Wuczer, der ihn um Haupteslänge überragte und Ihn oftmals mit dem Tuch der Fahne einhüllte, welche die braun-gelb-grüne Farbe des Ackerbodens hatte und als Abzeichen eine mit einem Dreschflegel gekreuzte Sense trug.
Acker Concz hätte das Kalb, woraus das Trommelfell gemacht war, als Zehnten dem He.rrn im „schädlichen Schloß" abliefern sollen, aber, da das wilde Gerede vom Aufruhr im Umlauf war, hatte er das fette Kalb für sich selbst geschlachtet und in der Vorfreude der baldigen Befreiung vom Zehnten und Fron mit Weib und Kind selbst geschmaust. Die weiche Haut hatte er mit Lohe gegerbt und über das Holz gespannt — und es wunderte ihn sehr, daß eine milchige und zarte Kalbsbaut so einen harten und bösen Laut und Donner von sich geben konnte. Und es war sein Spruch: „Wer allzu lang gegerbt wird, fängt an zu brüllen."
Also, um näher diesem Trommler im Bauernhausen vor Rothenburg zu sein, trete ich ein wenig in den Weg der vergangenen Zeit zurück, und da er ein Glied, ein Mann in der gequälten, unruhigen und großen Ahnenkette ist, verzweigt und zerstreut über das Franken um Main und Tauber, ein Bauersmann, Jahr für Jahr gutmütig, gehorsam, schwitzend und dienend wie ein Baum den Stößen des herrischen Windes, er war bartlos, erdig, luftgebeizt und zerknittert von hundert Sorgen und Mühseligkeiten. Seine Beine waren weit nach vorne eingeknickt, nämlich pom vielen Bücken, vom Lastentragen, vom Jäten und Dienen. Tief in den Augäpfeln schwelte das verborgene Feuer der Schmerzen und der Wut.. Erst, als er im Bauernhaufen lief und trommelte, sprang es mit jähem Blitzen aus dem Blick und zeigte offen den Grimm. Acker Conez hatte eine laute und rauhe Stimme, weil ihm immerdar der Trommelwirbel bedrängend und groß im Ohre rollte. Er war gewandt im Steigen von Weinbergstreppen und kletterte geschickt an Bäumen und Mauerfugen hinauf. Er rannte beim Sturm auf den Würzburger Frauenberg als einer der ersten voran und dachte die hundsgemeine Mauer mit feinem dicken Schädel einzurennen. Aber die furchtbare Mauerflucht stieß den zerschmetterten Acker Conez in den Wallgraben zu hundert anderen aus dem Bauernhaufen, die sich Hals und Genick, Arme und Beine gebrochen hatten. Wo heute ein Gewirr von Stauden und üppigen Bäumen grünt und blüht, rollte die Trommel, die heiße Kalbfelltrommel aus Königshofen, bergab, die gespannte Haut von einem Schuß aufgerissen und versengt, und nimmermehr wurde sie gerührt und geschlagen. Jedes Geschlecht hat seine Gefallenen, seine Ertrunkenen und seine Ermordeten. Eingekapselt im Herzen, dem Blutstrom als unsagbar leiser Klang mitgegeben, höre ich den dumpfen Schlag seiner Sturmtrommel noch manchmal.
Verewigt ist der Acker Concz auf einem Holzschnitt aus dem Jahre 1525, zusammen mit dem stolzen und baumlangen Fahnenträger Klos Wuczer. Der ist nicht an der schrecklichen Mauer der Würzburger Festung gefallen. Er gehört zu denen, die nach der mörderischen Schlacht bei Königshosen in den sumpfigen Tauberwiesen bei Lauda enthauptet wurden. Sein Blut wurde von der Tauber auf genommen und in langer Reise zum Meere gebracht, zur großen Wasserwiege, wo Blut, Tränen, Regentropfen, Schweiß und Taugeglitzer sich zu einem ewigdauernden und stetig unruhigen, gewaltigen Gesang vereinigten.
Angst vor Tom Burke.
Eine Geschichte von Kurt Krtspien.
Der Nachbar ist längst fort, aber immer noch steht Dorothy Gardener vor dem Haus und betrachtet nachdenklich den Bries, den er ihr übergeben hat. „Alles ist hier voller Aufregung", schreibt George, „weil Tom Burke aus dem Stadtgesänanis ausgebrochen ist, und niemand weiß, wohin er sich gewandt hat. Burke ist ein Mann, der vor nichts zurückschreckt und für den ein Menschenleben weniger bedeutet als der Staub zu seinen Füßen. Ich bin in Sorge um Dich, Dorothy, denn ich kann erst übermorgen wieder bei Dir sein, und Du bist ganz allein in unserem kleinen Haus. Darum schickte ich Dir einen von meinen Leuten zu Deinem Schutz. Er mag Dir etwas wild erscheinen, ist aber durchaus zuverlässig und im Grund ein guter Kerl. Außerdem ist er der beste Schütze, den ich kenne, und darauf kommt es an! Solltest Du Dich zu sehr fürchten, so könntest Du auch zu den Nachbarn gehen, aber ich habe ihm gesagt, daß er fein Pferd nicht schonen soll ..
. Langsam faltet Dorothy den Brief zusammen und geht ins Haus zurück. 0 nein, sie fürchtet sich nicht im mindesten! Sie hat wohl schon von Burke gehört, aber das ist für sie ein bloßer Name, ein Popanz, eine Schreckgestalt ohne Fleisch und Blut. Leise singend holt sie Bohnen aus dem Garten, geht ihren kleinen Haushaltspflichten nach. Aber je weiter der Tag voranschreitet, desto häufiger ertappt sie sich dabei, wie sie bei unerwarteten Geräuschen schreckhaft zusammenfährt und aus dem Fenster späht. Und als die Sonne sich im Westen auf die ferne blaue Kette der Berge senkt, da verschließt Dorothy sorgsam alle Türen. Aber die schnell hereinbrechende Dämmerung kommt hinter ihr her und blickt mit dunklen Augen durch die Fenster herein.
Merkwürdig, was für ein anderes Gesicht die gewohnten alten Dinge zeigen! Die Bäume vor dem Haus sind zu erstarrten Gespenstern geworden, Aeste knarren im Wind, es raschelt im Gebüsch
Dorothy lauscht. Nein, es war keine Täuschung, da ist es wieder und schon deutlicher: der dumpfe Hufschlag eines galoppierenden Pferdes! Endlich —!
Sie läuft hinaus und kommt gerade dazu, wie der Reiter fein abgetriebenes Pferd vor dem Haufe pariert.
„Halloh!" ruft sie erleichtert und erfreut. „Das ist fein, daß Sie heute noch kommen!"
Er starrt von feinem Pferd auf sie herab und rührt sich nicht. Sie lächelt verstohlen. Ja, sie weiß, sie ist schön! Sie hat schon viele Männer so wortlos starren sehen. Man muß es ihm erleichtern. Herzlich streckte sie ihm die Hand entgegen und sagt ermunternd: ,Hch weiß alles! Georg
hat mir geschrieben, daß er sie zu mir schickt. So, und setzt steigen Sie endlich ab und kommen Sie herein! Sie müssen Hunger haben!"
Geschmeidig läßt er sich aus dem Sattel gleiten, nimmt den breitkrempigen Hut vom Kops und ergreift behutsam ihre Hand.
„Alle Frauen meinen, daß Männer immer Hunger haben müssen. Aber in diesem Falle stimmt es sogar. — Ich heiße Morton." Seine Stimme ist merkwürdig, weich und melodisch. Der Lichtschein, der durch die offene Tür nach außen fällt, läßt erkennen, daß er feste, aber angenehme Züge hat. Sein Haar ist hell und windverweht. Dorothy muß unwillkürlich an Georges Worte denken: „Er mag dir etwas wild erscheinen ..." Das ist ein bißchen übertrieben. Wie anders Männer sehen! — Sie zeigt ihm den Weg zum Stall und geht dann in die Küche, um das Essen zu bereiten. /
Längst ist sie damit fertig geworden, aber ihr Gast läßt auf sich warten. Da hält sie draußen nach ihm Umschau. Licht schimmert aus dem Stall. Morton ist noch mit seinem Pferd beschäftigt. Er hat es m-t Stroh abgerieben und hüllt es jetzt in warme Decken. Dabei spricht er halblaut zu dem Tier, das leise schnaubt, als ob es 'ihn verstünde. — Wunderlich berührt lauscht Dorothy dem Wohlklang seiner Stimme und entfernt sich leise, ohne ihn zu stören. — Etwas später sitzen sie sich im Wohnzimmer beim Essen gegenüber. Morton langt kräftig zu. Er ißt sehr hastig, wie ein Mann, der gewohnt ist, daß seine Mahlzeiten unterbrochen werden, aber er zeigt keine Gier dabei. Nachher brennt er sich eine Zigarette an. — „Wie geht es meinem Mann?" fragt Dorothy, als der blaue Rauch in feinen Schwaden durch das Zimmer zieht. — „Ihrem Mann —? Oh, ausgezeichnet. Ein glücklicher Mensch!" Dorothy sieht ihn fragend an. — „Nun, Sie sind sehr schön", sagt er einfach und hält ihren Blick fest. Seine Augen haben jene Farbe, wie man sie zuweilen bei alten Teichen sieht: etwas trüb und undurchsichtig und mit einem grünlichbraunen Schimmer.
„Wir lieben uns sehr", sagt Dorothy hastig und weiß nicht, warum sie diesem fremden Mann, der Morton heißt, solche vertraulichen Geständnisse macht. Sie besinnt sich, wird verlegen und lenkt ab: „Sie gaben eine harte Zeit in Middleiown? Müssen sich oft herumschießen mit solchen Leuten wie Tom Burke?"
. Er lächelt. „Mit Tom Burke schießt man sich nicht herum, man wird von ihm geschossen."
Dorothy ereifert sich: „Oh, ich glaub das nicht! George hat Sie so gelobt! Er schreibt, daß er keinen besseren Schützen kennt als Sie."
„Hat er das wirklich geschrieben?" Morton ist ausgestanden und steht dicht hinter ihr. Warum wagt sie es denn nicht, sich umzudrehen? Sie sieht nur seine rechte Hand, die sich auf die Lehne ihres Stuhles stützt. Eine starke, braune Hand
„Wollen Sie hören, was er von Ihnen schreibt?" fragt Dorothy schnell. „Ich hab' es noch genau im Kops: Ich bin in Sorge um dich, denn ich kann erst übermorgen wieder bei dir sein, und du bist ganz allein in unserem kleinen Haus. Darum schicke ich dir.einen von meinen Leuten zu deinem Schutz. Er mag dir etwas wild erscheinen, ist aber durchaus zuverlässig und im Grund ein guter Kerl ..." Ihre Stimme zittert ein bißchen, denn die braune Hand ist jetzt verschwunden. „Außerdem", zitiert sie etwas lauter, „außerdem ist er der beste Schütze, den ich kenne, und darauf kommt es an!"
Hinter ihr erklingt ein leises, sonderbares Lachen. Seine Hand legt sich auf ihre Schulter. Dorothy bewegt sich nicht. Ein ungeheuer wohltuendes Gefühl des Geborgenseins Überkommt sie mit einemmal, und seine weiche, melodische Stimme sagt: „So lange ich bet Ihnen bin, kann Ihnen nichts geschehen!"
Sie weih: so ist es auch! Und jetzt kann sie sich auch umdrehen und dankbar lächeln. Er ist zum Fenster gegangen und sieht in die Nacht hinaus. Zwischen den Fingern seiner linken Hand hält er die erloschene Zigarette.
„Es ist spät. Sie sollten schlafen gehen", sagt er. ,Zch wache draußen in dem Vorraum. Gute Nachtll'
Gute Nacht! Dorothy schläft so ruhig wie lange nicht zuvor, seit George fort ist. Gegen Morgen wird sie durch das Geräusch von Huf- schlägey geweckt. Außerdem ruft jemand unten vor der Tür. Wo mag Morton sein —? Sie eilt hinab und öffnet. Der Reiter draußen sieht so wenig vertrauenerweckend aus, daß sie erschreckt nach Morton ruft. Aber Morton zeigt sich nicht.
Der Ankömmling hat sich inzwischen vom Pferd geschwungen, grüßt höflich und kommt näher. ,^ier ist ein Brief von Mr. Gardener", sagt er und zieht ein Schreiben aus der Bluse. ,Jch komme leider etwas spät."
Dorothy überfliegt die wenigen Zeilen. Kein Zweifel, der Mann ist von George geschickt!
„Aber es ist ja schon jemand vor Ihnen gekommen", stammelt Dorothy verwirrt.
„Wo ist der Mann? Wie sieht er aus?"
Dorothy beschreibt Morton. Aber sie ist damit noch nicht am Ende, da unterbricht sie jener und läuft zum Stall. Wie durch Zauber ist jetzt ein großer, schwarzblau schimmernder Revolver in seiner Hand. Mit ein paar Schritten Abstand folgt Dorothy, ängstlich und verwundert.
Der Stall ist leer. Ein paar Anzeichen verraten die Eile, mit der das Pferd gesattelt worden ist. Von Pferd und Reiter keine Spur.
Der Neuankömmling steckt die Waffe wieder ein.
„Es war ein mittelgroßer Mann?" fragt er.
Dorothy nickt.
„Mit einer weichen Stimme wie ein Sonntagsprediger?" Wieder nickt Dorothy. <•
„Sann, weiß (Bott, ist er es selbst gewesen! Das war Tom Burke! — — Hallo, Frau Gardener ..."
Er sprang hinzu und kam gerade noch zurecht, die lautlos Niedersinkende in seinen Armen aufzufangen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyxiot. — Druck und Verlag: Brühlsche UniversitätSdruckerei ».Lange, Gießen.


