Ausgabe 
28.11.1938
 
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Wer mehret, füll gemehret fln. hat er der Alheid gfät. ein FIngerlin verehret darzuo." ,

Tuet ist", meinte der Ebner kurz. Es gab also derhalben keine Gespanntheiten mehr mit der Ilgen. War auch nicht übel gewesen, unter einem kleinen Aerger den alten, steifen Vetter großartig voranzutun mit allem, was den Jungen in der Bäckengaß einen Wohlstand mehrte.

Aber nun war auch das eigene Haus soweit: der kleine Hertlin, aus dem Mittagsschlaf geweckt, wurde hereingefiihrt. Er sah den entwöhnten Mann mit Scheu einen glatzigen Schädel, einen schwarzkrausen Bart, Arme, die sich nach ihm streckten. Die Mutter nahm ihn und deutete ihm den Vater. Er zappelte willig neben ihr vor den mächtigen Mannsleib hin und ließ sich fassen. %

Hertlin ... Büeble .. Männle..." -

Die feuchten, haarigen Lippen wurden tapfer bestanden, doch wand man sich kräftig hinunter und stapfte, von den freudigen Blicken des Vaters gefolgt, zur Magd, die neben der Tür stehen geblieben war.

Und es kam der Leibknecht mit einem Arme voll Sachen, In der Rechten jedoch hielt er hoch vor sich einen Käfig aus Messingdraht mit einem Sittich. Da rissen alle die Augen auf, die Mutter, die Magd und Hertlin. Derlei hatte es in Werde, der Stadt, noch nicht gegeben. Auch van Augsburg her war der Jlfungin nur aus früher Kindheit etwas in Erinnerung. Die Remschen sollten einen fremden grünen Vogel gehalten haben. Auf den Tisch abgestellt, reckte sich der grün-schwarz-rote aus der Ducke auf und kletterte, angelnden Schnabels, mit bedächtig fassenden Klauen den Käfig hoch, bis er die Stange fand, dort wackelte er Griff um Griff in der Mitte. Niemand hatte einen Blick für die anderen Sachen, die der Diener neben dem Käsig ablud: einen kleinen Schrein aus eingelegtem Holz, Pclzwerk, ein Stück Seidenflor und eine ge­trieben« Kupferkanne. Nur der Sittich war da, und nicht einmal der angekommene Herr, der ohne Imbiß sah und belustigt zwinkerte. Sie kamen dem Käfig behutsam näher, die Frau mit dem Hertlin auf dem Arm, die Magd, auch die Ann, die eingetreten war, um den Herrn zu be­grüßen und nach den nächsten Wünschen zu fragen, und noch ein Knecht, der einen Koffer hinaufgetragen hatte. Margretlein saß bei den Schwe­stern in der Nähschule.

Der Sittich stand still aufgereckt und ließ alle nahe heran. Seine Augen hatten Lider, die zuckten hie und da über den dunklen Kern hin. Das sah Frau Agnes zuerst, sie teilte es den anderen flüsternd mit. Der kleine Hertlin strebte von ihrem Arm aus näher und spreizte sein« Finger nach dem Grünen, aber zwischen die Drähte ließ ihn die Mutter nicht durch. Der Sittich duckte sich und öffnete den Schnabel.

Krähan ... aaamch", kam es heiser aus dem Käfig, und man zog sich zur prustenden Freude des Ebner doch lieber einen Schritt zurück.

Er hüngert, als er sät. Er sprichst uf italisch: gran fame."

Kaum einen kurzen Blick erhielt der Herr für seine Erklärung. Der Vogel konnte reden, er riß den Schnabel wieder auf, wölbte die Zunge und duckte nieder. Der Beginn mochte nicht leicht sein, aber dann ging die Sache vonstatten.

Buononon ... buon di ... Lorah ... buon ... borra da ... damanjarrr ... jarr .. jarre ... ree ... buon die ... Lorah."

Eien lange Rede also. Die Ann härter sie voll Argwohn und musterte den Grünen aus der Nähe, als müsse sie irgendein Mal finden. Der Vogel ruckte auf der Stange hinzu und schabte, zu allem Guten bereit, mit dem gewölbten Schnabelrücken bettelnd an dem Gitter. Allein die Ann streckte ihm ihre Daumenspitze zwischen Zeige- und Mittelfinger entgegen, das war eine kräftige Sache gegen manches Unheimliche. Er verstand nichts von dem Zauber und bot den geöffneten, ein wenig wippernden Schnabel zutraulich zwischen den Drähten dar.

Du muoßt ihm ein' Mandelkern holn, Ann. Gang, hol ihm."

Die Alte sah den Herrn an und zögerte. Es lag eine Warnung in ihrem klugen Blick.

Gang no", sagte der Ebner beruhigend,denen Starmatzen wird als auch das Zllngel geloset, do ist nützit ungetrües bi. Den hänt die ze Mailanden in mennich eint Hus, do ich bin gsi. Sollich ein' Han ich allbereits ze Basel gsehn, do ich ein Büeble was. Do heißen sie ihn ein Sittekust, ze Mailand ein Papegoj."

Und alles fand zurecht. Sie freuten sich darüber, wie geschickt der Vogel den Mandelkern faßte und knabberte. Man gewahrte die anderen schönen Dinge, auch dem Hausherrn trug man endlich einen Bissen zum Willkomm auf, und der Alltag stand wieder im Ebnerhause am Ober- mirft ein.

der letzte (Soff.

Von Albrecht Schaeffer.

Ein Jüngling in alter Zeit, der eine äußerst geschickte Hand und einen Geist der Erfindung hatte, begab sich zuerst bei einem Töpfer in die Lehre, danach bei einem Erzschmied, bei einem Goldschmied sodann, einem Harfenmacher und einem Waffenschmied; und bei jedem von diesen brachte er es in unglaublich kurzer Zeit nicht nur zur höchsten Vollendung der Kunst, sondern er überflügelte seine Meister, indem er Mittel erfand, die zur Erleichterung der Arbeit oder zur Verbesserung der Arbeiten dienten. Immer aber, sobald er.den Gipfel erreicht hatte, wurde er freudlos und begehrte er anderes zu lernen, und so war er endlich zu dem Punkte gelangt, wo er nichts mehr zu leisten wußte.

Wie er nun dieses Unglück seinem letzten Meister gestand, der ein höchst weiser Arzt war, so erwiderte dieser ihm, er solle doch zum letzten Gott gehen, wie man hierzulande sage, wenn einer nicht zufrieden sein wolle mit seinem Leben

Ja, wenn es den noch gäbe, versetzte der unersättliche Lehrling, und wenn er mich lehren wollte

Darauf erwiderte der Meister: er habe von seinem Vater eine Sage überliefert bekommen, wonach der letzte Gott bet Lebzeiten des Groß­

vaters noch auf Erden gewohnt habe, und zwar habe er in der Nähe der Stadt Abydos ein Hau» in den Klippen am Meere bewohnt, freilich an unzugänglicher Stelle; doch habe es geheißen, daß der Zutritt zu ihm damals nicht einem jeden verwehrt gewesen sei.

Sogleich machte Thymos sich nach Abydos auf; er wurde, nach dem letzten Götte fragend, erst verlacht, dann aber gewarnt, sein Haus das es in früherer Zeiten allerdings gegeben habe in den Klippen zu suchen, denn diese blideten ein Jrrsal, und er könnte den Hungertod darin finden.

Die Auskunft hinderte Thymos jedoch nicht, anderen Tages an das Meer zu gehen und einen Eingang in die Klippen zu suchen, die grau oder schwarz, manche Riesen ähnlich, andere wie Türme und Bauten aufragten. Schneller dann als er gedacht, sand er sich in ihnen gefangen, herumwandernd auf sandigem Boden und wieder kletternd und sprin­gend; der Tag verging, es ward Nacht, und ohne Ausweg eivgeschlossen, mußte er sich erschöpft niederlegen, wo er stand, um im Schlaf auf einen Morgen der Rettung zu hoffen. ,

Allein eben als er die Augen schloß, gewahrte er einen roten Licht­punkt; und sogleich wieder aufgesprungen, suchte er, Todesgefahr nicht scheuend, einen Weg im Unwegsamen; und er fand sich plötzlich vor einer halboffenen Tür, aus der Feuerglut rot herausfchien.

Das niedrige Gewölbe drinnen schien eine Schmiede zu sein, und am Ambos neben dem Feuer stand auch eine kleine Gestalt im Schurz­fell beim Schmieden von etwas Rotglühendem, das die Zange hielt, und auf das der Hammer in einer Geschwindigkeit unzählbarer Schläge niederfiel, so daß dem Betrachter ihr Klang wie ein einziges, langes Klingen im Ohr stand. Der Meister sah nicht empor; fein mächtiger, graudunkler Bart war schief gebrannt und von hineingeslogenen Funken zerlöchert. Nach einer Weil« des Zuschauens glaubte Thymos die Art des Geschmiedeten zu erkennen, und er brachte ein Werkzeug, das nach feiner Meinung jetzt nötig war; bet Meister nahm es auch vortlos und brauchte es ganz so, wie Thymos gedacht hatte. Und es war keine Stunde vergangen, so hatte er sich mit dem Meister eingearbeitet, indem er seine Absichten und Winke auf eine Weise erriet, die ihm selber wunderbar vorkam, obgleich er seine eigene Fertigkeit kannte.

Wenn du bei mir bleiben willst, sagte, als das Kunstwerk vollendet war, der Alte, mein letzter Geselle hat mich eben verlassen, so kannst du an feine Stelle treten.

Und er wies ihm seine Lagerstatt in einer Kammer an.

Thymos war nun beglückt; die Tage, die Wochen vergingen ihm, er merkte nicht, wie, mit Vollendung wunderbarer Werke nicht nur der Schmiedekunst allein, sondern auch anderer ihm noch unbekannter Künste; und er hätte oft nicht zu sagen gewußt, ob sie dem Haupt seines Meisiers oder seinem eigenen entsprangen. Denn Anweisungen bekam er bei keinem neuen und fand sich doch bei jedem Anfang hinein; auch überließ ihm der Meister oft die Weiterarbeit, um sich auszuruhen, in­dem er sagte, einen so geschickten Helfer habe er niemals gehabt. Mit­unter foh Thymos auch Erfindungen im Traum, die für die Menschheit von größtem Nutzen sein mußten, fertig und in ihrer Bewegung, und er staunte nicht, wenn am Morgen dieses Werk angefangen wurde.

Mit dem zuerst vollendeten hatte der Meister ihn zur Stadt ge­schickt, indem er ihm einen" Weg durch die Klippen zeigte, der mit ge­heimen Marken bezeichnet war und unter Dorngestrllpp einen unkennt­lichen Ausgang hatte; in der Stadt werde er schon einen Händler finden, der die Ware kenne und schätze. Thymos nahm von chm jeden gebotenen Preis, ohne zu feilschen, denn ihm lag nichts daran, außer oaß er ihm zur Lebensnotdurft verhalf, zu Bohnen und Mehl, Wein und Oliven und anderen Früchten. Sein Leben war im Werk feiner Hände und im Entstehen der Werke im Geist.

Ob fein Meister wirklich ein Gott fei, wußte er kaum, denn er dachte darüber nicht nach. Nur in der ersten Zeit hatte er sich ge­wundert, ihn niemals Speise nehmen zu sehen, da er die von ihm gebotene zurückwies. Er wohnte hinter einer Tür, die er von innen verschloß, wenn er eingetreten war, und von außen, wenn er her­austrat.

Wieviel Jahre vergangen waren, wußte Thymos nicht, als sein Meister ihn fragte, ob er niemals den Wunsch verspüre, zu erfahren, was aus all seinen Werken in der Welt würde; worauf Thymos er­widerte: Ja feit einiger Zeit habe er sich zuweilen danach gefragt; doch genüge es ihm, ihre so große Menge nun vereint im Segen in der Menschenwelt zu wissen; zweifellos habe er nicht umsonst gelebt, denn wenn er die gewaltige Zahl zusammenrechne, so müßte die Welt nun von Mühsal befreit und leicht fein wie die verschwundene Welt der Götter.

Es war am Abend nahe der Nacht; als sie ihre Werkzeuge gesammelt und geordnet hatten, folgte Thymos dem Meister auf feinen Wink in das Freie hinaus und durch die Klippen einen sich aufwärtswindenden Pfad empor. In einer Felsenspalte sah Thymos da einen Berg alter Trümmer liegen, verbogenes und verrostetes Gestänge, verbeulte und rostzerfresiene Platten und in ihrer Zusammensetzung kaum noch erkenn­bar. Dennoch erkannke er bald eins und das andere und alle die-Werke, die er selber verfertigt hatte, und blickte stumm auf sie nieder.

Endlich fand er das Wort: Alle diese habe ich also umsonst in der Welt geglaubt ...

Der Meister hinter ihm sagte:

Du irrst. Jedes von diesen Dingen ist, wie es aus deiner Hand kam, seinen Weg gegangen zu seiner Zeit; und so langte jedes hier an.

Und ich habe, versetzte Thymos, dennoch umsonst gelebt.

Tausend Jahre, .erwiderte hinter ihm die Stimme, war es dir nicht genug?

Thymos erwiderte nichts, von einer Sterbensmübigteit jählings er­griffen, sank er hin, und sein Leichnam wäre zu seinen Trümmern hin- abgestürzt, hätte ihn nicht der Gott mitleidvoll in seinen Armen aus- gefongen, um ihn, die Erde nun verlassend, mit sich hinaufzutragen zu einem anderen Stern.

Verantwortlich: vr. HansThyriot. Druck und Verlag: Vrirhlsche Universitätsdruckerei D. Lange, Gießen.