Sasel.

Volksweise.

Es wollt' ein Mägdlein tanzen gehn, Sucht Rosen aus der Heide;

Was fand sie da am Wege stehn?

Eine Hasel, die war grüne.

Nun grüß dich Gott, Frau Haselinl Von was bist du so grüne?"

Nun grüß dich Gott, fein's Mägdelein! Von was bist du so schöne?"

Von was, daß ich so schöne bin. Das kann ich dir wohl sagen: Ich weiß Brot, trink kühlen Wein, Davon bin ich so schöne."

Ißt du weiß Brot, trinkst kühlen Wein Und bist davon so schöne, Auf mich so fällt der kühle Tau, Davon bin ich so grüne."

Hüt dich, hüt dich, Frau Haselin, Und tu dich wohl umschauen!

Ich hab daheim zween Brüder stolz. Die wollen dich abhauen."

Und hau'n sie mich im Winter ab, Im Sommer grün' ich wieder;

Verliert ein Mägdlein ihren Kranz, Den find't sie nie mehr wieder."

Oie Flucht.

Bon Andreas Zeltler.

Mein Vater hatte sich ein Jahr vor dem Kriege in Ostpreußen auf dem j Lande nahe der Grenze als Arzt niedergelassen. Wir bewohnten ein ehe­maliges Bauernhaus, das von einem weiten Garten umgeben war. Das stille, dichtbewachsene Viereck zu verlassen, hatte meine Mutter mir streng untersagt; auf die schwarze Wand dichten Waldes zeigend, der an eine der Schmalseiten des Gartens stieß, warnte sie mich mehr als einmal: Dahinter ist Rußland!" Es hätte dessen nicht bedurft; ich verspürte nicht die geringste Lust, ihr Verbot zu übertreten. Das Haus und der Garten machten mich glücklich. Untertags hütete ich auf dem Gras die Ziegen, Hühner und Kaninchen, und am Abend, wenn im nahen Dorf die Glocke geläutet und mein Vater die Pforte versperrt hatte, führte mich meine Mutter auf die Wege zwischen den Beeten und tief unter die Büsche ins zrünlich-braune Halbdunkel, um mich die Namen der Blüten und die Ge­stalt ihrer Blätter zu lehren.

Das glückliche Einsammeln der Tage hörte eines Abends mit einem Cchlage auf. Unruhe im Haus wies auf besondere Ereignisse. Ich sand meine sonst so besonnene Mutter dabei, in großer Hast einen Koffer zu lacken.Es gibt Krieg!" rief sie weinend aus.Die Russen kommen! Wir Nüssen fliehen!" Mich erfüllte freudiger Schrecken. Der Tag war voll er­legender Wunder. Am Morgen schon hatte ich in einem unbeachteten Win- bl des Gartens eine fremdartige, unheimlich geformte Blüte gefunden, die ih ihrer rotspielenden Farbe wegen in meinem märchenfreudigen Unver- fianb für wachsendes Gold erklärte. Und nun flohen wir!

Mein Vater erledigte seine Krankenbesuche mit einem Fahrrad, wir hatten deshalb für unsere Flucht auch nur ein gebrechliches Wägelchen, vie es die Waschfrauen benutzen, um ihre Körbe auf den Trockenplatz zu fahren. Am Abend zog es mein Vater hinter sich die Gasse herauf, er sah sch dabei ängstlich nach allen Seiten um, und wir stellten es unter die Säume in den Schatten.Es gibt nicht mehr viel Gefährte hier in der Eegend", meinte er bekümmert; ich glaube, er hatte es gestohlen.Nimm das Kind;" sagte er dann zu meiner Mutter,und setze dich auf den kaffer!"Aber das Glas?" flüsterte sie zurück. Aus Furcht vor dem kommenden wagte sie nicht mehr laut zu sprechen und weinte ftife vor sich hin.Welches Glas?" fragte mein Vater. Ihre Hand wies auf den braunen kästen, der im Grafe stand. Sie zog das Türchen auf und wir sahen, daß er meines Vaters Hochzeitsgeschenk, den gläsernen Apfelbaum enthielt. Kein Vater blickte meine Mutter an; sie lächelten sich freundlich zu.Oib- es dem Jungen. Er soll es vorsichtig halten", sagte mein Vater.Ich hole Dch ein Pferd."Em Pferd?" rief ich, außer mir vor Glück.Ja!" »ickte er.Ein richtiges Pferd!" Meine Mutter weinte nicht mehr; sie zog irich auf ihren Schoß und küßte mich; ihre Hände legten sich schützend um mein Gesicht.

Nach einer halben Stunde kam mein Vater zurück. Das Pferd, das " am Halfter in den Garten führte, war ein riesiges altes Äckerpferd. M dem rechten Auge schien es blind zu fein. Man mußte es als un- lcuglich zurückgelaffen oder überhaupt in feinem Stalle vergessen haben. Geduldig folgte es der Lenkung meines Vaters. Mit Riemen und Leinen spannte er es notdürftig ein; wir stiegen ein und fuhren los.Das Haus!" hrrte ich meine Mutter sagen. Mein Vater antwortete nicht.

Wir durchquerten das ausgestorbene Dorf und erreichten bald einen wntlen Wald. Unser kleiner Wagen flog hinter dem mächtigen Pferd öcn einer Seite auf die -andere. Meine Mutter schlief erschöpft auf dem ff er, an die Schulter meines Vaters gelehnt. Ich saß vorn, nahe dem Sijmeif des Pferdes, umgeben von dessen beizendem Geruch, halb davon nnübet und wachgehalten, drückte den gläsernen Apfelbaum in feinem Faunen Kasten fest an meine Brust und rührte mich nicht.

. Plötzlich hielt mein Vater bas Pferd an.Ich fürchte, wir sind auf *ein falschen Wege; längst müßten wir aus dem Walde heraus fein ..." V flieg ab und blickte angespannt zu den Wipfeln der Bäume empor, i '»lleicht um durch ihr Geäst die Sterne zu erkennen. Es war jetzt

Nacht; die Stämme standen wie eine Mauer um unser Gefährt; außer dem Schnauben des Tieres und einem schwachen Rauschen in den Zwei­gen war weichin nichts zu hören. Mein Vater trat wieder an den Wagen heran.Weine doch nichtl" jagte er unwirsch zu meiner Mutter, mir müssen eine Abzweigung verfehlt haben."Nicht umkehren!" bat sie erschrocken.Es ist ja gleich, wohin wir kommen. Nur fort!" Mein Vater schien unschlüssig zu sein; er blickte nach rechts und links. Schließlich glitt meine Mutter vom Koffer herab und stellte sich neben ihn. Ich tat beklommen, als ob ich schliefe.Ludwig, hörst du etwas?" flüsterte sie voller Angst.Pst," machte mein Vater.Dort muß der Wald zu Ende sein. Vielleicht ist es draußen hell genug, daß ich fest, stellen kann, wo wir sind. Keine Sorge, ich bin gleich wieder da." Er verschwand in den Büschen, und wir hörten das trockene Holz noch eine Weile unter feinen Schritten knacken.

Was nun geschah, ist Geheimnis und wird es bleiben; müßig er» scheint es, daran zu rätseln Einige Minuten nach dem Weggehen meines Vaters zersprang die quälende Stille des Waldes; aus der Richtung, die er eingeschlagen hatte, fielen drei, vier schnell aufeinanderfolgende Schüsse.Christian!" schrie meine Mutter auf, und ehe ich mich versah, hatte sie die Gerte, die sich mein Vater bei der Abfahrt als Peitsche vom Gartenzaun' schnitt, mehrere Male über den Rücken des erschrockenen Pferdes geschwungen. Mit einem scharfen Ruck geriet der Wagen in Be­wegung.Fahr zu!" rief mir meine Mutter ins Ohr und drückte neben« herlaufend, denn das Pferd begann in Trab zu fallen, die Rute in meine Hand.Schlag zu! Die Russen!" Sie selbst wandte sich und hastete zurück; der Wald war wieder still geworden; sie glaubte wohl, meinem Vater beistehen zu können.

Ich weiß nicht, was mit meinen Eltern geschah. Vielleicht kam der Tod schnell zu ihnen; vielleicht umkreiste er sie erst lange wie ein Wolf, als fie sich in den dichten Wäldern versteckten; vielleicht gerieten fie auch in Gefangenschaft und erlagen in der Ferne einer .Seuche ober ihrem Kummer. Ich habe fie nie mehr gesehen und nichts über fie vernommen, obwohl nach dem Kriege einige freundliche Menschen große Änstrengun- gen machten, ihr Schicksal zu erfahren. Es war vergeblich. Mich rettete das Pferd; alt war es, ausgedient und einäugig, aber es schien, als ob der Schrecken es verjüngte, unablässig eilte es durch die Dunkelheit Ich lag mehr auf dem geschüttelten Koffer als daß ich noch faß; mit der Linken handhabte ich die Peitsche, wie es mir meine Mutter befohlen hatte. Die Angst ließ es mich mechanisch tun und wehrte jede Er­müdung ab. Mit dem rechten Arm umspannte ich bas Behältnis des Glasbäumchens. Es klirrte leise hinter dem Holz.

Gudeteudeutsche Kulturträger.

Von Hans Stur m*.

Die Dichter.

_ Aller deutschböhmischen Dichter Ahnherr und Meister ist Adalbert Stifter, der als Sohn eines böhmischen Leinewebers nur mühsam zur Bildung kam und zwischenher noch Malen lernte. Bald legte er Pinsel und Palette hin, umnur noch mit Worten zu malen", und darin ist er wirklich Meister, wie feineStudien", dieBunten Steine", der Nachsommer" zeigen.Witiko", dem Recht verschworen, treu, wahr und lauter wie die Natur, aus der er stammt, ist des Dichters Abbild. Scheint feine stille farbige Welt hier und da ein wenig fremd, ver­schwollen, was tut's; die Wälder rauschen noch heute fo wie ihm, das Land unterm Dreifeffelberg liegt noch heute im Wehen der jähen Winde wie zu Witikos Zeit. Das Ewige, das er schildert, bindet ihn an uns und seine Naturversponnenheit ist wie ein Nachklang des germanischen Mythos, den zu bewahren unsere Aufgabe ist.

Aus dem Mährischen kam Marie von Ebn er-Eschenbach, die bedeutende Zeitgenossin eines Raabe, Keller, Fontane, deren epische Gestaltungskraft mit dem Alter eher wuchs als abnahm; dies zeigen die SkizzenMeine Kinderjahre" der Siebenundsiebzigjährigen, die einen klaren Blick gewähren in die Heimatjahre eines reichen, gütevollen Frauen­lebens. Von ihrem RomanDas Gemeindekind" sagte Gottfried Keller, er feikein Buch, sondern eine Tat". Die Dichterin besaß das stete Be­streben, an sich selbst zu arbeiten, für das fie die Formel fand:Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht!"

Heimat ist nicht nur Vergangenheit", sagt der junge Erzähler Friedrich Bodenreuth in seinem zeitgeschichtlichen wertvollen BucheAlle Wasser Böhmens fließen nach Deutschland" (das bereits im 20. Tausend vorliegt und mit einem Preis ausgezeichnet wurde), ,Heimat der Gegenwart, Heimat der Zukunft ist dein Volk. Äus der Erde nimmst du.den Glauben, in dem Volke aber erwächst dir die Aufgabe, und die Kraft der Zuversicht". Aus diesen Gedanken heraus sind die Kämpfe an der Tiroler Front und die heimlichen Vorgänge im Hinterland ge­schildert, wo deutsches Geschick sich erfüllen wollte, jedoch durch feigen Verrat zusammenbrach. Bodenreuths Buch ist trotz seiner Zeitnähe das Epos volksdeutschen Kampfes in feiner Heimat.

Äus dem alten Eger flammt Hermann Graedener, der 1913 mit dem VauernkriegfriesUtz Urbach", einem der besten Bauern­romane der Weltliteratur, bekannt wurde; seither veröffentlichte er nur wenige, aber wesentliche Arbeiten, den so heroischenTraum von Blücher, Porck, Stein", der deutsches Denken und Handeln verkörpert, Ein Volk geht zu Gott", in dem sich der Lebensglaube unseres Volkes spiegelt, die NovellendichtungDer Esel", aus der echt deutsche Heiter­keit lacht, gedankenschwere Verse und das als reichswichtig erklärte Fest­spielBilfingen Das neue Reich". Wer sich eingehend über Graedener, der zu seinem 60. Geburtstag (April 1938) die Goethe-Medaille erhielt, unterrichten will, sei auf dasHermann-Graedener-Buch" des Verlags Adolf Lufer verwiesen, das außer gutgewählten Proben eine bio­graphische Einleitung, Aussprüche und Gedichte Graedeners sowie eine Reihe von Bekenntnissen (von Reichsdramaturg Schlösser, Nadler, Mell u. a.) zu dem verdienstvollen Dichter der Ostmark enthält.

.* Dgl. den ersten Aufsatz in Nr. 80 vom 14. Oktober.