Ausgabe 
26.9.1938
 
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GiehenerZamilienbliitter

Nummer 75

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1958* Montag, den 26. Zeptember

Christine von Äilotti

Roman von Rolf Brandt

Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin

2. Fortsetzung.

Ich habe es schon gehört", sagte Christine.Gehen Sie nur voraus ich hole Sie ja schnell em. Aber gehen Sie ein bißchen schnell. Sie sehen, ich lebe und habe mich nur ein bißchen verspätet."

»anb ben haffen Badeanzug sorgfältig aus und verstaute ihn in die Satteltasche. Sie zog ein wenig mühselig die Reithosen an und die langen Stiefel. Als fie den rechten Schaft Hochziehen wollte, überkam sie eine Schwache. Sie mußte die Zähne .zusammenbeißen, um den Stiefel bis zum Knie hochzuziehen. Sie klopft« der Stute auf den Aals:Ach, J)immeR)recf/ ich glaube, du kommst eher in den Krieg als ich! Weißt du eigentlich, was Krieg ist, Himmeldreck? Sie bekommen alle so komischen Lugen, wenn sie davon sprechen, die Männer. Ich denke es mir herrlich, zu galoppieren, eine Lanze in der rechten Faust, die Erde dröhnt ... hör' ooch zu, Himmeldreck, die Erde dröhnt, und dann 'ran an den Feind!" Sie pfiff laut das Kavalleriesignal zum Avancieren. Das hatte Beter sie gelehrt. Der würde nun auch bald in den Krieg gehen...

Sie saß im Sattel, ein wenig schwankend, nahm sich zusammen:Also geh schon Trab, Himmeldreck, es nützt ja nichts. Wir werden schon nicht herunterfallen." '

Man saß auf dem Gutshof schon um den Abendbrottisch versammelt. D,e Tante stand auf, nahm sie in die Arme und führte sie ins Neben­zimmer:Kind, wie siehst du aus? Kind, wo warst du?"

Sie strich ihr über die Haare, unablässig über die dünnen blonden Haare, und sagte dann:Wir haben uns geängstigt, Kind!"

Christine weinte:Ich wollte über die Elbe schwimmen, Tante, und bin beinahe ersoffen, wie eine Ratte ersoffen."

Du sprichst wie ein Stallknecht, Kind, aber wie konntest du das tun?" "Ich wollte wissen, ob ich auch in den Krieg gehen würde. Ich bin aber nicht hinübergekommen, also werde ich zu Hause bleiben." r fuhr ihr über die Wange:Du weißt nicht, was du

Ipnchst. Krieg, mein Kind, ist etwas sehr Großes und sehr Ernstes, und Onkel sagt, dieser Krieg wird furchtbar werden."

Um so schlimmer für mich", sagte Christine.

Geh nach oben, zieh dich um. Soll ich dir helfen?"

Christine schüttelte den Kopf.

Ich habe dein Abendessen aufgehoben."

Danke", sagte Christine.Ich glaube, ich habe furchtbaren Hunger." Der Tisch war schon abgeräumt, aber sie saßen noch alle um die runbe Platte. Der Onkel hatte ein paar Flaschen Bier kommen lassen, alle hatten Gläser vor sich. Der Gutsherr las aus der Abendausgabe einer Hamburger Zeitung vor, die mit einem Extraboten von Hamburg ge­kommen war. Die Ueberschrift über der ganzen Seite, es waren große y,R>nre Buchstaben, die fettig glanzten, lautete:Rußland will den

i'tine setzte sich an ihren Platz und biß herzhaft in die großen Wurstbrote. Bor ihr stand eine große Kanne heißer Schokolade. Alle schwiegen. Langsam fielen die Sätze nieder:In der zweiten Nachmiktags- stunde ging uns von amtlicher Stelle folgende von uns schon durch Extra- blatt verbreitete schicksalsschwere Mitteilung zu: Aus Petersburg ist heute me Nachricht des deutschen Botschafters eingetroffen, daß die allgemeine Mobilmachung der russischen Armee und Flotte befohlen worden ist. Dar­aus haben Seine Majestät Kaiser Wilhelm den Zustand der. drohenden Kriegsgefahr befohlen. Seine Majestät wird heute nach Berlin übersiedeln. Der .Zustand der drohenden Kriegsgefahr' bedeutet den unmittelbaren Vorläufer der allgemeinen Mobilmachung als Antwort auf die schon uAcke begonnene Bedrohung Deutschlands durch die Maßnahmung des

Der Onkel machte eine Pause. Preterson erhob sich halb.Bleiben Sie noch einen Augenblick, Preterson, der Wagen wird schon angespannt", sagte der Onkel.Hier ist der Leitartikel." Er las:Der Stein ist im Köllen. Das Deutsche Reich hat vom ersten Moment an keinen Zweifel Darüber gelassen, daß es wieder, wie vor fünf Jahren, in Nibelungen- *reue an die Seite des Bundesgenossen treten werde. Es hat aber bis ?um letzten Augenblick unwiderlegliche Beweise des Wunsches gegeben, ^en Weltfrieden zu erhalten. Es sollte nicht sein, weil Rußland den

Er machte wieder eine Pause. Man hörte, wie der Kanarienvogel am tjenfter unruhig von Stange zu Stange hüpfte.

Man hat vergessen, ihii zurudecken", sagte die Tante plötzlich, ging hin und hängte das leinene Tuch mit der roten Stickerei über das Bauer.

Z>er Onkel las:Das Deutsche Reich erhebt seine Waffen. Wird es gezwungen, sie zu gebrauchen, so wird ein jeder im Bolk seine Schuldta- teit tun, und dann wird wir sagen es im Bertrauen auf unsere Stärke und unsere gute Sache der Sieg sich an die deutschen Fahnen heften."

Das wollte Gott! sagte der Onkel.

Bon draußen hörte man das Klappern der Hufe auf der festgestampf- ten Anfahrt. Sie sahen alle da und blickten vor sich nieder. Der Inspektor m fcinet^ B-erglas Christine sah aufmerksam von Gesicht zu Gesicht. Die Augen des Inspektors trafen sie. Es war der Blick, sie rannte ihn nun, den die Jungens bekamen, wenn sie ganz unvernünftiq °i und dummes Zeug redeten. Sie sah Preterson ruhig an. Sie sich au^den^Krteg?"^ ^9te *le m bte Still» hinein:Freuen Sie

Er sprang auf:Wie ich mich freue, Fräulein von Ruckkasch! Wir werden siegen!

Draußen vom Hof klang auf einmal lautDie Wacht am Rhein" Die Rechte und Magde standen an der Auffahrt versammelt.

n Ontel ftanb auf und sagte:Die Dampfer in Hamburg werden auch alle zuruckgehalten. Die Russen haben in der Nacht die Eisenbahn- tDii'berijo't?^ ^"ze SzczakowaGranica gesperrt. Der Krieg ist da!"

- Von draußen hörte man jetzt deutlich:

... Wer will des Stromes Hüter sein"

In der warmen Nacht scharrten die Pferde. Die Burschen aus dem Dorf waren jetzt alle auf dem Gutshos versammelt. Sie hielten Fackeln in den Händen. Biele hatten schon die Reservistenmützen aufgesetzt. Der Leutnant der Reserve Preterson hielt sein kleines Köfferchen in der Hand, llr wollte noch heute nach Hamburg, und morgen, morgen dann würde er ja schon zu fernem Regiment müssen. Es war unsicher, ob die Züge regelmäßig weiterfahren wifrden.

Der Gesang flackerte unruhig und hell über den niedrigen First des Gutshguses, er flammte empor wie die Fackeln.

Preterson drückte seinem Gutsherrn die Hand. Der sagte:Min Jung, urin Jung! Gott segne dich!" Mehr sagte er nicht

Die Tante meinte ein lautloses Weinen.

Ser Gesang brach ab. Die Burschen schrien:Hurra! Hurra, Leut- nant Preterson!

Er hatte eine andere Haltung. Seine Augen blitzten unter dem grünen ' 3agerbut, o, als ob er schon einen Helm trüge. Er gab Christine die H?ud:Leben Sie wohl, mein liebes Fräulein Christine, und schreiben Sie mir einmal ins Feld." Er wandte sich plötzlich um und küßte Christine fest und stark auf den Mund.Wer weiß, wgs so aus einem wird!" sagte er wie entschuldigend zu dem Onkel, der den Kopf schüttelt«

Die Pferde zogen an, die Burschen mit den Fackeln liefen ein Stück hinter dem Wagen her, noch einmal dröhnte das Hurra über den Gutshof.

Am nächsten Tag war der Vater aus Berlin mit einem Auto da und holte Christine ab. Er wünschte, in dieser unruhigen Zeit mit feiner Tochter zusammenzusein, zumal es sicher war, daß in den nächsten Tagen der Zugverkehr für Privatpersonen gesperrt würde.

Christine stand in einer Menschenmauer am Potsdamer Platz. Warme Sonne lag über den alten Kastanien und über den Linden. Die Regi­menter marschierten durch die Berliner Straßen nach dem Potsdamer Bahnhof. Sie trugen Blumensträuße zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Uniform, die Musikkapellen dröhnten. Frauen und Mädchen liefen zur Seite. Ihre Nachbarin, eine robuste Frau, schien deck ganze Regiment zu kennen, sie nannte jeden Leutnant mit Namen und jeden Hauptmann.

Ich bin doch die Zeitungsfrau an ihrer Kaserne", sagte sie zu Christine.

Hurras flatterten über den Platz, fanden sich zusammen, daß es sich wie em Schrei über der Truppe und der Menschenmenge spannte.

Unaufhörlich ratterten die Züge. Man konnte es von fern in der Villa hören, immer die Züge, immer die Züge.

Dann wurde es still. Der Vater meldete sich bet drei Regimentern, zu denen er Beziehungen hatte. Man war sehr freundlich zu ihm, aber die Aerzte zuckten die Achseln.

Es wäre wirklich ein Verbrechen, Herr Regierungsrat. Das Herz ist nicht in Ordnung, und die Augen sind schlecht. Sie würden es nicht aus­halten. Glauben Sie, außerdem braucht unser Vaterland jetzt Beamte, die auch zu Hause für Ordnung sorgen."

Der Regierungsrat sprach noch weniger. Als die ersten Kriegsverord­nungen kamen, gab er feiner Meinung in Worten Ausdruck, die wie eine Proklamation für das kleine Haus wirkten.