Ausgabe 
26.9.1938
 
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sie aus der Schule blieb. . . .

, Es ist das Beste, was du tun kannst, mein Kmd, das einzige. Wenn i di« 'Generation, deren Väter im Kriege sind, verludert, wird es schlecht i um Deutschland stehen. Arbeiten ist das einzige, was deine Pflicht ist.

Schon nach einem halben Jahr machte Peter sein Notabitur. Er war i lanq aufgeschossen, seine Hellen Augen brannten. Ehe er ins Feld gmg, machte er einen feierlichen Abschiedsbesuch. Er kam an die Westfront.^

Christine gab ihm die Hand, drückte sie mit harter KarneradsäMlich- teit und wollte die Treppe hinaufrasen nach ihrem Zimmer. Schon knarrte unten die schwere Haustür, da wandte sie sich auf dem Absatz um, es war die schnelle Bewegung, die sie sonst immer gehabt hatte, und stürmte die Treppe wieder herunter.

Peter!" sagte sie, und sie hatte alle ihre Befangenheit von sich ge­schleudert.Peter, komm, wir gehen noch einmal in den Garten.

Der zweite Kriegswinter stand vor der Tür. Die Dämmerung floh über die kahlen Hefte. Sie sah dunkelgrau und schwer an der Mauer. Christine führte Peter den Weg zu den Himbeerbüschen, an deren Rand verwildertes Gras wuchs. Der Gärtner war im Feld, und die alte Hen­riette kümmerte sich nicht um den Garten.

Peter", sagte Christine, ,chas war unser Park. Peter, ich weiß nicht, ob ich es kann, aber ich will versuchen, für dich zu beten. Peterle, wie ich dich beneide!" ...

Peter, in der Uniform des 3. Garderegiments, die ihm zu wett schien, prehte ihre Hände und sagte immer wieder:Christtne, dann leb also ro°Hm Hause flammte Lichtschein aus über der Einfahrt. Peter sah sie an.

Da, nimmt das mit", sagte Christine, und sie beugte sich vor und küßte ihn sest und stark auf den Mund. Dann wandte sie sich um, winkte noch einmal mit der Hand und rannte in das graue Dunkel, das vor ihr stand. Das war nun auch vorbei...

In der letzten Klasse, sie muhte nun in einem Vlerteftahr, zu Ostern, das Reifezeugnis erhalten, wurde Christine in der deutschen Stunde ohn­mächtig Man las denTasto", den vierten Auftritt im vierten Akt. Mo­noton las Lotte von Delius, die Tochter des Generals, die Antwort des Tasto an Antonio:

Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf, Will ich nicht unterfudyen; jene dringt Ins tiefe Mark, und dieser ritzt die Haut."

Angela Mohwinkel, lustig, rotbäckig sie bekam vom Gut alles geschickt, was sie brauchte, präparierte kleine weihe Löschblattkügelchen, die sie mit einem Strohhalm kunstvoll gegen die Deckd blies. Sie unter­brach diese Arbeit und sagte zu Christine mit Ueberzeugung:Dieser Goethe ist Quatsch!" Dabei zog sie aus der hellbraunen Aktentasche, die sie alle längst statt einer Schulmappe trugen, einen prachtvollen Apfel. Christine wollte antworten. Die Stimme von Lotte von Delius klang monoton weiter:

... die Meinung andrer

Befriedigt leicht das wohl geführte Schwert;

Doch ein gekränktes Herz erholt sich schwer."

Christine sah auf den rotbäckigen Apfel. Sie wußte, dah es heute wieder diese verhahten Rüben geben würde mit Bratkartoffeln vazu, die ohne Fett mit altem Kaffeegrund aufgeröftet waren. Sie ritz ihren Blick mit Anstrengung von dem Apfel fort. Die Buchstaben tanzten.

Wie war das ... leicht mit dem wohl geführten Schwert? Die ver­suchte, nachzudenken. Die Buchstaben tanzten stärker. Sie fiel zur Seite.

Die Mitschülerinnen sprangen hinzu und legten den schmalen, dünnen Körper mit dem todblassen Kopf auf die letzte Bankreihe. Der Professor kam mit langsamen und zitterigen Schritten, er war siebzig Jahre alt, vom Katheder.

Meine Damen, meine Damen! Was sind das für Sachen! jagte er.

Das sind gar keine Sachen", antwortete Angela.Die Christine ist ohnmächtig geworden, weil ihr Vater doof ist!"

Der alte Herr stand ratlos:Was hat das mit ihrem Vater zu tun? fragte er.

, Deck Kerl ist doch verrückt! Sie haben einen Onkel mit einem Gut und' nehmen keine Pakete. Nun liegt sie da. Sie wiegt noch keine hundert

Lotte von Delius nahm ihr Taschentuch und tauchte es in das Wasser­glas, das auf dem Katheder stand. Sie legte es auf die Stirn von Chri­stine und rieb ihr die Schläfen.

Man muh den Arzt holen", fagte der Professor und sah hilslos auf das blaffe Gesicht feiner Schülerin.

Eines von den Mädchen hatte die Frau des Schuldieners geholt. Die nahm Christine, ohne ein Wort mit dem Professor oder den Mädchen zu sprechen, aus ihre Arme und trug sie die Treppe hinunter in ihre Wohnung. ,

Ihr seid blöde Gänse", sagte sie.5>at jemand schon den Schularzt angerufen?"

Es gibt doch gar keinen", erklärte Angela.Der,st im Feld bei dem Sechsten Armeekorps."

Wir haben doch den allen Sanitätsrat!"

Der ist um diese Zeit in der Reserveklinik. Wo leben Sie eigentlich, Frau Riemann? Es ist nämlich Krieg."

Es wird unter keinen Umständen In diesem Hause etwas Besonderes besorgt. Ich wünsche nur das zu essen, was alle anderen bekommen. Ich wünsche nicht, daß Vorräte angeschafft werden."

Von feinem Gehalt bestimmte er den kleineren Teil zur Bestreitung der Wirtfchaftsausgaben, der größere Teil war dazu da, denen, die das Glück hatten, draußen zu sein, Liebesgabenpakete zu schicke oder dem Roten Kreuz Geldsummen zu überweisen.

Im Wohnzimmer hing eine große Karte des Kriegsschauplatzes an der Wand. Der Regierungsrat las die letzte Meldung aus dem Großen Hauptquartier vor und steckte Fähnchen, blaue und rote Fähnchen, m die weit gespannte Leinwand. Christine verschloß sich. Sie konnte den Baler verstehen, aber sie verstand nicht, warum er darauf bestand, daß

Das weiß Gott!" sagte Frau Riemann.Sie haben es nötig, davon zu reden, Fräulein, wo mein Mann bei Verdun mar!"

Christine lag auf dem alten Plüschsosa, den Kopf hochgebettet. Sie war zu sich gekommen, aber sie hielt die Augen geschlossen. Sie hatte ein schmerzhaftes Gefühl in den Knien und rasende Kopfschmerzen. Sie dachtt plötzlich' Gott fei Dank, die Mathematikarbeit werde Ich ja nun

Ml« 8* ,ur ebenen ert««. Halbdunkel, denn die gelben Vorhänge waren b,s auf einen (leinen Spalt zugezogen. Durch den Spalt sah man aus dem ^of einen Wmmjm Streifen von Februarfchnee. Zwischen den beiden Fenstern hmg ein großer Oeldruck des alten Kaisers.

Christine öffnete ganz wenig die Augen. Da fagte die alte Frau Rie- mann:Bleiben Se man janz ruhig, Fraulein. Bleiben Se man anz ruhig fo liegen und denken Se an jar mscht. In eener halben Stunde kommt der alte Sanitätsrat. Er is ja man auch bloß een Dusiel. Aberer wird Ihnen schon wat sagen. So, nun bleiben Se ruhig, ick lasse Ihnen

^"sie^verließ das Zimmer, um in die Küche zu gehen, denn sie hatte frische Eier und Butter von ihrer Schwester vom Lande bekommen und wollte sich ein gutes Mittagessen machen.

Cdristine sah sich in dem Zimmer um. Vor ein paar Jahren war sie häufig hier genLsem Sie hatte absichtlich das gute FrÜhstucksbro - mein Gott, warum man immer an solche Sachen barste! wir mtt ge kochtem Schinken belegt gewesen oder mit d'ck-n Scheiben Leberwurst oder mit Kalbsbraten... Ja, damals hatte sie all diese schonen Brote ost mit Absicht zu Haüse oergefsen, um bei Frau Riemannfür nen Jro- sch«n" rote sie sagte, einen Schusterjungen mit Schmalz zu kausen oder eine Bulette für fünfzehn ipfennig. Soldje Buletten gab es u^rhaupt auf der ganzen Welt nicht, braun und knusprig, und dazu einen Schuster­jungen . _ Ja, damals war sie in der Woche ein paarmal in der Stube mit dem grünen Plüschsosa gewesen. Aber dann hatte sie bei dem Meinen Taschengeld die Groschen nötiger zu anderen Dingen...

Sie sah sich um. «ein, die Stube war fremb. Aber wie hatte sie das damals nicht sehen können? über dem Stummen Diener hing ein großer DruckAngriff der Garde". Das Bild war vom Großvater.

Es ist ein Schinken", hatte er gesagt.Aber laß man, Christine, es ist ein ganz guter Schinken. Sieh mal, Christine, wan kann das ruh g von sich selbst sagen, denn nur die Lumpe sind nämlich bescheiden, diesen Offizier da, der den Degen schwingt und vorwärts fjpnngt, den malt mir keiner nach. Der springt nämlich wirklich vorwärts.

Ach, wie lange war das her! Ein Geruch kam ins Zimmer von frisch» Butter und brotzelnden Eiern. Es war unerträglich. Aber Christine schloß die Lippen. Da kam wieder das Schwachegesuhl. Als ver alte Geheimrat in das Zimmer trat, hatte Christine wiederum das Bewußt- iNVerrl°aUen' Herr setzte sich auf einen der wackeligen Mahagonistühle neben das Sofa. Sie hat Aehnlichkeit mit dem Großvater, dachte er Er ließ sich Waffer und ein Handtuch bringen und tupfte mit feinen alten Händen vorsichtig die Schläfen. Christine öffnete wieder den Spalt der 2IU06o mein Fräulein", fagte der Geheimrat,wir wollen mal gleich sehen! Sie sind ja viel zu blaß, mein Kind! Haben Sie Schmerzen?

Christine schüttelte den Kops:Wüttnd bin ich", sagte sie,rasend ""^Worüber sind Sie denn wütend, mein Fräulein?" fragte der alte ^°",Dah^ch schlapp gemacht habe, ist eine Schande! Dabei passiert es mir schon zum zweitenmal. Der Teufel hole den Körper!"

Nun, nun, der Teufel hat doch genug zu tun, alle die französischen und englischen Hetzer zu holen! Aber wir wollen einmal sehen, was eigentlich los ist." ,..

Er ging zum Fenster und zog die Vorhänge zuruck. Der Schnee schim- merte weiß in das Fenster.So, da hat der Herr Petrus ja für aus- gezeichnetes Licht gesorgt."

Er zog die Augenlider herunter, er bog di« Unterlippe wett herab, um das Zahnfleisch zu sehen, und nickte dann vor sich hin.So, nun wollen wir einmal hören, was das Herzchen macht.

Christine ärgerte sich fo sehr über den Ausdruck "Herzchen". daß >hr plötzlich ein ganz schwaches Rot in die Wangen stieg. Aber sie schwieg.

Oefsnen Sie, bitte, die Bluse!" .... ,

Ekelhaft war dieser Sanitätsrat! Aber schweigend öffnete Christine die alte hellblaue Wollhtuse. Der Arzt setzte (ein Hörrohr an und mck e wieder.Sie sind wohl auch noch sehr gewachsen im letzten Jahr? fragte Sanitätsrat Niemüller. . ..

Ich.glaube", antwortet« Christin«,obwohl ich doch eigentlich schon lang genug bin, nicht wahr, Herr Doktor?"

Ach, mein Fräulein, darüber werden Sie noch einmal anders denkenl Nun atmen Sie einmal. So, atmen Sie, bitte, ganz tief!

Es wäre wunderbar, wenn ich ihn anspucken konnte! dachte CIM'"*- Widerlich, wie dieses alte Ekel fein Ohr an meinen Körper preßt! aber sie atmete gehorsam langsam und tief.

Danke", sagte Sanitätsrat Niemüller.Also, Fräulein von Rucktafch, ich werde einmal mit Ihrem Herrn Vater telephonieren. Sie sind ganz hochgradig blutarm, das Herz ist nicht ganz in Ordnung, und die L.unge gefällt mir schon gar nicht. Drehen Sie sich, bitte, einmal herum. e°- ziehen Sie die Bluse ganz aus."

Ich will aber nicht!" sagte Christine.

Aber, mein Fräulein, ich bin doch Arzt und ein uralter Monn!

Darum gerade, sagte Christine. _. ir

Der Sanitätsrat lächelte:Ach, mein Fräulein, kommen Sie, wir

müssen wirklich sehen, wie das mit der Lunge ist.

lFortsetzung folgt.)