt genug, mit feinem Bündelein in seiner Vaterstadt einzog. Jetzt dachte er an nichts, als feines Herrn Befehl vor allen Dingen zu vollziehen. Weil er feit dreiundzwanzig Jahren nimmer hier gewesen, so kannte er die Leute nicht, die ihm begegneten, und da er gleichwohl einem und dem andern Guten Abend sagte, gab’s ihm niemand zurück. Die Leute schauten sich, wenn er vorüberkam, verwundert an den Häusern um, wer doch da gegrüßt haben mochte, denn keines erblickte den Mann. Dies kam, weil ihm das Lot in seinem Bündel auf der linken Seite hing; ein andermal, wenn er es rechts trug, war er von allen gesehen. Er aber sprach für sich: „Zu meiner Zeit sind dia Blaubeurarnar so grob ett gmäl"
Beim Blautopf fand er feinen Vetter, den Seilermeifter, mit dem Jungen am Geschäft, indem er längs der Klostermauer, rückwärts gehend, Werg aus seiner Schürze spann, und weiterhin der Knabe tridte die Schnur mit dem Rad. — „Gott grüaß di, Vetter Seiler!" rief der Kurt und klopft' ihm auf die Achsel. Der Meister guckt sich um, verblaßt, läßt seine Arbeit aus den Händen fallen und lauft, was seine Beine mögen. Da lachte der andere, sprechend: „Der denkt, mei’ Seel, i wandele geist- weis! D' Leut haut g'wiß rni für tot hia g’fagt, anstatt mein' Herrn — ei so schlag!"
Jetzt ging er zu dem Teich, knüpfte fein Bündel auf und zog das Lot heraus. Da fiel ihm ein, er möchte doch auch wissen, ob es wahr sei, daß der Gumpen keinen Grund noch Boden habe (er wär' gern auch ein wenig so ein Spirigurfes wie fein Herr gewesen), und weil er vorhin in des Seilers Korb drei große starke Schnürbund liegen sehn, so holte er dieselben her und band bas Lot an einen. Es lagen just auch frischgebohrte Teichel, eine schwere Menge, in bem Wasser bis gegen bie Mitte des Topfs, barauf er sicher Posto jassen konnte, unb also ließ er das Gewicht hinunter, indem er immer ein Stück Schnur an seinem ausgestreckten Arm abmaß, brei solcher Längen auf ein Klafter rechnete und laut abzählte: 1 Klafter, 2 Klafter, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10"; — da
ging der erste Schnurbund aus, und mußte er den zweiten an das Ende knüpfen, maß wiederum ab und zählte bis auf 20. Da war der andere Schurbund gar. — „Heidaguguk, ist dees a Tiafe!" — und band den dritten an das Trumm, fuhr fort zu zählen: „21, 22, 23, 24 — Höll- Element, mei’ Arm will nimme! — 25, 26, 27, 28, 29, 30 — Jetzet guat Nacht, ’s Meß hot a End! Do heißt's halt, mir nex, dir nex, rappebe, kappede, fo sich usganga!" — Er schlag die Schnur, bevor er aufzog, um das Holz, daraus er stand, ein wenig zu verschnaufen, und urteilte bei sich: der Topf ist währte bodalaus.
Indem der Spinnerinnen eine diesen Schwank erzählte, tat die Wirtin einen schlauen Blick zur Lau hinüber, welche lächelte; denn freilich wußte sie am besten, wie es gegangen war mit dieser Messerei; doch sagten beide nichts. Dem Leser aber soll es unverhalten sein.
Die schöne Lau lag jeden Nachmittag auf dem Sand in der Tiefe, und, ihr zu Füßen, eine Kammerjungfer, Aleila, welche ihr die liebste war, beschnitte ihr in guter Ruh die Zehen mit einer goldenen Schere, wie von Zeit zu Zeit geschah.
Da kam hernieden langsam aus der klaren Höh' ein schwarzes Ding, als wie ein Kegel, des sich im Anfang beide sehr verwunderten, bis sie erkannten, was es sei. Wie nun das Lot mit neunzig Schuh den Boden rührte, da ergriff die scherzlustige Zofe bie Schnur und zog gemach mit beiden Händen, und zog, so fang, bis sie nicht mehr nachgab. Alsdann nahm sie geschwind die Schere und schnitt das Lot hinweg, erlangte einen dicken Zwiebel, der war erst gestern in den Topf gefallen unb war fast


