der Stiftungsbrief der Klever „Geckengesellschaft", einer der frühesten Karnevalsgesellschaften Deutschlands: vom Jahre 1381 datiert diese mit den Siegeln ihrer 36 Ritter versehene Urkunde. Solche Tradition verpflichtet! Die Nachfolger dieser Gecken-Ritter stehen ihren Ahnen an Fröhlichkeit und Ausgelassenheit nicht nach. Im Hunsrück ist der fette Donnerstag oder „Deckendonnerschdiesch", der Donnerstag vor Fastnacht (24 Februar), der Tag närrischer Fabulierlust. Da wird wenig getan, fett gegessen und kräftig der Humpen geschwungen. In der Schnee-Eifel und im Hochwald zieht die Jugend unter Absingen von „Heischeliedern" durch die Dörfer und läßt sich Mehl, Eier und Nüsse schenken. An der Ahr zieht am Tage der Altweiberfastnacht das ganze Weibsvolk reihum. Das jüngste Eheweib muh die Weinbergskiepe tragen, in die sie das, was den Gaumen letzt, verstauen, um es am Ende bei großem Gelage zu verzehren. Die Altweiberfastnacht ist auch in Krefeld ein Höhepunkt des Karnevals. Zu Taufenden schlüpfen die Krefelder Mädchen in die alten Seidenkostüme, die sie aus Großmutters Truhen und Schränken hervorholen, und treiben in der ganzen Stadt ihr tolles Spiel. Die Kölner, ein Dreiviertelmillionenvolk, halten ein großes „Gelääsch"; am Niederrhein führen sie den „Aeze- bär" durch die Straßen. Mit den Rosenmontagszügen am 28. Februar erreichen die Karnevalsveranstaltungen ihren Höhepunkt. In diesem Jahre nennen sie ihn in Köln „Die Welt im Narrenspiegel", in Düsseldorf „Jeck von Z bis A", in anderen Städten wieder anders, immer aber so närrisch wie möglich. Auf den Kappensitzungen und Maskenbällen geht es hoch her. Mit großem „Jejuuts en Buhei" marschieren in malerischen Trachten die Karnevalsgesellschaften auf, und der Fremde wird — ob er will oder nicht — unweigerlich in diesen Strudel der Tollheit und Narretei hineingezogen. *
Als Goethe 1825 die Einladung zum Düsseldorfer Karneval erhielt, dessen Künstlerschaft sich anschickte, „eine Gesellschaft der Heiteren" zu stiften, deren Gesetz es fein sollte, nicht von den „liebeln dieser Welt zu sprechen", da antwortete er mit dem Vers, der längst zum geflügelten Wort geworden ist:
Löblich ist ein tolles Streben, Wenn es kurz ist und mit Sinn; Heiterkeit zum Erdenleben
Sei dem flücht'gen Rausch Gewinn.
Jene Atmosphäre, da die Künstler vereint mit dem Bürgertum dem Karneval die Beschwingtheit gaben, ist noch heute gegenwärtig zumal in Düsseldorf, das die Künstler ja seit jeher lieben. Das Fluidum seiner Eleganz, das in allem und jedem mitschwingt, macht diese „tollen" Wochen hier um so anziehender. Immer wieder neue Stationen, vom Künstlerfest bis zum volkstümlichen Karnevalsbrauch wie etwa dem traditionellen Tonnen- Rennen der Niederkasseler „Tonnengarde", das in diesem Jahre am 27. Februar im Hinblick auf das 656jährige Bestehen Düsseldorfs besonders narrisch werden soll, locken zur ausgelassenen Fahrt durch die von „Z bis A" verkehrte Welt.
Selbst Goethe, der alte Geheimbderath aus Weimar, nahm einst den Doktorhut der Narrenakademie in Dülken, der „Erleuchteten Mondsuniversität", an. Der Hohe Senat der Dülkener stellte an den Meister die Prüfungskragen: 1. Wie schießt man mit einer Kanone um die Ecke herum? 2. Wieviel Pinsel gehören zu einem Publikum? 3. Welches ist die achte freie Kunst? 4. Welches ist der vorzüglichste Nutzen der Birken- reifer im Hausstand? Goethe unterließ zwar die Beantwortung, aber die ihm angetragene Ehrenmitgliedschaft nahm er gern an. Er schlang ein Bändchen um die Schreiben der Dülkener, versiegelte das Päckchen und ver'ah es mit der Aufschrift: „Rheinische Absurditäten". Noch heute liegt es in einem Fach des Schreibtisches im Goethehaus zu Weimar.
Heiterkeit zum Erdenleben sei dem flücht'gen Rausch Gewinn ...
Die dämonische Maske.
Eine Faschingsgeschichte von Ehr Hard Evers.
„Auf den Faschingsball hat der Hallodri gehen wollen", sagte der Xüöer, „wo er mir so ein Zeugnis nach Hause gebracht hat, der sapper- mentsche Kerl!"
„Und hast ihn denn nicht gehen lassen?" fragte der Hannes, indem er einen Schluck guten Gebirgsenzian auf der Zunge brennen ließ.
„Erzähle, erzähle", drängte der Stammtisch. Und Hannes setzte sich breit zurecht:
Ich war damals ein junger Bursche, so um die siebzehn, achtzehn Jahr und auch noch für Bakers Geld auf dem Gymnasium. Aber eine Liebschaft, die hatte ich schon, wenn auch mehr platonisch — von meiner Seite.
Eines Faschings, ich entsinne mich genau, glaubte ich, ob mit oder ohne Grund weiß ich heute nicht mehr, bei dem jungen Mädchen, Berta mit Namen, genügend Eindruck gemacht zu haben ... kurz, ich bildete mir ein, es sei an der Zeit, daß etwas geschehe.
Die Maskenfreiheit in München erlaubte jedes Kostüm. Ich wühlte bk Hadernkisten meiner Mutter auf dem Boden weidlich durcheinander und fand ein rotes Tuch, das mir ausgezeichnet gefiel, und gleich darauf ein rotes Trikot. Beides ergänzte sich märchenhaft. Ein hübscher Bursch war ich damals, gut gewachsen, schlank und kräftig, und so beschloß ich, meiner Schüchternheit den Damen gegenüber dadurch abzuhelfen, daß ich mir eine dämonische Maske zulegte. Vielleicht trug dazu der im Unterbewußtsein auftauchende Gedanke bei, dem auch die Naturvölker aller Zeiten und Kontinente gehuldigt haben: durch Anlegung des Kostüms eines Dämons auch dessen Kräfte in den eigenen Körper zu ziehen.
Ich ging als der Teufel.
Das rote Trikot faß großartig. Einen gewaltigen Schwanz aus kunstvoll gedrehten Stoffetzen hatte ich mit Mühe zusammengeflickt und an
feiner Spitze einen ausgedienten, billigen Gamsbart von Großvaters Hut befestigt. Man konnte das Ding über den Arm nehmen und dem Nachbar damtt um die Nase fuchteln. Um den Hals trug ich das seidene Tuch, das die gute Mutter in der Folgezeit oft vermißte, ohne je erfahren zu haben, wo es hingekommen war. Die Hände hatte ich mit Kohle schwarz geschmiert.
Für die Ausschmückung meines Gesichts hatte ich einen Friseur zu Rate gezogen. Er verlangte einen wesentlichen Teil meines Taschengeldes, machte mir dann aber dafür eine Maske, vor der ich selbst Angst hätte kriegen mögen, wenn sie nicht dazu bestimmt gewesen wäre, mein Selbst- bewußtsein auf einen bisher unerreichten Grad zu heben: die Grundfarbe war schwarz. Der Mund breit und sehr rot, und um die Augen zogen sich zwei große, kunstvoll gerundete Kreise, aus denen meine Augen Kraft und Feuer sprühten. Ich sah fabelhaft aus.
Dieses Bewußtsein, eine wahrhaft dämonische Persönlichkeit darzu- stellen, verlieh mir in der Tat ungeahnte Kräfte. Ich flog mehr, als ich S' g, auf jenen Ball. Die Leute unterwegs hielten gebührenden Abstand.
spürte die Macht der Verwandlung.
Bald hatte ich Berta entdeckt. Sie schwebte auf zierlichen, festen Füßen durch den Saal, inmitten einer Schar kichernder Elfen, und mit ihrer strahlend blonden Haarkrone schien sie mir die Königin des Festes zu sein. Ein Schwarm von Verehrern drängte sich um die jungen Mädchen. Prinzen und Könige, Reiter im roten Rock, frohe Jagdgesellen und tolldreiste Faune, ein heller Wirbel aus Sage und Märchenwelt.
In das fröhliche Lachen der kleinen Gruppe fuhr plötzlich mit einem höllischen Fauchen und Pfeifen eine wilde Gestatt in rotem Trikot, mit schwarzen Händen und schwarzem Gesicht, kämpfte sich zu der Elfenkönigin durch und befand sich plötzlich Auge in Auge mit ihr, von den staunenden Gästen umringt. Der Schrecken stand ihr allerliebst zu Gesicht. Sie erkannte mich nicht.
Ich zitterte, teils vor Freude, mehr aber noch vor Angst. Denn das war der entscheidende Augenblick, auf den ich feit Tagen gewartet hatte. Alles ringsum versank. Ich sah nur noch sie. Und ging aufs Ganze. Uebermunü die Weichheit, die mir von den Kniekehlen auswärts zu steigen begann und sagte mit einer Stimme, die in einigem Gegensatz zu meiner diabolischen Maske stand und deren Rauhheit mehr Bangen als Dämonie verriet: „Berta — gib mir einen Kuß!"
Und da die Angebetete meines Herzens keine Anstalten machte, dieser Bitte nachzukommen, ich anderseits in ihrem stummen Verweilen eine Aufforderung zum Handeln erblicken zu müssen glaubte, legte ich meinen Arm um ihre Hüfte und versuchte, mein Gesicht dem ihrigen zu nähern.
In biefem Augenblick kam Berta zu sich. Mit beiden Händen machte sie sich von mir los, stieß mich mit festen Fäusten vor die Brust und rief mit echtem Entsetzen mein Urteil: „Geh weg, du grausliches Scheusal!"
Ich stand gerichtet. So muhte Luzifer gestanden haben, als er nach dem Sturz aus dem Himmel sich am Boden der Hölle wiedergefunden hatte. Der Saal drehte sich um mich. Seine Lichter stachen unbarmherzig grell nach meinen schwarzen Händen, die ich gar zu gern versteckt hätte. Aber das Trikot besaß keine Taschen. Ich hielt sie vors Gesicht. Aber auch das war ja schwarz wie die Nacht, und überdies infolge der Hitze im Raum und der Wärme, die plötzlich aus allen Poren brach, ohne Zweifel nicht ganz so schön mehr anzusehen wie es im Laden des Friseurs geschienen hatte.
Wie ich aus dem Saal gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Der Abend war für mich zu Ende. In einer kleinen Wirtschaft trank ich, ganz allein in einer Ecke, sehr viel Bier. Das machte mich sanfter und linderte auch den Schmerz. Aber der saß tief und genrnmi allmählich eine gefährliche Süße. Ich trank weiter. Bis ich mich nach einer fühlenden Brust sehnte, der ich mein Leid klagen konnte.
Draußen auf der Straße wehte der Wind kalt. Ich schwankte, auch vor Schwerz, langsam an den Häusern entlang. Geriet in ein Lokal, in dem die Masken tanzten.
„Der Teifi! Der Teifi!!" riefen sie und zogen mich in ihren Kreis. Sie hatten nicht die mindeste Furcht vor meinen dämonischen Kräften, die auch wohl längst von mir abgefallen fein mußten. Sie lachten, fuhren mit dem Gamsbartschweif des Großvaters über mein Gesicht und tanzten einen Ringelreihen um mich, der ich verständnislos in der Mitte stand, dem Weinen näher als dem Lachen. Sie schenkten mir Bier, und ich gab ihnen willenlos Bescheid. Ich war wieder ein schwacher Mensch. Und mir war furchtbar übel.
Als ich an dem Spiegel vorbeikam, der meine einsamen Nöte als stummer Zeuge mit angesehen hatte, erschrak ich über mich selbst. Die weißen Ringe um die feurigen Augen waren verwischt zu häßlichen grauen Flecken. Der brennend rote Mund war farblos grau geworden und stand seltsam kalt über einem schwarz und rot gefleckten Kinn. Und unter dem Schwarz der Wangen leuchtete es grünlich bleich von einer blutleeren, übernächtigen Haut. „Du Spottgeburt aus Dreck und Feuer!" ging es mir durch den Sinn. Ich floh jene lauten Menschen.
Inzwischen dämmerte der Tag heran. Die ersten Läden wurden geöffnet. Im Schatten der Häuser schlich ich heim. Gerade hängte mein Friseur von gestern Abend sein blankes Handwerkszeichen aus und lud mich ein, näherzutreten. Ich ließ es mit mir geschehen. Er seifte mich ein und ab, redete unentwegt und war des Lobes voll über die schöne Maske; ein Jammer fei es, daß sie nun fallen müsse. Mik dem Rasiermesser fuhr er mir mehrmals über das Gesicht, und ich begriff-immerhin noch soviel, daß er mich wie einen richtigen Erwachsenen — zum erstenmal in meinem Leben — rasterte.
Man bat mich zur Kasse, nannte eine regelrechte Litanei von Verrichtungen der edlen Bartscherzunft und schloß mit den Worten:
„Macht drei Mark achtzig der Herr!"
Mein moralisches Gleichgewicht war wiederhergestellt. Der Friseur hatte ,cher Herr" zu mir gesagt. Ich vergaß das Pech mit der Maske und schlief tief und lange in einen neuen Tag hinein ...
Derantwörtlich: Dr. Han« Thyriot. — Truck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei L. Lange. lSiehea.


