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Srdtag, den 28. Oktober
Nummer 8$
GietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Christine von ÄKloLLi
Roman von Rolf Brandt
Copyright bp August Scherl Nachfolger, Berlin
11. Fortsetzung.
„Es ist merkwürdig, wie du die Farben herausbetommst, Christine, und die Äehnlichkeit. Jedes Bild von dir ist ähnlich."
Christine antwortete nichts: sie sah über den Platz, den sie liebte, sie sah über die ferne Stadt, stand auf und lehnte die Stirn gegen di« Scheiben.
„Was ist denn, Christine?"
„Es ist, was ich übrigens eigentlich wußte, aber ich wollte es nicht wissen. Man kann ja nicht arbeiten, wenn man nicht Sicherheit hat. Hans, komm her, wir sind ganz fertig. Di« Bank schreibt, daß das Geld er- schöpft sei, und daß wir mit unserem letzten Scheck bereits überzogen haben."
„Und was ist mit den Aktien, die immerzu steigen?"
„Ach, Hans, doch nicht so schnell wie unsere Schecks. Es ist noch eine Kleinigkeit da, aber die Bank schätzt das Ganze für keine zweihundert Dollar mehr, das ist es dochl Hans, so muß man doch rechnen. Ich will dir sagen, der alte Graeser hat mir das Wissen um diese Dinge beigebracht schon vor anderthalb Jahren, noch bevor wir verheiratet waren. Ich habe es begriffen, als ich ein kleines Bild von Großvater verkaufte. Aber es hätte ja alles andere auch keinen Zweck gehabt. Schließlich find wir jetzt drin, das ist die Hauptsache! Außerdem haben wir-noch drei Bilder von Großvater, die werden nur nach Pfunden und Dollars verkauft. Davon kann man eine Weile leben. Inzwischen wird ja entweder die Welt untergehen oder einmal die Vernunft kommen. Hans, wenn ich nachdenke, kann ich nicht mehr malen. Cs ist schon gut."
Sie nahm die Briefe und trug sie in das Herrenzimmer. Als sie den Brief von der Bank auf den Schreibtisch legte, schwippte sie leicht mit der Hand darüber: „Es geht uns nicht anders als altenI Erschreckt hat es mich aber doch ein wenig, Hans."
Er streichelte ihre Hand, er streichelte ihr Haar, er sagte: „Christine, es geht doch alles gut. Wir werden uns ein wenig einschränken — und jetzt mußt du schlafen."
„3a, ich will heute abend gut aussehen. Ich werde Seiner Lordschaft einen echten Rucktasch verkaufen, ich habe nämlich keine Lust, mich einzuschränken, Hansl Denn arme Maler, das ist die Hölle, das wissen wir doch. Wir haben noch drei große Bilder. Ich werde eines davon verkaufen, aber in Pfunden, in englischen Pfunden, Hans. Das ist es, was der alte Graeser eigentlich gewollt hatte!"
Milottt deckte sie sorgfältig zu. Sie lächelte ihn an. ehe sie die Augen schloß. Als seine Hand beim Hochziehen der Decke in die Nähe ihres Kopfes kam, nahm sie den Handrücken und legte chn gegen ihre Wange.
„Es ist. eine verrückte Zeit, Hans, es ist eine schlecht« Zeit, aber wir wollen den Kopf oben behalten!"
In fünf Minuten war sie fest eingeschlafen.
Der Hausherr stand gleich am Eingang des ziemlich großen Vorzimmers und begrüßte jeden Gast mit einem Händedruck Zu seiner Rechten, ein wenig tiefer im Zimmer, stand Mylady, lächelnd und die Hand von Zeit zu Zeit ein wenig emporhebend zum Zeichen, daß sie einen Handkuß erlaubte. Die meisten Herren trugen breite Ordensbänder und lange Ketten, glitzernd von Gold und Steinen auf der Bruit. Der Ausschnitt der Damen war meist so frei bemessen, daß er an die Grenze des Möglichen ging.
Man sprach englisch und französisch. Die holländischen und polnischen Diplomaten, die auch zugegen waren, sprachen auch französisch.
Die Diener reichten Cocktails und Gläser mit Sorbet. Man trank stehend in irgendeiner Gruppe. Sie kannten sich fast alle, die paar Deutschen, die der Viscount zu einer Abendgesellschaft einlud, die Franzosen, die Polen und die Neutralen. Zwischen den Ministern und den Diplomaten sah man drei, vier Köpfe aus der Industrie.
Der Hausherr galt für deutschfreundlich. Es waren also an diesem Abend nur französische Herren da, die an Stelle von Gewalt die klügere Ueberredung setzen wollten.
Auf einem kleinen Tablett lag sauber ausgezeichnet die Tischordnung. Als der Hausherr Christine begrüßte, hielt er einen Augenblick ihre
Hand und sagte mit sehr großer Liebenswürdigkeit: ,Hch freue mich so sehr, daß Sie gekommen sind, Frau von Milottt. Ich freue mich immer, wenn Sie kommen." Und zu Hans von Milotti sagte er: „Mein junger F»und, ich hoffe, daß wir den Vorzug haben, im Laufe dtefes hoffentttch nicht allzu steifen Abends ein paar von Ihren entzückenden Liedern zu hören!"
Im nächsten Zimmer hing das große Bild von Lady Anne der Hausfrau, über einem sehr schönen Chtppendalesofa. Es war von dem berühmten englischen Porträtisten Sir William Orpen gemalt. Zwei Gemälde von James Whistler hingen an der gegenüberliegenden 2Bank
Christine stand vor dem Bilde der Hausfrau. Sie hatte das Porträt schon ein paarmal gesehen, aber jedesmal war sie aufs neue von der f ugen und überzeugenden Farbengebung berührt. Sie stand einen Augenblick allein, da stand schon der junge Attache Beoeridge neben ihr. Sie grüßte ihn leicht durch Kopfneigen und sah weiter auf das Bild
„Ein wunderbares Bild ynd eine wunderbare Frau", sagte Beoeridge
„Ein gutes Bild", sagte Christine. „Der Mann kannte seine Gren- zen und wußte mit der Farbe umzugehen. Jedesmal, wenn ich das Bild sehe, lerne ich."
„Oh, Sie haben genug von den Bildern Ihres Großvaters gelernt!"
Christine wandte sich von dem Bild ab und sah den jungen Diplomaten ruhig, aufmerksam an. „Nein, das stimmt nicht, Beveridgel Die Farbe war nicht die Hauptsache bet Großvater. Ich weiß heute, wie groß er roarJ Das sage ich Ihnen, obwohl ich die Enkelin bin. Aus seinen Bildern spricht menschliches Wissen um Natur, um Glück, um Leid, Beoeridge, aber mit Klugheit, so wie auf diesem Bilde dort, hat das nie etwas zu tun gehabt. Von Großvater kann man eigentlich überhaupt mchts lernen, von diesem Bild dort sehr viel."
_ Das Diner war kurz, aber es war ein repräfentables Essen, denn ber Botjchafter erhob sich, nahm sein Glas und trank auf den König und den Präsidenten des Reiches.
Man wahrte die englische Tradition. Nach dem Essen blieben die Herren noch fünf Minuten sitzen, und eine schwere Karaffe voll allen Portweins qing von Hand zu Hand. Jeder schenkte ein und hielt das Glas in der linken Hand, die rechte reichte die Karaffe weiter- sie durfte den Boden des Tisches nicht berühren, bis sie leer war.
Aber es war nur die Andeutung der alten englischen Sitte. Es wurde auch nicht ein unpassender Scherz erzählt. Der Hausherr setzte sich mit dem Portweinglas einen Augenblick zu dem deutschen Minister und sprach halblaut mit ihm über Politik. Dann erhoben sich alle Herren und gingen in den großen Saal mit den Bildern des Königs und der Königin von Großbritannien.
Nun waren die Gruppen in allen Räumen verteilt.
Der Viscount nötigte Christine zum Sitzen in dem kleinen Grünen Salon. Der Diener brachte Mokka und Likör.
" »Nun, was macht die Malerei? Gibt es genug Kluge, die sich malen lassen?"
„O ja", sagte Christine, „ich kann nicht klagen, Mylord. Aber sie sind so klug, daß sie schlecht bezahlen, wenn Sie schon so teilnahmsvoll fragen."
Der Diplomat strich lächelnd seinen kleinen, leicht ergrauten Spitzbart.
„Das liegt an den Umständen", sagte er. „Glauben Sie mir, ich gebe mir genug Mühe, eure Minister zu Überreden, diese Umstände zu ändern. Sie sollen ihre Druckmaschinen abstellen, die täglich neues Geld drucken, und es wird besser werden."
Christine lehnte sich zurück. Sie schlug die Beine übereinander; das dünne Kleid verschob sich. Der Viscount sah den schönen, langen Fuß, die schmale Fessel und die sanft ansteigende Linie der Wade.
Christine verschränkte die Hände über dem einen Knie, wie sie als junges Mädchen getan hatte. Sie sah den Lord mit einem sehr fanften Blick an, als sie sagte: „Wie nett, Mylord! Ich verstehe nichts von Politik, aber ich finde, daß dieses System, neue Scheine zu drucken, dl« einzige Möglichkeit ist, den würgenden Händen gewisser Politiker zu entgehen." '
„Oh, meine liebe junge Freundin, Sie verstehen schon etwas von der Politik, merke ich! Aber wir wollen nicht davon reden, ich hab« den ganzen Tag damit zu tun und muß mich nachher noch eine Stunde lang Ihren deutschen Herren widmen. Es ist ein entnervender Poften hier."
„War es in Konstantinopel bester?"
„Das war eine Finanzstellung. Außerdem, es war alles nicht so ernst. Außerdem, man war jünger.“
„Mylord, Sie sollten sich nicht beklagen. Ich habe, solange ich Mylord kenne, den Eindruck ..."
Christine beugte sich vor. Der Hausherr wandte mühsam die Augen von ihrem Gesicht. Es war doch wohl unhöflich, eine Dame so lang« anzufehen: „Welchen Eindruck?"


