Ausgabe 
25.11.1938
 
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gespräch nur ein Anfang sei zu einem größeren Gespräch auf einer langen Straße, der Straße des Lebens.

Und es kam, roie er es wünschte, nicht lange danach wurde das Mädchen Josepha, von Beruf Privatsekretärin, die Frau des Ingenieurs Cleve­land und ihre Hochzeitsreise machten sie ttn Flugzeug.

Tantenlob.

Von Elisabeth Andreas.

Die Tanten sterben aus. Nein, eigentlich sind sie längst ausgestorben. Es gibt zwar noch nette Tanten, die an freundliche Onkel verheiratet sind, und zu denen man mal aus Besuch geht. Dann wird man mit ins Kino genommen und ins Kaffeehaus, sahrt Auto und tanzt abends unter ihrem Schutz in einer Hoteldiele. Aber wenn einem das Unglück zu­stoßen sollte, durch irgendeinen Zugwind sich einen leichten Schnupfen zu holen, bei 37,8, dann hängt sich die Tante ans Telephon und fleht die Eltern an:Holt sie abl Sie darf hier nicht krank werden. Ich bring .sie euch im Magen entgegen, das letzte Stück könnt ihr dann mit der Bahn fahren, soweit ist sie noch transportfähig!"

Und wenn man dann zu der besorgten Mama ins Abteil steigt, ist man eigentlich schonsoweit transportfähig", daß einen die Tante ruhig wieder mitnehmen könnte. Und daheim ist man glücklich aus den ge­wohnten 36,8 angelangt. Nun ja!

Es gibt auch Tanten ohne Onkel, tüchtige berufstätige Frauen, zu denen man nicht auf Besuch gehen kann, wegen zu kleiner Wohnung und zu vieler Arbeit. Aber die kommen dann und wann selber zu Be­such, bringen hübsche Geschenke mit, teilen viele kluge Ratschläge aus, beherrschen die neuesten Methoden der rhythmischen Gymnastik, kennen keine Borurteile und sind eine Zeitlang ihren Neffen und Nichten sehr amüsant. Es ist durchaus angebracht, das Lob dieser Tanten mit und ohne Onkel zu singen, obwohl sie beide nicht die ganz richtigen Tanten sind.

Richtige Tanten gibt es eben nicht mehr, sie haben keine Daseins­berechtigung, und niemand will mehr ihre Rolle spielen.

Unsere Kinderzeit ist noch von dem Glück, zwei wirkliche, echte Tanten zu haben, übersonnt gewesen. Zwei Halbschwestern unseres Vaters lebten ganz bet uns im Hause, im Sanatorium eines kleinen Kurortes, das immer angefüllt war von mehr oder weniger leichtkranken Gästen, die mäßig Kur machten, gern und gut aßen und sich unter der menschenfreundlichen Pflege unserer Eltern sehr wohl fühlten.

Jedoch außer diesem schönen Familienbesitz hatten die Eltern vier-, zehn Kinder, alle gesund, baumstark, unverwähnt, aber mit vitalsten Be­dürfnissen aller Art ausgestatket, so daß trotz ständig belegten Hauses der Verdienst gering blieb und oftmals direkte Geldsorgen etntraten. Ich glaube, wenn die Tanten nicht gewesen wären, unsere Eltern hätten den Besitz nicht halten können. Ader diese unscheinbaren Engel schwebten über allem und hielten Wacht. Sie selber hatten von der eigenen Mutier die Riesensumme von 3000 Mark geerbt. Man überschüttete sie mit Ratschlägen: Dar-on könne man doch eine kleine Pension aufmachen, und bei ihrer Tüchtigkeit würden sie sich bald vergrößern, auf die Dauer werde ein Hotel dabei herausschauen. Die 3000 schwollen an wie die Milchmädchenrechnungen bei Lafontaine.

Aber die Tanten lächelten nur zu allem und liehen das Geld zins­los chrem Bruder wozu hätten sie es wohl gebraucht? Gehalt zu verlangen, wäre für sie eine Demütigung gewesen, ihre wenigen kleinen Wünsche wurden ja erfüllt. Zu Weihnachten erhielten sie. stets die gleichen schwarzen Samtblusen mit weißem Einsatz und dazu schwere Tuchröcke, sie trugen jahraus jahrein die gleichen dicken Mäntel und Hüte, einfache Filzhüte, im Winter mit grauem Iltis geschmückt, der im Sommer durch eine violette Federboa ersetzt wurde. Ihr dickbesohltes Schuhwerk hielt ewig, und Wäsche hatten sie geerbt und erklärten lachend, die würden sie nochmals uns Nichten weiter vermachen, so solide sei sie

Wenn ich mir heute ihre Gesichter und Gestalten ins Gedächtnis zurückrufe, so sehr ich sie vor mir mit chren ruhigen breiten Zügen, etwas bäuerlich wie Cranach-Bilder, mit steilen weißen Stirnen, kräf­tigen Nasen und einem zierlichen Mund mit prachtvollem Gebiß.

Tante Maries Augen verrieten Geist und arglose Spottlust, Tante Lisettens Blick war von unendlicher Sanftmut, und der Zug um Wan­gen und Kinn zeigte mehr Güte als Intelligenz. Die Gestalten, massiv, aber nicht schwerfällig, bewegten sich mit einer gewissen altmodischen Anmut, alles war abrett und säuberlich an ihnen. Lisettens Haar lag kraus und graublond um die Stirn; Tante Maries einziger Lurus be­stand In einem Fläschchen Haaröl, das wir ihr allmonatlich aus der Drogerie holen mußten. Sie liebte ihr Kraushaar nicht und strich es fo lange ein, bis es sich zum glatten Scheitel legte und von dem Del immer ein wenig metallisch schimmerte.

Tante Marie unterhielt die Gäste, sie spielte Skat, Tarock, Schach und im Sommer Krokett und Tennis mit alten Damen und Herren. Ich sehe noch heute den rührend sanften Vogen, den die Bälle übers Netz nahmen. Ihr Witz und ihre Munterkeit konnten eine ganze Saalrunde unterhalten, sie brachte die Schüchternsten zum Reden und die Melan­cholischen zum Lachen. Unter ihrer Hand wurden die Fremdenzimmer zu heimatlichen Räumen, Wäsche auf Tischen und Betten war blen­dend weiß, das Geschirr glänzte und schimmerte, Blumen standen überall in blühender Frische. Tante Lisette kochte besser als der beste Koch, alle unsere Köche ließen sich willig und gern von ihr beraten, sie erfand die ge­heimnisvollsten Süßspeisen und Suppen. Sie spielte Klavier in der fröhlich­fentimentalen Art, wie die alte Generation es liebte, und begleitete sanges­frohe Gäste zu Schubert- und Löwe-Balladen.

Aber all das war nur der geringere Teil an Arbeit, den sie unfern Eltern abnahmen. Ihr Lebensinhalt waren wir, wir 14 Buben und Mäd­

chen. Sie beireuten die Säuglinge in der Wiege, sie halfen uns anziehen, sie nähten und flickten nächtelang, sie hörten Latein ab und Geschichts­zahlen, sie stellten Katechismusfragen und rechneten die Aufgaben nach, sie gaben In ihrer unerschöpflichen Phantasie Anregung beim deutschen Auf­satz. Sie verbanden unsere Schrammen und Wunden vom wilden Spiel und saßen neben ober statt der Mutter an unfern Betten, wenn wir im schweren Fieber lagen. Sie machten mit uns Ausflüge, unsäglich herrlich durch ihre Seltenheit, im Frühsommer mit zwei großen Leiterwagen zum Kirschenessen in entfernt liegende Dörfer, mit Picknick im Wald und Ge­nüssen, an denen wir noch tagelang zu tragen hatten; im Spätherbst zur Weinlese, und um Weihnachten" einmal mit Schlitten ins Gebirge. Jedesmal wurde esder schönste Ausflug unseres Lebens".

Aber über alles erinnere ich mich an die wunderbaren Erzählungen, die in endloser Fülle ihrer Phantasie und ihrem fabelhaften Gedächtnis entsprangen.

Tante Marie las englische Romane und deutsche Romantiker und konnte alle Sagen und Märchen lebendig werden lasten. Ihr verdanken wir den Schatz an Erzählungen, die wir heute an unsere eigenen Kinder weitergeben. Leider fehlt uns allen nur Tante Maries geheimnisvoller Stimmklang, mit dem sie Ritter und Ladies, Bären, Wölfe und Engel auftreten ließ, und ihr schillernder Stil, der alles Geschehen so seltsam wirklich-unwirklich machte.

Tante Lisette war in der Weltgeschichte zu Hause und in den Genea­logien aller Herrscherhäuser. In ihr lebte eine tiefe Liebe zum alten hei­ligen Reich, es war für uns eigentlich gar nicht tot und konnte jeden Augenblick wieder erwachen und mit der heiligen Krone, dem Reichsschwerk und dem byzantischen Kaisermantel vor uns stehen. Grausig schön waren die Berichte über Marie Antoinette und Ludwig, man konnte abends nicht einschlafen, weil die Guillotine so schauerlich zischte. Und erst recht ver­folgten einen die blutigen Schatten der Stuarts und 3man der Schreckliche und Cesare, besten blauen Eisblick ich ordentlich auf mir fühlte, wie er auf Caterina Sforza geruht hatte.

Manchmal verwiesen Mutter ober Tante Marie der Tante Lisette diese Art, uns Grauen einzuflößen. Dann nahm Lisettens Gesicht einen ganz erschrockenen Ausdruck an, und einige Zeitlang erzählte sie uns nur harmlose Herrscher-Anekdoten, bis wir selbst wieder Verlangen trugen, nach dem Tod der Kaiserin Elisabeth ober dem schrecklichen Ende des schönen Mar und der armen Charlotte '

Es ist gar nicht anders zu sagen, wir hatten drei Mütter, unsere eigene Mutter war uns Stern und Vorbild aber die Tanten waren auch Mütter im wahrsten Sinne des Wortes. Und 14 Kinder können schon drei Mütter verschleißen.

So geschah es denn auch. Nach einem Leben voller Mühe und Arbeit starb unsere eigene Mutter zuerst, friedlich und ruhig bas Geschick der Familie den Händen der Tanten überlassend. Aber bald daraus fing Tante Marie an, ihr Herz zu spüren. Sie lachte und scherzte darüber weg, aber wir alle sahen uns angstvoll an, wenn sie mit blauroten Lippen und grauem Gesicht nach Luft rang. Es war für uns Ehre und Freude, wenn wir ihr manchmal nach überreichem Arbeitstag die Schuhe und Strümpfe ausziehen durften, aber bann trieb uns der An­blick der stark geschwollenen Beine das Wasser in die Augen. Sie endete elend nach qualvollstem Leiden an der Wastersucht, bis zum Sterben heiter und aufrecht und Trost spendend. Das so lange Zeit über gedunsene Gesicht lag nun wieder schmal geworden auf dem Totenkissen, mit einem Leuchten darüber, das mir unvergeßlich bleiben wird.

Tante Lisette blieb als letzte der mütterlichen Engel zurück, sie war lange Zeit still und stumm und arbeitete sich matt. Zum Glück waren wir herangewachsen, zum größten Teil schon selbständig und aus dem Hause fort, es kamen Schwiegertöchter, Schwiegersöhne hinzu, aber Tante Lisette blieb der wärmende Mittelpunkt. Weit mehr als wir Kinder alle schaffte sie unserem Vater ein behagliches Alter; bis auch er von uns ging.

Der älteste Bruder Übernahm das Haus, feine junge Frau brachte neue Methoden und neuen Schwung mit, Tante Lisettens Art war ihr fremd. Wir alle empfanden es so schmerzlich, daß sie sich bald über­flüssig fühlen mußte, jeder von uns wollte sie gern für sich haben. Aber sie mochte sich nicht entscheiden. Da starb einem Vetter von ihr die Fran, und eines Tages stand er vor ihr mit drei struppigen schmudde­ligen Kindern und bat sie, zu ihm zu kommen.

Sie seufzte, sah uns an und sagte zu. Als wir sie einmal auf dem schönen großen Hof des Vetters besuchten, staunten wir hauptsächlich über die Veränderung der drei kleinen Schmutzfinken, die sich in sauber bezopfte Jungmädchen verwandelt hatten. Der Vetter meinte:Ja, sie ist zwölf Jahre älter als ich, aber ich möchte sie doch heiraten, sie ist die beste Seele von der Welt!" Aber Lisette wehrte ab:Nein, Theodor, ich kann mich jetzt nicht mehr daran gewöhnen. Laß uns doch ruhig so weiterleben wie bisher!"

Bei der Gelegenheit kam uns zum erstenmal in den Sinn, ob die Tanten überhaupt mal geliebt hatten oder geliebt worden waren. Mr hatten nie darüber nachgedacht, ich weiß auch bis heute nicht, ob ihre Herzen ein Geheimnis bewahrten.

Tante Lisette wurde uralt und saß auf dem Hof und strickte und häkelte und nähte, als ihre Füße sie zu keiner anderen Arbeit mehr tragen wollten. Als wir das letztemal bei ihr waren, brach eben die neue Zeit an. Sie nickte uns geheimnisvoll zu und sagte so ganz still:Gebt acht, jetzt kommt es wieder, jetzt werdet ihr es erleben, wie das alte Reich wach wird!"

Sie ging friedvoll hinüber, den weißen Kopf an den Kachelofen ge­lehnt, die sanften Augen geschlossen, den welken Mund halboffen, so daß man die immer noch prachtvoll festen Zähne sehen konnte.

Die Tanten sterben aus, es ist tief beklagenswert, wenn auch die meisten Menschen von heute ihr Dasein für unnütz und überflüssig halten mögen!

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.