Ausgabe 
28.10.1938
 
Einzelbild herunterladen

Daß Sie dos Leben und die Menschen mit einer großartigen Ge° f lassenheit nehmen, auch üte grauen."

Aber Sie kennen mich ja jo wenig, meine liebe Frau von MilomI Er wechselte das Thema:Besitzen Sie eigentlich noch Gemälde von Ihrem Herrn Großvater?" .

Christine wippte mit dem Fuß:3a, wir besitzen noch ein paar Ge­mälde. 3ch muß eines davon sogar verlausen. 3ch hab« 3hnen den Grund schon angedeutet." ... ... .

Sie hatten die Gute, mich gelegentlich wie einen väterlichen Freund zu behandeln. Dars ich mir einen Rat erlauben? Verlausen Sie letzt keinen Rucklasch." , .

, Ich würde ihn auch nur für englische Psund verkaufen.

,',3ch sammle Bilder ... aber ich weiß nicht, ob man davon spre- $Cn ök sind in einer wilden Zeit, Mylord, ich weiß es, und ich will Ihnen die Mühe abnehmen, zu reden. Wenn Sie das Bild haben wollen, können Sie es haben. Es ist eine große Gruppe oon einer I Frau und zwei schlafenden Kindern. Es ist eines seiner guten Bilder.

Es ist merkwürdig, daß sich Rucktasch so viel mit dem Schlaf be- fchastigthhaU My,grd, nicht so fehrl Wenn wir schlafen, lügen unsere Gesichter meistens etwas weniger als fonft. Großvater hat mich ein­mal als schlafendes Kind gemalt" ....

,st)h", sagte der Viscount,das Bild hätte ich gerne, ich meine, eine Kopie dieses Bildes hätte ich gerne." ..... I

Es ist auch verkauft. Ich muhte es verkaufen. Ich bin nämlich als junges Mädchen durchgegangen."

Das hätten Sie nicht tun sollen ich meine, dies Bild zu ver­kaufen! Hatten Sie denn gar keine Freunde in Berlin?"

Nein, die Freunde habe ich erst erworben, als ich verheiratet war und einsah, daß es notwendig ist für eine Malerin ..." Christine machte . ein kleine Pause, und nun strahlte sie den Lord hell an:sich durchzu­setzen. Ich lernte Beveridge kennen, wie Mylord wissen, und der hgt mich dann eine Zeitlang lanciert, SBeixribge und Lady Grace."

Bei wem haben Sie das kleine Bild verkauft?"

Bei Graeser."

Und Sie sind entschloffen, auch bas große berühmte Bilb ...

Es hanbelt sich nicht um eine Entschlossenheit, sondern um eine Notwendigkeit! Es hängt in unserem Atelier."

Ich kenne es. Werden Sie es wieder zu Graeser bringen?" Vielleicht."

Schön! Sie sagten, wir leben in schlimmen Zeiten!" Er zog ein kleines Scheckbuch, schrieb seinen Namen in die untere Ecke und riß das Blatt aus dem Büchlein:Füllen Sie die Summe aus, die Sie für richtig halten."

Christine reichte ihm die Hand:Ich danke Ihnen, Sie Helsen mir!

Ich werde morgen nachmittag bei Ihnen vorbeikommen und werde das Bild ansehen. Ich interessiere mich, wie Sie wissen, auch für Ihre Porträts."

Jederzeit Ihre ergebenste Dienerin!"

Beveridge stand in ber Tür. Er wechselte einen Blick mit dem Haus­herrn, der leicht mit dem Kops nickte.Es wird schon getanzt, Frau von Milotti, darf ich Sie bitten!"

Der Viscount erhob sich:Wissen Sie, was wir hier gemacht haben, Beveridge?" '

Der Altachä schwieg.

Eine geschäftliche Transaktion nennt man das."

Was wollte ber Alte von Ihnen?" fragte Beveridge, während er langsam mit ihr durch den Saal fiepte.

3dj habe ihm ein Bild von Großvater verkauft."

Warum nicht mir?" fragte Beveridge.Ist das Freundschaft, hinter meinem Rücken an diesen interessanten Greis Bilder zu verkaufen?"

Beveridge, das müssen Sie doch einsehen, mit Ihnen mache ich kein« Geschäfte."

Nein, mich machen Sie verrückt!"

Das tue ich nicht, Beveridge. Ich habe Ihnen siebenmal gesagt, daß ich Milotti liebe."

Ich habe es Ihnen siebenmal geglaubt! Warum sind wir dann immer wieder zusammengekommen?"

Weil ich dachte, daß Sie mir helfen wollten, weil ich Hilfe brauchte und weil Sie mir sympathisch sind, Beveridge."

Gott sei gelobt, das geben Sie wenigstens zu!"

Er führte sie zu einer der langen mit grünem Damast überzogenen Bänke, an den Seiten des Saales.

Man kann in diesen blödsinnigen Räumen hier überhaupt nie reden", sagte er.In allen Nebenzimmern sitzen Minister, Bankleute ober Schieber und reden über Politik! Das nennt man dann Gesellschaft. Der Hausherr aber kauft Bilder an. Will er wenigstens in Pfunden bezahlen?"

Ader Beveridge, natürlich will er das! Er hat mir einen Scheck gegeben, den ich ausstellen soll."

Welches Bild ist es?" fragte Beveridge.

Die Mutter mit den zwei schlafenden Kindern."

Aber Baby, das ist doch weltberühmt!" Ist es ja auch", sagte Christine.

Das wird doch jetzt unter allen Umständen unterzahlt! Was werden Sie auf den Scheck schreiben?"

Tausend Pfund", sagte Christine.

Beveridge sah sie strahlend an:Frau Christine, Sie sind anbetungs­würdig! Es ist nicht zu viel für das Bild, es ist zu wenig! Aber immer­hin, heute kaust man in Deutschland billig."

Ein Legationsrat von der Gesandtschaft führte jetzt Milotti zu einem kleinen Sessel am Ende des Saales.

Meine Damen und Herren!" sagte er.Herr von Milotti wird die große Güte haben und uns ein paar Volkslieder zur Laute Vorsingen!"

Milotti nahm die Laut« und sagte:Wir wollen eine Reise machen; beginnen wir bei unseren Gastgebern!"

Er fang ein altes schottifches Clans-Lied. Seine hellen Blicke flogen durch den Saal. Er sah ausgezeichnet aus, wie er da stand und die Laute '^.Sie ^können^a" über' Milotti sagen, was Sie wollen, Beveridge, er ist einfach entzückend", sagte Christine. ... . ...

Er malt Tag für Tag dasselbe Hafenbild; was daran entzückend ist, weiß ich nicht!" .. .

Beveridge, schweigen Sie, davon,verstehen Sie nichts!

D«r fremde Text, den selbst die Engländer nur schwer sprechen konnten, formte sich leicht unter den Lippen von Milotti:

Scots, wha hae wi

Wallace bleck!

Scots, wham Bruce has alten leck!

Welcome to your glory deck Or to victorie!

Milotti machte eine kleine Kunstpause, ehe er in den Refrain «inbog.

Es ist erstaunlich, wie gut er Schottisch spricht", sagte Beveridge,um so erstaunlicher, weil er kein Wort Englisch kann!"

Beveridge, ich höre gern, wenn mein Mann singt. Sie müssen jetzt still sein!"

Milotti steigerte Stimme und Vortrag:

Tyranis fall in every foe!

Libertys in very blowl Lei us do or die!

Beifall rauschte durch den Saal. Der Hausherr stand im Türrahmen gelehnt und klatschte leicht in die Hände. Er erwartete mit dem Vergnügen, das er bei einer schwierigen Situation empfand, auf den Fortgang dieser Liederreihe durch Europa. , ..

Milotti aber legte die Laute' einen Augenblick in den Sessel, sah ruhig, ein wenig frech, in die Rund« und sagte:Nun nähern wir uns der französischen Küste. Ich singe Ihnen das alte Lied:

,Marlborough sen vat en guerre .. /"

Der Viscount lächelt vor sich hin: Der Junge ist viel gerissener, als ich dachte! Er machte eine leichte Handbewegung zu Milottt, die etwa sagte: Bitte, sich nicht stören zu lassen, und zog sich m das kleine Herren­zimmer zurück, wo nach einer Minute der deutsche Minister neben ihm faß. Das Gespräch ging sofort auf Reparationszahlungen über ...

Im großen Saat hatte Milotti inzwischen bei feinem Vortrag Deutsch­land erreicht. Er spielte nach einem neapolitanischen Lied, ohne sich einen Augenblick zu besinnen:

3d) hott' einen Kameraden ...

Er trug das Lied schlicht und mit Ausdruck vor. Es klang wie neu, es klang wie ein schönes Bekenntnis zwischen den Ordenssiemen der anderen und den geschminkten Frauen und dem Flüstern. Aber niemand konnte dieses Bekenntnis aus der anderen Welt, aus der Milotti kam, ablehnen. ' .... .....

Christine stand auf und ging auf Milotti zu. Er küßte ihr die Hand, und sie stand einen Augenblick neben ihm, eine schlanke Frau nut merk­würdig großen grauen Augen und einem starken, schönen Mund, neben

I einem blonden, säst zarten Monn, der sich wie auf einer Buhne für den I Beifall bedankte. ... . . ,

Beveridge tanzte einen langsamen Walzer mit Christine. Die Hausfrau bestand darauf, daß in der Musiksolge der tleinen 3azzkapelle immer ein Walzer enthalten sein mußte. .

Beveridge war größer als Christine. Sein dunkler Kopf war in der Höhe ihres rötlich-blonden Scheitels. Sie sah zu ihm auf.Beveridge, wir würden besser befreundet sein, wenn Sie weniger schlecht von Milottt sprachen.^n^e nid)t> haß er Charme hat? Aber er ist doch

fein Mann für Sie! Sie müßten in einem Schloß wohnen, müßten einen irischen Hunter reiten, Dienerschaft haben ..."

Aber, Beveridge, was sind Sie für ein Kind! Mit wem sollte ich das alles teilen?"

Mit mir", sagte Beveridge.

Beverige, Sie sollten das unterlassen; ich bin noch nicht zwei 3ahre verheiratet!" ,..

Lassen Sie sich scheiden, Frau Christine! Dieser Mann ... Schon, ich will nichts über ihn sagen, aber das will ich Ihnen sagen, daß er es sehr leicht verschmerzen wird. Ich liebe Sie, Christine, wie Sie nur ein Mann liebt! Ich werde von hier versetzt, wahrscheinlich werde ich zweiter Legationsrat in Madrid. Wir kaitten ein Haus auf Mallorca, blaues | Meer, Palmen ... Oh, Frau Christine, ich fahre in acht Tagen fort von

Berlin und komme nie wieder!"

Ich sollte Ihnen schon längst nicht zuhörem Beveridge, aber Sie haben schon bemerkt, ich höre so gern bunte Lieder." .

Langsam tanzten sie durch den Saal.So ist es ein Abschiedstanz, Beveridge. Ich bleibe bei Milottt, ich liebe Milotti, soviel ich lieben kann. Ich erschrecke manchmal vor mir selbst, Beveridge, ich erschrecke, daß ich Sie reden lasse "

Christine, ich liebe Sie! Christine, es kann nicht so ausgehen, daß man sich kennenlernt, daß Sie mir erlauben, Ihre Hand zu halten ... daß ..."

Es war sehr viel, daß ich Ihnen das erlaubte, und es geht Io aus.

Ihr kommt doch alle ins Elend, das sieht man dock) hier in Deutsch­land. Ich will nicht, daß Sie ins Elend kommen!"

Glaubt doch nur nicht, daß ihr euch heraushalten könnt! Unser Schick­sal ist euer Schicksal!"

Christine, die Musik hört auf, sie wartet nur daraus, daß wir zu tanzen aufhören. Wir sind das letzte Paar ... Christin«!"

So wollen wir aufhören, Beveridg«! Bringen Sie mir ein Glas Sekt, ich will auf Ihre glückliche Fahrt trinken!"

(Fortsetzung folgt.)