SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <938
Montag, den 28. März
Nummer 25
Herz Im OW
Roman von Hans-Äaspar von Zobeltltz
Copyright by Deutsche Verlags,Anstalt, Stuttgart
11. Fortsetzung.
Lexes wegen ist Bernd auf dem Hofball. „Passen tzie ein bißchen auf das Mädel auf", hat Irene gebeten, „sie ist doch immer noch wie ein Kind.
Ein schönes Mädel ist sie geworden, wenn sie auch nicht die stolze Schönheit der Mutter hat, nicht ihre Gröhe, nicht ihre Schlankheit; sie ist kleiner, rundlicher und lieblicher. Alles ist voll in ihrem Gesicht: die Wangen, d,e Lippen; voll ist auch das dunkle Haar, und die braunen Augen sind groß und glänzend.
Bernd hat sie in den Kreis seiner engeren Kameraden geführt, den von der Garde-Infanterie Das war auch Irenes Wunsch, sie weiß: dort ist man anspruchsloser, bescheidener, fröhlicher und auch harmloser als unter den wohlhabenden Kavalleristen. Sie hat noch oft an die Worte ihrer Schwiegermutter gedacht: „Sie wird einmal ein schönes Mädchen werden, sie soll stolz darauf sein, aber nicht eitel, sie soll sich einen einfachen Mann suchen, aber von Stand; das gibt es." Einfach, aber von Stand; das ist der Kreis um Bernd Wallnitz. Ganz kann Irene die Jugend aus dein Regiment ihres Mannes und aus dem schlesischen Hoch- ade! ihr natürlich nicht fernhalten, sie kann den dort Heranwachsenden Herren nicht ihr Haus verbieten, aber gern sieht sie sie nicht. Lexe ist das, was man eine gute Partie nennt; wenn der Besitz auch Majorat ist, es füllt bei feiner Größe immer noch genüg für die einzige Schwester des Majoratsherrn ab. Mädels, die gute Partien sind, mühen aoer besonders behütet werden
Das weiß auch Bernd. Er macht sich manchmal Sorge um Lere, wenn sie allzu ausgelassen tollt. Er fürchtet, daß sich jemand in sie verlieben könnte, ernst und tief, und daß ihr dann die Kämpfe um das Neinsagen, die er selbst durchgemacht, nicht erspart blieben. Oder daß sie sich verlieben könnte, wie einst Lore Schillings. Er denkt dabei nie an sich selbst, für ihn ist sie noch immer das kleine Mädel, die Konfirmandin, über die er sich einst mit Peter Müller stritt. Er kommt sich oft recht alt vor und glaubt den Anschluß an die Ehe verpaßt zu haben über seiner Arbeit in den Akademiejahren und im Generalstab. Er glaubt auch, daß er jetzt gar keine Zeit zum Heiraten hätte; um acht Uhr früh begkkint sein Dienst, und oft wipd es elf Uhr nachts, ehe er in der Roten Bude fertig ist; kann er früher gehen, muß er zu Hause am Schreibtisch noch die Aufgaben erledigen, die ihm sein Ches für seine weitere Ausbildung stellt: Kriegsspiel, Manöveranlagen, Ausmarschpläne oder kriegsgeschichtliche Abhandlungen. Nur die Sonntage hält er sich frei für das Czehsche Haus; dann kommt meist Günter aus Lichterfelde aus Urlaub, er hat sich gut durchgesetzt -im Kadettenkorps, trägt die Gefreitenknöpfe am roten Kragen und wird zu Ostern Primaner. Irene möchte gern, daß er nach dem Abitur in Bernds Regiment einträte, aber das wird nicht gehen: seine Liebe zum Pferd ist zu groß, er gehört in die Kavallerie; es brauchen ja nicht gleich die Garde-Kürassiere zu sein wie bei seinem Vater. Sie werden schon das richtige Regiment für den Jungen finden, Irene und er.
Sie haben verabredet, daß sie sich an einer der dunklen Marmorsäulen treffen wollen, die am Ausgang der Bildergalerie zujn Weißen Saal stehen. Man muß einen Treffpunkt vereinbaren, wenn man sich im Menschengedränge nicht verfehlen will.
Bis zum Beginn des Balls ist noch eine halbe Stunde Zeit; trotz- öem si„d die Gäste schon fast vollzählig versammelt. Man ist sehr pünktlich bei Hofe.
Alles wogt durcheinander. Uniformen über Uniformen. Generale mit breiten Ordensbändern über der Brust, Stabsoffiziere mit gleißenden Gpauletten, Leutnants im schlichten Blau der Infanterie und Artillerie, in den luftig bunten Attilas der Husaren, den leuchtendroten Kollern der Gardesdukorps, in den hellblauen Röcken der Dragoner, in den^weiß, rot oder gelb besetzten Ulankas, dazwischen die über und über bestickten tfräcfe der Kammerherrn und Hofchargen und die silbern und golden betreßten Röcke der Minister und der Herren des Diplomatischen Korps.
Die Farben der Kleider der Damen verlöschen fast unter dem Gepränge der Uniformen. Um fo stärker aber leuchtet das Weiß :brer Schultern, die der vorgeschriebene Hofausschnitt^ freigibt. Viel Schmuck jlänjt: hohe Diademe, schwere Kolliers, matte köstliche Perlenketten, Armspangen, Reifen, Ringe. Schöne Frauen tragen ihn, die meisten
sind hoch und schlank gewachsen, schmalgesichtig und schmalfühig, das Blond herrscht vor.
Bernd fühlt sich wohl.
Er liebt dies bunte, glitzernde Bild, er liebt auch diesen Duft, den es nur hier gibt und der dem Parfüm entsteigt, das Lakaien au heiße Pfannen gießen.
Ganz langsam geht er seinem Ziel zu, wünscht hier einem Kameraden guten Abend, küßt dort einer Dame die Hand, verbeugt sich vor einem älteren Herrn, plaudert dort ein paar Worte in einer Gruppe Bekannter begrüßt Freunde und wird begrüßt. Er trifft Erich Heidenberg mit feiner jungen Frau, es ist die kleine Ilse von Verkühl, die damals auch mm Schillingsschen Kreise gehörte; vor zwei Jahren haben sie geheiratet und vor einem Jahr wurde ihnen ein Mädel geboren. Sie halten ihn für Augenblicke fest, schelten ihn aus, weil er sich gar nicht mehr bei ihnen fetjen ließe. „Du bist ein schlechter Kerl, Bernd", sagt er, und sie meint- „Da hat mir Erich immer von eurer dicken Freundschaft erzählt und nun spure ich nichts davon." — „Ich habe viel zu arbeiten “ — Ilse Heidenberg droht ihm: „Sie werden so lange arbeiten, bis Sie ein ganz unbrauchbarer ewiger Junggeselle geworden sind. Also, wann kommen Sie zu uns? Ich lade Ihnen ein paar nette junge Mädel dazu. Um Sie möchte ich mir schon einen Kuppelpelz verdienen, zu Ihrem Besten. Aber sie wissen ja, bet uns ist es höchst einfach, bei uns gibt’s, wie immer, Kartoffelpuffer mit Preiselbeeren." Merkwürdig: aus ihrem Mund paßt das Wort „Kartoffelpuffer" ausgezeichnet in diesen festlichen Raum.
Bernd ist in diesem Augenblick ein wenig neidisch auf Heidenberg Vielleicht haben es die schlichten Köpfe doch besser. Heidenberg bringt fcintn Leuten von der Mafchinengewehrkompanie immer noch Zielen und Schießen bei, wirklich eine herzlich eintönige Arbeit; aber wenn er narfj Hause kommt, sind Frau und Kind da, eine frohe reizende Frau und ein süßes Kind. Sie müssen sich sehr einschränken, die Heidenbergs, sie knapsen sich das Geld für die Geselligkeit, die sie beide lieben, im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde ab, aber sie haben sich 'doch und sind glücklich. '
Endlich kommt Bernd an die Marmorsäule, den Treffpunkt Er beugt sich über Irenes Hand. „Nicht böse fein, Gräfin, daß ich warten ließ Ueberall hielten mich Bekannte auf. Wo ist denn unser Schützling?"
Irene weist ihm lächelnd die Richtung.
Da steht Lexe, wie immer von jungen Herren umringt Sie trägt em Kleid von zartem Gelb, die straffe Korsage ist in tausend duftige kleine Falten gelegt, der Ausschnitt mit einem Tuff Teerosen geschmückt, der Rock bauscht sich weit über den Hüften und ist mit Volants in etwas dunklerem Gelb verziert. Als einziger Schmuck hängt ein dünnes Platin- keuchen um ihren Hals, an dem wie ein Tautropfen ein kleiner Brillant blitzt. Ein Freuen ist in Bernd: reizend sieht Lexe aus; er sieht zu Irene hm, und in ihm ist ein Gefühl des Dankes, daß sie Lere fo hübsch zu kleiden versteht. 1
Al- Lexe ihn bemerkt, löst sie sich aus ihrem Kreis, kommt auf ihn ZU, froh, lachend, und streckt ihm die Hand entgegen.
Da klopft der Stab eines Kammerherrn auf den Boden „Es ist Zeit, bitte in den Weißen Saal."
Irene winkt ihrer Tochter zu. „Auf Wiedersehn, Lexe. Vergiß mich nicht, melde dich mal bei mir."
Dann trennt sich Jugend von Alter. Die nicht mehr tanzenden Damen und Herren sammeln sich auf den Podien, die längs der Wände des Weißen. Saals errichtet sind, die Jugend füllt das Parkett.
Wieder tönt das Klopfen eines Kammerherrnftabes, das Sprechen wird zum Flüstern.
Dreimal schlägt dumpf der schwere Stab des Zeremonienmeisters auf den Boden.
Jedes Wort erstirbt.
Drei neue Schläge. Die Musik auf der Empore fetzt mit dem Cinzugs- marfch ein. Die Damen versinken im Hofknicks, man hort das tausendfältige Rauschen der Rocke, das Knistern der Seide. Sporen klirren, tief verbeugen sich die Herren.
Durch die Gasse der Grüßenden schreiten die Majestäten: der Kaiser, in Generalsuniform mit Ordenssternen auf der Brust und der Kette des Schwarzen Adlerordens um den Hals, führt die Kaiserin, in deren grauem Haar ein hohes Brillantendiadem blitzt. In feierlichem Zuge folgen in strenger Rangordnung die Prinzen und Prinzeffinnen des königlichen Hauses mit den fürstlichen Gästen.
Der Kaiser steigt die Stufen zu den Thronfesfeln empor, er nimmt dort mit der Kaiserin Aufstellung. Er verbeugt sich gegen die Kaiserin, winkt dann dankend in den Saal. Wieder Rauschen und Knistern, alles richtet sich auf und verharrt stehend.
„Uff", flüstert Lexe Bernd zu. „diesmal hat's aber lange gedauert. Fast hab' ich Kniefchnackerln gekriegt."
• „Wirst du stille fein."
Der Hofstaat hat sich um den Thron versammelt. Das Kaiserpaar


