Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1958
Hreitag, den 27. Mai
Nummer W
Eng- feine mehr
ihre Sol- Mr.
Ausgaben. Ob es ihm nichts ausmache, betrogen zu werden?
Sie ahnte nicht, welche Frage sie stellte!
Pitt hatte Mit 25 Jahren als Lordkanzler und Finanzminister lands erschöpftes Budget übernommen — „der Bub!" sagten Feinde; nach fünfzehnjähriger Arbeit war das Nationalvermögen
als verdoppelt und England Lieferant der Welt. Zu gleicher Zeit jedoch ergab die Privatbilanz des Herrn Kanzlers 30 000 Pfund Schulden!
Dabei rührte er keine Frau an, keine Karte, hatte sozusagen kein Privatleben — es blieb rätselhaft. Die Gläubiger drängten — ein Hutmacher allein forderte 14 000 Schilling — die Finanzen des Herrn Kanzlers wurden peinlich für England'.
Londoner Kaufleute baten um die Ehre, bereinigen zu dürfen: der König selbst bot die volle Summe. Pitt lehnte ab. Er brauche Unabhängigkeit! Lieber ließ er Hollwood, den Lieblingssitz, und seine Diamanten verkaufen. Nie hörte man ihn klagen, aber seine Schulden blieben weiterhin der Punkt, der den „fleckenlosen Minister" sterblich machte.
, Zögernd und verlegen gestand er wie ein Knabe: .
„Siehst du — ich hatte wenig Zeit... Da schickten die Lieferanten Dinge, die ich nie zu Gesicht bekam, und meine eigenen Leute merkten natürlich, daß ich keine Rechnung prüft« ... Hollwöod ließ sich vielleicht zu großzügig bewirtschaften — ich kann kein Grundstück ansehen, ohne Verbesserungen zu planen. Da und d«rt gab ich wahrscheinlich zu hohe Unterstützungen ... es ist mir immer selbst ein Rätsel geblieben. Englands Etat hatte ich durch 18 Jahre bis auf Einzelheiten im Kopf und kenne heute Addingtons falsche Rechnungen besser als er selbst. Aber die Ziffern meiner eigenen Lebenshaltung vergaß ich — sie interessierten mich wohl auch nie... Das alles ist lächerlich — aber es hat mich doch viel Aerger gekostet —"
Hefters Augen besaßen die sonderbare Eigenschaft, ganz plötzlich aus grauer Bläue in der Erregung schwarz zu werden. Pitts unausgesetzte Wachheit gewahrte es, mitten im Bekenntnis:
„Hefter, was ist dir?"
Sie sprach an ihm vorbei, sehr leis«:
Pitt beugte sich vor:
„Die Küste wird im Ernstfall von Zivilpersonen geräumt — auch von 2ady Hefter Stanhope."
Sie schüttelte den Kopf, daß die Diamanten um ihre Ohren blitzten:
„Gefehlt, Mr. Pitt! General Dundas hat mir gerade ein Bataillon versprochen — für den Ernstfall."
Die Gläser hoben sich: „Auf die Herrin von Walmer und ihr Ba- laillonl"
„Ich sehe, ich bin überstimmt", lächelte Pitt, und Hefter gewahrte, daß der Mann, der Englands Schicksal hielt, lächeln konnte wie em junge.
Pitt gewesen?
Langsam ging es vorwärts, in Abständen von einer Viertelstunde waren die Formationen aufgestellt, jede Parade der zusammengewürfelten Truppen brauchte Zeit und Geduld. Hefters Pferd wurde unruhig. Regen setzte ein, erst rieselnd und sacht, dann immer dichter, bis das Wasser in Strömen von den Gesichtern troff.
„Mylady müssen heimreiten", meinte einer der Jungen.
„Nicht nötig", lachte sie und zeigt« auf sich selbst, „da ist kein Faden mehr trocken!"
Heimlich, von Zeit zu Zeit, wand sie die seidenen Handschuhe aus und trocknete mit einem Taschentuch das Haar. Dann wieder, vor einer Hecke, ließ sie die Zügel los und Arab sprang.
„Exquisit, Mylady, ich werde Sie zum Leutnant vorschlagen!" rief es hinter ihr. Als sie kehrte, war es General Dundas, und seine dunklen Augen blickten ehrlich bewundernd. Pitt ritt abseits, wie es schien, in tiefstem Gespräch.
Es wurde Mittag. Hefter hungerte erbarmungslos.
„Wird man nicht irgendwo essen?"
Sie sahen belustigte Blicke sich kreuzen.
„Mr. Pitt vergißt es oft. Aber wenn Mylady befehlen ..."
„Nein, nein, hier befiehlt Mr. Pitt", erwiderte sie rasch und begegnete enttäuschten Augenpaaren.
Bis zum Nachmittag, wie alle anderen, hielt sie durch, bei strömendem Regen. Als sie in Walmer Castle vom Pferde sprang, quollen kleine Springbrunnen aus ihren Stiefeln, und die Kleider wickelten sich wie Gummi um den Körper.
„Laß dich gut trocknen", sagte Pitt. Zum erstenmal, seit dem Morgen, streifte sie seine Augen, pber die Worte klangen mindestens so sachlich wie die Anordnung für ein Regiment. -
Sie erschien in der großen, erleuchteten Halle des Schlosses, frisch wie aus dem Morgenbad gestiegen. Acht Männer verbeugten sich mit
. Lady Hefter Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Maria Josepha Krück von poturzyn
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
Sie blieb abseits, jung« Offiziere drängten sich geflissentlich an Seite und bemühten sich, Konversation zu machen. Ob Mylady baten interessant finde und ob Mylady immer schon verwandt mit
Wind und Regen schlugen gegen die Fenster: dayn und wieder trat einer der Männer in die Fensterbogen und betrachtete das Meer, Englands majestätische Grenze. Die Wachtfeuer flackerten.
Unter den gepuderten Haaren glühten die Gesichter — von dem Kehrreim des unerhörten Wortes ,Invasion" — vom langen Ritt — und dieser Frau, deren Gegenwart prickelnd den Raunt erfüllte.
Ehe es zehn schlug, bedeutete Pitt Aufbruch. Früh begann der neue Tag, und auf ihn selbst wartete die zweite Hälfte des Seins; über Briefen, Akten, Memoranden aus London und aller Welt faß er, wenn- längst jeder schlief im Schloß.
Er begleitete die Nichte zur Tür: „Gute Nacht, Hefter ... Und morgen muh ich Kanonenboote vor Dover besichtigen — da wird es nicht gut gehen —"
Ohne Pause fiel sie ein: „Ja, morgen habe ich auch keine Zeit, denn ich werde mich einmal um deinen Haushalt kümmern."
/.Schloß Walmer wird dankbar sein —"
Er verbeugte sich — beinahe steif in seiner korrekten Art, und sie ging die lange breite Treppe hinauf, ohne sich umzusehen, in der Haltung einer Herrscherin. —
Dags darauf schien kein guter Morgen über der Dienerschaft von Walmer Castle. Mylady thronte vor dem mächtigen Schreibtisch ihres Onkels und rechnete. Hefter hatte nie Haushalt geführt; sie wußte nur, daß es Rechnungen gab, und Rechnen war von, je ihre starke Seite. Also begann sie mit dem Budget. Daß Pitt, für solche Bagatellen keine Zeit hatte, begriff sich von selbst. Zunächst das tägliche Essen!
Diensteifrig brachte der Koch mehrere Streifen Papier. Auf einem derselben stand zu lesen, daß ein Lieferant von Walmer 900 Pfund Fleisch für die vergangene Wache nach dem Schloß geliefert habe. Allerdings, so fügte der Koch eilig hinzu, das sei nur die Rechnung für Mr. Pitt und die Dienerschaft — die Gäste würden besonders aufgeführt.
Hefter lehnte sich zurück und bohrte die Augen in fein Gesicht:
„Das wären ... 128'/- Pfund Fleisch pro Tag? Wo Mr. Pitt kaum zwei Koteletten ißt?"
Bedauerndes Achselzucken:
„Ganz recht, Mylady. Die Rechnung für die vorhergehende Woche war noch höher. Allerdings — find sie beide noch nicht bezahlt..."
Vor Hefters Blick senkte der Koch die Lider.
„Du scheinst deine Sache sehr schlecht zu machen. Für heute will ich es noch hinnehmen, aber künftighin —!"
Sie erhaschte ein seltsames Augenzwinkern. Begreiflich, Pitt war' Junggeselle, und die Dienerschaft wünschte sich nichts weniger als.die Aufsicht einer Frau. —
Pitt kam allein nach Hause. Gäste seien heute nicht mehr zu erwarten. Hefter wagte schonungsvoll, nach beendetem Abendmahl, das Thema der
verhaltenem Schmunzeln.
„Mr. Pitt, Sie waren grausam, uns eine solche Nichte so lange 'vorzuenthalten", sagte General Dundas tiefe Stimme.
Pitt antwortete in seiner vieldeutigen Art:
„Sie hat sich auch mir vorenthalten — bis jetzt ..."
Er bot ihr den Arm und führte sie zum riesigen Ehrenfitz des Tisches, dahin, wo einst Heinrich VIII. gethront. Flackernde Kerzen warfen matten Schein auf. ihren bloßen Hals, dessen Haut sich vom Schimmer der Perlenkette kaum unterschied, lieber dem hochgemachsenen Körper faltete sich indische Musseline, dunkle Wimpern beschatteten einen stolzen Blick. Cs war eine königliche Frau.
Pitts Augen allein blieben hell und ruhig.
„Heute nacht", erzählte er, „wurde mir von Ramsgate gemeldet, zwei ranzösifche Schisse seien gerade dabei Truppen an d r e i Stellen auszu- vooten. Die Leute werden hellsichtig,' wenn das so weitergeht —"
„Unsere Matrosen kaperten gestern ein französisches Boot", sagte lebhaft ein Captain, „wir glaubten schon, der Tanz beginne ... • Aber was denken Sie, Lady Hefter, fand sich darin? Schnaps! ° Nichts als Zchnaps!"
Ueber dem Männerlachen triumpierte Hefters helle Stimme:
„Schnaps sollen die Franzosen auch von mir bekommen, wenn sie anden, so viel, daß keiner mehr nach London findet!"


