setzt sich. Der Kaiser gibt dem Zeremonienmeister das Zeichen zum Beginn des Balles, der gibt das Zeichen an den Vortänzer weiter, dieser winkt der Kapelle. Der Marsch bricht ab, ein Walzer ertönt.
Bernd will mit Lexe tanzen, aber sie ist schon fort, dreht sich mit einem der jungen Leutnants. Da sucht er mit den Augen Irene und findet fie. Sie steht dicht neben dem Thron im Gespräch mit dem englischen Botschafter.
Cr wendet sich ab und geht auf die Empore, um sich das Fest von oben anzusehen.
Der Walzer ist vorüber, die Paare sammeln sich zur ersten Quadrille. Das ganze weite Viereck des Saales füllt sich mit wohlgeschloffenen Karrees, fast preußisch-militärisch ausgerichtet. Der Tanz beginnt. Durch den ganzen Raum geht ein gleichmäßiges Schreiten, ein gleichmäßiges Neigen, taufend Verbeugungen, tausend tiefe Knickse im gleichen Augenblick, befohlen vom Takt der Musik.
Bernd sucht einzelne Gestalten in der tanzenden Menge zu erkennen. Da leuchtet Lexes gelbes Kleid ganz vorn in der ersten Reihe, dicht vor dem Thron, sie tanzt mit dem Grafen Engstedt von den Gardes- dukorps; Bernd kennt ihn, er ist Schlesier, zweiter oder dritter Sohn des Majoratsherrn auf Bärenfelde und Larifch, und verkehrt im Czeh- schen Haufe. Cs paßt Bernd nicht,'daß er Lexes Partner ist, denn er weiß, die Engstedts leben alle auf zu großem Fuß, sie sollen mehr Schulden haben, als der Besitz tragen kann.
Bernd tritt von feinem Platz an der Balustrade der Empore zurück und geht wieder in den Weihen Saal hinunter. Er ist verstimmt.
„Was sollen eigentlich diese Festes" fragt er sich. „Repräsentative Pflichten des Hofes", sagt man; sie sollen den Glanz der Krone erweisen, sollen den Reichtum und die Macht des Herrscherhauses den auswärtigen Vertretern vor Augen führen. Das ist wohl nötig, vielleicht sogar richtig; gleiche offizielle Feste gibt es in allen Hauptstädten der Welt, und überall gibt es auch eine sogenannte Gesellschaft, eine Gruppe Bevorzugter. Aber wer ist jetzt eigentlich bevorzugt? In Preußen öffnet noch das Adelsprädikat die Tore zum Schloß, aber ist der Begriff des Adels nicht schon stark verwässert? Früher wurde geadelt, wer ein Verdienst um Krone und Vaterland hatte; er und fein Geschlecht durfte das Haus des Herrschers betreten. Sind heute noch Verdienst und Blut ausschlaggebend? Spielt ein anderes nicht bereits die größere Rolle: das Geld? Zum Schwert- und Landadel ist erst der Jndustrieadel hinzugekommen; jetzt folgte ihm der Geldadel. Gewiß: man witzelt über ihn. Man hat gelacht, als in diesem Jahr aus einem Hofball als Einzugsmarsch der Marsch aus der Oper „Judas Makkabäus" gespielt wurde: „Tochter Zions freue dich". Man vermeidet, wenn man auf sich hält, auch die Häuser der geadelten Emporkömmlinge, obgleich sie dank ihrer frischgemalten Wappen zu Hofe zugelaffen sind. Wer der Stachel fitzt im Fleisch des Adels; die Vormacht des Geldes verdirbt den Ton und oft auch die Gesinnung. Noch immer gilt die Kabinettsoröer: „Je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, desto mehr muß der Offizier bestrebt fein ..." Aber Luxus und Wohlleben greifen um sich. Es gibt schon genug Leutnants, die sich die Familien, bei denen sie Besuch machen, nach der Güte der Diners und dem Glanz der Bälle aussuchen, es gibt aber auch genug Familien alten guten Adels mit großen Verdiensten um Krone und Vaterland, die sich vom Hofe zurückziehen, weil sie den Aufwand, der mit solchen Festen verbunden ist, nicht bezahlen können. Da stimmt vieles nicht mehr. Was nützt es, wenn im Saal des Königlichen Schlaffes sich die Karrees der Tanzenden in preußisch-militärischer Ordnung ausbauen, die Ordnung aber nur äußerlich ist und nicht im Inneren steckt? Ist es nicht schon so weit, daß der, der Geld, aber keine Verdienste hat, mehr Ansehen genießt als der mit Verdiensten, aber ohne Geld?
Das Wort „Armer Adel kann uns nichts nützen" soll bereits gefallen fein. Im Kasino von Bernds Regiment hat man es sich flüsternd erzählt, und sie haben sich tief, beleidigt gefühlt. Sie sind alle arme Adlige in seinem Offizierskorps,' aber sie tragen Namen, Hie mehr als einmal in der Geschichte Preußens eine Rolle gespielt haben. Von Fehrbellin bis Sedan bluteten ihre Vorfahren auf den Schlachtfeldern. Zum Bluten sind fie wohl auch heute noch gut genug. Bittere Worte sind an jenem Abend gefallen, obgleich in keinem von ihnen auch nur der Hauch eines Zweifels war, daß fie im nächsten Krieg ihr Leben freudig wieder hingeben werden. Ader es ist doch schon Kritik da, und Kritik reißt Breschen.
Bernds Augen sehen scharf an diesem Abend. Sie suchen sich auf den Podien und Emporen die Geldmenschen heraus, erkennen die reichen Frauen an der Fülle ihres Schmucks; da ist manches Diadem, das einst der Stolz alter Adelsfamilien war und heute hier auf dem Hofball im Königsschloß das Haar einer Dame des neuen Geldadels ziert, weil die ehemaligen Besitzer es verkaufen muhten. Gegenstände, die Preußens Könige ihren Ministern und Generalen für ihre Verdienste um die Krone fchenklen, liegen jetzt in den Sammlungen von Bankiers und Kaufleuten, wertvolle, altererbte Möbel aus den Schlössern des landgesessenen Adels wandern in die Salons der Neubauten in der Viktoriastraße und in der Grunewaldkolonie.
Das Geld herrscht, und seine Herrschaft wird mit jedem Jahr vordringlicher. Das kann zu keinem guten Ende führen.
Menschen der gleichen Rasse aber, deren Abkömmlinge sich im Glanz ihres neuen Adels und in der Güte ihres Herrschers sonnen, hetzen in den Zeitungen gegen Krone und Vaterland, rufen die Arbeiter zu Streiks auf, versuchen auf dem Lande zu wühlen, um Bauer und Knecht dem Gutsherrn zu entfremden. Noch gelingt es ihnen nicht, die alten Bande dort zu zerreißen, noch hält die Ueberlieferung, aber die jüdischen Zeitungen locken mit Phrasen und verlogenen Versprechungen; ihr Geist zersetzt und untergräbt, und es scheint hiemand da zu sein, der sich seinem Wirken entgegenstemmt.
Und im Saal folgt Tanz auf Tanz.
Der Kaiser hat die Stufen des Thrones verlassen und Ist in die Reihen des Diplomatischen Korps getreten. Er spricht mit den Botschaftern Frankreichs, Rußlands, Englands. Die auswärtigen Beziehungen scheinen ja in bester Ordnung. Das Jahr 1913 hat der deutschen Diplomatie außerordentliche Erfolge gebracht. Der Zar ist zur Hochzeit der Prinzessin Viktoria Luise nach Berlin gekommen und hat mit dem Kaiserlichen Beiter Friedensversicherungen ausgetauscht, England hat aus Wunsch Deutschlands von der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht Abstand genommen; nach diesen zwei Seiten ist man gesichert, was tut es da, daß in Frankreich der große Deutschenhasser Poincare zum Präsidenten der Republik gewählt und durch Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit das Heer abermals verstärkt wurde? Der Zar hat versichert, daß die geheime Militärkonvenlion, die er mit Frankreich schloß, ein reiner Desensivpakt sei. Die Wolken, die sich über Marokko ballten, sind längst verflogen, die Panther-Afsäre ist vergessen, der Dreibund ist vorzeitig erneuert. Das Gleichgewicht Europas ist gesichert.
Man kann wirklich tanzen, froh (ein und lachen.
Im Generalstab ist man, das weiß Bernd, allerdings anderer Meinung. Niemand ist dort zufrieden mit der deutschen Heeresvermehrung des letzten Jahres, die die Friedensstärke auf 675 000 Mann festfetzle, aber bei weitem die Wehrkraft des Volkes nicht ausnutzt. Die allgemeine Ansicht am Königsplatz geht dahin, daß man sich nicht vorn Zentrum und der Sozialdemokratie hätte in die Enge treiben lassen öürfen, sondern zwei volle Armeekorps mehr hätte aufstellen müssen. Man rechnet mit dem Zweifrontenkrieg in der Aufmarfchabteilung, man sieht voll Sorge, wie Rußland mit französischem Geld strategische Bahnen an die deutsche Grenze vorstreckt, man nimmt die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Belgien nicht auf die leichte Schulter, hat sehr genaue Nachrichten darüber, daß der Ausbau der Festungen Lüttich und Namur auf sranzösisches Betreiben und mit Unterstützung französischer Militäringenieure und mit Geldmitteln aus Paris erfolgt. „Sehen Sie sich die Tanzerei im Schloß ruhig an", hat Herste früh ein älterer Kamerad zu Wallnitz gesagt, ,chie Leutchen dort tanzen auf einem Vulkan. Wenn er zu spucken anfqngt, haben wir Soldaten es auszubaden."
Die Souperpause kommt.
Der Hof, die Diplomaten, die Würdenträger des Staates, die Generale und Stabsoffiziere speisen in den oberen Räumen, in den Sälen und Kammern, die sich an die Bildergalerie anfchließen, die Jugend flutet über die Kapellentreppe ein Stockwerk tiefer, wo in vielen Zimmern nach der Schloßplatzseite hin kleine Tische für sechs bis zehn Personen gedeckt sind. Hier ist nicht die blendend strahlende Helle wie oben im Weißen Saal, sondern gedämpftes behagliches Licht. Man hat sich rechtzeitig Plätze gesichert, sitzt wieder nach Regimentern geordnet. Bernd weih, daß Idenburg von den Maikäfern Lexe führen wird; er wartet auf sie und etzi sich an ihre rechte Seite. Die Leutnants achten in ihm den Melieren; es bedeutet etwas, in den Generalftab kommandiert zu fein, auf solche Kameraden ist das Offizierkorps stolz, besonders wenn sie wie Bernd keine Mauer von Würde um sich bannen.
Lexes Wangen sind vom Tanz gerötet, ihr Atem geht schnell. „Einen Durst hab' ich ..." sagt sie und fetzt das Glas an.
„Erft etwas effen", mahnt er.
Sie lacht. „Nicht so streng fein, hoher Herr."
Hoher Herr, denkt Bernd, hoher Herr? Wer jagte doch einst „hoher Herr" zu ihm?
Man muß schnell essen bei Hofe. Wer Messer und Gabel niederlegt, dem nimmt der Lakai den Teller fort, auch wenn er noch nicht leer ist. Cs gibt ein kaltes Souper: gekühlte Fleischbrühe, Hummer, kalke Poularde, Eis. Die Lakaien reichen die Schüsseln, gießen Rheinwein und Sekt in die Gläser.
Sehr froh, fast ausgelassen luftig ist man. Die Jugend ist hier ja unter sich; alle Vorgesetzten, Schrdnzen und Mütter sitzen oben an feierlichen Tafeln, bis zu denen kein Ton bringt, selbst wenn man einmal lauter wird. Nur ab und an geht ein Kammerherr prüfend durch die Räume.
Bernds Unmut ist verflogen. Er ist froh mit den Frohen. Der Wein macht den Sinn leicht und die Schatten licht.
„Nach Tisch bekomme ich meinen Walzer, Lexe?"
,^Jst schon vorgemerkt."
Man steht auf, drängt wieder treppauf, denn nach Tisch sind wenige Minuten auch oben im Saal frei vom höfischen Zeremoniell. Da darf Walzer getanzt werden, richtiger schleifender Walzer, rechts und links im Wechsel, bis dis Majestäten von der Tafel zurückkehren und wieder der schnelle Hofwalzer im Zweischritt, nach Vorschrift nur rechts herum, gewirbelt werden muh.
Bernd tanzt mit Lexe. Sie genießen beide das ruhige rhythmische 'Gleiten durch den hellen weiten glänzenden Saal. Bernd führt Lexe sicher und fest, und sie vertraut sich ihm voll an. Sie sprechen, nicht, sie tanzen. Nur einmal fragt er: „Ist es schön, Lexe?" Sie legt den Kopf ins Genick zurück und sieht zu ihm auf: /„Sehr schön." Auf jedem Hofball dieses Winters haben fie diesen Walzer nach dem Souper gemeinsam getanzt.
Der Stab eines Kammerherrn klopft. Die Musik bricht ab.
Der Hof hält von neuem feinen Einzug.
Der Ball geht weiter.
Kurz vor Schluß, als zur zweiten Quadrille Ausstellung genommen wird, kommt der Leutnant von Bärheide vom Regiment Elisabeth zu Bernd, „fjaben Sie die Komteß Czeh gesehen, Herr von Wallnitz? Ich bin jetzt mit ihr verabredet."
Bernd stutzt, er weiß: Lexe ist zuverlässig, sie wird eine Verabredung zu einem Tanz auf dem Hofball nicht vergessen;» das tut man nicht, denn die Paare müssen sich schnell in die Karrees einordnen, damit alles ordnungsgemäß ablaufen kann. ,Lch kann nicht mehr warten", sagt Bär- heide, „ich muß mir schnell Ersatz suchen. Sagen Sie es bitte der Komteß, wenn Sie sie sehen sollten."
(Fortsetzung folgt.)


