Ausgabe 
26.8.1938
 
Einzelbild herunterladen

Menge artiger Dinge In recht deutschgewandten Perioden, worauf Gockhe dem Puristen als Erwiderung so vieler Höflichkeit die einsache frrage tut: Wie konvertiert Ihnen- das Bad? Kann man maliziöser sein? Goethe spricht leise und sehr gemessen, aber mit einer unglaublichen Sicherheit und funkelnden Augen, die seltsam genug mit der Ruhe und mit dem Maße in sernen Worten abstechen.

Kügelgen, 24.2IpriI 1813:

Ich sprang fort, um die Tür zu offnen, und herein drang eine unbe­kannte Dame, groß und stattlich wie ein Kachelofen und nicht weniger erhitzt. Mit Hast rief, sie mich an: Ist Goethe hier? Goethe! Das war kurz und gut. Die Fremde gab ihm gegen mich, den fremden Knaben, weiter kein Epitheton, und kaum hatte ich Zeit, mein einfaches Ja heraus­zubringen, als sie auch schon, mich fast übersegelnd, unangemeldet und ohne üblichen Salutschuß wie ein majestätischer Dreidecker in dem Zim­mer meiner Mutter einlief. Mit offenen Armen auf ihren Götzen zu- schreitend, rief sie: Goethe, ach Goethe, wie habe ich Sie gesucht! Und war dann das recht, mich so in Angst zu setzen? Sie überschüttete ihn nun mit Freudenbezeigungen und Vorwürfen,

Unterdessen hatte sich der Dichter langsam umgewendet. Alles Wohl­wollen war aus feinem Gesichte verschwunden und er sah düster und versteinert aus wie eine Rolandsäule, Auf meine Mutter zeigend, sagte er in sehr prägnanter Weise: Da ist auch Frau von Kügelgen. Die Dame machte eine- leichte Verbeugung, wandte bann aber ihrem Freunde, dessen üble Laune sie nicht bemerkte, ihre Breitseiten wieder zu und gab ihm eine volle Ladung nach der andern, von Freudenbezeugungen, daß sie ihn glücklich geentert, beteuernd, sie werde sich diesen Morgen nicht wieder von ihm lösen. Jener war in sichtliches Mißhaben versetzt. Er knöpfte seinen Oberrock bis ans Kinn zu, und da mein Vater eintrat und die Aufmerksamkeit der Dame, die ihn kannte, für einen Augenblick in An­spruch nahm, war plötzlich Goethe fort.

Kaiser Nikolaus von Rußland, Mai 1821:

Die äußere Erscheinung des alten Olympiers muß Nikolaus außer­ordentlich imponiert haben: denn der Kaiser bemerkte darüber:Ein präch­tiger Kopf, der Kopf eines Jupiter Stator. Weiter meinte der Kaiser: Er hat durch seine göttliche Ruhe und durch fein ernstes, gehaltenes Wesen einen ganz gewaltigen Eindruck auf mich gemacht. Er erweckte Achtung durch diese Ruhe und durch seine schlichte Haltung."

F. Gkillparzer, 29. September 1826:

Endlich öffnete sich eine Seitentüre, und er selbst trat ein. Schwarz gekleidet, den Ordensstern auf der Brust, gerader, beinahe steifer Haltung, trat er unter uns, wie ein Audienz gebender Monarch. Er sprach mit diesem und jenem ein paar Worte und kam endlich auch zu mir, der ich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers stand...

Ich gestehe, daß ich mit einer höchst unangenehmen Empfindung in mein Gasthaus zurückkehrte. Nicht als wäre meine Eitelkeit beleidigt gewesen, Goethe hatte mich im Gegenteile freundlicher und aufmerksamer behandelt, als ich voraussetzte. Aber das Ideal meiner Jugend, den Dich­ter desFaust",Clavigo" undEgmont" als steifen Minister zu sehen, der seinen Gästen den Tee, segnete, ließ mich aus all meinen Himmeln herabfallen. Wenn er mir Grobheiten getagt, und mich zur Türe htnaus- geworfen hätte, wäre es mir fast lieber gewesen. Ich bereute fast, nach Weimar gegangen zu sein. (Zusammengestellt von Dr. F. H.)

Alle Gaffen.

Von Walther Georg Hartmann.

Die gewundenen Gassen der alten Städtchen auf den Plänen können sie mit geheimer Sprache zu uns reden wie die Jahresringe der Bäume; Jahrhunderte, Geschichte, vorübergerolltes Ereignis sind in ihren Zügen aufgezeichnet. Der erste Straßenring, der sich außen um den Mauerring legte, der Ring eines Jahrhunderts, das nicht nur Stadt­wall-Tore, sondern Tore- der Erde und des Welthimmels ausriß,> rundet sich am deutlichsten auch als Schicksalsring vor unseren Augen auf dem Papier des Plans.

Wenn wir aber durch die Gassen gehen, so stellen sie die Jahr­hunderte selbst vor uns hin. In die Anmut ihrer Biegungen, in das Wunder ihrer alten und noch lebendig dienenden Schönheit, mit der sie unsere Blicke entzücken, klingen doch die Stimmen der Geschichte ein. Da schwebt nicht nur der Zauber alter Giebel im sanftem Rauch, steht nicht nur das kräftige Gegitier holzbraunen Fachwerks, zierliches Trep­pengeländer, liebliche Erker, biedere Messinggriffe an geschnitzten Türen, da spricht aus den schönen Kulissen einer Märchenhasten und doch lebens­wirklichen Bühne auch Geschehnis um Geschehnis selbst uns an, das einst diese kleine Stadt betraf, schrecklich ober segensreich, zerstörerisch ober bekräftigend.

Daß die Geschichte in so zeugenhasten Zeichen zu uns redet und auch im vielleicht geringen Ereignis eines abseitigen Städtchens doch auf große, durch Deutschland rollende Jahrhunderttaten hinweist, dies eben gehört zum Glück des schauenden Schlenderns in den alten Gassen. Dort das Wappen einer einstigen Bistumsstadt, wie kommt es, so weit abge­legen, hier an bas schmale, frühere Rathaus? Es erzählt von einstiger Herrschaft, von späterer Auflehnung und vielerlei Zwist um Besitz und Macht. Ein Gemäuer, nicht nur ein verfallenes, auch eine an die ältere ansetzende jüngere Wand von Speicher ober Turm kann einen ganzen Kriegsbericht geben. Inschrift und Zunftzeichen, Krane in gestuften Gie­beln unb Zinnen mitten in häuslichen Dächern, sie alle geben Rechen­schaft, und uns, die wir nur in die Gassen der alten kleinen Städte schauen wollen, flüstern sie vieles zu von der Geschichte dieser ihrer kleinen Stadt, der des Landes um sie her, der ganz Deutschland, ja wenn wir in Zeichen nur recht lesen auch vom Geschehen Europas und vielleicht der Weltgeschichte.

Das wahre Teilhaben an der Welt beginnt beim Zugehören zum Allernächsten. Wer sein Schicksal nicht aus den Verbundenheiten löst, wird auch sein eigenes Schicksal haben.

Die alten Gassen in ihren alten Städtchen zeigen es im Namen an. Es ist einerlei, welche mir durchsuchen; Deutschlands Reichtum an be­wahrten Jahrhunbertspuren ist groß.

Der Mensch nimmt bie frohen Ereignisse, selbst bie ungewöhnlichen, eher mit in den vergeßlichen Alltag.hinein, als bie bitteren. So haben auch in ben Namen ber alten Gassen Schrecken und Nöte öfter ihr Zeichen hinterlassen. (Der ereignislose schöne Alltag freilich über« wiegt im ganzen mit seinen Namen nach Handwerk und Handel unb Nachbarschaft.)

Da ist, am Raube eines fröhlichen Stäbtleins, bas van einer üppigen Barockkirche überragt wirb, dasTotengäßlein". Vielleicht weil der Name in bie heitere Anmut bes Ortes zwischen Weinhang und Wald, zwischen singenden Brunnen und blühenden Oleandertöpfen nicht passen will, trägt die Gasse ein anderes Namensschild. Die alte Bezeichnung aber lebt noch, zumal bei ben älteren Leuten.

Was ifts bamit? Noch härter hätte sie auch Pestgasse heißen können. Denn wir hören bazu: Von ber Pest bes Jahres 1635 würben hier nur bie Bewohner dieses Gäßchens befallen. Abgesperrt und bewacht, schloß es sich als Unglücksreich über den Menschen in diesen zwanzig Häusern. Durch das Tor, dessen aufgemaltes schwarzes Kreuz davon noch Kunde gab, wurden still unb eilig die Toten auf ben Pestfriedhof getragen. Er ist längst überbaut; das schwarze Erinnerungszeichen nicht nur, sondern das ganze Tor ist seit etwa hundert Jahren verschwunden. Aber im NamenTotengäßlein" lebt noch heute das Gedächtnis an ein Schicksal, das nach unerforschlichem Gesetz gerade diese Handvoll Häuser befiel.

Unb da ist anderwärts bieFranzosengasse". Auch sie weiß vom Sterben. Bei bem Franzoseneinfall im Oktober 1645 würben auf diesem Wege der Stabtschreiber mit fünf anderen Bürgern hinausgeführt und auf bem Hügel vor ber Stabt erschossen. Ein unb ein halbes Jahr­hundert später, und wieder hausen bie Franzosen in ber Stadt. Sie wissen es wohl nicht, denn sonst hätten sie es gewiß vermieden, daß sie durch die gleiche Gasse wiederum ein Häuslein von ihnen zum Tode verurteilte Männer führen, die im nächsten Dorfe erschossen werden. Aber die Nachlebenden wußten es noch, ob auch 150 Jahre vergingen von der einen Vergewaltigung und bitteren Abschiedsstunde bis zur anderen.

Es gibt aber auch Namen, bie lieber ben Trost nach bem Verhäng­nis, als dieses selbst festhielten. Da ist dieSchenkengasse", die ihren Namen von einem seltsamen Geschenk herleiten soll, von einer Gabe oder vielmehr von ber Befreiung aus einem Tribut, bie uns heute selbstverständlich scheinen will:

Ende des 16. Jahrhunderts ist die Häuserreihe dieser Gasse nieber- geb rannt. Die Bewohner verloren ihre geringes fyab unb Gut, unb der Verlust verarmte sie so, daß ihnen Hilfe, auch für langfristigen Wieder­aufbau, gegeben werden mußte. DasGeschenk" für diese Gasse war ber Verzicht bes Lehnherrn auf ein Recht. Auf bas Recht derBesthaupts", bas darin bestand, baß er beim Tobe bes Lehnsmanns bas Beste aus dem Nachlaß einst das beste Haupt aus Herde und Stall fordern konnte.

Was für lange Gedankenreihen, nach vorwärts und rückwärts, wollen sich ketten aus diesem einen Wort! Ja, selbst wenn dieser Sinn später erst in einen anderen Namensursprung derSchenkengasse" hineinge­beutet märe, mürbe sie nicht minber Zeugnis ablegen von der Bedeu­tung, die einst einem Ereignis, einer neuen Rechtsentfaltung offenkundig beigemessen mürbe. Denn bas (egenbäre Hineinbeuten sagt ebensoviel aus und manchmal sogar mehr von bem, roas als Wert und Grund und Wunsch der Voreltern erfüllte, als die nur vermerkende historische Be­standsaufnahme.

Und so ist cs auch mit ben zahllosen unverhüllt legenbären unb reizenden Geschichten, bie zu den Namen erzählt roerben für die Ring­leinsgasse oder den Engelmarkt, für die Maien-, Kinder-, Botengasse ober rote sie sonst heißen mögen im Silben wie im Norden Deutsch­lands.

Namen freilich muß Dann wird er die

Diese Deutungen der schönen ober befremdlichen

der Gast ber kleinen Städte sich erzählen lassen. .. _____ .. ...

Wanderung in ihre jahrhunbertbunten Schicksale beginnen, die ihn be­glücken und bewegen wird. Er wird aus ben Gäßchen roeiterroanbern durch Jahreszahlen und -bilder hindurch, in immer dichter sich füllende Gedankenträume hinein, mit denen er die Vergangenheit erschaut über dem ganzen Städtchen, über dem kleinen Land und endlich üb ernt ganzen Raum unseres Volkes.

Oer Mond ist im Verbleichen.

Von Ruth Schaumann.

Der Vogel Heere streichen Klagend dem Abend zu.

Der Mond ist im Verbleichen, Aber bei mir bist du.

Wind raschelt in den Eichen, Die Maus an meinem Schuh, Sie bangt um ihresgleichen. Aber bei mir bist du.

In Worten nicht noch Zeichen, Im Schlaf aus höchster Ruh.

Der Mond ist im Verbleichen, Aber bei mir bist du.

Verantwortlich: l)r. HanSTHyrioi. Druck undDerlag: BrühlscheUniv erfiiätsdrucker ei A. Lange, Gießen.