Ausgabe 
28.10.1938
 
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Den historischen Romantiker der Ostmark könnt« man Roberi Hohlbaum nennen, er gehört zu den Duhtern, dieruckwartsbltckend vorwärtsschauen". Seine Romane behandeln durchweg Stosse aus der Vergangenheit und haben wegen ihrer inneren Wahrheit besonderen zeitgeschichtlichen Wert. Meisterlich ist Hohlbaums Unsterbliche -Tri­logie in.welcher er Große aus Kunst und Geschichte (Bruckner, Brahms, Maria Thercha usw.) mit scharfen Konturen Umrissen in einen leben- i)9C$ ®Q ßo" b Vn h e 9 « r, Deutschböhme aus Karlsbad, hat, um mit Stchr fu reden ,^°s deutsche Herz in seiner Wahrhaftigkeit und Tiefe zum Klingen gebracht". In seinen Romanen (Paracelsus-Trilogi^ . Meister Joachim Bairsewang" u a.) g'bt ec ein breitange egkes Stuck deutscher Seelengefchichte, in seinen Gedichten und Buhnenwerken (Lyrisches Brevier",Heroische Leidenschaften',Gregor unhHetnrich ufro9) zeigt er sich als Bejaher und Vorkämpfer ,ener heldi chen We - anschauung, die heute als Grundlage der völkischen und staatlichen Wll- lensbildung gilt. Kolbenheyers Schaffen ist Bekenntnisdlchtung tm goethefchen Sinne; es wurde 1937 durch Verleihung des Goethepreises geehrt. Eben erschien Kolbenheyers neuer RomanDas gottgelobte f>erj", ein farbenreiches Geschichtsbild aus der Zeit der deutschen Mystik (Eckhart, Tauler, Suso, Margarete Ebner), in dem das deutsche Volk erstmals den Weg zu sich selbst sucht. Aus diesem Buche spricht wieder des Dichters Denkart, die er festhielt in den Börsen:

Stamm an Stamm und e i n Wille zum Bau, Im letzten Vertrauen Gau bei Gau!

Wir harren, wir werken, wir wachsen gesellt

Der heute dreiundsiebzigjährige Volkslehrer und Voiksschrtststeuer aus dem Jsergebirge, Gustav Leutelt, ist ein schlichter .Kalender- macher' und w.tl auch nicht mehr sein; er zeichnet in se.nem dretban. digen Lebenswerk nur Zustände, tut nichts hinzu, übersteht nichts Wich­tiges und malt so die nordböhmische Lage anschaulich und überzeugend; spätere Boltsschiiderer sollten ihn kennen. ....

Walter von Molo formte in seinen vrelgelesenen Romanen «rotze Deutsche, Schiller, Fridericus, Luther, Friedrich List und den Prin­zen Eugen, und stellte in knappen Bühnenstücken manchen Kampfer für das Deutschtum (Staps u. a.) ins rechte Licht. Dem Erzähler merkt man nicht immer an, daß er den Quellen genau folgt, wenn er die politischen Zusammenhänge sichtbar macht und Einblicke in das Werden der je- we liaen Zeit tun läßt. Warum wirkt Molo in seinen besten Buchern st mstreißend: weil in ihm frischer Geist, tätiger Wille und boLen- standigedKrast^einSs^nd. $rQnJ glab( (aus Lautschin in Böhmen), aber seine Romane und Erzählungen haben ihr speKsHes Gewicht. Einfach, scheinbar kunstlos beginnen sie, z. B. derOedhof, die Bilder aus den Kreisen der Familie Arlet, oderDas Grab des Lebendigen , diese erschütternde Studie aus dem kleinbürgerlichen Leben; Rabl ver­steht es meisterhaft,in winziger Bürgerlichkeit die hohe Woge auf­rauschen" zu la sen. Die von ihm dargestellten Menschen Meßt man ins Herz (das gilt auch für dle Gestalten seiner Schauspiele), weil man sie mit wehen Herzen dulden sieht unter dem Leid ihrer Tage.

Als zehntes Kind eines Waldschmiedes wuchs Wilhelm P l e y e r an der böhmischen Sprachengrenze auf, wanderte und lernte viel, wurde politischer Amtswalter und Dichter und blieb dochSchmiedeiunge und Bauernstämmling". In Kamps und Kerker-wurde erganz Gegenwart, erfüllt von dem Atem des Volkes". Sein RomanDie Brüder Tomma- hans", der den Kampf alter Bauerngeschlechter um die väterliche Scholle gegen kapitalistische Ausbeuter schildert, wurde 1937, nachdem er schon mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden war, von den Tschechen beschlagnahmt. Kürzlich erschienen Pleyers Gedichte,Lied aus Böh­men", Kampfgedichte, Volkslieder, Verse zum Lobe der Liebe und der Ahnen gerufen und gesungen aus dem Geiste unentwegten Deutschtums.

Tie'foertraut mitböhmischen Volkes Weise" war Rainer Maria R i l k e, der im alten Prag zu Hause war. Er entstammte einem alten deutschen Geschlecht, das ehemals in Kärnten ansässig gewesen war. Traditionsgemäß zum Offiziersberuf bestimmt, verließ er wegen seiner zarten Gesundheit bald die Militärschule, betrieb seine Studien weiter, unternahm Reisen und wurde Dichter, nicht zuletzt angeregt durch die Mystiker Jakob Böhme und Angelus Silesius. Ost war er in seinem Leben aus Reisen, aber von Zeit zu Zeit zog es ihn heimin den blauen Schimmer der böhmischen Wälder", hier entdeckte er immer wiederdie Urroerie der Seele", und die heimische Erde war ihm mehr als eine stimmungsreiche Landschaft, sie war ihmdie große Mutter".

Rund fünfzig Bücher schrieb Karl Hans Strobl (aus Jglau), historische und heutige Romane voll lebendiger Anschaulichkeit. Rach dem Kriege hat er sich für die Minderheitenrechte der Sudetendeutschen in Wort und Schrist eingesetzt und die Grenzfragen wirklich volkstümlich gemacht. Kein Wunder, daß er Prag bald als besonders Mißliebiger galt und vom Hradfchin endgültig ausgewiesen wurde, von jenem Hrad- schiii, dessen tausendjährige bunte Verwandlungen er in seinen Büchern kraftvoll und lehrreich beschrieben hatte. Nach seinem 60. Geburtstag, an dem er die Goethe-Medaille erhielt, schrieb er den RomanFeuer im Nachbarhaus", in dem er den Untergang der Tscheche! vorahnend be­schrieb, so wie er sich in unseren Tagen Zug um Zug erfüllt.

Von Hans Watzlik könnte man sagen, er habe das Erbe Adalbert El', ters angetreten. Die Kindheit verlebte er in Südböhmen, und der bcli urwüchsig wilden, bald traumversonnenen Landschaft hat sich seine si>' ke Erzählergabe angepaßt, und wenn er die Einschichtbauern, Holz- cr iter oder Jager mit markanten Strichen zeichnet, entstehen vor dem Le' r starke Bilder, die sich nicht selten zu balladendunkler Wucht stei­ge; ii. Der verschollenen Geschichte und der leidvollen Gegenwart hat sich Watzlik mit gleicher Liebe zugewandt in seinen Büchern, die begeh sie> t und wohlverdienten Widerhall fanden und finden.

Diese Dichter aus dem deutschböhmischen Lande, deren Reihe sich noch um manchen guten Namen erweitern ließe, trügen und tragen alle

das Novalis-Wort im Herzen:Wohin gehen wir? Immer nach Haufe. Sie alle standen und stehen als Dichter im Dienst eines neuen, eines größeren Deutschland, das nun Wahrheit wird.

Die Literaturwissenschaft.

Neben die Dichter des Sudetenlandes treten einige Literarhisto­riker, deren Namen zu den besten unserer Zeit gehören, und deren Ar­beiten grundlegende Aenderungen in unserer Viteratursorschung bcrolnt haben. Gänzliches Neuland betrat Joses N a dl er (geboren 1884 zu Neudörsl in Böhmen) mit seiner .Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften". Als 1911 der erste Band erschien, stand der Versa str mit den Grundgedanken seines Werkes ganz allem da; erst nach Jahren erwachten hier und da die gleichen oder verwandte Ge­danken. Nadler greift auf die Urgründe deutschen Lebens zurück, et deutet die schöpferischen Leistungen unseres Volkes aus den vielseuiaen stammestümlichen Anlagen und sieht im heimischen Boden, tn der Fa­milie und in den Geschlechterfolgen die ewig öequngenben Kraste. Heute, wo die ursprünglichen Volkskräste wieder zum gemeinsamen Werke aufgerufen sind, gewinnt das vierbändige Werk neue Bedeutung. Eine wertvolle Ergänzung hierzu bietet Nadlers BuchDas stammhast« Gefüge des deutschen Volkes"; tn der Einleitung heißt es:Deutsche Stammeskunde ist Lebenskunde und Lebenslehre vom deutschen Bolt . Aus jedem Kapitel ersteht man des Verfassers Anschauungen von Volk- werdung und VolkserneuerunmJedes Volk muß sich selbst wallen und kann nicht wider seine Natur/ Heule besonders wichtig ist Nadlers kleine Arbeit überDas Schrifttum der Sudetendeutschen", die im Sommer 1927 erschien. In dieser Studie wird vieles richtiggestellt, mit manchen falschen Urteilen aufgeräumt; gefchichtsfälschende Behauptungen werden kraftvoll zurückgewiesen; an diesen Beweisen und an dem Willen eines geeinten Volkes mußte die zweckhaste Umfälschung der böhmischen Grenz- lande In entrissenen Marken fremden Volkstums zerbrechen. 1933 oer- öffentlichte Nadler, der bis 1925 Dozent in Freiburg (Schweiz) war, eineLiteraturgeschichte der deutschen Schweiz", die wie ein Dank an dieses herrliche Land anmutet. Soeben beginnt im Propyläen-Verlag Berlin NadlersLiteraturgeschichte des Deutschen Volkes" zu erscheinen in vier Bänden (Lexikonformot) mit einer Fülle sorgsam gewählter Abbildungen. Daß der Berfasser sich von seinen früheren Grundsätzen auch diesmal leiten läßt, zeigen seine Worte:Geschichte als Darstellung ist keine Büstensammlung; denn die Wirklichkeit kennt nicht einzelne, sondern Gemeinschaften, und der Erkenntnis ist der einzelne nicht Zweck, sondern Mittel." So sieht er die deutsche Literatur nicht als eine in ein Schema gezwängte Stossfammlung, sondern als hin und her fluten­des Leben; und er wird sie barstellen als gründlicher Historiker, bahn­brechender Forscher und Meister der Sprache.

Auch Herbert Cysarz (geboren 1896 In Oderberg) gilt nicht nur in Fachkreisen seit Jahren als Erneuerer einer deutschen Geistes­haltung; durch seine Lehrtätigkeit in Wien sowie an der Prager deut­schen Universität und durch seine Schriften hat er sich den Ehrennamen eines .Mentors der Sudetendeutschen' verdient. 1923 erhielt er für eine wissenschaftliche Arbeit den Scherer-Preis, weiten Kreisen bekannt wurde er durch fein dreibändiges Werk überDeutsche Barocklyrik", in dem er dieses vergessene Gebiet unserer Dichtung als starke, eigenwillige Aus- druckssorm deutschen Wesens behandelt. Was er über Goethe, Schiller und andere Klassiker schrieb, gehört zum Besten auf diesem überreich be­ackerten Gebiet; als er im Mal dieses Jahres den Eichendorff-Preis er­hielt, gab er in feinem großen Feftvortrag,Eichendorfs und der Mythos", eine Meisterletstung wissenschaftlicher Ausdeutung in fast dich­terischer Form. Das ist nicht verwunderlich, denn Cysarz stammt aus Eichendorffs Heimat, aus den böhmisch-schlesischen Wäldern, die auch ihn zum Dichter werden ließen. Der Dichter in ihm wurde zum lehrenden Vorbild, er stand immer in der vordersten Linie, wenn es galt, für eine Idee, für die neue Zeit ober für die Heimat einzustehen. Als Kriegs­freiwilliger zog er 1914 hinaus, wurde 1916 als Offizier schwer ver­wundet und überwand diesen Schickstlsschlag durch doppelte Arbeit. 1934 gab er dieRute und Lieder" sudetendeutscher Studenten heraus, denen er einen grundlegenden Essay über bas .Schicksal der sudeten- beutschen Dichtung' voranstellte; im Schrifttum biefes Landes sah er damals schon eine Angelegenheit der Zukunft,obwohl es seine Ge­schichte hat". Es wäre zu wünschen, daß Professor Cysarz dies« Ge­schichte schriebe.

Noch eines Literaturforschers wäre hier zu gedenken, der aus dem Sudetengau kam, aber schon 1915 starb: Karl Eugen Neumann. Sein Vater war der ehemalige Opernsänger und Hamburger und Prager Tl)eaterdireklor Angelo Neumann, der als einer der ersten mit feiner berühmten Truppe Richard Wagners Werk durch die halbe Welt ge­tragen hat. Karl Eugen Neumann war ein begeisterter Schüler des. wohl bedeutendsten deutschen Indologen, des Wiener Professors Georg Buhler. In seiner ersten Schrift,Die innere Verwandtschaft buddhi­stischer und christlicher Lehren", ist bereits fein Ledens- und Arbeitsvlan angedeutet; hier vergleicht er zwet buddhistische Suitas mit Meister Ecke­harts TraktatDon der Abgeschiedenheit". Neben weiteren Ueber- setzungen aus und Schriften über indische Literatur veröffentlichte er eineBuddhistische Anthologie" (aus dem Pali-Kanon) erstmalig. Sein eigentliches Hauvtwerk Ist die großangelegte Uebertragung derReden Buddhas" aus dem Pa«, di« ab 1907 im Piper-Verlag zu erscheinen begannen. Nun wäre Neumanns Lebenswerk, das bis dahin unter einem ungünstigen Stern zu stehen schien, gesichert gewesen, wenn der Weltkrieg nicht störend dazwischen getreten wäre. Das Erscheinen des dritten Bandes erlebte Neumann nicht mehr; er starb am 18. Oktober 1915, an seinem 50. Geburtstag, trotz der Hilfe von Freunden und Verehrern in bürftigsten Verhältnissen. Ein Freund gab bie letzten Bänd« heraus. Es ist ein tragisches Los, datz Neumann, der eine umfassende Sprachen- und Literaturkenntnis besaß, ben großen, auch buchhändle­rischen Erfolg seines Werkes nicht mehr erleben durfte.

Lerantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Brühlfche UnlverfitätSdruckerei A.Lange, (Sieben.