Ausgabe 
28.3.1938
 
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Ihr wollt hort oben", stotterte der neue Meister,Ihr Ihr wollt"

Mauern", gab Elias Holl zur Antwort, ging an seinem verwirrten Nachfolger vorbei aus das Gerüst und tat sein Werk gleich den an­deren, die dem von ihm ersonnenen Bau mit dem Tun ihrer Hände dienten.

Nach Stunden erst wagte ein Geselle ihn zu fragen:Wie bringt Ihr «s nur fertig, daß Ihr gleich uns, denen Ihr bisher befohlen habt?"

Wenn ich die Wahl habe", schnitt Elias Holl dem Fragenden die Rede ab,wenn ich die Wahl habe, als Meister oder Geselle bei einem Bau zu arbeiten, dann sage ich wie könnt' es anders sein: .Meistert Wenn aber die Frage io vor mir steht: Mauern oder Nichtmauern?, dann antworte ich: .Mauern'. Auch das ist selbstverständlich. Spar also Dir und mir die weiteren Worte! Gemauert muß werden. In Zeiten der Not noch mehr und, sofern es möglich ist, noch besser als in Zeiten des Glücks. Gemauert muß werden."

Lied im März.

Von Wilhelm Luetjens.

Singe nun, hoffende Seele, in den steigenden März!

Horch, in der schlagenden Kehle jubelt der Vögel Herz!

In den erwachenden Wäldern tropft es und taut es gelind, und über Aeckern und Feldern Wiegt sich der stürmische Wind.

Wieder schmilzt an den Rändern der Aecker der letzte Schnee.

Wolken gleich lichten Gewändern spiegeln sich silbern im See, da schon am stillen Gestade keimendes Leben sich drängt O ihr verschwiegenen Pfade, die ihr den Frühling verschenkt!

Einmal ruhevoll schreiten durch den unruhig stürmenden Tag, Sinne und Seele sich weiten fühlen im Amselschlag: Wiegt es das lange Verlangen der wartenden Tage nicht auf?

Das durch den Winter gegangen, hoffendes Herz, wach auf!

Weltfahrer Zürn.

Eine Frühlingsgeschichte von Gertrud Papendick.

Es war im November, als er antrat, an einem trüben, nassen Morgen, der der Welt nur scheu das verdrossene Gesicht zeigte. Er kam ohne An­kündigung und Vorbereitung, er schob sich zur Tür hinein und trat auf seinen klappernden Holzschuhen, die deckellose Büchertasche unter den Arm geklemmt, völlig unbekümmert und unbefangen in die Schulstube, in der das Gelichter des jüngsten Jahrgangs schon vollzählig und gerade eben leidlich gesammelt in den Bänken hockte. Man war in der Fibel schon beim großeli B: Baum, Boden, Base, Braten. Das war schwer und vielleicht nicht sehr unterhaltend. Darum drehten sich die fünfzig struppigen Jungen- köpfe, in deren Menge ein weißliches Blond die herrschende Farbe war, im Augenblick ohne Ausnahme zur Tür.Kiek em", sagte einer flüsternd und stieß den Nachbar an,do is hei."

Sic kannten ihn alle, wie eben Kinder der Gasse, Spießgesellen einer Bande einander kennen. Nur der junge Lehrer, der Herr Gillweit hieß, kannte ihn nicht. Der war frisch vom Lande herversetzt, vor ein paar Wochen erst, und war diesem Winkel der Stadt und dem ihm eigentüm­lichen Leben und Wesen ganz und gar fremd. Er sah erstaunt zu, wie dieser Eindringling sich mit selbstverständlicher, schweigsamer Gelassenheit die leere hinterste Bank als Herrensitz erkor.He!" rief er über die Klasse btnroea. denn er mußte ja doch sein Hausrecht wahren.Was willst du denn?"

Der Junge stand schwerfällig auf:Ick bin nu all wedder do."

Komm mal her!"

Da kam er denn unter dem fortwährenden Klickklack seiner Holzpcin- tofseln gemächlich nach vorn und blieb vor dem Katheder stehen. Und nun fiel es ihm auch ein, daß es vielleicht angebracht sein könnte, die Mutze vom Kops zu ziehen.

. , -«Uten Tag, mein Sohn", sagte der Lehrer Gillweit freundlich und tnterefftert,wie heißt du denn?" -Iüm Gries."So Na und sonst?"

Iüm stand und sah ihn aus seinen versonnenen blauen Augen ernsthaft an. Vielleicht wurde es ihm klar, daß man hier in der Schule ja eine andere Sprache redete als zu Hause aus dem KahnPhiladelphia" auf dem Wasser, unter den Flößern und bei der Großmutter in Schmalle-

nlngten. Es war ble Winkeksprache, auf die er sich erst wieder besinnen mußte.Die Mutter schickt mich", sagte er endlich,ich soll nu wieder kommen."

Das war also Iüm Gries, Sohn des Schiffers Peter Gries, neun Jahre alt, wohnhaft auf dem KahnPhiladelphia". Der KahnPhiladelphia" lag den Winter hindurch am Holsteiner Damm. Aber den lieben, langen Sommer durch, von den ersten warmen Tagen bis in den späten Herbst hinein, war er zu Wasser unterwegs. Ein Dampfer spannte sich vor und schleppte ihn. Es ging den Pregel aufwärts, und dann die Deime hinunter, durch den Friedrichsgraben und durch die Gilge in die Meine! und dann immer weiter stromauf bis dahin, wo die Leute Litauisch sprachen und die großen Wälder standen, aus denen Peter Gries auf dem KahnPhila­delphia" das Holz abwärts führte bis zu den Königsberger Lagerplätzen. Iüm mußte mit, es wäre wohl nicht gegangen ohne ihn: und wo hätte er auch bleiben sollen? So kam es, daß er immer nur im Winter zur Schule ging, und daß er, so groß er war, immer noch in der Fibel las. Und da war auch wenig Aussicht, daß er jemals herauskommen würde. Denn was er im Winter mühsam ergriffen hatte, das flog ihm im Sommer auf der Memel vom KahnPhiladelphia" auf und davon.

Iüm Gries faß wie ein Riese unter den sechsjährigen Stiften der untersten Klasse. Sie (jattejj etwas wie Ehrfurcht vor ihm, wennschon seine Lesekunst einer Fahrt über gefrorenen Sturzacker glich und das Rechnen bei ihm eine ganz und gar hoffnungslose Sache war. Aber da war die körperliche Ueberlegenheit, und da war der Hauch des Abenteuers um den Weltfahrer vom KahnPhiladelphia".

Iüm Gries sprach nie davon, aber er träumte in der winterlichen Schulstube seinen Sommertraum: Die Dampfpfeife schrie, der Dampfer zog an, und der KahnPhiladelphia", Rer den Winter über im Eise feft« gesessen hatte, setzte sich langsam in Bewegung. Der Himmel war blau, und das Wasser glänzte in der Sonne. Iüm lief hin und her und winkte und schrie, und Troll, der schwarze Spitz, sprang hinter ihm her und klässte wie besessen Es ging durch die Brücken und zwischen den Häusern hin, es ging hinaus, die Stadt wurde kleiner und ferner und verschwand. Da waren Bäume am Ufer, und da waren Wiesen und einmal ein Haus mit einem Garten und einmal eine Mühle und einmal ein ganzes Dorf. Und alles zog wieder vorbei. Und da kamen Dampfer vorüber und kleine Ruderboote, die auf den Kielwcllen schaukelten, und Segelboote mit der ganzen Wäsche norm Wind. Das war ein Leben--

Es war gegen Ende Februar, daß der Lehrer Gillweit einmal sagte: Iüm, wenn wir bis Mitte März Frost behalten, mußt du schon ohne die Finger rechnen können." Er hätte das lieber nicht sagen sollen. Er verriet sich damit an die launischen Mächte der Natur, die es gar zu gern mit mit den Toren halten Zwei Tage danach schlug das Wetter um. Ein beulender Tauwind fuhr den Pregel hinauf, das Eis zerbarst und schwand «hin. Und dann kam die Sonne

Cs war dann eines Margens um die Mitte März, drei Wochen vor Ostern, man war in der Fibel schon bei den schwierigsten Sätzen: Albert schenkt mir einen Apfel" undGute Kinder zanken sich nicht" an einem Morgen, da in der Luft etwas war, das nach Erde roch und nach Frühling schmeckte, da kam Iüm zu spät zur Schule. Er trat bis lum Katheder vor und zog ein paarmal heftig mit der Nase, indem er dem Lehrer starr ins Gesicht sah:Ich komm nu morgen nid) mehr."

Was?" sagte der Lehrer Gillweit erschrocken und zornig,was soll das heißen?"

Iüm sah ihn aus seinen blauen Augen ungerührt an. Dabei suchte er in den Taschen, zuerst in der rechten, da war er nicht, dann in der linken und brachte ihn heraus, einen kleinen, zusammengefalteten Zettel. Den legte er vor den Lehrer Gillweit schweigend auf den Tisch. Der nahm ihn und las, was da von Peter Gries mit wuchtiger Hand geschrieben und achtungsvoll unterzeichnet stand:Geehrter Herr Lehrer. Ich melde meinen Sohn Iüm hiermit von der Schule ab, weil morgen unsere Schiff­fahrt anfängt."

So", sagte der Lehrer Gillweit. Was hätte er auch weiter sagen sollen? Wenn Peter Gries kundtat, daß feine Schiffahrt anfing, fo hätte man sich einfach danach zu richten. Darum schüttelte er nur hilflos den Kopf:Iüm, und das Rechnen?"

Da machte Iüm. der noch immer unbeweglich dastand. aus der Jülle feines Freiheitsgefühles heraus ein großartiges Zugeständnis. Vielleicht fühlte er dunkel, daß er in dieser Lage etwas wie einen Troll svenden mußte.Mutter sagt", begann er stockend,wenn wir nach Schmalleningken kommen bei Großmutter, denn soll ich vielleicht da in die Schule gehen."

Am nächsten Morgen war die hinterste Bank leer. Ein leuchtender Frühlingshimmel stand über dem Pregel, und die Sonne schien in die dumpfe Schulstube, in der die Jungen die Kövfe über die Tafeln beuchen und mit den Griffeln auietschend auf dem Schiefer entlangfuhren. Der Lehrer Gillweit ging geduldig von Bank zu Bank Und dabei dachte er immerzu an einen, der es an diesem Morgen besser hatte als er. Der fuhr auf einem Schleppkahn in die sonnige Welt hinaus und ließ alles hinter sich. Ihn ober band derselbe unveränderliche Alltag voll Pflicht und Verantwortlichkeit heute wie gestern, sommers und winters, jahraus, jahrein. Der junge Lehrer Gillweit, der der Stph feiner alten Muller und ein freudiger Täter feines Amtes war. gestand es sich mit Beschä­mung und Verwunderung, doß er in dieser Stunde all die Sicherheit und bescheidene Würde seiner Stellung, die gewohnte und vertraute Fesselung des Bürgerlichen, mit Freuden hingegeben hätte für die glückselige Freiheit eines armen, schmutzigen, unwissenden Schifferkindes.

Es war Torheit gewiß. Torheit der Seele, die da Sehnsucht heißt und von Wanderschaft und Weite und fernen, verhangenen Zielen träumt, lorheit des Blutes, die auch im Mann, dessen Leben längst gelandet und gebunden ist, wohl noch e'nmal brennt an einem Tag, wie dieser es war: ba die erste Lerche -nm Himmel stieg, da der Wind wie ein jauchzendes Lied durch alle Gassen strich und auf blankem, blauendem Wasser der KahnPhiladelphia" seine Frühlingsfahrt antrat.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.