Zm Volksion.
Von Theodor Storm. Als Ich dich kaum gefehn, Mußt' es mein Herz gestehn, Ich könnt' dir nimmermehr Vorübergehn.
-Füllt nun der Sternenschein Nachts in mein Kämmerlein, Lieg' ich und schlafe nicht Und denke dein.
Ist doch die Seele mein So ganz geworden dein, Zittert in deiner Hand, Tu ihr kein Leid.
Gemauert muß werden.
Erzählung von Hans Franck.
Dreißig Jahre lang hatte Elias Holl seiner Vaterstadt Augsburg als Stadtwerlmeijter gedient. Kaum noch zu zählen waren die Bauten, welche er in den Himmel hinaufführte und in die'Erde hinabtrieb, die Türme, mit welchen er den Wassern Wege wies und die Mauern bewehrte. Nicht allein in Treuen und mit Fleiß, wie es von manchem feiner Vorgänger geschah, war dieser Dienst vollführt worden; sondern durch eine schöpferische Kraft, die keiner von ihnen allen aufbringen konnte. Denn Elias Holl gelang, was nur wenige Baumeister zu vollbringen vermögen: der Stadt, die ihn nach seinem Willen und Einsehen schaffen lieh, ein wohlabgestimmtes Gesicht zu geben, das sich über Jahrhunderte hinweg erhalten hat. Das Giehhaus und das Beckenhaus, das Zeughaus und das Siegelhaus, der Eisenhammer und die Papiermühle, die Metzger und die Hammerschmiede dienten dem täglichen Leben der Bürger. Kirchtürme, Brücken und Tore wiesen über den Alltag hinaus. Der erhöhte Perlach war zum Zeichen der Stadt geworden. Und das Rathaus welches in jahrzehntelangem Ringen mit den Gesetzen der Form und den Widerständen des Dinglichen über alle diese Bauten hinauswuchs, krönte ein Lebenswerk, dem Zeitwandel nichts.anhaben konnte.
Dreißig Jahre lang hatte Elias Holl seiner Vaterstadt Augsburg als Stadtwerkmeister gedient. Und er freute sich nun, daß er hinfort wenigstens etwas Weile bekommen würde, denn er war über seinem unablässigen Bauen 58 Jahre alt geworden, lo daß die Augen der zeichnenden Hand nicht mehr wie ehedem zu Willen sein wollten. Auch war ihm mancherlei menschliches Leid widerfahren. Seine erste Frau, die Barbara Burckartin, hatte acht von den neun Kindern, die er aus ihr erweckte, in den Sarg legen müssen und war ihnen dann auf dem Fuße zu der dunklen Erdenkammer gefolgt, die seiner noch wartete. So war er, um seine Haushaltung recht führen zu können,' gezwungen gewesen, eine zweite Frau zu nehmen. Diese, Rosina Reischlen, hatte ihm dreizehn Kinder geboren, von denen wiederum nahezu die Hälfte vor Vater und Mutter dahinstarben. Doch befand sie selber sich noch bei guter Gesundheit: und da sich ihre auf Erden verbliebenen Nachkommen als fleißig und tüchtig erwiesen, so hoffte Elias Holl, mit sechzig Jahren den Eingang zu einem geruhigen Lebensabend zu finden.
Es begab sich jedoch, daß in dem schlimmsten aller deutschen Kriege, der schon länger als zehn Jahre wütete, ohne daß man fein Ende absehen konnte, Kaiser Ferdinand II. die Oberhand gewann und sich verschwor, er werde das Restitutionsedikt, welches von allen Deutschen Rückkehr zum päpstlichen Glauben forderte, koste es was es wolle, durchführen. Bei Augsburg sollte der unmihdeutbare Anfang gemacht werden. Demzufolge erhielt dessen Bischof die verbriefte Macht, di« weitere Ausübung der Recht« des Augsburger Religionsfriedens zu verhindern und sämtliche Bürger dem katholischen Glauben, als dem alleinseligmachenden, wieder zuzuführen. Notfalls mit Gewalt! Die Stadtpfleger wurden angewiesen, ihn dabei mit der.welttichen Macht nachdrücklich zu unterstützen.
Infolgedessen verließen alle evangelischen Prediger Augsburg. Die Kirchen, in denen sie Gottes Wort auf Grund der Bibel verkündigt hatten, wurden geschlossen. Trotzdem verbot man — ihrer inständigen Bitten ungeachtet — den Protestanten, der Stadt den Rücken zu kehren. Sie halten vielmehr bei Strafe an Hab und Gut, an Leib und Leben hinfort die katholischen Kirchen zu besuchen. Jene evangelischen Männer aber, die im öffentlichen Dienste Augsburgs tätig waren, stellte man vor die Wahl: Entweder papistisch werden — oder des Amtes verlustig gehen! Manche fügten sich der obrigkeitlichen Gewalt und gaben um des Brotes willen ihren Glauben hin. Andere blieben bei der Lehre Martin Luthers, nahmen lieber Armut und Elend, Schande und Verfolgung auf sich, als daß sie Gott verleugneten. Zu, ihnen zählte auch der Augsburger Stadt- toerhneiftcr.
So ging denn Elias Holl nicht, wie er sehnlich erhofft hatte, durch eine schmale Pforte in den wohlbestellten Garten der Altersruhe ein. Sondern er wurde mit unzähligen Anderen durch eines der breiten Zeittore in die Unruhe und die Armseligkeit letzter Lebensjahre hinausgetrieben, denen nur wenige mit Haltung zu begegnen wissen.
Alldieweil er feinem Glauben nicht untreu werden wollte, erklärte man den Augsburger Stadtwerkmeister feines Amtes verlustig. Das geschah bei ihm in Ehren. Denn die Urkunde, welche darüber angefertigt wurde, hatte folgenden Wortlaut: „Wir Pfleger, Baumeister und Räthe des heil. Röm. Reichs Stadt Augsburg bekennen und thun kund männiglich mit diesem Brief, wie daß Elias Holl Uns und Gemeiner Stabt als ein Werkmeister in das 30. Jahr treulich, aufrecht, redlich, fleißig und willig ge- bienet, ansehnliche Gebäu allhier gesüyret und in feiner anbefohlenen
Verrichtung sich also verhalten, daß Uns selnethalb kein Klag sürkommen, Demnach er aber dem Kqjserlich Mandat mit Besuchung und Anhörung der Catholischen Predigten kein schuldigen Gehorsam leisten wollen, so ist er vermög nechst Kaiserlichen Befehl der obberührten Werkmeisters Stell — doch in allweg feinem ehrlichen guten hergebrachten Namen ohne Schaden — entkiffen, und ihm auf fein Begehren dieser Abschied unter gemeiner Stadt Jnnsiegel mitgetheilt worden. Geben den 14. Januarii, als man zehlt nach Christi unseres liebreichen Erlösers und Seligmachers Geburt 1630."
Inmitten der vielen Worte stand also eines, das Elias Holls weiteres Lebensschicksal entschied; eines, das Anerkennung zwar umkränzen, Gerede freilich bezopfen konnte, das aber nicht wegzuhören war: „entasten".
Der Augsburger Stabtbaumeifter aber verwies diesem Wort den Zugang zu dem Gebäude seiner Sprache. Denn Folgendes schrieb er in die schon von seinem Urahn begonnene Familienchronik hinein: „Dieses 1631. Jahr den 20. Januar haben meine Herren mit Elias Holl, der ich durch göttlichen Beystand in das 30. Jahr allhie zu Augsburg bestellter Werkmeister gewesen, um wegen daß ich nit in die päpstlichen Kirchen gehen, meine wahre Religion nit verläugnen und wie man es genannt, nit bequemen wollte, beurlaubt."
„Entlassen" — „beurlaubt": um diese beiden Worte ging während der nächsten Jahre der Kampf Elias Holls und feiner Vaterstadt. Er wurde von feiten der Oberen mit der schmutzigsten sämtlicher irdischen Waffen geführt, mit der Waffe des Geldes.
Elias Holl hatte nämlich alles, was er in dreißig Jahren ersparte, der Stadtkasse um Fünf vom Hundert Zins hingeliehen. Jetzt verlangte er fein Geld mit der Begründung zurück, daß er auswandern wolle; und zwar in ein Land, wo es nicht als Verbrechen erachtet werde, wenn ein Mann [einem Glauben die Treue halte. 12 000 Gulden — 8000 vor 15 Jahren, 4000 Gulden vor acht Jahren hinterlegt — habe er rechtens zu fordern.
Man machte dawider geltend: Als ungehorsamer Sohn der Stadt Augsburg habe er zu verlangen überhaupt nichts. Auch hätte das Kapital bei der Hergabe in viel zu hohem Goldeswert gestanden. Man wolle in- beffen Gnade vor Recht ergehen lasten und ihm die Hälfte, 6000 Gulden, zur Rückzahlung bewilligen. In Form eines Schuldscheines. Denn bares Geld könne ihm ebenso wenig zugebilligt werden wie die Erlaubnis zum Verlassen der Stabt.
Zähneknirschend nahm Elias Holl den Schuldschein über 6000 Gulden an. Doch war es damit des Schadens und der Demütigung bei weitem noch nicht genug. Weil er von jener Stadt, welcher er „treulich, aufrecht, redlich, fleißig und willig" 30 Jahre lang gedient und durch feine fcyöpfe- rlfche Kraft ihr unvergängliches Gesicht gegeben hatte, hinfort keinerlei Zahlung erhielt, die Bürger aber der schlimmen Kriegsläufte wegen nicht mehr bauen konnten: so wußte der Davongejagte bald nicht mher, womit er Frau und Kinder fälligen solle. Um sie nicht Hunger leiden zu lasten, sah er sich genötigt, den Schuldschein über 6000 Gulden, welchen er für die gesamten Ersparnisse seines Lebens, 12 000 Gulden, hatte hinnehmen müssen, um 2000 Gulden zu verkaufen.
Inzwischen hatten sich jene evangelischen Fürsten, die dem Restitutions- edikt den geforderten Gehorsam verweigerten, an Gustav Adolf gewandt. Der kam mit einem Heer von Schweden aus nach Deutschland und erfocht Sieg nach Sieg über die Truppen Kaiser Ferdinands. Bis nach Augsburg drang er schließlich vor. Da wurden gemäß dem Befehl des Schwedenkönigs auch dort alle Dinge umgekehrt, der Zwang In Sachen des Glaubens für nichtig erklärt und sämtliche Aemter mit evangelischen Männern besetzt.
Uederhäuft mit Ehren kehrte Elias Holl in feinen Dienst als Stadt- werkrneifter Augsburgs zurück. Hinfort konnte er also von Neuem bas tun, was Inhalt und Sinn, Aufgabe und Zweck, Berufung und Beruf feines irdischen Daseins war: bauen — bauen. Um dos Versäumte nachzuholen, muhte er jetzt so rastlos schaffen — daß er — nach seinen eigenen Worten — „weder Tag noch Nacht eine Ruh gehabt."
Als aber anno 1632 Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen fiel, die katholischen Heere wiederum die Oberhand behielten und Kaiser Ferdinand II. zornerfüllt noch härtere Befehle als vordem zur Wiedereinführung des katholischen Glaubens in ganz Deutschland erließ: da verlor Elias Holl sein Amt zum zweiten Male. Jetzt achtete man weder feine Jahre noch die Leistung seines Lebens. Obwohl er sich nicht weigerte, zu gehen, zerrte man ihn mit Gewalt von dem Bau herab, an welchem feine Maurer, seine Mörtelrührer, seine Handlanger arbeiteten. Man sparte mit Püffen und Knüffen, mit Schelten und Schimpf nicht.
Es war an einem Samstag, kurz vor der Feierstunde, da dieses sich begab. So hatte denn Elias Holl den ganzen Sonntag über Zeit, mit sich und mit seinem Gott zu beraten, was hinfort geschehen solle. Wohin aber auch immer er in alle erdenkbaren Richtungen gehen, wie weit er sich in das Unwegsame verlieren mochte, stets kehrte der Suchende zu dem Aus- gangspuntt zurück: ,Ein drittes Mal werden sie, gleichviel, welches Ende die Händel der Welt nehmen, ein drittes Mal werden sie mich nicht zum Stabtwerkmeifter bestellen.'
Also erschien am Montagmorgen auf dem burch Elias Holl entworfenen jüngsten städtifchen Augsburger Bau, von welchem man vor zwei Tagen um des Glaubens willen feilten Schöpfer fortjagte, mit Kelle und Wasserwaage ein Maurer, den niemand gelinget hatte.
Der neue Meister ging auf ihn zu und fragte: Was er wolle?
„Mauern", lautete die Antwort des Ankömmlings, der sich anschickte, nach diesem Worte weiterzugehen.
Aber sie seien ja über den Lohn noch nicht einig! hielt der Meister ihn zurück. Er brauch« freilich Hilf«. Denn bei seinem Vorgänger wäre die Arbeit nicht vom Fleck gegangen. Kein Wunder! Wie könne man richtig bauen, wenn man nicht den richtigen Glauben habe! Er dürfe gerne bleiben. Zunächst aber müße man sich über den Lohn —
„Nicht nötig; ich weiß, was man zu Augsburg auf einem Bau zahlt, bester als irgendwer in der Stadt", fiel der Maurer ein und hob langsam das von einem breiten Gefellenhut beschattete, übernächtig blasse Gesicht.


