Abend im Advent.
Von Hedwig gor st reute r.
Ganz in Grau und Stille liegt dos Land, langsam steigen blasse Nebelschleier aus dem Garten, der in bunter Feier prangend, noch mit letzten Astern stand.
Nässe sickert blinkend, tropsenschwer von dem Efeu an der Gartenmauer, und Vergänglichkeit im Blätterschauer treibt der Windstoß stöhnend vor sich her.
Schwermut schleift durcks Land den dunklen Saum, — alles Leben scheint sich ihr zu neigen, doch ans Fenster klopft mit dichten Zweigen tröstlich fanst der große Tannenbaum.
„Bricht die allerlängste Nacht herein, wird der Stern aus Morgenland euch führen," raunt der Aeste abendliches Rühren, _
„schon verheißt ihn eurer Kerzen Schein."
Antlitz im Spiegel.
Eine Adoentsgeschichte von Ruth Schaumann.
Als Ferdinand und Martina genau drei Tage verheiratet waren, kam die alte Dienerin seiner Mutter, die siebzigjährige Afra, die Treppe bis zu der winzigen Mansarde heraufgekeucht, den vollen Marktkorb fift ihre Herrin am rechten Arm, unter dem linken einen verhüllten Gegenstand tragend.
„Du hast etwas vergessen, Ferdinand", sagte sie, „ich hab's gefunden, abgestäubt und poliert, mit meinem Atem und der seidenen Schürze, und trag' es dir nach." Und sie legte den verhüllten Gegenstand aus den Tisch und ging mit einem vorwurfsvollen Blick auf Martina.
Der junge Gatte wickelte aus; Martina half ihm. Es war ein kleiner Spiegel, in eine goldene Leiste gesaßt. Die Leiste war sleckig vor Alter, der Spiegel selbst war so trüb, daß man sein eigenes Gesicht kaum noch erkannte.
„Der Spiegel hat gegen die Sonne gehangen", meinte Martina, „davon ward er so blind."
„Ich habe immer hineingesehen", antwortete Ferdinand", „es ist der Spiegel aus meiner Knabenkammer, verstehst du, Martina?" Er sah nachdenklich über den Spiegel weg. Martina nahm das trübe Glas in beide Hände. Wollte sie es wegtragen? Wollte sie es fallen lassen? Sie sah lange in den alten Spiegel hinein.
„Was starrst du, Martina? Was siehst du?"
„Nur mich, und dies recht häßlich", antwortete sie betrübt. „Und ich hätte weit lieber dein Knabengesicht in dem alten Glas da gefunden. Warum hat es mir das nicht bewahrt? Hundertmal haft du wohl hinein- ßaut. Ich könnte dann wissen, wie du warst, Ferdinand, als Kind, als
ie und Jüngling." •
„Dies ist vorbei", sagte Ferdinand, „nun bin ich Mann, aber ich gäbe doch selber vsxl darum, ich könnte in irgendeinem Spiegel noch finden, wie du warst, Martina, Kind, kleines Mädchen, halbe Jungfrau."
Martina fchwieg; sie holte Hammer und Nagel, einen Nagel mit einem goldenen Knopf, beides aus dem Werkzeugkasten, den Onkel Ludwig zur Hochzeit gfchickt, ein notwendiges Ding tn einer jungen Haushaltung, wie er schrieb. Martina hängte den Spiegel dem Fenster gegenüber an die Wand, just dahin, wo die Wand begann, schief zu werden.
„Dort wird das Glas aber noch blinder, als er fcho» ist", meinte Ferdinand lachen. „Was brauchen wir auch zwei Spiegel; der deine ist groß genug für uns beide, und klar ist er auch." Aber Martina schüttelte den Kopf: „Ich brauche deinen alten Spiegel", sagte sie leise, doch fest. Ferdinand dachte: So habe ich denn eine auch eigensinnige Frau. Doch er ließ sie gewähren. r , .
Voller Zufriedenheit sah Afra bei ihrem nächsten Besuch den alten Spiegel in Ehren. „Ferdinands Knabenspiegel", sagte sie, und ihre Augen blitzten dazu, als wollte sie meinen: Sic werden noch etwas erleben, junge
Das war drei Wochen nach der Hochzeit, bann folgten drei Monde, drei Jahre und noch drei Jahre dazu. Richtig gezählt waren das zwölf ganze Jahre. , r „ . . , .
Dreimal hatten die Ehegatten die Wohnung gewechselt, und in jeder Wohnung hängte Martina den nun immer trüber gewordenen Spiegel auf, immer an eine von der Sonne beschienene Wand, als solle das Himmelslicht chr etwas in dem alten Glas zeigen. Ferdinand schüttelte jedesmal den Kopf, erft lächelnd, dann fragend, dann^ verstimmt. Martina aber antwortete: „Siehst du nicht, ich brauche ihn so." .
„Hänge doch lieber eins deiner Bilder dorthin", meinte der Gatte, „das schöne etwa mit den drei Engeln, das dir erft eben gelang.
„Wir wollen sehen, daß wir es verkaufen , sagte Martina, die Malerin, „dann hab' ich den Engeln Brot gemalt. Den Spiegel aber verkaufe ,ch nidJ)änge das offene Bücherkästchen an diesen Nagel, er ist stark genug, viel zu stark für den Spiegel", sagte Ferdinand ein anderes Mm. „Ich stelle deine eigenen Bücher hinein, und ich werde stolz fein, wenn ich überblicke. was Märtina geschrieben hat.
„Was ich geschrieben habe, das war wohl erst in mir , antwortete die Frau. „Nun ist es hervorgegangen und nicht mehr mein (Eigen. Zu meine Bücher zu deinen, und den Spiegel laß dort. Denn sieh, nun weiß ich bald ganz, wie du als Knabe gewesen bist, Lieber! Und ge lächelte groß und schön zu dem Gatten empor. „Der Spiegel hat mir s erzählt all die Jahre.
„Zeige mir doch mich als Knaben", sagte Ferdinand. „Ich sähe mich gern einmal wieder, ich habe so vieles vergessen."
„Der Spiegel bewahrt's!" sagte Martina. Sie führte den Gatten aus der großen Stube, sie führte ihn, ein Windlicht tn ihrer anderen Hand
tragend, durch den nächtlichen Flur die Treppe hinauf. Droben waren vir» Türen nebeneinander in einer Reihe. Martina öffnete die erste Tür, si« zog den Gatten in die Kammer dahinter, mit Ferdinand und dem Wind« licht stand sie am Bette des Erstgeborenen. Er schlief den fast männlichen Schlai seiner elf Jahre. Auf dem großen Tisch in der Kammer lagen sein» lateinischen Bücher, lagen feine sauberen Zeichnungen, angefertigt zu seiner Lust, lag der Robinson neben der Hütte von Onkel Tom.
„Der Spiegel bewahrt'sI" sagte Martina. „Wenn Heinrich hier sitzt, die Wangen in die Hände geborgen, den dichten Schopf über der Stirn, erkenne ich: so und nicht anders bist du gewesen. Wenn sich fein Zorn empört, weih ich, sw auch warst du."
Sie führte den Gatten sacht hinaus. Sie öffnete die zweite Tür. Auch das zweite Kind, die älteste Tochter, schlief tief, den Mund ein wenig geöffnet.
„Ser Spiegel bewahrt's!" sagte Martina. „So hast du gewißlich auch im Schlummer geredet."
„Morgen!" sagte das Mädchen im Traum, es griff mit der bräunliche« Hand wie nach Früchten in Bäumen.
„Und auf Früchte aus deinem Leben geharrt."
Sie verließen das schlummernde Kind; ein kleiner Bogel im Bauer zwitscherte leise unter dem Tuch, das den Käsig zudeckte.
Sie traten in die dritte der kleinen engen Kammern, die so dicht nebeneinander lagen wie die Zellen einer Wabe. Das Maste der vier Kinder war hier zwischen" bie Kammern seiner zwei Schwestern gebettet, eine Fülle von Locken'flelen ihm im Schlaf über das kleine schone Gesicht mit ^er hohen Stirn und über den zierlichen Arm.
„So schlafen die Eichkätzchen", sagte Martina freundlich, „am Tag aber sind sie wild und immer voller Bewegung, emsig im Spielen und Spähen, und so ist auch der kleine Ferdinand gewesen, wer sonst? Dec Spiegel hat mir'» gesagt."
Sie schieden aus dieser Kammer. Jetzt wollte Ferdinand selber zur vierten Tür, aber Martina machte keine Anstalt, mit ihm zu gehen. „Ich wollte dir doch den Knaben Ferdinand zeigen, das Kind Ferdinand. Hinter jener Tür findest du wohl fein Kind, aber nichts von ihm in dem Kinde, wie sehr ich auch spähte; es ist nicht meine Schuld."
Aber Ferdinand ergriff jetzt die Hand Martinas, er nahm auch das Windlicht an sich, er führte fein Weib in die vierte der Zellen dieser schlummernden Wabe hinein. Da lag die fünfjährige Dorothee und sah nach dem Licht und den Eltern mit großen, offenen dunklen Augen entgegen. „Vater", sagte sie, „ich habe gezählt, und wenn alle meine Finger und ein Fuß mit Zehen zu Ende sind, dann ist der Christabend gekommen, bann ist er da!" Sie steckte den kleinen Fuß an seinem festen runden Bein unter der Decke hervor, ihre großen Augen glänzten wie die Glasur des Windllichts, das die Mutter Martina den Kindern zulieb bemalt hattet Ochs und Esel in blauer Farbe beten das Kind an
„Fünf und fünf ist zehn", sagte die kleine Dorothee. „Heinrich l^at mich'S gelehrt. Und noch einmal fünf, bann sink» es fünfzehn; ich kann ja nicht schlafen? ich freue mich ja so sehr."
Vater unb Mutter küßten bie kleine Wächterin. Das Wachs im Wind« licht war versiegt, bas Lichtchen erlosch, im Finstern tappten bie Gatten in ihre eigene Kammer.
„So habe ich mich benn wahrlich selber gesehn, so wie ich ein Kind war, ein Knabe. Cs war ein wunberliches Wiedersehn, weh unb süß zugleich", sagte Ferbinanb im Dunkeln. „Aber dich habe ich auch gesehen, Martina, Ich erkannte bas kleine Mäbchen, einsam unb wachenb. Ich habe es mir oft gewünscht, ich habe gemeint, es ist ja nicht möglich. So wirst bu auch gewesen sein: Wenn alle meine Finger unb ein Fuß mit Zehen zu Enbe sind, bann ist bie Christnacht gekommen, ich kann nicht schlafen, ich freue mich ja so sehr! Kleine Dorothee, wie gleichst bu Martina, kleine Martina, wie sehr kamst bu in bem Kinbe Dorothee zurück!"
„Der Spiegel bewahrt's!" sagte Martina leise unb bankbar. „Die alte Afra hatte schon recht, wenn sie sagte: Ferbinanbs Knabenspiegel! Sie werben noch etwas erleben, junge Frau!"
Des Ebner« Heimkebr
Don E. G. Kolbenheyer.
Aus dem neuen großen historischen Werk Kolben« Heyers, einem Roman aus lstr Zeit der deutschen Mystik, der unter bem Titel „D a s gottgelobte Herz" im Verlage Albert Langen/Georg Müller in München erschienen ist, bringen wir den folgenden Auszug.
Heinrich, der (Ebner, war schnaufend eingetreten, so wie er aus bem Sattel kam, in den Augen feinen hurtigen Heimkehrblick, ber nicht mehr nur auf sie und ihr Weibswesen gerichtet war, sondern mit ihr bas Haus und alles Ding und Leben in ihm einzufangen suchte Frau Agnes, die Jlsungin, schloß die Augen. Sie dachte zuweilen an die Zeit, da er, ein junger Mann, bie Reisen gekürzt unb dann trotz einem früh bedachten Wesen mit süßer, drängender Hast zu ihr heimgefunden hatte. Sie roch das Pserd, bie Hitze bes späten Sommers, ben Staub ber Straße und fühlte unter feinen Armen, baß ihm die Feiste, über ein bekömmliches Maß gewachsen, eine gute Laune verleiden werde. Er küßte ihr Augen unb Sippen, drückte ihr, seine Umarmung lösend, noch einmal flüchtig bie Oberarme mit ben weißen großen Handflächen.
Dann ließ er sich auf feinen Schragenstuhl nieder, öffnete bas Wams unb den Gürtel unb fragte kurz nach ben Kindern, fragte besonders nach der Alheid. Er schlug, von der Auskunft befriedigt, aus die runden Knie, fuhr mit gespreizten Handflächen über der prallen Hose auf unb nieder und lächelte.
„Jetzo muoß der alt Vetter, der unlustig, rechtschafsen dem Wort und Gschrift nachtuon von ihme us mit deine Wittum, unb es hüt ein End mit ber Wiberbrih."
„Er häts allbereits fon. Ebner."
Heinrich, ber Ebner, horchte auf.
„All fünf Bäckenbänk? Die Gilten? Alls? Ohnbefchnitten?"


