Nummer 10
8reltag, den Februar
Jahrgang 1958
Cyan
Blue
14
6
1
£
t7
£
9
L
8
12 13
den Stürmen in diesen kleinen, stillen Hasen der Ruhe einzulausen und sein Leben in dem grasmückischen Museum zu verbringen. ,
«u* in den beiden Häusern sah man die wachsende Vertrautheit der zwei Kunstbeflissenen nicht ungern, da eine Vereimgung berden teilen nur ersprießlich und wünschenswert schien: und so gedieh die Sache so weit, daß ein Besuch der Thumeysenschen bei den Landolt chen einaeleitet wurde unter dem diplomatischen Vorwande, der thumeysischen Jungfrau den Anblick der ihr noch gänzlich unbekannten Malereien
Obgleich^er eine^entschiedene und energische Künstlerader besaß hatte er den Stempel des abgeschlossenen, fertigen Künstlers nie erreicht wett Ihm das Leben dazu nicht 3eit ließ und er in bescheidener Sorglosigkeit Ldies den Anspruch nicht erhob. Allein al» Dilettant stand er auf
4 5
2 3
7 8
Grey 1 Grey 2 Grey 3
tMz, im geistlichen Habit von schwarzem Satin schwarzseidenen Strümpfen und einem Halskragen von zartester Musseline. Die Perücke war den Haaren eines weihen Kätzleins unendlich zierlich und muhevoll zustande gebracht; dazu harmonierten die wasserblauen Augen '" dem b aß- rosigen Gesichte vortrefflich; die Schuhe waren aus glanzenden Sa fian- schnipselchen geschnitten und die silbernen Schnallen aus Stanniol, die Schnittflächen des Liturgiebuches aber, das er tr^ der Hand hielt, aus
Dielen Vontifer der hinter Glas und Rahmen an erster Stelle hing, umaaben die Abbilder vieler Herren und Damen verschiedenen Ranges aewande das ganz aus feinstem Papier a ,our gearbeitet sie umhüllte auf der Hand laß ihr ei« Papagei, aus den kleinsten Federchen eines
Green Yellow Red Magenta
Gießener Zamilienvlimer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Grey 4 Black
Kolibri mosaiziert. Gegenüber sah ein flötespielender Herr mit übergeschlagenen Beinen, in einem Rocke von azurblauem Atlas und mit einer kunstreichen Halskrause, der den Papagei im Gesänge zu unterrichten schien da dieser den Kopf lauschend nach ihm umdrehte. Die Knöpfe auf dem Kleide bestanden aus rötlichen Pailletten oder
0 cm 1
zeichner sei.
nschreiber stattete daher unverhofft eines Tages r und Jägerhauptmann einen höflichen Besuch wohlgesetzten Worten das Ansuchen vor, seiner ines richtig gestellten Reitpferdes geneigtest Un- teilen zu wollen, so daß das Tier in natur- e, in schulgerechtem Schritt, aufgezäumt und ge- in guter Haltung darauf gefetzt werden könne.
Landolt ließ sich gern zu dem Dienste bereit finden; einmal aus reiner Gefälligkeit und dann auch aus Neugierde, die Grasmücke zu sehen, die eben Morgen so lieblich sang. Mit Verwunderung erblickte er erst die bunte Vogelwelt des Exulanten- und Proselytenschrelbers, den Wiedehopf und all' die Stieglitze, Blutfinken, Häher, Spechte und Regenpfeifer^ sodann vollends den Antistes und all' die Zunftmeister. Zwoifer- herren Obervögtinnen, Leutnants und Kapitäns der Jungfer Barbara, und diese selbst, die von- zarter, ebenmäßiger Gestalt war, wie aus Elfenbein gedrechselt. Sie.dünkte ihm das schönste Werklem unter all den Vögeln und Menschenkindern des bescheidenen Museums, und er be» qann daher sogleich den Unterricht. Er erklärte ihr mit Hilfe geeigneter Vorlagen zuerst den Knochenbau eines Pferdes und lehrte ste, mit einigen geraden Strichen die Grundlinien und Hauptverha tniffe anzugeoen, ehe es an die schwierigen Formgeheimnisse eines Pferdekopfes ging. So verbreitete sich der Unterricht allmählich über den ganzen Körper, bis endlich zur Farbe gegriffen und zur Darstellung der Schimmel, Fuchse und Rappen geschritten werden konnte. Die Mähnen und Schweife behielt Barbara sich vor, wiederum aus allerlei natürlichen Haaren zu machen.
Das angenehme Verhältnis dauerte mehrere Wochen, imd immer zeigten sich noch kleine Unvollkommenheiten und Mangel, welche man zu überwinden trachtete. Landolt gewöhnte sich daran .eden Vormittag ein ober zwei Stunden hinzugehen ; es wurde ihm ein Glas Malaga m bi ei spanischen Brätle in ausgestellt, und bald ließ man ihn auch mit ber Schülerin allein als einen ber sanftesten unb ruh,gsten £ehrer d,e esse gegeben. Die Grasmücke war so zutrau ich wie em gezahmtes Voge chen und aß ihm balb die Hälfte der Spamschbrotchen aus der Hand, tunkte sogar den Schnabel in den Malagakelch. Eines Tages überraschte sie ihn mit der geheim ausgearbeiteten Darstellung seiner selbst, rote er in der
Jägeruniform aus seinem Ukräner Apfelschimmel saß; es war natürlich
verlustig"ging, zwei 'Abenteuer, welche, wie es bei Zwillingen zuweilen geht, nur geringfügig waren und in die gleiche Windel gewickelt we ^"schö"n "seit ein paar Jahren hörte Salomon in seinem Zimmer, dos auk ber Rückseite bes Hauses lag, wenn bas Wetter schon unb die Lust milb war jeden Morgen aus der entfernteren Nachbarschaft über die Gärten hinweg, von einer zarten Mädchenstimme einen Wim fingen. Diese Stimme welche erst die eines Kindes gewesen, war allmählich etwas kräftiger geworden, ohne jemals eine gro^e Starte zu ^reichem Doch hörte er den regelmäßigen Gesang, der täglich vor dem Frühstück stattzufinden schien, gern und ncTnnte die unsichtbare Sängerin die Ö - mücke Es war aber die Tochter des Herrn Proselytenschreibers und ehemaligen Pfarrherrn Elias Thumeysen, der sich der Last»des eigentttchen evirti-narntts mit dem Anfall eines artigen Erbes entledigt hatte, zedoch kch i^E noch Eich machte durch Besorgung einiger Aktuaria e ww derieniaen der Exulanten- und Proselytenkommisstonen. Bon letzterer führte er aus den Wunsch seiner Frau den Brauchtitel. Außerdem war er noch Reformationsschreiber und Vorsteher der Exspektanten des zurche- rifdien Ministeriums; im übrigen malte er zu (einem iBergnugen von jenen Landkarten, in welchen uns jetzt die Wett' auf dem Kopf liebt, da Oft unb West oben und unten, Nord unb Süd aber links und rechts ist.
Sein Töchterlein, die Grasmücke, eigentlich Barbara geheißen, trieb aber noch gun,v andere Künste, mit denen sie vom Morgen bis zum Abend beschäftigt war. Der Herr Proselytenschreiber, ihr Baler, macht nämlich auch Darstellungen aller möglichen Vögel; er klebte öie natur- liSgebe?« derselben ober auch nur kleine Bruchstücke vor.so chen au (Baüier zusammen und malte den Schnabel und Fußs dran hin. U Haupttableau ber Art war ein schöner Wiebehopf tn natürlicher Große, im vollen Federschmuck. , ' . ——
Oer Landvogt von Greifensee
Novelle von Gottfried Keller
5. Fortsetzung.
Martin Leu lebte mit seiner Frau noch zwei Jahre In Pans und
Colour & Grey Control Chart
^'audTparatiierh Spe R.ihs staUlich.r WMlitärperfoncn zu Sufe. bereu Uniformen, Tressen,'.Metallknöpse, Degengefäße, Leberzeug und Feder- unverdrossenem Fleihe Zeugnis gaben; aber
oane^ZiX. )umeysen die Grenzen ihrer Kunst angetroffen; pictaXiT öen berittenen Kriegsbefehlshabern Übergehen (hl Schabracken, Sättel und Zaumzeug aus allen ihrem englischen Scherchen zuzuschneiden und M> aber zu zeichnen ging über ihre Kräfte, weil schlichen Köpfen und Händen sich geü^t hatte; so, la la. Es handelte sich also darum, einen hierfür zu finden; als solcher wurde »auf ge« omon Landolt genannt, welcher in Zürich der-


