Wer wußte je das Leben recht zu fassen...
Von August Gras von Platen.
Wer muhte je das Leben recht zu fassen, Wer hat die Halste nicht davon verloren Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren, In Liebesqual, im leeren Zeitverpassen?
Ja, der sogar, der ruhig und gelassen, Mit dem Bewuhtsein, was er soll, geboren. Frühzeitig einen Lebensgang erkoren, Muh vor des Lebens Widerspruch erblassen.
Denn jeder hofft doch, dah das Glück ihm lache, Allein das Glück, wenn's wirklich kommt, ertragen. Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.
Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen: Dem Schläser füllt es nimmermehr vom Dache, Und auch der Säufer wird es nicht erjagen.
Das Mädchen unter der Tür.
Erzählung von Friedrich Schnack.
Ingenieur Cleveland, von Berlin nach Süddeutschland zurückkehrend, hatte das Flugzeug genommen. Kurz vor der Abfahrt ging er noch einmal aus der Kabine, eine Zeitung zu holen. In diesem Augenblick stiegen ein junges Mädchen und eine ältere Dame ein. Er stand dem jungen Mädchen unter der Kabinentür einen Augenblick gegenüber, eine Sekunde Gesicht zu Gesicht, und sie genügte, fein Gefühl zu erschüttern. Er trat zur Seite, lieh die Dame herein und stolperte benommen die Treppe hinunter. In der Verwirrung kaufte er eine falsche Ausgabe. Nie hatte er in ein schöneres und tieferes Licht geblickt.
Die neuen Fluggäste hatten die beiden vorderen Plätze eingenommen, was Cleveland sehr bedauerte, da in seiner Sitzreihe noch zwei Sessel frei waren. Er sah von dem Mädchen nicht mehr als einen Schimmer der Wange, wenn sie mit ihrer Begleiterin sprach, und das schöne, volle Haar. Haar von warmem Dunkelbraun, das an den Ton des Nußholzes erinnerte. Mutter und Tochter? In dem Verhalten der beiden zueinander glaubte er einen gewißen Abstand wahrzunehmen, wie wenn das Mädchen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Begleiterin stunde.
Die Maschine schwebte in den Lüften. Cleveland hoffte, das Mädchen reife nach München. Ob es wohl eine Möglichkeit gäbe, sie kennenzulernen Vielleicht in München, wenn nicht unterwegs. Aber die Reise war kurz. München schwebte ihm nun plötzlich wie eine Verheißung vor. Es war für ihn ausgemacht, daß die beiden nach München reisten. Er mar dort Ingenieur in einer Flugzeugsabrik, und wiewohl er leidenschaftlich gern flog, das Fliegen gleichsam einen Teil seiner Weltanschauung bildete, hatte er augenblicklich doch an technischen Fortschritten auszusetzen, dah man unter gewissen Umständen viel zu rasch reife, viel zu rasch ...
Er sah die schimmernde Wange, das nußbraune Haar — draußen lagen wattige Wolken. Er vertiefte sich in feine Zeitung. Die Lektüre brachte ihm die Anpassungsfähigkeit des Geschicks zum Bewußtsein; mit der technischen Entwicklung hielt es gleichen Schritt. Am meisten batte es wohl damit zu tun, Männer und Frauen zufammenzubnngen. Da war von einem Flugzeug zu lesen, das mit einem Piloten bemannt und von einem Mann und einem Mädchen besetzt war. Unterwegs geriet es in Brand. Die Insassen sprangen mit Fallschirmen ab. Das Paar das sich angeregten Gespräches unterhalten hatte, wagte den Sprung an einem Fallschirm^ während der Pilot an einem zweiten einen Augenblick spater in die Tiefe ging. Sie landeten glücklich. Der Mann und das Madchen hatten sich während des Absprungs ineinander verliebt: das Geschick hatte: sie m ein blitzartig schnell ablaufendes und gefährliches Geschehen verwickelt - nichts Schlimmeres konnte kommen: kaum aus den Lüften angelangt, baten sie den Piloten, zur (Erinnerung an diesen Liistsprung ihr Trauzeuge zu werden. Beinahe verunglückt, stürzten sie ins Gluck ?hr Schicksal wollte diele technische Ueberraschung. Es hatte in sein Zauberspiel die neuzeitlichen Mittel Flugzeug und Fallschirm getan.
Cleveland konnte sich und dem Mädchen, wie auch allen Mitreisenden, nur eine glatte Fahrt wünschen und keine so gewaltsame Entscheidung. Aber r glaubte aus dieser k einen Geschichte für sich etne Nutzanwendung entnahmen zu sollen: Vertraue dem Geschick! Würde er aber je Gelegenheit haben, ihr seine Empfindungen anzuvertrauen?
Unter solchen Spannungen, Erwägungen umd Befürchtungen ging die Reife hin, man landete in München. Doch auch hier war es mjt anbei» als zuvor: Cleveland konnte sich dem verehrten Mädchen mch naher , ihr nur dicht Nachfolgen, die sich mit deutlicher Aufmerksamkeit ihrer Begleiterin widmete und für nichts sonst einen Bild' SJan »ertwB
die Halle, die beiden Damen wurden von einem P^vatwagen erwart und fuhren weg. Cleoeland bestieg eine Taxe und gab dem Fahrer die Weisung, dem anderen Wagen dicht zu folgen. Aber m der einer Kreuzung verlor der Fahrer den Wagen aus dem ließ sich Cleveland nach Hause bringen.
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Das schöne Mädchen war verloren. Die Tage nahmen ihren Laus, d,e Berufsarbeit beanspruchte alle Kraft. Langsam ernüchterte ihn die Zett. Er dachte nicht mehr an das Mädchen es wäre auch zwecklos gewesen. Da brachte sich die Fügung, die ihre Faden nicht sollen las -n mochte,
wieder in Erinnerung. Cs war im November. Clevekand hatte feine Mutter, die nach Augsburg fahren wollte, zum Bahnhof gebracht. Sie kamen ziemlich spät, der Zug war gut besetzt, und Peter Cleoeland muhte schleunigst einen Platz suchen. Wie er eben einen Wagen bestieg, traf er unter der Tür mit einem jungen Mädchen zusammen, das er zu kennen meinte. Sie stand auf der obersten Stufe, er eine Stufe tiefer. Gesicht zu Gesicht standen sie. Dann sprang er zurück, um ihr Platz zu machen, und während sie, die vermutlich jemand zum Zug gebracht hatte, an ihm vorübereilte, wußte er, wer sie war: das Mädchen aus dem Flugzeug. Ueber» rascht und beinahe fassungslos blickte er ihr nach — aber er muhte einsteigen und einen Platz suchen. Sie war verschwunden. Doch tröstete ihn die Vermutung, daß sie in München wohne.
Merkwürdig, dachte er, im Reiseverkehr treffe ich sie, zuerst im Flugzeug, dann im O-Zug. Folgerichtig müsse er sie beim nächsten Mal in einem Omnibus oder einem Schiss wiedersehen. Aher Zufall oder geheime Planung handeln nicht mit der Logik eines Flugzeugerbauers. Nichts von alledem geschah.
Kurz vor Weihnachten war Cleoeland in das Stadtinnere gegangen, um Einkäufe zu besorgen. Er betrat die Verkaufsräume eines großen Geschäfts. Die Drehtür hatte gerade einen Viertelbogen beschrieben, als der Mechanismus versagte und Cleoeland sich gefangen sah. Er stieß gegen den Flügel, die störrische Tür weiterzuschieben, aber das Werk rührte sich nicht mehr. Innen und draußen stauten sich die Leute, lachten, lärmten und blickten durch die Glasscheiben nach dem Eingesperrten — eine dumme Situation! Doch ging es ihm nicht allein so. Im gegenüberliegenden Teil der Tür, der als Ausgang diente, war ein junges Mädchen eingeschlossen. Es mochte ihr unangenehm sein, sich so angestarrt zu wissen, mit etwas bestürzter Miene wandte sie sich ihrem Mitgefangenen zu.
Im Augenblick wandte sich Clevelands Verstimmung in Erstaunen und beklemmende Freude. Er meinte nicht recht zu sehen. Gesicht zu Gesicht stand sie. Sie war es, das Mädchen aus dem Flugzeug, eingesperrt in diesen albernen Käfig mit ihm. Ihre klaren Augen, die unwillig blitzten, erinnerten ihn an jenen ersten Blick, der ihn so tief berührt hatte. Was für ein seltsamer Zufall. Nun sah er sie wieder und pries insgeheim dis Störung der technischen Einrichtung. Das Mädchen schien wenig davon erfreut zu fein. Sie trommelte nervös mit der geballten Hand gegen dis Glasscheibe.
Der Geschäftsführer eilte herbei und bedeutete den Eingesperrten, einige Augenblicke Geduld zu haben, sie würden alsbald befreit werden. Cleoeland nickte. Und er nickte auch dem Mädchen beruhigend zu. Sie antwortete mit einem leichten Lächeln und lehnte stch gegen die Rückwand, ihr Gesicht ihm zugekehrt. Sie hatte eine schöne Stirn, ihr Mund war fein geschwungen, und ihr klarer Blick strahlte ihn an.
Cleveland riß einen Zettel aus seinem Notizbuch und schrieb mit großen Zügen darauf: Am 15. September reifte ich im gleichen Flugzeug wie Sie von Berlin nach München. — Am 22. November sah ich Sie am Hauptbahnhof am v-Zug München—Augsburg wieder. Heute bin ich Ihr Mitgefangener. Gewähren Sie mir bitte, wenn wir aus dieser Falle heraus sind, ein kleines Zwiegespräch!
Er drückte den Zettel gegen die Scheibe, damit ihn das Mädchen lesen konnte. Wie in einem wirklichen Gefängnis war es, in dem die Gefangenen Botschaften austauschten. Sie beugte sich vor, las, lehnte sich zurück und betrachtete ihn mit prüfend nachsinnendem Blick. Leicht zustimmend neigte sie das Haupt. Inzwischen hatte der Mechaniker mit seiner Arbeit begonnen, hämmerte und schraubte.
Cleoeland dachte an das erste Zusammentreffen mit ihr. Sehr genau dachte er daran, mochte es auch schon Monate her fein. Es war ein glücklicher, ein besonderer Tag gewesen. An alle Nebensächlichkeiten dachte er. Auch an die Zeitung, die er sich geholt, und in der er eine kleine Flug- zeuggeschichte gelesen hatte, die auf ihn einen nachhaltigen Ctnonur gemacht hatte. Wie war es denn, was ihm ein Schicksal in neuzeitlicher Form gezeigt hatte? Durch eine technische Störung im Fahrzeug waren die beiden einzigen Mitreisenden, der Mann und die Frau, unvermutet einander so nahe gekommen, daß sie sich für immer aneinander banden. Auch hier, in diesem Mechanismus der Tür bestand eine Störung. Ohne sie wäre er in der Eile an dem ersehnten Mädchen vorbeigerannt. Beinahe abergläubig hielt er an der Vorstellung fest, auch diese Stockung sei eine schicksalhafte
Fügung.
So dachte er, und es kam ihm dabei nicht zum Bewußtsein, daß er, der nüchterne Konstrukteur, in feinem Innern ein verkappter Phantast und Träumer war. Anders dachte das Mädchen. Sie rief sich jene fluch- tigen Augenblicke in das Gedächtnis zurück. Je langer sie darüber nachdachte, um so kräftiger wurde ihr Erinnerungsbild. Sie überschaute es und sah die Verknüpsungsvunkte in diesem Geschehen: die Türen! Sie sah ihn unter der Tür bei Jlugzeugkabine, sah ihn wieder unter der Tur des O-Zuges und sah ihn jetzt unter der Dregtur des Geschaitshauses. Der Zufall fpielte dreimal mit dem gleichen Motiv. Und diese Wiederkehr des gleichen erschien ihr so wunderlich, daß sie gern die Bekanntschaft ihres Mitgefangenen machten wollte, der ihr gefiel.
Ungeduldig wartete sie auf die Wiederingangsetzung des Mechanismus. Nach etwa zehn Minuten hatte der Monteur feine Arbeit beendet, die Tür setzte sich in Bewegung, und die Gefangenen wurden entlas en. Das Mädchen ging nach außen, der Ingenieur nach innen. Der Gefchaftstuhrer wollte sich bei ihm entschuldigen. Aber Cleveland hatte weder Lust noch Zeit, ihn anzuhören. „Es ist gut!" antwortete er und folgte der Drehung zum Ausgang.
Das Mädchen war auf der- Straße ein paar Schritte weitergegangen. Sr eilte ihr durch bas dichte Getümmel nach, holte sie ein, holte fie, rote er hoffte, für immer ein und begann ein kleines Zwiegespräch, zu dem er fie gebeten hatte. Sie war eine aufmerksame Zuhorerm, sie wollte ihn kennenlernen. Und er wünschte nichts sehnlicher, als daß dieses Leg-


