Oer getreue Eckart.
Von I. W. v o n Goethe.
„O wären wir weiter, o wär' ich zu Haus!
Sie kommen; da kommt schon der nächtliche Graus;
Sie sind's, die unholdigen Schwestern.
Sie streifen heran, und sie finden uns hier. Sie trinken das mühsam geholte, dos Vier, Und lassen nur leer uns die Krüge."
So sprechen die Kinder und drücken sich schnell;
Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell: „Nur stille, Kind! Kinderlein, stille! Die Halden, sie kommen von durstiger Jagd, Und laßt ihr sie trinken, wie's jeder behagt, Dann sind sie euch hold, die Unholden."
Gesagt, so geschehn! Und da naht sich der Graus Und stehet so grau und so schattenhast aus. Doch schlürft es und schlampst es aufs beste. Das Bier ist verschwunden, die Kruge sind leer; Nun saust es und braust es, das wütige Heer, Ins weite Getal und Gebirge.
Die Kinderlein ängstlich gen Hause so schnell, Gesellt sich zu Urnen der fromme Gesell: „Ihr Püppchen, nur seid mir nicht traurig." — „Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis auss Blut." — „Nein, keineswegs, alles geht herrlich und gut, Nur schweigt und horchet wie Mäuslein.
Und der es euch anrät, und der es besiehst,. Er ist es, der gern mit den Kindelein spiest. Der alte Getreue, der Eckart.
Vom Wundermann hat man euch immer erzählt. Nur hat die Bestätigung jedem gesehlt;
Die habt ihr nun köstlich in Händen."
Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug Ein jedes den Eltern bescheiden genug Und harren der Schläg' und der Schelten. Doch siehe, man kostet: ein herrliches Bierl Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier, Und noch nimmt der Krug nicht ein Ende.
Das Wunder es dauert zum morgenden Tag.
Doch fraget, wer immer zu fragen vermag: Wie ift's mit den Krügen ergangen?
Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergetzt;
Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt, Und gleich sind vertrocknet die Krüge.
Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht Ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht, So horchet und folget ihm pünktlich!
Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, Verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut; Dann füllt sich das Bier in den Krügen.
Bauernkrieg in kranken.
Von Anton Schnack.
Gedenk ft ein e.
>iiner steht zwischen Fluß und Hügel, hart an der Straße bei Lauda, wer weiß, wie lange schon. In manchen Jahren, wenn der schmelzende Schnee die Tauber über die Ufer trieb, hat ihn das Wasser überschwemmt, und der Stein war nicht mehr zu sehen. In schneereichen Wintern verschwindet er unter der weißen Decke. Wenn das Gras nach regenreichen Wochen aufgeschossen ist, ist der Stein fast im fetten Gräsergewoge verschwunden. Äber auch sonst sehen den Gedenkstein die meisten Menschen nicht, die auf der Straße, neben der er steht, vorbeikommen. Er wird aus einem Sockel aus rotem Sandstein gebildet und ist in verschiedene Stücke zerbrochen. Kein Wunder — jahrein, jahraus im Regen öu stehen, macht mürb, und der Frost knistert jeden Winter in seinem Gefüge, bröckelt ihn ab und verzehrt ihn. Der mittlere Stein tragt eine stolze Inschrift, aber auch eine die traurig und beklemmend ist: „Ruhestätte der Gefallenen im Bauernkrieg". Das unterste Steinstuck ist fast ganz in die Erde gesunken und so schwarz wie sie, Moos hat es gezogen, es ist grau von der Dauer der Jahrhunderte, blind und unscheinbar, und sicher ein Ueberreft derjenigen Gedenkanlage, die bald nach dem blutigen Gemetzel, wo die Blüte der Bauernschaft aus dem Taubertal in die Erde sank, zum Gedächtnis gesetzt worden sein muß.
Der Stein ergreift mich, und ich gedenke derer, die für eine Liechte, aber verworrene Sache starben. Da starben bärtige Männer, denen bittere Fronarbeit unauslöschbar ins Gesicht gekerbt war. Da starben, von Reiterspießen mitten durch den Leib gestochen, die jungen Manner aus Gsr- lachsheim, Sachsenflur, Unterbaibad), Marbach, Königshofen und anderen Tauberorten. Sie trugen noch den Duft der gebündelten Gerste und die warme Bitterkeit des gesiegelten Viehes in ihren Kleidern und an ihrer Haut. Andere waren noch an Beinen und im Gesicht verschrammt, Rar- ben, die sie sich beim Sturm auf die Würzburger Festung zugezogen hatten. Sie flohen vom Hügel ins Flußtal herunter und hatten sich einen Weg durch den sommergefärbten Hafer gebahnt und dabei tnan ternde Ketten von Rebhühnern aufgejagt. Aber die Ritter, saust geil aus di« leckeren Vögel, fprengten mit eingelegten Spießen die „Kistenfeger
und Seckelleerer", wie sie die Bauern und Bürger nannten, zu Tode. Der Schnitter Tod säbelte sie mit höhnischer Grausamkeit nieder.
Eine andere Gedenkstätte zwischen Distelhausen und Lauda besteht aus einer grauen, ziemlich verwitterten Kreuzigungsgruppe, ungefähr einen Meter hoch; der obere Teil ist bestimmt alt, der untere scheint einmal erneuert worden zu fein. Ich entziffere eine verwischte Inschrift: anno damini ... Oh „anno domini“, Inschrift für Tod und Trauer!
Ich setze mich zu dem Stein, auf dessen erneuertem Sockel ebenfalls kundgetan wird, daß hier eine Ruhestätte der Gefallenen im Bauernkriege anno domini 1525 ist. Ueppig und saftig gaukelt das sommerliche Gras über Ritter und Bauer, im Leben feindlich, im Tode vereint. Bauerngebein liegt unter dem Kreuz in der üppigen und fruchttragenden Erde, und wie eh und je klirren und klingen im Taubersommer die Sensen, die den goldenen Weizen niedermähen. Neben dem Erine- rungsstein wächst ein wilder Birnbaum. Ja, unter Birnbäumen ruhten einst die gefallenen Ackerer, Säer und Mäher, wenn die Sonne stach und die Männer, von der Schnitterarbeit müde und ausgebrannt, zur Wasserstütze oder zum Krug voll sauerem Most griffen. Das Hügelgelönds hinter Diftelhaufen, durchschnitten vom Grünbach, die Talsuhrt nach Würzburg, dann am jenseitigen Ufer die bewaldeten Rücken bei Ger- lachsheirn, Marbach, Hofstetten und Königshofen sind die blutgetränkte Walstatt, wo Tausende von Bauern unter Spießen und Schwertern gefallen sind. „Da wurde es wie bei einer Schweinehatz gehalten", lautet die derbe Stimme eines zeitgenössischen Geschichtsschreibers.
Sie Tauberbrücke bei Lauda.
Nun überspannt sie schon 428 Jahre den samtgrünen Spiegel der Tauber, und wer so viele Jahre einem Fluß gelauscht hat und dem stetigen Verkehr diente, hat viel Erlebnisse in sich ausgenommen: keine Wasserflut in regenarmen Sommern, gurgelndes Frühjahrs- und Herbst- hochwaffer nach Schneeschmelzen und Wolkenbrüchen, das dumpfe Rollen über die Täler und Wälder ziehender Gewitter, die Schüsse der Hasenjäger, das Schnalzen der an den Angeln hängenden Fische, immer wieder knarrten zur Erntezeit di« schwere Lost von Getreidewagen ober dis Fuhrwerke voll schwabbelnder Traubenbütten darüber, die Brücke hat das heisere Gegröhl der Weinseligen gehört, das Stockgeräufch vorüberwandernder Handwerksburschen, das Mahlen des Wintereises, den singenden Schwall von Bauernprozessionen, die schmatzenden Flüstereien ländlicher Liebespaare im blauen Abendschatten — Jahr für Jahr, Sommer für Sommer, Herbst für Herbst; viel Leben hat sich der Brücke geoffenbart, auch die Todesangst manches Ertrinkenden.
Es ist eine einfache Brücke, edel und schön aus Stein in die Landschaft gebaut und von Pappeln beschattet und gesäumt. Aus der einen Seite steht Nepomuk, der Brückenheilige, auf der anderen Seite ragt ein Kreuz auf. Hier ist Florian Geyer vom Pferde gesprungen, hier hat sich fein Fuß aus die Brückenbrüstung geschwungen, und mit dem Rücken hat sich der Bauernführer an das Kreuz gestellt. Es war der 2. April 1525, Sonntag Judiea, der zum Tag bestimmt war, an dem sich die Bauern der Tauberlandschaft wie ein Mann erheben sollten. Es war schon Rauchgeruch in der Luft von niedergebrannten Schlössern und Klöstern. Mit Florian Geyer war die tapfere Rothenburger Landwehr gekommen, um sich mit deni Bauernhausen aus dem Schüpfergrund und aus dem mittleren Taubertal zu vereinigen. Der Wirt von Ballenberg, Georg Metzler geheißen, hatte die Aufitändischen herangeführt.'Und die Brücke erbonnerte unter bem Beifallsgeschrei der Bauern, als Florian Geyer ausrief: „Schädliche Schloß, Wasserhäuser und Befestigungen, daraus dem gemeinen Mann bisher hohe und schreckliche Beschwerung zugestanden sein, sollen eingebrochen oder ausgebrannt und die Güter der feindlichen Ebelleut und Geistlichen sollen eingezogen werden." Auf der Stange trugen die Bauern einen Bauernschuh, ihr Feldzeichen. Unrat, abgenagte Knochen, zersprungene Trinkgefäße, Pferdemist, verstreutes Heu, angebissenes Obst und verkohltes Holz, der Lagerfeuer blieb auf der Brücke zurück.
Einige Wochen später trabte der grausame Trugseh von Walbburg, der gefürchtete „Bauernjörg", über ihre Bögen. Auch er stand am Kreuz, und bas Wasser an ber Brücke spiegelte ein hartes und undurchdringliches Gesicht. Von der Stachelhaut ber gepanzerten Reiter und von der Wucht ber greulichen Notschlangen (Geschütze), vom Räderrollen ber Bagage und vom staubaufwirbelnden Ritt der Reisigen erzitterte die Brücke wiederum.
Dann hörte sie den abgehetzten Atem der Flüchtenden, dann hörte sie Geschrei, Schüsse, Jammern, Wehklagen, dann schleppten sich lahmend« verwundete Bauern über sie, und der Feuerschein der ringsum brennenden Dörfer warf den Schatten der Steinpfeiler auf den Wasserspiegel, bann tarn ber Zug ber gefangenen Bauern, mit Leberriemen an bis Gäule der Rittersknechte gebunden, dann wurden vier hohe Fässer herangerollt, Bretter darüber gelegt und bas Schwert bes Scharfrichters blitzte auf. Unb jedesmal rollte ein Kopf und jedesmal sprang ein Schuß dunklen Blutes auf...
Dann sah die Brücke wieder das weiße Gefieder der Ganse, den Liebestanz der Libellen, die Staubfäulen, die der Wind über sie trieb und sie erlebte wieder die heiligen Dinge der Erde, die spielenden Kinder, die fröhlichen Mütter, die Liebenden, den Regen, das heimgefahrene Korn unb den geernteten Wein.
Der Concz von Königshofen.
Acker Concz wurde er genannt, unb er lief mit vielen anderen aus der Gegend zu den Bauernhaufen, die vor der prächtigen unb mauer- umgürteten Stabt Rothenburg ein Lager aufgeschlagen hatten. Conez trug bie Sturmhaube wie fast allesamt, unb bie vierschrötige Brust hatte er mit einem rinbslebernen Koller gegen Schläge und Hiebe geschützt. Er war Bauer und Spielmann zugleich und hatte schon im Dors Tauberzell und im Markt Königshosen zu Fest unb Kirchweih die Trommel gerührt. Er durste auch im Bauernhaufen die Trommel schlagen, bie er schräg vor den Bauch hielt und mit Schlegeln, gedrechselt aus Weißdornholz, rollend und grollend hieb. Er lief nun nicht mehr hinter dem Pflug und dem Ochsengespann her, nun lief er fortan neben dem Fahnenträger Klos


